Der Soundtrack der Woche: Die Farben der Songs.

Tausend Dank für die vielen Beiträge. Die eingereichten Werke haben (fast) alle etwas gemeinsam: ihre ersten Takte sind ohne Stimme. Als ob diejenigen, die sie mir gesendet haben, ahnten, dass das Thema „Farbe der Stimme“ noch ein größeres Fass wäre als die Klänge. So schaue ich mir nun die jeweils ersten Takte der Songs an und werde versuchen, die traumähnlichen Bilder aufzuschreiben.

Dazu schließe ich übrigens nicht die Augen. Denn dann sähe ich zunächst alles nur verdunkelt; nein, ich schaue eher Richtung Himmel durch das Fenster. Denn ungefähr zwischen mir und dem Blick in den Himmel liegt der Raum, in dem die Musik ihren Auftritt hat. Selbstredend sind es meine Farben, ein anderer Mensch, der mit Synästhesie lebt, sieht andere Farben, bzw. die Farben anders.

Die Songs sind chronologisch angeordnet (je nachdem, wer ihn wann eingereicht hat) und es ist im Übrigen bei Musikbetrachtung für mich nicht wichtig, ob ich das Lied mag. Die Farben machen, was sie wollen und lassen sich nicht von meinem Musikgeschmack beeinflussen. Sollte ich jemanden vergessen haben, bitte melden, das war keine Absicht.

Ich höre jetzt die Musik und vermeide auch nur einen Blick auf die Videos, damit die Bilder nicht meine Wahrnehmung beeinflussen. Ähnlichkeiten mit ihnen wären somit spooky. (Oder einfach nur schön).

Von @zimtmitorange

Audioslave – Be yourself

https://www.youtube.com/watch?v=WC5FdFlUcl0&app=desktop

Die ersten Takte sind moosfarben, helles Moos ist es, länger nicht nass geworden. Dazwischen tauchen kleine goldene Kringel auf. Die Takte schmecken zudem nach Schokolade, die in goldenes Zellophanpapier gewickelt ist; eine bestimmte Schokoladensorte, die es nicht mehr gibt. Dann kommen moosgoldene Streifen in die Szene geflogen. (Unterbrochen von hellblauen Tupfern).

Von @SnieSnie

Christine and the Queens – Tilted

https://www.youtube.com/watch?v=9RBzsjga73s&feature=youtu.be

Es geht hellbraun los, dazwischen tanzen leichtgraue und schwerweiße Säulen auf und ab. Es schneien weißleichte Tupfer hinein, die hellbraune Tendenz zieht sich zurück, es bleiben graue Schichten und diese flockenartigen Tupfer.

Von @FrauBlod

Nick Cave & The Bad Seeds – The Weeping Song

https://www.youtube.com/watch?v=TqhOVY58zIo&feature=youtu.be

Hier sind die ersten Takte höhlenschwarz mit weißen Säulen, die sich auf- und abbewegen. Dann wird es faltiger, wirrer, mit tropfenförmigen grauen Gebilden, die sich in der Dreidimension des inneren Raums wie schwebende Artisten verhalten. Irgendetwas schachbrettartiges klingt an.

Von @Zeilenrausch

Portishead – Glory Box

https://www.youtube.com/watch?v=4qQyUi4zfDs&feature=youtu.be

Gitarrenbraun, dunkelbraun, schwarz, lila; schnell kommt die Stimme, die ich doch kurz beschreiben will, denn sie ist cremefarben, was sehr selten ist. Im Hintergrund reißen gelbe Streifen sich gegenseitig ab. Und dann ist da eine cellorote Walze, die in den Raum hineinfährt.

Von @n1b1c0

The Statler Brothers – Flowers on the wall

https://www.youtube.com/watch?v=1s8nRL2bPCU

Gut, hier kann ich die Stimmen nicht ignorieren. Es sind hellblauweiße, aber eigentlich graue Mäntel, die sich auf die leichten Papierstreifen legen, die im Takt auf und ab springen. Die Frisuren sind schwarz, also die der Töne. Und weiß, viel da ist auch weiß. Ein Fenster klappt auf und zu im Takt der Sonne, die umherscheint.

Von @und_Ernie

The Walkabouts – The light will stay on

https://www.youtube.com/watch?v=LJpjcYqGjhw

Schwarze Flächen am Anfang und dazu hellgrauweiße Schläge. Golden anklingende Stimme. Auf einer Tonfläche, die dunkel ist, mit kleinen hellen Spitzen und dann wird es cellobauchrot.

Von @ImGemuesegarten

Tori Amos – Baker Baker

https://www.youtube.com/watch?v=YFALNDOw84A&feature=youtu.be

Rotgelber Einstieg, etwas glockenhaftes leuchtet schnell auf und schlägt hin- und her. Die Stimme legt sich wie Lava über den Klangboden. Die Stimme ist weißleuchtendes Lava mit grauen Adern. Dieser Song ist kristallanders und nicht vergleichbar mit den anderen, weil die Stimme ein Instrument ist und nicht der Hauptact.

Von https://mauletti.wordpress.com/

Mike Oldfield – Five miles out 1982

https://www.youtube.com/watch?v=FzWfyTD-8e0

Fellbrauner Start, mit zaunähnlichen Stößen nach rechts, die hellblau gestrichen sind. Und dann kommen dosenfarbene Stimmen und im Hintergrund ist es geigenfarben, es ist alles sehr deutlich. Und irgendwie sieht alles aus wie Baumstämme, die etwas Wichtiges tun.

Von http://365tageasatzaday.wordpress.com/

Jethro Tull – Bourée

https://www.youtube.com/watch?v=2u0XXpVGUwk

Das sind mooshelle Klänge, die gleichzeitig von Windstößen zerfetzt werden; grünlich ist alles, dazwischen glockt es gold. Aber irgendwie auch grau – grauatmend. Atem ist immer dabei – sichtbar, wie ein Faltenrock.

Von @graukopfmoewe

Coldplay – Clocks

https://www.youtube.com/watch?v=MIHZBKl7KPw&feature=youtu.be

Wie immer bei Coldplay geht das Spektakel los, als ob die Songs pinseln und mit Ölfarbe umherwerfen. Ich weiß nicht, ob Coldplay das absichtlich tun. Leider kann ich kaum etwas sagen, weil mich der Song an eine Geschichte erinnert, und dann sind diese Bilder stärker. Außer, dass weiße, gelbe, grüne und hauchfarbene, klaviertastenförmige Gebilde – alle vor schwarzem Hintergrund – fast wie Flügel auf die Stimme zustreben.

Von meiner besten Freundin:

Phoria – Red

https://www.youtube.com/watch?v=OdZsAtDuPfQ

Schokoladenriegel, es sind Schokoladenriegel, schwarz und weiß und etwas ist auberginefarben. Links sind große schwarze Steine zu sehen. Drumherum weht etwas, aber kein Wind. Alles ist gespannt, kurz vor zerrissen vor Freude, und im Grunde könnte man sofort losfahren und nicht aussteigen. Das Meer. Dazwischen werfen sich kleine silberne Münzen Bälle zu.

Von @King_Gaddafi

BOY – Hit My Heart

https://www.youtube.com/watch?v=2gsjoDMkpW0

Etwas ist weiß und hell. Ich sehe graue Schuhe, die auf und ab tanzen, als seien sie Mohnblumen, aber nicht rot, nein. Schnee wirft sich in Form einer Stimme dazu, sofort. Es ist alles sehr aufregend, behaupten die Schuhe. Es sind nicht nur Schuhe, es sind auch kleine Hügel, die dort die Landschaft sind. Die Hügel sind klein, etwas größer als Maulwurfshügel. Etwas ist weiß und hellgrau; sehr edel. Es könnte auch ein Friedhof sein mit frisch aufgeschütteten Gräbern.

Von @ningwie

Pink Floyd – Any Colour You Like, Brain Damage and Eclipse

https://www.youtube.com/watch?v=JlkwLfog13M

Schwarze zungenähnliche Flächen geben weißen Schleifen einen Hintergrund. Dazu formt sich kringelförmig etwas hellblaugraues. Aber alles ist dunkel. Und im Übrigen sind hier zu viele runde Gebilde; man sucht vergeblich nach einer Nische. Schließlich strömt Gold dazu, es ist fast eine Erleichterung.

Von @glasfedersprung

Robert W. Smith – Into The Storm

https://www.youtube.com/watch?v=ZkWC-6EqLls&feature=youtu.be

Baumfarben, Wiesengeruch. Kaffeebraune Säulen, die längs über ein Feld reichen. Dann kommen dazu kleine goldene und silberne Spitzen. Sie werden immer hektischer und wollen irgendetwas, wenn man nur wüsste was!

Von @SigFerrino

MinaCelentano – A Un Passo Da Te (Mina & Celentano)

https://www.youtube.com/watch?v=XGcX5wopq3M&app=desktop

Zitternde weiße Häuser am Anfang vor schwarzem Himmel. Dann bouncen weiße kleine Säulen auf und ab und Lila steigt auf. Die Stimme ist geriffelt und irgendwas in einem helleren Grauton. Die Stimme färbt den Song in hellweiße und graue, zugähnliche Gebilde.

Von @rot_grad

CALEXICO „Quattro“ High Quality

https://www.youtube.com/watch?v=xdLF998FA4Y&feature=youtu.be

Das ist ein graublaugepunkteter Anfang, diese Formen steigen aus der Höhle; dann im Hintergrund wird etwas gold. Die Stimme, grau, lässt sich nicht stören von den segelschiffförmigen dunkellila Einwürfen. Das Gold wird langsam silber, im Hintergrund wirft sich ein Himmel in Schale.

Von @miss_kittel

Russian Sailor Dance WWII – Yablochko / Крейсерское „Яблочко“

https://www.youtube.com/watch?v=erfs3G3UDpM&feature=youtu.be

Weiße bananenförmige Gebilde werfen sich zwischen graue Wellen; sie werden fast verschluckt von den grauen Wellen, doch dann kommt ein dunkellila Mantel und sammelt einiges von links kommend ein. Und eine brezelförmige Schleife holt den Rest, der blieb, noch ein und wickelt ihn in eine weiße Decke.

Von @leonceundlena

Grieg – Peer Gynt : Chanson de Solveig (Blomstedt)

https://www.youtube.com/watch?v=ToqQKvwM_CA

Zwiebackfarbener Beginn in Baumstammmuster, aber horizontal. Fast ein braunes Feld; mit weizenförmigen Strichen nach oben. Dann setzt die süße Stimme ein, die weichweiß ist und von Goldzwitscherfasern durchzogen ist, und alles wird ganz unerdig, nur noch grau, nur noch weiß, aber so fein wie Seide.

Von @greenishglass

Boney M ~ Rivers of Babylon

https://www.youtube.com/watch?v=9ybv4DOj-N0&app=desktop

Das ist ein achtförmiges steinfarbenes und dunkelblaues Gebilde, auf dem der Chor wie ein weißer Schleier liegt. Dann kommen die grauhellen Stimmen dazu, ich sehe Locken und ich sehe Kleider, diese hängen an Leinen zwischen Schornsteinen. Und der Himmel ist weiß; eine Wolke ist pink und das ist wirklich selten.

 

 

 

 

 

 

Über das Verwässern der Wörter und die Sache mit der Realität.

In diesem Blog habe ich viel über „die sogenannte Realität“ geschrieben und ein wenig mit ihr kokettiert. Dabei ging es mir um die individuelle Wahrnehmung der Dinge, der Wörter, der Farben. Um Synästhesie und mehr – um das Anerkennen dessen, dass jeder Mensch die Welt auf seine Art sieht.

Mir ging es dabei auch um die Strahlkraft der Wörter, um die Liebe zu unscheinbaren Wörtern, zu lustigen, leisen und sehr charismatischen, dramatischen Wörtern.

Ich habe von „vereinbarter Realität“ gesprochen, die auch einmal überprüft werden darf: sind es die Baumwipfel oder sind es die Flächen zwischen ihnen, die wir sehen? Mir ging es um Betrachtung, um Erweiterung des Sichtfelds und um die Freude daran, dass mein Blau vielleicht anders aussieht als Dein Blau.

Aber es ging immer um Blau und Blau heißt Blau. So ist es vereinbart und dass wir die Farbe in Nuancen unterschiedlich wahrnehmen ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Tatsache ist wichtig für Kommunikation, Verständigung und für einen Halt in der Welt.

Als „postfaktisch“ zum Wort des Jahres bestimmt wurde, wurde mir angst und bange. Es bekam dadurch einen etablierten Touch. Und es kroch dennoch in meine Welt. Ich ertappte mich dabei, beim „Schingschangschong“ das Wort zu benutzen, ich erfand eine Geste und behauptete, ich habe gewonnen, das sei postfaktisches Schingschangschong. Lustig, lustig, aber eigentlich war es nicht lustig.

Verwässern beginnt im Witz, dann dringt es in tiefere Schichten.

Realität ist ein nützliches Set von Vereinbarungen, Fakten, Informationen. Sie ist der Halt, der Rahmen, in dem wir unsere Weltwahrnehmung ausbreiten können, fliegen können, Farben lieben, Menschen eh, Wörter sehen, Musik schmecken, was wir wollen. Wir sehen Dinge unterschiedlich, aber wir befinden uns in einem gemeinsamen Rahmen von Errungenschaften.

Hypothesenbildung ist Fortschritt, Forschen hilft, etwas in Frage stellen hilft, und: Lügen sind Lügen. Und beim Schingschangschong schummeln ist unanständig. Und das Verwässern von Wörtern ist gefährlich.

Und mein Blau ist mein Blau, aber es ist eben Blau.

Über das Universum hinter den Wörtern, z. B. „Spieli“.

Wegen ein paar Albernheiten im Wortspielzimmer Twitter kam mir gestern der Begriff „Spieli“ wieder in den Sinn, und wer sich nichts darunter vorstellen kann, der hat vielleicht keine Kindheit in den 80ern gehabt, sondern früher oder später, so jedenfalls klang es gestern in den Antworten dazu. Einer wusste genau, was ich meinte, aber wir sind auch gleichalt.

Das Universum hinter dem Wort „Spieli“ klappte auf und plötzlich wusste ich wieder, dass ich gerne synchron schaukelte, mit Freundinnen und dass es wichtig war, gleichhoch und gleich weit zu fliegen.

Und dass es auch wichtig war, rechtzeitig zu verschwinden, wenn die großen Jungen kamen, die mit den BMX-Rädern und den Segelohren.

Und dass irgendwann die Schaukel der Ort war, an dem man dekorativ saß und gut aussah und dann kamen auch Jungen und es flogen Wörter. Und mir fiel ein Junge ein, da war ich schon 12 oder so, der war nett und wir hatten kleine Schlagabtäusche von Schaukel zu Schaukel, und plötzlich sagte er zu mir, er sei übrigens ein Nazi. Und da wusste ich, ich könnte ihn nicht lieben und er leugnete die Shoah, und ich sagte, aber hast du denn nicht Anne Frank gelesen, und er sagte, sein Großvater habe ihm erklärt, das sei eine Verschwörung. Und ich strich mir eine dekorative Strähne aus dem Gesicht, verkündete, das ginge natürlich nicht, und er sagte, du bist süß und so, aber das passt nicht, und unsere Wege trennten sich in einem Frieden, den ich nicht verstand.

Und dann dachte ich gestern an Sandkisten, und dass ich gerne bis zum Lehm grub, so tief, eben bis zum Lehm, der meine Hände rot färbte und dass ich dann stolz war, denn: Lehm, daraus konnte man Hütten bauen.

Und dann grub ich meine Fingernägel in den Lehm und hatte den Wunsch, so sehr den Wunsch, mir daraus eine Hütte zu bauen. Wie die Menschen in dem einen eindringlichen Buch über die sogenannte „Dritte Welt“, und wer sich fragt, warum man sowas als Kind schon liest, der hatte vielleicht keine Kindheit in den 80ern, sondern früher oder später.

Jedenfalls gab es da eine Geschichte über einen Jungen, der gerne schrieb und einen einzigen Bleistift hatte. Und eines Tages verlor er diesen aufgrund von Unachtsamkeit. Und er war tief verstört und mit ihm ich, weil ich dachte, wie soll er denn jetzt schreiben.

Und dann kam eines Tages ein Ehepaar vorbei, mit einer „weißen Hautfarbe“ und reich bekleidet und verlor einen Kugelschreiber. Und der Junge nahm diesen an sich, suchte die Leute noch, um ihnen den Kugelschreiber wiederzugeben und entschied sich schließlich, ihn zu behalten um des Schreibens willen. Und als das Ehepaar am nächsten Tag zurückkam, da hatte er die Befürchtung, dass diese den Kugelschreiber zurückwollten, aber sie fassten ihm nur ins Gesicht und Lächelworte perlten aus ihrem Mund. So war das nicht formuliert, aber so sah es eben aus vor meinen inneren Augen. Und davon abgesehen verstanden sie seine Sprache nicht.

Mich ließ die Geschichte erschüttert zurück, weil ich dachte, ein Kugelschreiber, der „geht so schnell alle“, so dachte ich damals, etwas „ging alle“ und der Bleistift war doch besser gewesen.

Mich ließ das Monate lang nicht los. Immer wieder dachte ich darüber nach, was besser sei, ein Bleistift, der doch zu leicht auszuradieren sei oder der Kugelschreiber. Weil ich viel Zeit hatte, über so etwas sehr lange nachzudenken.

Zum Beispiel dachte ich darüber nach, während ich beim Lehm ankam. Es war die Sandkiste im Garten am Haus. Es gab unzählige Stunden, die ich damit verbrachte, zu graben, zu überlegen und auch die Hütte in Gedanken zu bauen.

Ich fand durch Nachdenken und erste Versuche heraus, dass es nicht einfach war, eine mannshohe Hütte zu bauen. Ich fand auch heraus, dass ich mich damit abfinden musste, dass ich niemals erfahren würde, was das mit dem Kugelschreiber nun auf sich hatte und was besser sei, ein Bleistift oder ein Kugelschreiber. (Ich fand nebenbei heraus, dass niemand sich freute, wenn man Lehm „ins Haus trägt“).

Ganz klar war immer schon – und darüber musste ich nicht nachdenken, das floss immer mit, wenn das Wort fiel: „Spieli“ war und ist ein blondgelocktes Wort mit einem puzzleförmigen Profil; es trägt einen hellblauen Pullover. Auch das erzählte ich niemandem; denn es kam mir ganz normal vor. Ich sagte ja auch nicht, die Schaukel ist blau. Auch das mit dem Kugelschreiber behielt ich für mich – weil ich selbst eine Antwort finden wollte, denn ich wusste, diese Antwort würde länger halten.

Ich wusste aber noch nicht, dass es ein Privileg war, etwas gänzlich unkommentiert zu tun und zu denken.

Einfach nur zu graben und dann irgendwann zu jemandem zu sagen: „Komm, wir gehen zum Spieli. Wer zuerst bei der Schaukel ist.“ Und dann gleichhoch zu fliegen. Und den Himmel zu treten, aber auf freundliche Art.

27 Geräusche, eine Stimme und eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß.

Es wurden viele Geräusche eingesandt und ich bedanke mich sehr dafür. Über jedes Geräusch könnte ich ein Buch schreiben, doch dafür fehlt mir heute die Ruhe. Daher folgt nun ein rascher Farbtonwechsel. Sollte ich ein Geräusch vergessen haben, bitte ich um Nachsicht. Sollte ich mich verzählt haben, bitte auch. Nachsicht ist ein schönes Wort, aber jetzt geht es ja um Geräusche, hier:

Das Meer bei Flut bzw. Ebbe vom Strand aus: leiswellig bei Ebbe, spülumspült, kieselgrau, goldlich. Großwellig bei Flut, weißbrausend, diamantenglanzlockig und etwas Petrol, manchmal.

Das Knacken der Trommelfelle bei Druckausgleich: Weiß, wie Sahne, die den grauen Mund aufmacht, auf graubraunem Ohrengrund.

Das Geräusch, wenn man an einer starkbefahrenen Straße entlang geht: Graustrom, weißlinienförmig.

Was beeinflusst die Farbe, die Du beim Musikhören hörst am meisten? Instrument, Töne, Melodie?

Das weiß ich nicht. Musik will ich genießen: in dem Moment, in dem ich genauer hinschaue, verschwindet alles. Meine Musiksynästhesie ist etwas schüchtern.

Blätterrascheln beim Spaziergang durch das Laub: Matschfarben, Gummistiefelfarben, Ich-farben und hellweiß, seidenhaft.

Kullernde Murmeln: graue Löcher auf weißem Grund, Wasserfall.

Stalinorgel: Panikfarben. Beklemmungsfarben. Grausam. Farblich: wie Mortadellastreifen, aber nicht schön, hinter Krieg.

Geräusch des Kühlschranks: Goldschimmer, grauwolkig, eine horizontale Botschaft, die die Küche füllt.

Genussvolles Schlürfen des ersten Kaffeeschlucks am Morgen: vaterfarben. Und eine hellbraune, kellenartige Gestalt.

U-Boot-Ping: porzellanfarben, goldweiß, perlmuttschimmernde Tropfen.

Das Knirschen einer Straßenbahn in ihren Schienen: Zeitungsknisterfarben, grau und weiß mit Sprenkeln.

Das Umblättern auf die nächste Seite einer großformatigen Zeitung: riecht nach Zeitungspapier, nach Kaffee, alles schwappt über den Küchentisch in die Nase. Flappfarben ist es, weichgrau, weißlieb und geborgenheitsfarben.

Das Kratzen der Grammophonnadel auf einer Schellackplatte: Weißes Schwert auf schwarzem Boden, Tiefe.

Den Laut, den man beim Umschlagen des Ein- ins Ausatmen erzeugt: grauweiß auf Nasengrund, hellfreundlich, Atemglücksfarbe.

Das Quietschen vom Stift auf dem Whiteboard: gummihaft, weißfroh, wellenhaft.

Der Flügelschlag einer Möwe: hat goldene Weißflow-Elemente, flappfarben, seeluftfarben.

Meeresrauschen: ist ein beständiges graues Wolkenbad.

Das Knarzen eines hölzernen Schiffsrumpfes: baumstammfarben, ein abgebrochener Baum, mit diesen spitzen Resten in alle Richtung und: waltieffarben.

Ein tiefer Klarinettenton: teefarben, ein dicker Mann ist im Bild und etwas Bartfarbenes fällt herab.

Das Rühren in der Kartoffelsuppe: dickfarben, löffelfest, gelblich, apfelmusglasfarben.

Das leise Knistern des Milchkaffeeschaums: das ist schön. Das ist weißlichsilber, badeschaumartig.

Das Platzen von Luftpolsterfolie: das sind kleine Regentropfen aus Luft, die vor dem Auge aufploppen und dann in den Himmel fliegen. Denn das Ganze geschieht vor Himmelsgrund.

Das Geräusch beim Auswickeln eines Bonbons aus Papier: ist eine aufregendweiße Angelegenheit, silberschlangig.

Das Plinggeräusch, das ein Ring an einer Kaffeetasse macht: mutterfarben und teefarben und goldlich.

Statikknistern beim Anspielen einer Schallplatte: das sind Punkte, weiße Punkte, die vor schwarzer Luft tanzen und ausgesprochen hektisch wirken.

Ein tiefer Seufzer, also aus der Innenperspektive, wenn du selbst seufzt: das ist schwierig – lachsfarben, ein wenig grau, ein wenig blaugelb und Meinestimmenfarben, aber die versteckte Version, die, die kaum einer je hört.

Die Stimme von @sasa_s: Nur um Missverständnisse zu vermeiden, nicht er selbst hat darum gebeten. Jemand anders war es. Ich kann sagen, dass die Stimme seltengold ist, auf braunsamtigem Grund (Milchkaffebraun) und sie schmeckt ein wenig vanillig.

Ein leises Uhrenticken: großmutterfarben, geborgenheitsfarben, dazu weißschnell und blaugrau.

Das Essgeräusch beim Verzehr von Schweinekopfsülze: silbermatschig, zischfarben, rosa und laut.

Wenn ich morgens die Augen aufmache: ist das kein Geräusch, ich habe drauf geachtet. Es ist eine Atmosphäre. Und die ist still und es tickt im Inneren, heimelig und leise. Und es ist ein Glück, weil Aufwachen heißt, man lebt und irgendwann eben nicht mehr und deswegen ist es vielleicht doch ein Geräusch, ein kleiner hellwacher Gongschlag.