Anordnung.

Es gibt viele Sommerfarben:

Das Türkismeerband, Blaubeeren, Himbeeren, es gibt Warmwälder und Berghitze.

Es gibt Sunlotionwolken und Aftersunlotionwolken. Es gibt Kreuzfahrtschiffgeräusche und Menschen, die sich am Strand auf- und verhalten.

Es gibt Inseldichte und Meereszeilen. Eisteeklirren und die eine Klimaanlagenbusfahrt, da braucht man einen Schal.

Regenfarben und Schauerwarten und Wind, der kann Freund sein und kann Feind sein.

Es gibt Sommersätze, und es gibt diese Ordnung, wenn selbst Fischernetze Meerfarben tragen.

Und das Spätsommerleuchten, das gibt es auch, ist aber eine andere Farbe.

Über eine Ausnahme, eine Stirn und die Frage, was Ludwig hat.

Es gibt noch einige Farbfragen von Menschen, die ich mag. Insofern mache ich eine Ausnahme – es haben drei nämlich nicht mitbekommen, dass die Namen-Aktions-Wochen-Serie zu Ende ist. So gibt es noch eine kleine Zugabe. Aber dann ist wirklich Schluss! Namen anschauen ist nervenzerfetzend. Ununterbrochen kommen Geschichten hoch über Menschen, die den gleichen Namen trugen und nicht alle diese Geschichten sind Glanz.

Zunächst aber geht es um die nervenberuhigende Anfrage. Marco Herack fragt nach einer  Begutachtung des Ausdrucks „faltenzersteppte Stirn“.

„Falten“: ein rötliches Wort, das F hat einen engagierten Gesichtsausdruck und außerdem sind da dezente Grauerfaltenrockelemente mit im Wort. Das F hat einen Umhang um, drapiert ihn zur Seite hin und eine Nase, die im Profil – ja – einfach engagiert aussieht. „Zersteppt“ ist ein beige-, ocker-, liebegelbes Gemisch mit einem Z, das wiederum das F anschaut  mit einer Nase in die entsprechende Richtung. So als würden sich das F und das Z unterhalten. Worüber sie sprechen? Vermutlich darüber, dass jemand sie aus poetischen Gründen in ein Wort zusammengesteckt hat und sie nun damit klarkommen müssen. „Zersteppt“ ist zudem ausgesprochen dynamisch und tanzt. Kein Stepptanz, das wäre allzu naheliegend, eher so eine Art Volkstanz. Mit einem langen Umhang am Arm und auf einem Parkett. Ohne Partner*in. Eher ganz versonnen und für sich.

Brigitta ist ein Name, der für mich nicht mit irgendeinem vergangenen Gesicht besetzt ist. Wohl aber nun mit dem Gesicht seiner Besitzerin, die die Anfrage stellte. Ihr Gesicht kenne ich zwar nicht, aber sie ist in meinen Augen blond, hat kinnlanges Haar, blaue Augen, eine Brille. Sie ist zierlich und nicht groß. Das B hat ihre Brille auf und schaut verwundert auf den Namen, der nicht wie Brigitte aussieht. Das B ist blond. Das A macht das Wort von hinten aus blaurot, auch wirft es eine Art Schatten über den Namen. Obwohl es eigentlich ein sehr heller, liebegelber Name wäre – wenn er auf „e“ enden würde. Doch durch das A wird der Name tiefsinniger und erhabenfarbener, und man möchte unbedingt mehr über Brigitta wissen.

Thorsten ist ein Name, der schon vielfach besetzt ist. In der Schule gab es einen Thorsten (in der Grundschule, später vielleicht auch, aber der Grundschulenthorsten war eindrucksvoll, weil er der Erste seines Namens war, sozusagen der Initialthorsten). Der Name ist dunkel, fast schwarz, aber hat auch lila und weiße Strukturen. Das T hat ausgebreitete Arme, trägt ein Sweatshirt und das Grundschulthorstengesicht ist auch dabei. (Wenn er das wüsste, wir waren nicht gerade Buddys, aber auch keine Feinde, ich glaube, wir waren einander egal). Der Name hat neben den Farben auch noch weitere Assoziationsketten, die gar nicht synästhetisch sind, doch m. E. nach unterhaltsam.

Ein Thorsten ist jemand, den man anrufen kann, wenn

  1. man ein Bier trinken will.
  2. man zum Sperrmüll fahren möchte mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Thorsten hilft.
  3. man ein Bier trinken will.
  4. die Bohrmaschine nicht geht – Thorsten weiß keinen Rat, aber man kann ein Bier trinken gehen.

Ludwig hingegen. Ludwig ist ein Name mit Locken und rötlich, fast vierzigrot. Ludwig hat auch einen Umhang an – und diese blonden Locken. Das Gesicht ist ins L gebaut und die Nase schaut edel irgendwohin. Ludwig sieht ein wenig wehmütig aus – er schaut immer nach rechts – (von mir aus gesehen) und im Hintergrund ist eine Landschaft zu sehen – eine Wüste, oder nein, eher ein Eismeer. Es ist nicht ganz so gut zu sehen, auch weil ich davon abgelenkt bin, dass ich wissen möchte, was mit Ludwig los ist.

Das war eine kleine Abhandlung zu synästhetischen Fragen von Menschen, die ich mag. Ich möchte jetzt ein Bier trinken gehen, mit Marco, Brigitta und Thorsten und mich mit ihnen darüber austauschen, was Ludwig für ein Problem hat. Ich bin mir sicher, zusammen kämen wir darauf.

Die Welt meinen.

Wie wir uns immer wünschen, dass wir gemeint sind. Wir lesen etwas, einen Text oder ein Bild und wünschen uns doch, dass wir gemeint sind. Dass jemand uns eine Botschaft sendet – Du bist gemeint, Du bist mir wichtig, es ist nicht egal, dass Du hier bist.

Warum ich das Wort „meinen“ so oft verwende? Weil es so gemeint ist.

Ich sitze im Bus und schaue mir Menschen an und frage mich, was haben die für Wörter in ihrer Tasche. Früher hätte ich gedacht, die Tasche ist komisch, die Frau ist gar nicht meine Kragenweite irgendwie, und seit ich Texte lese von Menschen ohne Gesicht oder mit Halbgesicht denke ich manchmal: Vielleicht bist Du das. Vielleicht sind Sie das.

Nur weil der Mann dort vorne langweilig aussieht, öde und grau, wer sagt denn, dass er in seinem Kopf nicht schon eine Notiz formuliert oder eine Idee hat, wie er ein Bild von etwas machen und zeigen kann?

Wer sagt, dass es nicht Du bist, neben der ich im Zug sitze oder im Flugzeug, die neben mir atmet und wenn ich mir das alles vorstelle, dann ist die Welt nicht gemein.

Nicht nur. Dann gibt es unter den Sorgenfalten und den ganzen Bergen von Shit noch ganz viele Sterne. Das klingt kitschig, und es soll auch kitschig klingen. Weil ich froh bin, dass ich viele schöne Gedanken von fremden Menschen kenne.

Dass ich sehe, wie sie formulieren, um Wörter ringen, die Buchstaben zu einer Wortkette fädeln. Die glänzt. Die sich mit anderen herumschlagen, die Wörter fressen und bespeien. Aber die bleiben wollen.

Und vielleicht sitze ich gleich neben Dir. Und Du wirst mich atmen hören. Und vielleicht fragst Du Dich auch, ob ich jene bin, die um jedes Wort ringt. Weil es schön sein soll.

Weil Du gemeint bist.

15 Farben Stille.

Es gibt die Stille, die rehfarben ist.

Es gibt die Stille, die baumwipfelfarben ist.

Es gibt die Stille, die seefarben ist.

Es gibt die Stille, die schmetterlingsfarben ist.

Es gibt die Stille, die steinfarben ist.

Es gibt die Stille, die erhabenfarben ist.

Es gibt die Stille, die randfarben ist.

Es gibt die Stille, die wehmutfarben ist.

Es gibt die Stille, die spurenfarben ist.

Es gibt die Stille, die hausfarben ist.

Es gibt die Stille, die blaubeerfarben ist.

Es gibt die Stille, die asphaltfarben ist.

Es gibt die Stille, die meinfarben ist.

Es gibt die Stille, die jenseitsfarben ist.

Es gibt die Stille, die deinfarben ist.