Checkliste Summer.

  • Den Asphalt berühren.
  • Irgendetwas loslassen.
  • Irgendetwas mitnehmen.
  • Die „Realität“ ins Auto setzen und ihr mal das wahre Leben zeigen.
  • Sie gegebenenfalls an einer Autobahnraststätte gegen einen Hund eintauschen.
  • Den Hund „Summerflake“ nennen.
  • Den Hund doch nicht „Summerflake“ nennen.
  • Sich etwas widmen.
  • Den Hund „Sommerflocke“ nennen.
  • Nein, doch nicht.
  • Sich ein Hundevornamenbuch kaufen.
  • Sich trauen.
  • Sich auf die Welt verlassen.
  • Sich ein Raumschiff bauen und mal kurz woanders sein.
  • Wiederkommen und noch ganz woanders sein.
  • Blaubeeren sammeln.
  • Weckgläser mit sich führen.
  • Den Hund „Synästhesie“ nennen, aber nur, damit das hier ein synästhetischer Artikel wird.
  • Den Hund doch nicht „Synästhesie“ nennen, denn das wird so schnell abgekürzt.
  • „Synnie“. Nein!
  • Noch einmal winken.
  • Noch einmal winken.
  • Winken.
  • Auch der Langeweile.
  • Auch der Welt.
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Der neutrale Geruch der Nonne im Zug.

Als ich noch ein – wie meine Großmutter mich damals nannte – „junges Mädchen“ war, fuhr ich einmal mit der Eisenbahn. Ich glaube, ich kam aus Karlsruhe, die Fahrt war lang und Menschen rochen.

Sie rochen grau, sie rochen blau, manche gezackt, meist jedoch ockerfarben und dann strömte auch noch die Bordbistrowolke durch den Zug. Damals hieß das vielleicht noch „Speisewagenwolke“.

Irgendwann, zum Beispiel in Göttingen, setzte sich eine Nonne neben mich. Sie trug eine Haube, ihr Haar im Knoten und ein Nonnenreisegewand, die Schuhe wirkten so, als könne man darin sehr lange laufen.

Ich war sofort aufgeregt, denn

a) die Nonne hatte bestimmt noch keinen Sex in ihrem Leben gehabt.

b) sie roch neutral.

Noch nie hatte ich jemanden getroffen, der neutral riecht. Der Geruch sah ganz zart aus, denn natürlich gab es einen Geruch, nur dass er eben neutral war. Es waren seifenfarbige Striche in der Luft. Ich sah, wie sie sich morgens mit Seife gewaschen hatte. Damals gab es noch Seifestücke, wie sie heute kaum noch verwendet werden, wegen der Hygiene.

Doch die Nonne hatte sich mit einem neutralen Seifestück gewaschen. Sie hatte bestimmt keine Schwitzgedanken gehabt seitdem, sie hatte sich bedächtig, doch zünftig bewegt und nichts Auffälliges gegessen. Und dann setzte sie sich neben mich und roch verständlicherweise neutral.

Wir kamen ins Gespräch; über den Inhalt weiß ich nur noch, dass sie sehr nett war und dass sie sagte: „Sie haben eine Doppelgängerin in Zürich.“

Sie stieg auch in Hamburg aus, ihre Schwester besuchen. Ihr kleiner Koffer beherbergte vermutlich ein Stück Seife, milde Gedanken und ein Nonnenbesuchsgewand.

 

 

 

 

Über Häme, Hummeln und Schaukeln.

 „Häme“ ist grauweiß, allerdings nicht so blumig wie die betagte Dame Sonntag. Das Wortwesen trägt ein breites Grinsen, kein „flirty“, kein süffisantes Grinsen, sondern ein geräuschvolles „Ich habe einen Fehler entdeckt“-Grinsen. Es leidet unter schwerer Atmung und nickt die ganze Zeit. Es hat einen quadratischen Schädel mit einem langgezogenen grauen Mund.

Hämefarbene Sätze sind graugrinsig und weißfad. Weniger ödfarben ist es dann, schnell den Raum zu wechseln. Draußen auf dem Balkon z. B. wachsen keine Hämesträucher, sondern Blumen, die Hummeln anlocken, und das ist gut, denn Hummeln sind die Pullunderträgerinnen der Lüfte.

Weniger popelfarben ist es auch, sich mit jemandem zu unterhalten, der vielleicht niemals in der Lage sein wird, eine Person öffentlichen Interesses mit Häme zu überdecken, weil ihm dazu schlichtweg die sprachlichen Mittel fehlen.

Nach so einer Unterhaltung habe ich einen neuen Namen, der viel besser zu mir passt oder weiß etwas über die Schönheit von sich drehenden Schaukeln. (Das Licht und das Klacken, das sich wieder aufdrehende Schaukeln erzeugen, ist übrigens goldweiß und silberweiß).