Über die wahre Bedeutung von Sommer, Schwielen, Katzen und mehr.

 

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Der Sommer rückt näher, darauf verweist die Singdrossel, die ihre abendlichen Variationen auf Brahms o.ä. von 21.15 Uhr auf 21.45 Uhr verschoben hat. Das ist gut, denn wer möchte sich nicht pünktlich zu ihrem Konzert einfinden, es wäre sonst herzzerbrechend, oder. Das sind die Abgründe des Sommers, das diese Vögel, wie auch Bäume, das Sattgrün der Blätter sowie der träge Himmel in Blau schon wissen: es ist alles begrenzt. Jede Freigängerkatze weiß das vielleicht – wobei wir nicht wissen, ob sie weiß, dass sie etwas weiß oder es nur spürt. Was heißt da „nur“. Spüren ist doch die Königsklasse des Bewusstseins, wenn wir spüren, was wir brauchen, wissen wir doch alles.

Wenn ich ein Baum wäre, ja dann. Ich wüsste noch mehr, weil ich mit meinen Nachbarn durch die Wurzeln spräche. Und ist das nicht wiederum die Krönung der Intimität: durch Wurzeln kommunizieren, dabei unentdeckt. Die Außenwelt sieht nichts, weiß nichts davon, denkt, da steht eben ein Baum, dabei weiß der Baum mehr, z. B. wann die Singdrossel kommt. Wenn ich ein Baum wäre, würde ich alles tun, damit die Singdrossel nicht von einer Freigängerkatze bedroht wird, z. B. mein Laub so vor sie drapieren, einem Vorhang gleich, dass man sie nicht sieht. Es gibt nämlich Begegnungen, die sollten verhindert werden. Es gibt auch Begegnungen, die unersetzlich sind.

Es gab einen Sommer, in dem wollte ich gerne Tennisspielerin werden. Vielleicht war ich 11, eventuell 12. Ich hatte schon eine Strähne, die mir ins Gesicht fiel, was ich heimlich sehr nervig fand. Natürlich spielte Steffi Graf eine Rolle, vor allem jedoch dieses Tennisgefühl. Es wurde ein Tennisschläger angeschafft, sogar zwei, genau weiß ich es nicht mehr, und fortan spielten mein Bruder und ich auf der Straße Tennis. Das war das Gegenteil von Dissoziation: Draufhauen, da sein, Schwielen schwitzen. Die Technik zeigte uns eine Tochter von Freunden der Familie, sie spielte im Verein, war reich und wusste vielleicht alles über Vampirtintenfische, denn sie war sehr gut in der Schule. Zumindest lernten wir von ihr Vor- und Rückhand. Wir spielten fortan oft und zwischendurch wischte ich mir die Strähne aus dem Gesicht. Manchmal gab es kleinere Kinder, die den Ball holten, aber sie verstanden nicht, dass sie dafür in Windeseile die Plätze tauschen mussten, ach, die waren einfach schwer von Begriff, sie waren eben klein.

In meiner Phantasie gab es ein Netz in der Mitte. Eines Tages wollte ich den Aufschlag üben, weil ich fand, dass Tennis ohne Aufschlag kein richtiges Tennis sei. Aufschlag war schwer, ich musste versuchen, den Ball loszulassen und im richtigen Moment zu treffen, er flog zu hoch, das Blau des Himmels traf mich laut. Kurz vergaß ich, wer und wo ich war.

‘A boy suddenly turns into a tennis racquet. It helps him understand the true meaning of summer.’ @MagicRealismBot

Wenn ich an Sommer denke, dann an das Geräusch eines Tennisballs auf Asphalt. In die Stille hinein. Manchmal in die nachmittägliche Stille. Wenn ich an Sommer denke und an das Geräusch eines Tennisballs, denke ich auch an die Aufpralllaute eines Tennisballs an die Wand. Manchmal mit Schläger. Manchmal in Form von „Eierhüpfen“. Das war der beste Sport! Es gab einige Wände, an denen das gut ging: Einmal auf der Terrasse des Gartens. Weil das Haus ein Bungalow war, war das riskant, dennoch möglich, es war eine Sache äußerster Disziplin, die Bälle nicht auf das Dach zu werfen. Meine Großmutter, die Dame, die stets aufrecht saß und nie eine lose Strähne im Gesicht hatte, spielte ein paar Mal mit mir. Es gibt ein Foto, auf dem schwingt ihr Faltenrock hoch und ihre langen Beine schaffen es, über den Ball zu kommen. Ich dachte, dass sie unsterblich sei.

Obendrein gab es die Wand an der Kirche. Die war besser geeignet, weil sie höher war und außerdem gab es dort Zaungäste, beispielsweise die Frau, die immer rauchte. Außerdem gab es eine Wand an der Grundschule. Die war sehr, sehr hoch und dort kamen augenblicklich die Töchter des Hausmeisters, die ich verehrte, denn sie waren etwas älter und blond. Vor allem waren sie sehr lieb zu mir und hatten Namen, wie ich sie wollte, nämlich Namen, die alle hatten, nicht so einen Namen wie ich, den niemand hatte.

Manchmal übte ich dort auch mit dem Tennisschläger. All das tat ich im Sommer. Die Sommer waren sehr lang, was daran lag, dass es nichts zu tun gab, außer, die Zeit zu verbringen zwischen den Mahlzeiten. Es gab den einen Tennissommer, danach wurde es uninteressant, weil Tennis ohne Netz und ohne Aufschlag eben doch kein richtiges Tennis ist. Das ist wie Sommer im Glas. Irgendwie schön anzusehen, doch viel zu klein. Seitdem jedoch kenne ich die wahre Bedeutung von Sommer. Etwas vollkommen Sinnloses tun, und das Geräusch eines Balls auf Asphalt.

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So weit, so grün.

Es ist so, dass ich seit einer Woche an einer der Stadtgrenzen wohne, dort wo die Stadt in den Wald übergeht, in Felder, in Seen, in Moore. Vorher wohnte ich in einem Stadtteil, der urban war und seit einigen Monaten „total angesagt“ irgendwie, vor allem bei sehr jungen Menschen, die mal etwas Urbanes, Hippes ausprobieren wollen und von ihren Eltern, die froh sind, dass sie endlich ausziehen, eine Wohnung gekauft bekommen.

Spätestens als die Blumenhändlerin ihren Laden schloss, aus gesundheitlichen Gründen, was mir das Herz zerriss, wollte ich da auch nicht mehr wohnen. Alte Menschen musste man mit einer Lupe suchen, weil sie von Designerkinderwagen überrollt worden waren. Jetzt kann man sagen, Piksyn, Du redest Dir das schlecht, das ist typisch bei Abschieden, vielleicht, aber der Taxifahrer hat das bestätigt!

Am Nachmittag vorm Umzug ging ich noch einmal zum Supermarkt, auch weil da noch einer in der Nähe war, das wollte ich auskosten und traf den KFZ-Mechaniker aus dem Nachbarhaus. Ich sagte, hi, ich ziehe leider weg, ich komme nicht mehr, danke für alles nochmal und er sagte, hi, ich ziehe auch weg, das wird alles abgerissen, und es werden zwei Mietshäuser gebaut.

Für ihn selbst sei das eine Möglichkeit, neu anzufangen, das freute mich für ihn, aber für den Blick vom Sofa aus in die Marypoppinsschornsteinwelten wäre das eine Katastrophe gewesen, deswegen, „alles richtig gemacht“ und so. Unvorstellbar, der letzte Grund, die Wohnung zu lieben: der Blick von der Chaiselongue in den Himmel, er wäre verloren gewesen. Vom Balkon gar nicht zu sprechen und natürlich wären das Wohnungen geworden für 27 Euro/qm Kaltmiete und nicht auszudenken, wer dort eingezogen wäre.

So fiel das letzte Packen mehrere Spuren leichter, in 5 Monaten wird abgerissen. Dann kam der Umzug, eine Wolke von Kompetenz erfasste beide Wohnungen, zack, da.

Nun wohne ich also in der anderen Himmelsrichtung und bis Sommer fahre ich jeden Tag einmal durch die Stadt zur alten Arbeit, die ab Sommer auch aufhört und dann bin ich eine, die im Grünen wohnt und im Grünen arbeitet. Und nicht mehr eine, die „zyklisch pendelt“.

Wobei ich immer gedacht hatte, ich brauche die Stadt, und dabei war ich nur noch im Grünen, in jeder freien Minute, immer auf der Suche nach Stille und Vögeln, die nicht schreien, sondern singen.

Und eventuell wohnt hier eine Nachtigall, es ist ein Vogel, der immer um 21.15 Uhr zu einem Lied anhebt, nur in der Dämmerung, er singt verschiedene Variationen, und ich bekomme einen Kloß im Hals.

Zunächst fiel es übrigens schwer zu schlafen, es war zu still. Das kannte ich nur aus Urlauben im skandinavischen Raum, dass es das auch in der Stadt gibt, war mir nicht klar gewesen. So lag ich da und hörte: Nichts. Und dachte: Niemand schreit, niemand „cornert“, niemand gröhlt, niemand redet laut, keine Straße rauscht lauter als die Gedanken und hatte ich erwähnt, dass ich vorher in der Nähe eines Krankenhauses und einer Polizeistation lebte? Jedenfalls: Ohne Sirenen schlafen war gar nicht so einfach.

Als ich das überwunden und die Stille in mich eingebaut hatte, schlief ich tief und ohne Sorge. Und dann der Weg mit dem Auto von einer Himmelsrichtung in die andere, zunächst auch eine Überwindung, vor allem, hier wegzufahren, aber dann: das Heimkommen! Und diese Luft!

Hier wird der Frühling so satt sein; und als ich mit dem Fahrrad, das ich schon ewig eingemottet hatte, noch eine Runde hier herumfuhr, dachte ich, ich wohne jetzt dort, wo andere Urlaub machen. Das stimmt zwar so nicht, und wer weiß, wo ich wohne, würde spöttisch auflachen, however. Ich fühle mich eben so.

Natürlich ist noch nicht alles an seinem Platz. Selbst die Möbel haben Jetlag. Ich renne ohne Unterlass durch die Räume und suche Dinge, manchmal vergesse ich, was ich suchte, weil es sehr viel ist. Alles war sehr viel in den letzten Wochen. Zum Glück habe ich das alles nicht alleine machen müssen, sondern zu zweit. Zum Glück.

Draußen wartet Blau und singt. Die Stadt hat gewonnen, ich bin weg. Ihr letzter Streich ist, dass es keine Ringbahn gibt, die mich zur Arbeit fahren könnte. Mein letzter Streich ist, dass ich dann eben auch keine wunderbare alte Dame inmitten der Stadt werde, die mit Klunkern an den Ohren und gütigen Augen ihren kleinen Einkaufsbeutel 200m nach Hause schleppt.

Ich werde sehr alt werden, ich werde sehr gütig sein, ich werde an sehr großen Ohren sehr große Klunker tragen, aber eben nicht in Hoheluft.

 

 

 

 

 

 

Der Soundtrack von gestern.

Gestern fuhr ich mit dem Auto durch die Straßen meiner Kindheit. Es verwirrte mich sehr, dass die Schaukel auf dem Spielplatz jetzt woanders steht. Aber vielleicht ist das gut, dachte ich, schließlich ist damals ein Junge wegen der Schaukel gestorben. Die Rutsche ist noch dieselbe, aber die habe ich nie benutzt, langweilig war sie, auf ihr konnte man weder nachdenken noch sprechen.

Niemand war auf der Straße – der ehemalige Edeka ist jetzt ein Kiosk, davor war er doch ein Getränkemarkt gewesen; immerhin ist es noch ein Laden, aber kein Kind lief dort entlang, um Milch zu kaufen oder Fleischwurstscheiben.

Es saßen keine alten Damen auf den Bänken und auch keine Menschen mit Bierdosen daneben. Es schien, als sei das ganze Universum dort verschwunden; es gab keine Stockfuchtelfrauen und keine Kriegsgeschichtenerzählerinnen mehr auf dem Fußweg.

Und wo war der Mörder.

Es gab keine Kinder, die auf der Straße Ball spielten, ich konnte da einfach durchfahren, ohne anzuhalten und darauf zu warten, dass alle kleinen Geschwister vom Asphalt gezogen wurden.

Die Mülltonnen wirkten klein. Es standen mehr Häuser dort als früher und keine Katze schlich umher. Es gab auch keine alten Männer mehr, die wütend waren, aber still und ihre Kreise zogen.

Mein Elternhaus stand noch dort. Das, was meine Höhle gewesen war, war nunmehr ein Vorgarten.

Der Fußweg war schmaler, denn es parkten viele Autos dort, auf beiden Seiten. Ich fuhr weiter und fragte mich, wo D. jetzt wohl wohnt. Und B. und J. Und M. Und F. Und ob A. noch Kontakt zu seiner Großmutter hat.

Die wahrscheinlich gar nicht mehr lebt. So wie auch ihr Hund nicht, der erste Hund, vor dem ich zunächst Angst hatte und dann keine mehr. Dann wurde ich eine Hundefreundin. So wie auch eine Eichhörnchenfreundin. Und eine Katzenfreundin.

Ich weiß, dass S. tot ist, viel zu früh gestorben. Wir haben uns nie voneinander verabschiedet. Das alles dachte ich, während ich dort langfuhr – und dass der Himmel über der Straße auch weniger groß aussah.

Am Ende der Straße dachte ich, es ist gut, dass ich über all diese Dinge ein Buch schreibe, weil es diese Zeit nicht mehr gibt. Und dass es noch Jahre dauern wird, bis alles im Buch steht, weil das Universum so groß war, wie sollte es da schnell gehen.

 

Wochenendnovelle im Angebot.

Für manche Dinge gibt es keine Wörter, z. B. für den Zustand, in dem man sich befindet, während der 20 Minuten bevor die Gäste kommen. Zumindest fragte @King_Gaddafi kürzlich auf Twitter nach einem Wort dafür, und ich wusste kein Wort.

Und deswegen habe ich eine Novelle geschrieben, und wer diese lesen möchte, kann sie gerne per Email bekommen.

Vielleicht ist es keine richtige Novelle, weil sie sehr kurz ist. Ich bitte um Nachsicht. Es ist meine erste Novelle.

Umzug und Synästhesie.

Obwohl ich kürzlich schrieb, ich wolle nicht mehr über meine Synästhesie schreiben (sondern nur noch aus ihr heraus), so merke ich gerade, dass sie noch einmal beschrieben werden möchte. Weil sich etwas ändern wird. Und da sich die Synästhesie nicht ändert, aber das Leben, bettelt sie schier um Aufmerksamkeit.

Während ich vor kurzem auf einer kleinen Reise diese Beeren fotografierte, dachte ich, ja, es ist richtig, ins Grüne zu ziehen. Weil ich viel früher aufstand als notwendig, zur klirrenden Elbe rannte, mich in die Beeren warf und nur die Stille um mich herum laut war. Das war am Fluss. Bald wird es Wald.

Im April geht es in die neue Wohnung. Sie liegt in einem Stadtteil, der einen grüngrauen Namen hat. Der Anfangsbuchstabe hat braune Locken. Die Wohnung liegt an einem Wald, ein Moor ist nicht weit, ein Teich, es wird leiser und dafür inniger werden.

Einen neuen Job habe ich auch, ab August. Er wird so anders sein als mein jetziger, dass die Synästhesie sich schüttelt vor Staunen. Und im Augenblick toben die Farbfreunde im inneren Raum, weil sie nicht glauben wollen, dass ich aus dem weißblauen Stadtteil, mit dem grauen Haar, in diesen graugrünen, brünetten Stadtteil ziehe und dann auch noch den grauweißen Job verlasse, um einen blauroten anzutreten.

Bis in die Träume verfolgen mich die Farben, rütteln mich wach und malen die Gedanken an. Und gleichzeitig schmiegt sich die alte Wohnung an; so wie Haare, die auf einmal gut sitzen, bevor wir zum Frisör gehen. Und dennoch ist es richtig. Der nächste Frühling findet ganz woanders statt. Und alle Farben kommen mit.

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Nicht das Detail vergessen.

DSCN2338Unterdessen wurde der Winter kalt und blau. Und endlich war etwas gold – (das ist wichtig, denn dann geht es weiter). Die alte Rosasonne, die aus dem Fluss stieg, wusste es schon vorher. Und es gab ein Geländer, das sich ganz gold gab, bevor es taute.

Und bevor ich dieses Detail vergessen würde, fotografierte ich es, auch wenn sich Eiszapfen um meine Finger legten. Aber das war jene Kälte, die man kaum spürt, weil sie knistert, als sei sie aus Seidenpapier.