I see Graustimmler.

urlaub 097

Auf einem alten Urlaubsfoto: noch ein Graustimmler (oder eine Graustimmlerin). Gleich beginnt er zu speien… und den Nebel zu versprühen. In dem die Wörter untergehen. Die Wortwesen wegschwimmen. Und die Farben versinken.

Bevor ich jetzt melodramatisch werde, möchte ich betonen, dass es auch viele Goldstimmler gibt. Und Roséstimmler. Und andere Stimmler, um die herum der Raum sich aufklart oder blumig wird. Oder rauhfaserfreundlich. Hach, die rauen Stimmen. Die klingen leichtsilber und als hätten sie ein paar dezente weiße Haare, die ihre jeweilige Frisur durchgleiten. Auf die elegante Art. Und die Zigarette schwingt mit, mondän, nicht fluppenhaft.

(Fluppe und Puppe sehen sich übrigens nicht ähnlich, obwohl sie sich reimen. Puppe ist, wie bereits geschrieben, rotschwarzfreundlich und Fluppe ist rotweiß mit einem F, das – natürlich – einen Pony trägt.)

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Über „I see faces“ und darüber, dass es auch außerhalb der Sauna gut ist, Ruhe zu bewahren.

IMG_4364 Derart viele Artikel gibt es über das Phänomen “I see faces” (Pareidolie), dass ich nur anregen kann, bei näherem Interesse eben diesen Satz in die Suchmaschine einzugeben. In leblosen, unbelebten Dingen Gesichter zu sehen, scheint eine weitverbreitete menschliche Eigenschaft zu sein.

Ich sehe, wie bereits bekannt sein dürfte, diverse Wortgesichter. Hängt nun diese Synästhesievariante, nämlich die “Ordinal Linguistic Personification”, mit der sogenannten Pareidolie zusammen?

Wenn es laut den Artikeln eine menschliche Eigenschaft sein soll, Gesichter in unbelebten Dingen zu suchen bzw. zu finden, dann wäre es doch nur natürlich, dass jemand, der Wörter sieht, auch in ihnen Gesichter identifiziert.

Doch Obacht! Bevor sich jetzt jemand spontan dieser Fragestellung in seiner Dissertation annehmen möchte, zum Doktorvater oder zur Doktormutter sprintet (an dieser Stelle sei mir verziehen, dass ich aufgrund besserer Lesbarkeit auf die weibliche Form grundsätzlich verzichte, doch das Wort Doktormutter habe ich noch nie verwendet und empfinde es als erschreckend ungewohnt in meinem Mund) und ruft: „Herr bzw. Frau Doktor! Ich habe ein Thema! Pareidolie und Ordinal Linguistic Personification – Zusammenhang und so!“ – und dann böse auf die Nase fällt, weil er hier nicht zu Ende gelesen hat, einfach nur weil er dachte: „Hurra, das ist DAS Thema, ich werde berühmt und schön, reich auch!“ – bevor jemand all das tut, sei er hiermit offiziell gewarnt! Es könnte am Ende herauskommen, dass der Vergleich hinkt.

Denn folgendes sollte bedacht und ggf. überprüft werden, bevor losgesprintet wird:

1. Ich weiß nichts über die wissenschaftliche Haltbarkeit und Seriosität von Pareidolie. Nur ein schneller Google-Flug – jedoch keinerlei Staatsbibliotheksaufenthalte führten mich zu dem Begriff. Ich kann lediglich sagen, dass das Wort ein wenig wie eine Perlenkette aussieht. Mit einem Auge im vaterfarbenen P.

2. Sind Wörter wirklich leblos? All die Jahreszeiten, Monate und z. B. der Samstag? Oder ist das nur wieder eine all dieser Vereinbarungen, die zusammengefasst den Konsens dessen bilden, was gemeinhin als Realität bezeichnet wird?

Stark bezweifeln möchte ich die vermeintliche Leblosigkeit von Wörtern, gerade als Synästhetikerin, die sich für bedrohte Wörter, Schnabelsätze und unscheinbare Wortfreunde einsetzen will. Und an den Satz “Auf Wiedersehen!” erinnern und (mich selbst) zitieren, dass seine „grauweißen Hände winken, jedoch nicht so wie die Queen es tun würde, sondern von oben nach unten. Als würden sie mir Luft zufächeln – gerade so als wäre ich wegen des bevorstehenden Abschieds einer Ohnmacht nahe. Mit mehreren Händen, es sind ungefähr sechs oder sieben. Vielleicht tragen sie Handschuhe, das ist schwer zu sagen“.

Leblos? Unbelebt? Inanimate? No, no!

Bevor ich mich weiter aufrege, tue ich gut daran, einen weiteren Schnabelsatz zu beherzigen, der nicht nur in der Sauna gilt: “Bitte Ruhe bewahren”. Denn niemand hat behauptet, dass Wörter und Wochentage leblos seien. Soweit ich nach kurzer Recherche weiß, bezieht sich die These der Pareidolie auf Häuser, Briefkästen, Wolken und andere unbelebte Dinge, in denen Augen, Nasen und Münder wohnen. Wobei ich die Leblosigkeit von Wolken stark anzweifle, doch das ist eine unsynästhetische Baustelle. Ich muss nicht auf jeden Zug der Empörung springen.

So kann ich beruhigt Tee trinken, Musik anschauen und anderen Gedanken nachhängen, deren Wörter und Sätze sanft durch meinen inneren Raum ziehen. Manche lassen sich nieder, andere verschwinden schnell wieder. Manche bitte ich, zu bleiben – andere, zu gehen. Es ist also genauso wie mit den Menschen, die einem im Laufe des Lebens über den Weg laufen. Und wenn das nicht der Beweis dafür ist, dass der o. g. Zusammenhang wissenschaftlich unhaltbar ist, dann weiß ich auch nicht.