Zwischen Winter und Frühling liegt Pastell.

Es gibt diese weitere Jahreszeit, die Zeit im Jahr, in der noch nicht Frühling ist und auch nicht mehr Winter. Die Übergangsjacke feiert Premiere, es werden ihr Rosen auf die Bühne geworfen, Eisrosen, denn ihr Spiel war etwas kalt, heißt es. Die Farben sind nicht mehr klirrend, aber auch noch nicht frühlingsjung, sondern irgendwo dazwischen, pastell, erdig, etwas tot, doch es kommen Knospen. Es ist kurz vor dem blauen Band, das flattert, und etwas länger nach Lametta. Es keimt die Hoffnung am Abend und am Morgen rufen die Vögel, sie seien schon soweit. Wir sind es auch. IMG_5107

Die Couch, das Sofa und die Frage nach dem Unterschied.

Es gibt Dinge, daran merkt man, dass „man auch älter geworden ist“, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, als sie noch lebte. Zum Beispiel an der Tatsache, dass man sich plötzlich ein neues Sofa „anschafft“ und nicht mehr eines von jemandem „übernimmt“, der sich wiederum eins „anschafft“.

Das Sofa meiner Großmutter hieß „Couch“, war im Grunde ein Ohrensessel mit drei Sitzflächen und man konnte darauf nur gerade Platz nehmen. Das kam ihr sehr zupass, denn, wie bereits erwähnt, war sie eine Dame, und Damen sitzen immer aufrecht, im Faltenrock, sogar nach dem ersten Glas Wein und mit überschlagenen Beinen.

Es gibt ein Foto von mir, auf dem sitze ich, etwa mit neun Jahren, mit hochgezogenen Beinen und einer Langspielplattenhülle in der Hand auf ihrer Couch. Das gefiel ihr nur bedingt, aber sie wusste auch, „heutzutage ist alles anders, da komm ich nicht mehr mit“. Es gibt ein weiteres Foto, da liege ich neben ihr auf dem Sofa, und sie streicht mir über den Rücken. In aufrechter Haltung.

Ich weiß noch, wie ihre Couch sich unter meiner Hand anfühlte – so wie diese alten Steiff-Tiere. Irgendwie weich, aber irgendwie auch hart und rau. Dazu gab es samtige Kissen, die sehr gepflegt rochen. Wir spielten alle Märchen nach, die ich kannte. Ich durfte immer die Prinzessin sein, und sie war die böse Königin, der Wolf oder die Zwerge – ich durfte dann auch ihr feines Geschirr benutzen, denn ich war ihr „großes Mädchen“. Der Ohrensessel eignete sich als Thron.

Zu den Sofas gehörten nämlich zwei gleichfarbige Ohrensessel. Die Farbe war ein trübes Hellgrau, und es gab braune Applikationen fransiger Art, aber ausgesprochen vornehm, die ich gerne kämmte. Meine Großmutter schaute auch aufrecht „in die Ferne“: niemals außer Fassung, außer über die Tagespolitik, und dann immer noch in tadelloser Haltung.

So blieb eine „Couch“ für mich – neben der Tatsache, dass es ein sehr rotes Wort ist, mit schwarzen Augen und einer schmetterlingshaften Frisur – ein Sitzmöbel, auf dem man unbedingt gerade sitzen muss, und auf dem man sich zusammenreißt.

Daher verwende ich grundsätzlich das Wort „Sofa“ für das Sofa in meinem Zuhause. Und dass es nun seinen Dienst aus Altersgründen quittieren muss, bricht nicht nur mir das Herz. Ein neues wird angeschafft und das Wichtigste beim Testsitzen war die Frage, ob man sich dort zu zweit mit angezogenen Beinen seitlich niederlassen kann, in der Hand einen Longdrink oder einen Tee und: ob man Schokoladenflecken machen kann, ohne dass man sich ärgern muss.

Mir war auch wichtig, dass man aufrecht Platz nehmen könnte, denn vielleicht kommt meine Großmutter manchmal vorbei, ohne dass ich es merke, und dann soll sie es schön haben.

Das Lächeln der Namen.

 

vor Santorini und Santroini 1579

Jede Serie hat ein Ende, so auch die Namen-Aktionswochen dieses Blogs. Zum glücklichen Abschluss gibt es zufällig fast nur Namen, die gut gelaunt sind. Wie immer gilt: es ist das, was ich sehe. Ein anderer Mensch, der mit Synästhesie lebt, sieht die Namen anders. Und: das, was ich beschreibe, entspringt der Ordinal Linguistic Personification, einer Variante von Synästhesie.

(Es erklingt Musik, die mit breiten, zuversichtlichen und leicht melancholischen Pinselstrichen den folgenden Text unterstreicht).

Christoph: ist ein dynamischer Name, mattgelb, mattorange, bräunlich; der erste Christoph, den ich kannte, hat den Namen besetzt. Ein brünettes Kleinkind im liebegelben Jogginganzug. Er sitzt auf einem roten Bobby-Car und schaut sich den Namen an. Davon abgesehen ist das C weiß. Sonniger Hintergrund – dieser Name ist ziemlich gut gelaunt.

Marianne: ein warmer Name, rotlockig, fürsorglich blickt er aus den tannengrünen, mooshaft angeordneten, saftorangenen Buchstaben heraus. Ein tiefes Rot liegt wie Licht über den Buchstaben. Die echte Marianne, die ich Frau W. nannte, schaut lächelnd auf mich herunter. Und ja: sie hatte rote Locken.

Clarence: ist ein hellgraublauer Name. Seine Buchstaben sehen vornehm hochgewachsen aus, das C wendet sich leicht ab und ein Orden ist zu sehen.

Judith: Ich habe mich sehr gefreut, dass Judith “Judith” eingereicht hat. Denn: der Name ist einer der fröhlichsten Namen, die mir je begegnet sind. Es mag damit zusammenhängen, dass ich als Kind eine Judith kannte, die man als „Frohnatur“ bezeichnen könnte, wenn man jemand wäre, der Menschen „Frohnatur“ nennt. Der Name ist rot, weiß, hellblau. Die Buchstaben sind schwer zu sehen, denn das Wortwesen des Namens drängelt sich vor und ist ausgesprochen heiter gestimmt. Es hat hellblonde, schulterlange Haare mit einem Pony. Seine Wangen sind rot und die Augen blauer als der Himmel, sie strahlen mich an. Es breitet die Arme aus und will umarmen. Und: er trägt eine hellblaue Cordschlaglatzhose und ein weißes Leibchen mit rot gesticktem Zickzackmuster. Und erst wenn ich das gesehen habe, dann geht eine Art Vorhang beiseite und die Buchstaben sind zu sehen. Sie sind vornehmlich rot und weiß , das J hat blonde Locken. Das h hinten und auch das I-Tüpfelchen sind weiß.

Caterina: siehe Katharina, nur etwas weißlicher durch das C und in der Mitte ockerfarbener.

katarina (kleingeschrieben): siehe Katharina, nur ohne das Lieblichweiße. Und etwas kleiner. Vielleicht weil das h fehlt.

Tom: ist ein Lieblingsname und sieht aus wie ein gewissenhafter Junge in Latzhose; die ist hellblaugrau und der Rollkragenpullover, den er darunter trägt, ist dunkelblau. Der Name ist brünett, hat lange Strähnen, die über die Augen gehen. Die Buchstaben spielen keine erhebliche Rolle, das T ist die genannte Jungenfigur, das o und das m gleiten aus seinen Armen heraus. Der Name ist übergeordnet tintenblau, der Hintergrund weiß. Manchmal wechselt die Frisur kurz, dann hat Tom braune Locken und keine Latzhose an. Als werde der Name erwachsen. Der Name ist mir begegnet, als ich noch nicht schreiben konnte, daher spielt das Wortwesen offenbar eine größere Rolle als die Buchstaben.

Tristan: war nie an reale Figuren gebunden. Seine Buchstaben sind goldgelb, ein wenig Blau ist dabei, vor allem beim „an“ und der Hintergrund ist weißlich. Das T hat ein sensibles Gesicht mit einem breiten Mund. Es gab in der Serie „Verbotene Liebe“ diesen Tristan, der kein Sympathieträger war. Sein Profil schaut von rechts zu den Buchstaben hin und wirkt etwas gereizt.

Gabriele: ist ein grüngrauer Name und trägt ein Medaillon. In Teilen wirkt er marmoriert. Der Name hat eine entfernte Frisur, die dunkler ist, vermutlich mit ersten grauen Streifen – ich kann sie nicht gut erkennen, weil der Name sich weit links im Raum aufhält und etwas sucht, bzw. etwas hin- und herräumt.

Sonja: ist ein Name mit zentralen Strahlen. Das Wortwesen lächelt aus der Mitte des Wortes heraus, um das Gesicht herum sind hellweiße Zartstrahlen angeordnet. Die Farben sind warmdunkelbraun, flachsgelb, erdig und sonnig und sicherlich kommen die Sonnenelemente vom Wort Sonne, das sich in Sonja versteckt. Die erste Sonja, die ich kannte, steht mit dem Rücken zu mir in einem roten Pullover und betrachtet das Wort kritisch, obwohl: sie betrachtet vielmehr eine längst vergangene Szene kritisch – zu Recht!

Aniol: war mir völlig neu. Ich sehe verschiedene Versionen Aniol, je nachdem, wie der Name ausgesprochen wird. Mit langem oder kurzem o, mit einem i oder einem j (drei- oder zweisilbig). (Ähnlich wie bei Dominik). Der Name ist grundsätzlich schwarz, lila und hellgrau. Im wärmsten Sinne. Das A ist zuverlässig, im Hintergrund stehen Nachtbäume. Ist das o ein kurzes o, wie in „offen“, dann ist es hellgrau. Ist es ein langes o, wie in „Monat“, dann verschwimmt es zu einem dunklen See. Der Name spielt sich in der Nacht ab, Mondsichelbeschienen. (Jetzt habe ich erfahren: er werde eher zweisilbig mit offenem o ausgesprochen und keine Silbe werde besonders betont. Dadurch wird er weniger nachtschwer und eher morgengraufrisch – die Grundfarben bleiben gleich, sind jedoch etwas leichter als bei der anderen Aussprache).

Federica: der Name ist ockerfarben und weiß. Es gibt einen Pinselstrich Blau beim a und zudem wirkt der Name sehr mütterlich.

Olga/Olja: Olga ist warmbraun und schwarz, mit weißlilafarbenen Augen. Der Name ähnelt einer freundlich blickenden Eule – Olja hingegen ist graublau gespickt und öffnet einen helleren Raum. Irgendwo schwebt auch ein hellgrauer Rollkragenpullover durch das Bild – bei beiden Versionen (Tag und Nacht).

Konrad: Konrad ist sachlich aufgebaut, birgt bräunliche, weiße und schwarze Elemente und eine Frisur mit einem lockigen Pony, der nonchalant ins Gesicht hängt. Konrad steht vor einer Schreibtischlampe (Bauhausstil) und hält seine Arme verschränkt. Er denkt nach. Die Buchstaben sind schwarz, braun und weiß.

Nena: ist visuell schwer zu trennen von Nena. Wenn ich aber an deren Erscheinung, die von links ins Bild schlendert, vorbeischaue, dann sehe ich das vorwitzige N, lachsfarbene und milchkaffeefarbene Restbuchstaben, und alle zusammen tänzeln auf weißen Wolken.

Pina: Die Buchstaben sind graphisch und klar. Sie haben schwarze Umrisse und sind grundsätzlich weiß. Gelbe Tupfer liegen ungeordnet auf den Kleinbuchstaben ina. Das P ist Mittelpunkt eines Auges. Das Auge ist expressiv verschnörkelt und spielt eine wichtige Rolle. Der Hintergrund ist hell. Der Name steht ungewöhnlich weit oben im inneren Raum.

Isabell: Der Name ist champagnerfarben, hell, weiß, mit einer wunderschönen Frisur, wie ich sie als Kind nie hatte, doch schmachtend bei anderen Mädchen bewunderte: blond, gekämmt, lang, glatt, mit zartbraunem Teint. Der Name Isabell hat saubere, weiße Kleidung an und macht sich nie schmutzig. Das I ist vornehm, die anderen Buchstaben gehen in ein sanftes Hellblau über, und alles ist Kleid, und alles ist schön und bestimmt hat der Name immer Taschentücher dabei. Und spielt ein Instrument, ein wunderschönes Instrument, aber nicht Harfe, das wäre zu plakativ, eher eine sanfte Geige, die erste Geige. Wäre mein Name Isabell, so denke ich gerade, dann wäre ich all das geworden.

Jetzt kämen die letzten Pinselstrichakkorde. Vielen Dank für die Namen und das Vertrauen.

Sie sehen aus wie Sehnsucht.

 

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Nach so viel, das fehlt, doch bald öffnet sich die geheime Tür im Park, und dann werden wir es sehen:

Das Frühlingsflirren, den weichen Gesang der Luft, die unermüdlichen Springbrunnen, die Blumen, die sich nach Sonne winden – die ersten Schritte über Morgentau; ein Ziehen und die blauen Bänder und: die eine Bank, die sagt: Ach, dich gibt es noch.

Die Abendluft, die pollensatt sich neben uns setzt auf eben diese Bank.

Die Farben, die im Winterschlaf verborgen waren.

Die Abendlieder einiger Vögel, die Erinnerung.

Den anderen Asphalt.