30 Orte und viele Frisuren.

Gestern habe ich diese Blogaktion ausgerufen und heute morgen schon musste ich einen Einsendeschluss verkünden, denn 30 Orte sind 30 Wörter, die es zu betrachten und dann noch zu beschreiben gilt und mehr wird sperrig vor den Augen.

Von manchen Orten und deren Namen habe ich noch nie gehört und somit kommt es zu einer ersten Begegnung mit der Zentrale für Synästhesie oder wie auch immer jener Ort in meinem Gehirn heißt, der sich jedes Wort und jede Zahl, jeden Geruch, jeden Geschmack, jede Zeit, jeden Ort, jeden Namen, jede Berührung und jeden Schmerz erst einmal vornimmt und ihnen Farben, Formen, Texturen und Gesichter zuordnet.

  1. Monza: hat eine rote erste Silbe mit dunklem Pony und halblangem Haar und das za ist grau geriffelt weiß und blau. Im Hintergrund sind beige Gebilde, die fast aussehen wir schraffierte Dörfer, aber ggf. sind es auch Kirchen.
  2. Eupilio: ist rotgelblich, hellweiß und gelbschwarz. Ein Turm steht vielleicht hinter dem E (mit Bleistift gezeichnet). Es ist ein mathematisches Wort, man möchte sofort damit rechnen.
  3. Trossingen: da klingelt es, hellweiß, und vorne ist es lilagrau. Das männliche T schaut engagiert in seine Buchstaben und hält den Rest zusammen. Der Hintergrund ist flussfarben.
  4. Klecken: ist gelblich, ist rötlich, im Hintergrund sind Felder und Wiesen zu sehen.
  5. Sprötze: sei Kleckens Nachbarort, wurde mir mitgeteilt, und das solle ich mir einmal anschauen. Ein so schönes Wort neben einem so hässlichen Wort. In der Tat, Sprötze ist eine konsonantenüberladene Geschichte, dann noch mit dem problematischen Ö und nichts kommt zum Klingen. Warum nennt man einen Ort so. Die Farben sind hellblau, gepunktet beige, moosfarben und das Sp trägt einen Umhang, es könnten aber ebenfalls die Federn sein. Federn daher, weil das Wort entfernt wie ein Spatz aussieht.
  6. Kölner Dom: Köln ist grau mit milchkaffeefarben Punkten und trägt die gleiche Frisur wie Frank aus Kiel. Hat aber keine roten Haare wie Frank aus Kiel, sondern hellbraune Locken. Köln trägt ein lilagraues T-Shirt und schaut zum Wort Dom. Dom ist schwarz und eine Frau. Sie trägt ein weißes Hemd. Und sie hat längere Haare. Und irgendwie ist es auch ein Mann.
  7. Alt-Stralau: ist lilagrau, mit einem sehr verständigen A und Stralau ist schwarz, blau-rot und das alles vor einem graumaurigen Hintergrund. Fast sieht man Graffitis.
  8. Napier: sieht ein bisschen aus wie der Name Nadine. Also rotpullovrig. Doch das pier reißt alles hell auf, es wird plötzlich weiß und im Hintergrund ist alles ausgesprochen kariert.
  9. Nebelwald: Das Wort Nebel ist gelblich und beige. Im Zusammenhang mit dem dunkelblaugrünen Wort Wald (mit braunen Cordhosen bekleidet), bekommt Nebel jedoch einen Hauch Nebel um sich herum. Und dann wird das Wort ein Wald; ein Nebelwald und Ronja und Birk tauchen auf und wir sind alle Teil eines Abenteuers, und es riecht auch nach Waldnebel (und dann sind es eben Assoziationen).
  10. Katmandu: springt immer wieder heraus aus meinem Sichtfeld. Katmandu ist im Grunde genommen ein Wort auf einem Trampolin. Irgendwie dunkel und irgendwie rot. Es springt und springt. Es hat eine Frisur wie Simone aus Kiel. Kat-man-du. Kat-man-du.
  11. Montpellier: Mont ist grauschwarz, das M ist ein Mädchen mit längeren Haaren und sehr besorgt um den Rest der Buchstaben. Pellier ist perlenfarben und gleitet von den Lippen herunter. Wie Sekt nicht, eher wie eine Perlenkette, die man vor Nervosität in den Mund nimmt. Im Hintergrund sind Brücken.
  12. Quakenbrück: ist grün, petrolfarben und gepunktet kupfern. Außerdem ist Donald Duck zu sehen, der mit erhobenem Zeigefinger neben dem Q steht. Er wirkt wie ein Riese neben den Buchstaben und sein ganzes Schicksal als ungeliebter, doch engagierter Neffe und alleinerziehender Onkel steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dazu gibt es große Schnäbel im Hintergrund des Wortes.
  13. Ödland: ist beige und liladunkelblaugrau. Im Hintergrund ist ein Feld zu sehen und Rauch steigt auf, vielleicht sind es auch nur die Reste von anderen Buchstaben.
  14. Kuala Lumpur: ist ein Spektakel aus Rot, Blau, Malve, Aubergine, das L ist sehr prominent; das erste Wort möchte fast ein Koala sein, aber es ist eben ein Koala mit U und dadurch wird es rot. Es ist ein Fest und gleitet durch den Mundraum, schmeichelt dem Gaumen, manchmal sind kleine Lampen zu sehen, Lampions, die angehen, wenn es dunkel wird.
  15. Savai’i: ist zunächst sahnefarben, dann violettblau, dann wird es weiß und am Schluss hat es einen kleinen Tupfer. Im Hintergrund sind Wellen in Meerblau. Ein frisches Wort, es könnte sogar duften.
  16. Grinzing: ist hellmoosfarben mit einem kleinen Klingeln am Schluss in weiß. Im Hintergrund ist vieles Gelb.
  17. BayArena: ist rotblau, weiß, blauverständig, sirenengelb.
  18. Ault: Ist blaurot, aber gedämpft, fast Aubergine und hat am Ende einen grauen Punkt.
  19. Genua: ist senffarben, eigentlich etwas rötlicher, tiefrot und blau. Das G ist eine Frau, die sich den anderen Buchstaben sehr emsig zuwendet. Der Hintergrund ist präriefarben.
  20. Basel: hat aufgeblasene Backen, ein birnenförmiges Gesicht, wirkt hautfarben und macht Witze, die ein wenig an alte Zeiten erinnern.
  21. Riddagshausen: das R ist hier zeitungsgrau und doch ist es auch vaterfarben; und schon wird das Wort hellblauweiß, dann geht es über in ein heimeliges rotblau, denn hausen hat was mit dem Zuhause zu tun und daher ist alles gut.
  22. Sant Joan de Mollet: dunkel ist der Start, dann wird es weiß und gleich schon wieder dunkel, samtbraun, schwarz, lila. Das de ist sandfarben und das Mollet ist bruderfarben, ich sehe ihn in einer Latzhose, warum weiß ich nicht. Wie ich auch sonst nichts weiß.
  23. Guatemala: ist schon wieder rot, gelb, auch ein kleines bisschen hellgrün, das G schaut nach vorne, ist aber zum Rest des Wortes gebeugt. Das Rot ist matt, das Gelb eher blond, der Hintergrund ist hellgrau.
  24. Å: ist der verständigste Ort überhaupt. Und doch darf das blaue A mit schwarzen Schatten vor weißem Grund hier einmal etwas ausgefallenes tragen. Einen kleinen Kreis, der fast ein Diadem sein könnte, wenn das A nicht so grundvernünftig wäre.
  25. Prag: ist grauschwarz und hat ein hellgrünes Ende. Im Hintergrund ist eine schwarze Brücke zu sehen. Prag trägt dazu einen grauen Anorak und hat ein grünes Auge im P.
  26. Corbera d’Ebre: verbreitet ein köstliches Küstengefühl im Mund. Das C schaut sehr hell in die anderen Buchstaben hinein und hält den Laden zusammen. Bera ist sandfarben und grau. Ebre ist gelblich und klingt wie eine Frau, die braune Locken hat und einen hellgelben Pullover trägt, der ihr streng genommen nicht steht, aber Ebre kann das tragen.
  27. Jork: trägt einen grauen Blazer und einen Kapitänsbart mit Mütze. Im Hintergrund ist eine Landstraße zu sehen.
  28. Sternschanze: ist ein gelblichgrünes Wort, das einen Umhang trägt und kurze braune Locken hat. Eventuell auch schwarzes Haar. Die Augen schauen Richtung U-Bahn-Brücke. Kein einziger Stern ist zu sehen, dafür ein grauer Himmel über den Buchstaben.
  29. Møn: ist auch bruderfarben, dazu orange, rot, mit einem graublauen Ende. Es trägt Latzhose, eine orangefarbene, im Hintergrund ist Meer und eine Insel mit Palmen.
  30. Herrenhausen: ist ein Wort, das ich schon sehr lange kenne. Es beginnt sandfarben, grau mit einer geordneten Herrenfrisur. Dann wird es heimelig rot und blau. Doch das Heimelige wird schlankerhand von all dem Anfangsgrau übernommen, und am Ende kommt ein recht graues Wort dabei heraus mit blauen Hosen.

 

 

Synästhesie on the road.

Dresden09 036

Fernwehfarben tanzen Walzer. Ich reise gern. Manchmal sogar an Orte, deren Name nicht unbedingt schön aussieht. Da gibt es etliche, doch ich lasse mich gerne davon überzeugen, dass Namen Schall und Rauch sein können. Dass es sich lohnt, auch an Orte zu fahren, die in meinem inneren Raum matschbraun oder popelfarben aussehen.

Der Zwinger in Dresden ist so ein Beispiel. „Zwinger“ ist schal, weiß und mit irgendeiner Art Grauschatten versehen. „Dresden“ ist mattgelb, versprüht Senf und Ocker mit grünlichen Schatten. Und dann bin ich vor Ort und staune über die flussfarbene Pracht, die nichts gemein hat mit dem synästhetischen Abbild in mir.

Synästhesie ist schließlich ein Zufallsprodukt; ein neurologisches Phänomen, eine Verbindung von Dingen, die meistens wenig miteinander zu tun haben. Es ist für mich normal und oft genug wunderbar, mit ihr zu leben; doch ich darf mich nicht zu sehr von ihr leiten lassen. Vor allem nicht, wenn es um Entscheidungen geht in den Bereichen Essen, Trinken, Beruf, Gesundheit und Reisen.

Selbst ein Tagesausflug sollte nicht von synästhetischen Motiven bestimmt sein, sonst würde ich stets in die Wallensteinstraße fahren wollen, weil sie sich auf den betörenden „Gallenstein“ reimt, wenn nach ihm eine Straße benannt würde. Oder ich würde mich wundern, dass Kiel doch keine Metropole ist.

So bin ich schon manches Mal in Dresden gewesen. Eine gute Stadt, ein guter Fluss, viel Platz. (Und Eierschecken schmecken übrigens sagenhaft und viel besser als ihr Name es vermuten lässt).

Rekonvaleszenzgedanken.

„Für unsere Zuschauer aus Österreich und der Schweiz“.

Dieser Satz schallt immer mal wieder durch Funk und Fernsehen. (Seit es „Wetten dass“ nicht mehr gibt, ein bisschen weniger oft). Dass diese Phrase sogar geographische Vorstellungen prägen kann, zeigt folgendes Beispiel:

Auf meiner inneren Landkarte liegt das grüngelbe Österreich westlich von der Schweiz. Eben in der Lese- oder Hörrichtung. Die Schweiz ist weißgrau mit Streifen, hat eine rotweiße Weste an (!) und trägt stolz einen Gamsbart. Beide Länder haben im Hintergrund graue Berglandschaften. Österreich liegt auf einer grünen Wiese und hat etwas mildes, österliches an sich. Wien leuchtet goldgelb strahlend mit einem ehrwürdigen graubeigen W aus der Mitte heraus.

Möglicherweise wird nun deutlich: Synästhetische Geographie kann klischeehaft sein.

Da ich natürlich eines Besseren belehrt wurde und auch ein Blick in den Atlas mich nahezu überzeugt, setze ich die Schweiz immer wieder nach links. D. h. dass die Schweiz ständig umzieht. Und dann doch wieder, sehr eigensinnig, zurückschellt.

Ich hoffe, dass meine sehr sympathische Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich mir diese Verwechslung verzeihen wird.

Die gute Nachricht ist: Wir können alle Ruhe bewahren, gerade so als wären wir gemeinsam in der Sauna, denn ich bemühe mich ab sofort um eine Korrektur meiner inneren Geographie durch folgende Maßnahmen:

1.  „Aus der Schweiz und aus Österreich“ ersetzt nun „Aus Österreich und der Schweiz“ in meinem Sprachgebrauch. Auch wenn die neue Version durch das doppelte „aus“ etwas sperriger klingt. Da ich erst vor kurzem einen Geburtstagswunsch geäußert habe, erscheint es mir übertrieben, mir diese neue Satzstruktur nun auch noch von anderen Menschen zu wünschen.

2. Regelmäßige Besuche im Atlas werden mich zusätzlich an die Realität heranführen. Diese Maßnahme dient auch dazu, mich davon zu überzeugen, dass Griechenland weder türkeigroß ist, noch zur Hälfte den Iran bedeckt. Und dass Kiel lange nicht so riesenhaft ist, dass es weite Teile Dänemarks auch nur im Ansatz überschatten könnte.

3. Mehrere Helikopterflüge über beide Länder sind in Planung, damit ich mir vor Ort ein „Bild von der Lage“ machen kann. Eventuell muss ich dafür erst noch ein höheres politisches Amt ergreifen. Ob Synästhesie als Qualifikation dafür ausreicht, wird man erst wissen, wenn ich mich zur Wahl gestellt habe.

Eine Parteizugehörigkeit wird schwierig für mich (wegen der Farben). Eine eigene Partei zu gründen, kommt mir – bei aller Liebe zu meiner Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich – aufwendig vor. Doch wenn, dann wäre sie gallensteinfarben. Und so wäre auch ihr Programm. Bedrohte Wörter retten, Zahlenräume flexibilisieren, Max Goldt for President – das wären die ersten Maßnahmen, die ich nach der Wahl ergreifen würde. Versprochen.

Frau März hat recht, Zugfahren, Hannover mag die Zahl 4, der großmütterliche Nebenstrang, der kleine Junge.

Am gestrigen Sonntag, an dem ich von Frau Wankelmut März schon am frühen Morgen triumphierend angeschmunzelt wurde, fuhr ich nach Hannover. Vorher ließ sie es sich nicht nehmen, mir mit ihren blauen Möricke-Bändern vor den Augen herumzufuchteln und zu rufen: „Siehst du, siehst du? Ich kann das doch! Ich kann Sonne, Wärme und ehrlichen Frühlingsmorgenluftduft machen! Und ich kann Vögel schon ganz früh am Morgen hellblauweißklirrend singen lassen!“ – „Du führst dich ja schon auf wie Orange„, erwiderte ich etwas kleinlaut, denn sie hatte ja recht.

So gab ich auch nach, als Frau März dann um 6 Uhr morgens folgendes rief: „Mach ein Foto! Mach ein Foto! Und darüber musst du auch mal was schreiben, nicht immer nur über Schneeähnliches und Abendluft-Lügen!“ Ich tat wie mir geheißen. Mit Frau März möchte ich mich lieber nicht anlegen. Sie hat das Wetter in der Hand. Dass das Foto auch an jedem x-beliebigen Wintermorgen aufgenommen hätte werden können, war meine kleine Rache für den Winterschmach der letzten Wochen.

März

Im ICE nach Hannover, traf ich auf folgende Farben:

Frühstücksgeruch im Bordbistro: grauähnlich, weißlich.

Klimaanlagenkälte: lichthellweiß.

Stimme von Mann am Telefon: graufaltig.

Dialog in einer arabisch klingenden Sprache am Nebentisch: beigegelb und graublau.

Morgentauteeduft in meinem Becher: lavendelfarben.

Kellnerakzent: türkischblattgold.

Und die ganze Zeit schwebte das Ziel im inneren Raum herum: Hannover.

Der Begriff Hannover und die dazugehörige Stadt sind mir sehr vertraut, seit ich Farben sehe und denken kann. Recht unbeschreiblich sind für mich die Farben, doch Schokolade 4 und Haut 4 kommen recht nah an die Hannoverfarben heran. In diesem Farbspektrum steht ein großes, massives weißes H herum und die Beine vom H sind wie Marmorsäulen, stehen tief im braunen Grund.

Hannover ist auch ein wenig großmutterfarben. Auch wenn sie schon zu lange nicht mehr in dem, was wir als Realität anerkennen, weilt, so ist sie noch im Wort Hannover zu Hause. Rechts von den Buchstaben läuft sie durch ihre Wohnung, die sie schon ewig vor ihrem Tod nicht mehr bewohnte, und die Dielen knarzen unter flauschigen Teppichen. „Komm, wir gehen einmal ums Viereck, einmal am Tag geht man ums Viereck“, sagt sie und ich frage mich zum wiederholten Male, wo dieses Viereck wohl sein möge, denn ich bin erst 7 und ein Viereck ist gelbrot. Nichts ist gelbrot da draußen; Klinkerbauten stehen herum und der Maschsee ist elfenbeinfarben mit Dunkelblau-Elementen.

Das ist ein Nebenstrang vom Wort Hannover. Es gibt noch viele weitere Nebenstränge zu Hannover, tote und lebendige, und es gibt neue Namen und Wohnungen und Laminatboden (kein Teppich mehr); doch die Zeit im großmutterfarbenen Strang von Hannover ist angehalten – wenn ich mich in ihn begebe, riecht es auch ein wenig nach Niveacreme und Haarspray. Denn: bevor man einmal ums Viereck geht, cremt man sich noch die Hände ein und fixiert die dünne Dauerwelle.

Und dann kam ich in Hannover an und wurde ganz schnell in den Außenraum und ins Auto gezogen von einem kleinen, zum Glück sehr lebendigen Jungen, der meinen großmütterlichen Nebenstrang zu seiner schokolade-4-farbigen Stadt nicht kennt und der mit mir auch nicht ums Viereck sondern lieber ins Kinderzimmer spielen gehen will, doch das ging ja nicht, denn Frau März zerrte ihn, seinen familiären Anhang und mich natürlich an den Maschsee.

Service an die Leserschaft: Illustration und Synästhesie.

Ein neuer Leser aus dem Bereich Illustration, stellt mir einige Fragen, die ich gerne beantworte, nicht zuletzt deshalb, weil ich das Wort Illustration sehr weißrothübsch finde. Und seinen Vornamen rilkerosenorange. Und weil Fragen ja zu neuen Gedanken führen und neue Gedanken sind meistens eine famose Sache.

Denkst du, du siehst die Welt generell anders, außerhalb dieser Verknüpfung mit Farben?

Zunächst würde ich das drittletzte Wort in der Frage gerne durch „Verbindung“ ersetzen, da es sonst wortverwandtschaftlich zu sehr in Richtung Horrorwort meines inneren Raums geht, siehe Beitrag Synästhesie und Mode. Und dann bin ich von diesem Wort zu sehr abgelenkt und kann mich gar nicht mehr inhaltlich auf die Frage konzentrieren. (Was die Frage vielleicht schon ein wenig beantwortet…).

Ich weiß nicht, ob ich die Welt überhaupt jenseits meiner Synästhesie sehen kann. Denn die synästhetischen Empfindungen prägen meine Weltwahrnehmung sehr stark. Beispiel Essen: finde ich ein Wort zu hässlich (wie z. B. beim bereits erwähnten Käsekuchenvorfall), fällt es mir schwer, mich dafür zu entscheiden, obwohl ich die dargebotene Speise eventuell geschmacklich sogar schätze.

Beispiel Reisen: Sieht ein Ort in meinem inneren Raum unattraktiv aus, kann er noch so sehr Weltkulturerbe sein – es wird schwer sein, mich zu überzeugen, dort dennoch hinzufahren. Ich bin jedoch meist offen für das, was sich Realität nennt. So ringe ich mich durch und bin am Ende natürlich begeistert. Doch zuerst ist Wahrnehmung und damit in diesem Fall Ablehnung.

Gleiches gilt auch umgekehrt: für mich klingt der Ort Kleckewitz äußerst verheißungsvoll. Genauso wie Siebenbürgen. Eine Reise würde ich buchen ohne Zögern! Einhalt gebieten muss mir meine Umgebung, damit ich so etwas nicht tue, ohne vorher einmal in Erfahrung gebracht zu haben, wie es dort wohl eigentlich aussieht.

Somit kann ich die Frage weder mit ja noch mit nein beantworten. Denn ich sehe die Welt nicht außerhalb der Verbindung mit Farben. Eigentlich bringt es jemand auf den Punkt, der mich gar nicht persönlich kennt: Er sieht meine „Lockenköpfe der Wörter, die Liebe zu den Farben, die ein viel wesentlicherer Bestandteil der Weltschaffung sind“. Das ist schnurschön auf den Punkt gebracht.

Wie weit hat die Synästhesie deine Entwicklung als Mensch beeinflusst?

Ich weiß ja nicht wie ich wäre, wenn ich ohne Synästhesie leben würde. Manchmal habe ich Assoziationsketten, die zu ganz anderen Orten führen, als meine Gesprächspartner auch nur erahnen können. Aber – das geht doch bestimmt auch anderen Menschen so? Bei denen sind die Querverbindungen im Gehirn nur anders geschaltet – aber Assoziationsketten sind ja etwas universelles. Synästhesie hat sicherlich meine Art zu denken beeinflusst. Meine Sprache. Und meine Art, die Welt zu sehen. Mich hat aber noch nie jemand gefragt: Sag mal, bist du Synästhetikerin? Du wirkst so auf mich…

Und dann kommt noch eine Frage aus illustratorischer Sicht dazu, nämlich ob vorgegebene Farben zu einer „Bevormundung“ führen können; es geht auch um die Sorge, die falschen Farben zu wählen. Wie ich das sehe?

Ich liebe die Farben im Außen genauso wie im Innen. Sie inspirieren und füllen den inneren Raum mit neuen Farbfreunden. Viel würde ich dafür geben, illustrieren zu können, was ich in mir sehe. Und bin immer froh, wenn jemand anders visualisieren kann, was er sieht und es teilt. Eine gute Illustration, gerne auch sonst wie farbig, erfüllt meinen inneren Raum mit einer ähnlichen Party wie Schneewörter, der echte Frühling und Wortfreund Klavikula-Fraktur.

Berlin ohne Sommerprossen… synästhetische Geographie.

Nun liegt ja, wie bereits erwähnt, England oberhalb von meiner Stadt, obwohl das eigentlich wohl nicht ganz der Realität entspricht. Meine Einstellung zu gewissen Vereinbarungen, die eine Basis für eine sachorientierte Kommunikation schaffen, habe ich ja schon hinreichend beschrieben. Der Atlas ist, wie der Duden, sicher ein hilfreiches Instrument, durch das Kommunikation erleichtert wird.

Doch die innere Geographie sieht so anders aus. Jedes Land, jede Stadt, jeder Stadtteil sind seit dem Moment, in dem ich das erste Mal von ihnen gehört, sie gesehen, oder über sie gelesen habe, unveränderlich in diese Landkarte eingefügt. Für immer. Ich mag noch so oft die Abbildung der Außenrealität anschauen: Griechenland bleibt für mich weißgrau, türkeigroß und überlappt zur Hälfte den beigen Iran.

Eine Stadt in der Nähe heißt Lübeck und ist sehr, sehr rot mit orangefarbenen Anteilen. Das L steht äußerst prominent in der Mitte. Lübeck ist oberhalb meiner Stadt (die ist übrigens grünblau) und hat auch noch ein dubioses H mit im Zentrum. Es liegt die Vermutung nicht unnah, dass das H etwas mit dem Hansestadttitel zu tun hat, den die Stadt stolz vor sich her trägt.

Kiel ist in meiner inneren Landkarte oben links (statt oben eher rechts) und liegt über den Niederlanden, immens groß, ist ein grünblaues Wesen (es dominiert das Blau und das schwarze K) und schaut von oben links nach Deutschland hinein. Eigentlich verdeckt Kiel auch weite Teile Dänemarks.

Man könnte es ignorant nennen, dass der Bodensee für mich da liegt, wo eigentlich die Provence ist und dass Finnland ein langbreites gelboranges Land oben über Schweden ist mit Norwegen dazwischen, schwarzschmal, hellblau mit Hut und Stock.

Ebenso könnte sich die Tatsache, dass Berlin (liebegelb-grau) sich auf einer Höhe wie Hamburg befindet, als unwahrheitsgemäß herausstellen. Nebenbei bemerkt: Berlin überstrahlt die obere östliche Hälfte Deutschlands und hat Augen, so groß wie Schallplatten. Berlins Gesicht hat überhaupt keine Sommersprossen, sondern trägt vielmehr einen bröckeligen Chanellippenstift.

Das blaugrünwaldige Wort Brandenburg mit orangefarbenen Lettern (das sympathischere Orange) umschließt Berlin in alle Richtungen und ist überdies direkt verbunden mit den Brandenburgischen Konzerten von Bach. Sehe ich das Wort, so höre ich die Musik. Und höre ich die Musik, so sehe ich das Wort.

Es wird wieder und wieder ein Blick in den Atlas nötig sein, um die innere Landkarte mit der äußeren abzugleichen und Gesprächspartner nicht zur Verzweiflung zu bringen. Aber in den Harz reisen: dieses schwarze Gebilde, gleich neben Hannover (karokaffeebraun), mit dunklen Augen und schwarzkrausen Haaren auf den Fingern? Ungern, außerordentlich ungern.

Je suis… oder: synästhetische Geographie.

Was mich irritieren könnte, jedoch nicht irritiert, weil ich seit 30 Jahren daran gewöhnt bin, dass Dinge anders geschrieben werden als sie aussehen: Je suis Charlie. Je suis Ahmed. Weiß auf schwarzem Untergrund.

Wie meine Plakate aussehen würden:

„Je“: gelb auf Orange

„suis“: weißschwarz auf Orange

„Charlie“: theatralisches C, auch weißschwarz, das Wort mit lila Einstichen und das alles auf einem orangefarbenen Hintergrund. Denn Französisch ist durchweg orangeuntertongefärbt im Gegensatz zum grauweißhimmelblauen Englisch)

Bei „Je suis Ahmed“ ändert sich die Gesamtfärbung. Denn Ahmed ist hellblaugrau. Die Farbe schleicht sich ein wenig in das „Je suis“. Und hier ist der Hintergrund grauweißhimmelblau (fast wie Englisch aussieht).

Fremdsprachen haben ihre eigenen globalen Farben. Einzelne Wörter, bei denen ich das Glück habe, sie persönlich kennenzulernen, stechen individuell heraus.

Meine Fremdsprachen schmiegen sich in meinen inneren Atlas ein. So ist Französisch links von mir (ich schaue aus dem Süden). Rotorange. Die Sprache findet in meinem inneren Raum links statt. In meinem inneren Frankreich.

Englisch ist nördlich von mir, obwohl dem nicht so ist, doch England ist in meiner inneren Geographie nördlich von meiner Stadt. Grau, lila, manch grün, weiß, himmelblau. Englisch ist überfüllt. Französisch wird mit den Jahren ärmer. Spanisch lernte ich nur ein Jahr lang. Spanisch ist da, wo Spanien in meiner inneren Landkarte lokalisiert ist, unten links – hell beige, leicht orange, doch eher gold. Mit roten Bergen. Und mein Spanischlehrer steht mittendrin in seinem feinen Anzug mit dem Einstecktuch.

In der Türkei war ich noch nie. Die Sprache habe ich dennoch schon oft gehört. Die Türkei ist ganz unten und braungrün. So auch die Sprache – da ich sie nicht beherrsche, ist es eine braungrüne Masse mit Blattgoldelementen. Polen ist ein grünes (mit beigen Elementen) Land auf der rechten Seite gleich neben dem goldgelben Dresden unten rechts. Polnisch hat mehrere schwarze Ponyfrisuren. Im Drinnen. Die polnischen Wörter, die ich versucht habe zu lernen, haben ganz andere Farben. Doch Polnisch ist eben grünschwarz.

Und wie sieht Deutsch aus? Hell, heimelig, schwarz, weiß, gelb, rosa Streifen, deutschlandförmig. Deutschland ist im Zentrum meiner inneren Landkarte. München ist unten links, auch wenn dem gar nicht so sein soll, München ist graulila mit Punkten und hat eine mütterliche Frisur.

Vieles aus der Welt soll angeblich so sein, wie es auf Karten und auf Plakaten steht. Diese bilden offenbar eine vereinbarte Realität ab. Ich nehme zeitweise gerne an dieser Realität teil. Denn sie schafft Gemeinsamkeiten und bildet die Grundlage für einen konsensfähigen Austausch. Die Sprache, die im Duden steht, ist die Sprache, in der wir uns verständigen können. Ich sehe das ein. Ich mache mit. Zeitweise.

Doch: die Gedanken sind frei. So halte ich hiermit meinen synästhetischen Kugelschreiber hoch in die Luft.