Die Geschichte auf der Rückseite.

Manchmal bleibt etwas kleben, so auch an diesem Bild.

Es ist ein Foto, das ich vor einigen Wochen im Urlaub aufgenommen habe, und es gibt ein paralleles Geschehen dazu. Diese Geschichte klebt auf der Rückseite des Fotos, ich kann sie sehen, auch wenn ich es nicht möchte.

Und leider bleibt das jetzt so.

Das ist traurig, denn der Ausblick war Welt, die Luft so zart, der Berg besiegt, das Auto auch.

Was passiert ist, ist nur eine Kleinigkeit, etwas, worüber man sich nicht aufregen sollte.

Etwas, das dauernd passiert: Zu klein, um groß zu sein, nicht klein genug, um ein Nichts zu sein. Und es gibt viel Schlimmeres! Natürlich! (Es ist immer sehr wichtig zu sagen, dass es viel Schlimmeres gibt). Und dass andere Leute froh wären, solche Probleme zu haben!

Doch wenn ein Bild eine Welt ist, ein Tag ein Mini-Leben, eine Minute etwas Weite haucht, dann ist es eben doch schlimm.

Ja, die Rückseite mancher Bilder schmeckt schal. Ja, ich kann versuchen, die Geschichte von der Rückseite zu kratzen.

Und ja: Es gibt noch viel mehr Fotos, die einen ganzen Soundtrack abspielen und ja, ich gäbe trotzdem viel darum, die Rückseite zu vergessen.

(Und es wäre umwerfend gewesen).

 

 

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Welt in Kugeln und etwas über Urlaub.

Weil ich möchte, dass etwas schön ist, definiere ich Dinge oft zu meinen Gunsten, so auch Urlaub.

„Urlaub bedeutet, andere Problemstellungen als im Alltag zu haben.“

In diesem Urlaub habe ich mehrere bekannte und neue Argumente für diese These gefunden, die ich hiermit an die Wand schlage.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, territoriale Machtspiele im Flugzeug mit Menschen mit erhöhtem Bedarf, ihre Gliedmaßen zu verteilen, auszufechten. Das kenne ich sonst auch, aber eben nicht im Flugzeug.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, in einem Bus zu fahren, in dem eine Klimaanlage die Gliedmaßen aller – ob ausgebreitet oder nicht – blau verfärbt. Das kenne ich sonst nicht.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, Kreuzworträtsel zu lösen und an den immer gleichen Fragen zu scheitern, z. B. dem süddeutschen Begriff für „Flur“. Zu Hause löse ich keine Kreuzworträtsel.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, die notwendigen Meter weiter zu gehen, um dort zu sein, wo niemand ist.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, die Welt vor mir ausgebreitet zu sehen und sie dann doch in eine Kugel zu fassen, weil ich es sonst vor Glück nicht aushalte.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, laute und militärische Übungen nahe der Hotelanlage zu beobachten und mich in der Frage zu verlieren, womit man so einen Helikopter eigentlich tankt.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, Sonne zu lieben und Sonne zu fürchten und deswegen Schatten zu suchen und Sonne zu sparen für das eine Bad im Meer, später, wenn die anderen schon fertig sind und dunkelbraun und schwerverbrannt.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, zu wissen, dass es gut gehen wird, auch wenn rechts ein Abgrund ist und links ein Steinschlagberg. Oder umgekehrt. Auf der Rückfahrt.

Was schlimm ist: Ich weiß, dass zu viel von dem Schönen, das mir passiert, damit zusammenhängt, dass andere für zu wenig Geld zu viel schuften. Das ist nicht Urlaub, weil das auch sonst so ist.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, Kargheit und Stille und Meeresrauschen und Sonne und Farben und Liebe und Bald und Noch und Mehr und Steine und Tiefe und Berge und Wolken und Musik und andere Musik und Straßen und Bäume und all das, was Welt sein kann, zu behalten. Das mache ich sonst auch, aber eben nicht hauptberuflich.

Letzteres ist keine Problemstellung, wie in meiner Definition, und trotzdem ist auch das Urlaub, aber eben darüber hinaus. Weil meine Definition nur dazu da ist, jederzeit zu wissen, ich bin hier im Urlaub, es ist Erholung, auch wenn die Telefonfrau neben mir sitzt, der sperrige Flugzeugmann seinen Arm in meine Taille sticht, um seiner Freundin Intimes ins Ohr zu flüstern, der Bus nie kommen wird, der Kofferträger melancholische Augen hat, ich niemals Griechisch sprechen können werde, mir Ziegen und Soldaten vor das Auto laufen, die reiche Erbtante sich beim Buffet vorschieben lässt, die Abendmusik lauter ist als alle Gedanken.

Es ist alles nur dazu da, anders zu sein als sonst.