Die Musikrichtung, die so schön aussieht, aber die ich eigentlich nicht mag.

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Vor einigen Monaten erwähnte ich einmal jene Musikrichtung, die so schön aussieht, aber die ich eigentlich nicht mag.

Wenn ich sie dennoch – zufällig und ganz aus Versehen natürlich – einmal anschaue, dann treten Bilder in den inneren Raum, die ungefähr so aussehen wie diese Springbrunnentropfen vor Goldbäumen – wenn sie horizontal flögen.

Ironischerweise wohne ich in der sogenannten Hauptstadt dieser Musikrichtung. Daher komme ich nicht umhin, ihr ab und zu über den Weg zu laufen und zu denken, dass sie so hübsch anzusehen ist, und dass ich aufhören sollte mit ihr zu hadern.

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Home is where your smell is.

Das Wort „Zuhause“ ist rotblaurot. Es ist natürlich noch mehr – ein Grau geht ins rote Z über, und dann stehen da eben die blauroten Buchstaben. Das Grau im Hintergrund ist marmorierte Kälte. Und das Wort „Zuhause“ hebt sich ab und ist gleichzeitig damit verbunden.

Beim Wort „Zuhause“ rieche oder schmecke ich nichts – diese Form der Synästhesie ist bei mir eher selten. Doch natürlich assoziiere ich einen bestimmten Geruch mit meinem Zuhause. Nach dem Urlaub begrüßt dieser Türaufduft mich laut und herzlich.

Der Duft ist beige, senffarben und leicht grünlich. Er hat kleine Goldtupfen und war schon immer da. Natürlich hat er sich vermischt, Zusammenwohngeruch ist weitflächiger, mit mehr Nuancen ausgestattet. Doch meiner Ansicht nach drängelt sich deutlich jener Geruch vor, den ich als Aussteuer in die Wohnung mitgebracht habe. Es ist nahezu derselbe, der mich als Kind nach längeren Urlauben empfangen hat; und irgendeiner rief immer: „Der gute Duft! Wir sind da!“

Während längerer Abwesenheit wird der Geruch nämlich eine Wolke. (Ich möchte keinen falschen Eindruck erwecken – es ist kein Gestank – es ist einfach nur das geballte Zuhause). Das funktioniert aber nur wenn – in meinem Fall – beide dort wohnhaften Personen mehr als fünf Tage unterwegs waren. Sonst sind es die üblichen Eigengeruchsfarben (irgendein Weiß, Gelb, Wandfarbe und Teefarben plus Waschmittelerinnerung), die auf einen warten.

Reisen ist Gold. Zuhause ankommen auch. Und wie wunderbar ist es, wenn die Abwesenheit von Zuhause freiwillig ist.

Natürlich ist das nur eine kleine Randnotiz zum Thema Flüchtlinge. Sicherlich ist es auch nicht das primäre Problem, dass man als geflüchteter Mensch kein rotblaues Zuhause mehr hat, und dass man nicht in seine Privatduftwolke gehüllt wird – beim Eintreten in das unversehrte Zuhause.

Es verschieben sich die Prioritäten, bestimmt.

Und dennoch.

Gepunktet in die Pause.

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Wörter mit Umlauten können derart liebreizend sein, dass ich sie unentwegt herzen möchte. Die meisten sind nämlich gepunktet. So heben sie sich von den vielen cremefarbenen, beigen, steingrauen und anderen Wörtern deutlich ab. Selbstredend sind es nicht nur zwei Punkte. Das wäre ja geschummelt, bzw. wenig erwähnenswert, denn zwei Punkte sind bei Umlauten inklusive. Nein, es handelt sich um das klassische Muster „Gepunktet“.

Richtig wild wird es bei Wörtern mit mehreren Umlauten.

  • Frühblüher: Punkte, wohin das Auge schweift. Und alles in Pfirsichfarben und hellem Grün gehalten, insgesamt lichtdurchflutet. Die Punkte sind weiß und grau.
  • Ölgemälde: Punktflut; „Öl“ ist eher grünlich und „Gemälde“ grauhellblau mit weißen Tupfen.
  • Übeltäter: Das Ü hat selten Punkte. Es ist zu orange, siehe Süppchen. „Täter“ ist in diesem Zusammenhang das graue Echo des Übels. Mehr nicht.
  • Präzise: Über dem hellblauen „ä“ sind weit entfernt, im Nebel des Buchstabenumfelds, weiße Dinge zu sehen, Punkten nicht unähnlich. Jetzt fällt mir auf, dass „präzise“ weder mehrere Umlaute hat, noch besonders gepunktet ist. Ganz anders als:
  • Überhöhung: Da produziert das „Ü“ wieder ein so lautes Orange, dass die sachten Punkte untergehen. Und dennoch ist ihr Echo zu sehen – sie rufen: „Wir sind Punkte!“ bevor sie im Strudel Orange untergehen.

So dramatisch sollte es nicht enden. Zum Glück gibt es auch grundsolide Umlautinhaber wie „Flöte“, die schlicht lachsfarben sind, Halstuch tragen und einige große dunkle Punkte im Worthintergrund ihr eigen nennen.

Und mit diesen guten Nachrichten verabschiede ich mich in eine kleine Herbstpause. Es wird wohl keine Frühblüher geben, doch hoffentlich auch keine Übeltäter. Wenn ich dann noch ein präzises Ölgemälde entdecke, bin ich sehr glücklich. Und Glück trägt Punkte, sowieso.

Detailwissen.

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Je länger ich über meine synästhetischen Sichten schreibe, desto schärfer wird mein Blick für die Welt in Miniaturform. Vorher sah ich eher große und ganze Würfe Himmel, tulpenstarke Blüten, Licht und Dunkel ohne Grau.

Inzwischen kriecht mein Auge in den Spalt zwischen Balkongittern und bleibt in Kellergerüchen sitzen. Eine Form zwischen drei Wolken bekommt mehr Bedeutung als die Wolken an sich. Verwelkte Blumen stellen sich auf eine Bühne, weil sie zwar winzig sind und nicht mehr taugrün, doch filigraner als jeder Gedanke.

Nebel ist nicht mehr das großartige Grau, sondern ein weißes Tropfenmeer, das sich wie ein Globuliteppich über den Asphalt legt. Stimmen können ein Faltenrock sein, können zerfasert sein, und ihr Inhalt tritt für einen Moment zurück, während die Farben ihren Auftritt haben.

Mirabellengeläut kündigt die Nachtruhe an, weil es an Kissenrascheln erinnert. Und umgekehrt.

Das alles ist äußerst vergnüglich. Manchmal bin ich traurig, weil ich ein Detail verliere und es nicht wiederfinde. Oder weil ich keine Wörter entdecke für eine Farbe. Oder weil ich Baron von Kleckewitz vermisse, den ich lange nicht erwähnt habe. Oder weil mir gar nicht danach ist, zur Arbeit zu gehen, sondern ich lieber mit Tunichtgut und Taugenichts durch Ideen flanieren möchte. Oder – und das ist für meine Leserschaft der ersten Stunde ein alter Hut – weil ich nicht verstehe, dass ein so schönes Wort wie Chlamydien nicht für eine Blume oder wenigstens ein Waschmittel verwendet wird. .

Kleine Notiz zu Ks und Sk.

Ks und Sk. Es gibt kaum schönere Schneelaute – nicht, dass ich mir schon Schnee wünsche – oh nein. Doch im Mund ist Schnee das ganze Jahr über willkommen.

Außer wenn mir kalt ist. Dann helfen warme Wörter wie Waschgold, denn Wörter mit W sind teewarm.

Tee oder Schnee – Wörter wie „Wachs“ und „Wuchs“ bieten beides. In einer Bewerbung könnten sie schreiben: bin, je nach Bedarf, flexibel einsetzbar.