Dinge, die ich aus synästhetischen Gründen eigentlich nicht tun würde, aber dennoch schon gemacht habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch.

Da regt es sich auf, das kleine synästhetische Monster. Aber ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen.
Da regt es sich auf, das kleine synästhetische Monster. Aber ich lasse mir nur zeitweise von ihm auf der Nase herumtanzen.

Dass Synästhesie meine Weltwahrnehmung beeinflusst, ist der aufmerksamen Leserschaft sicher aufgefallen. Dennoch gibt es auch Lebensbereiche, die von meinen synästhetischen Empfindungen unangetastet bleiben. Z. B. Freundschaft, über die ich schon mehrfach schrieb, und Liebe sowieso.

(Natürlich weiß ich es zu schätzen, wenn Wörter wie Button (in ihrer deutschen Übersetzung) nicht inflationär in meiner Gegenwart verwendet werden. Doch das fällt unter die Rubrik: Dinge, die man für Freunde oder seine große Liebe tut, weil man den anderen und seine Eigenheiten kennt und akzeptiert. Wenn jemand den Geruch von Bananen nicht erträgt, lasse ich keine in seinem Auto liegen. Wenn es doch einmal geschieht, passiert aber nichts Schlimmes, außer ein kleines Augenrollen. Und genau so ist es umgekehrt auch mit Buttonerwähnungen).

Nicht jedes Wort bleibt im inneren Raum stehen und gärt dort vor sich hin. Sehr oft ziehen sie einfach vorbei, und ich bin nur vom Gegenüber und dem jeweiligen Gesprächsinhalt  in Beschlag genommen. Vielleicht ist es so, als säße man im Wald. Vögel zwitschern, Wipfel rauschen, Tannen knarzen. Der Blick bleibt nicht an jedem einzelnen Baum hängen. Außer man achtet bewusst darauf. (So wie ich die Wörter im inneren Raum festhalte und betrachte, um sie hier zu beschreiben). Ansonsten laufen die Vogelstimmen und Baumgeräusche eher im Hintergrund, und man ist einfach im Wald und hat entsprechend erhebende Gedanken.

Und so ist es auch mit den Dingen, die ich aus synästhetischen Gründen eher nicht tun würde, aber dennoch schon gemacht habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch:

– Jemanden, der einen popelfarbenen Namen trägt, küssen (und so).

– Das Horrorkonsonantengeschwisterwort in den Mund nehmen aus reinen Verständigungsgründen.

– Musik hören, die beglückt, doch dabei wüstgraue Spiralen ausspuckt.

– Den Vielwortnebel einer Graustimmlerin durchdringen, um sie zu verstehen.

Städte besuchen mit abstoßenden, teils unförmigen Namen, die im Mund eher Holzsplitter als Schnee produzieren.

– Ein Baby mit Verniedlichungen zudecken.

– Dinge tun, deren Verbform das ursprüngliche Wort ungnädig verformt: googeln, mailen, whatsappen, bloggen, twittern.

– Geschnetzeltes essen.

English is my Schnuffeltuch.

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Today, I don’t see bunnies. Today, I see a blossom. However, happy Easter to everyone who adores Easter. To everyone else: enjoy your chocolate. To people who neither like Easter nor chocolate: enjoy reading my post. It’s not about Easter. Or chocolate.

Englisch ist mein synästhetischer Ruheraum. Dort ist nicht jedes Wort so riesengroß. Wenn jemand britisches Englisch spricht, wird die Welt um mich herum weich und lieblich. Es ist dann Pause von den fulminanten Farben, beweglichen Satzgebilden und alle Wortwesen geben mal für einen Moment Ruhe.

Wenn ich englischsprachige Musik höre, kann ich ungestört die Melodie anschauen. Kein vorwitziges Wort drängt sich in den Mittelpunkt. Schaue ich einen englischsprachigen Film, gruppiert sich die Sprache sanft und unauffällig um den Inhalt herum. Höre ich jemanden Englisch sprechen, tauche ich gern ins warme Bad seiner Wörter ein. Amerikanisches Englisch ist, wie bereits erwähnt, ein wenig gelb-rötlicher im Ton – doch auch insgesamt zartfarbig und äußerst erholsam.

Die meisten englischen Wörter sind bei näherer Betrachtung grau, weiß und hellblau. Heerscharen von ihnen sind geborgenheitsfarben, ähnlich dem Soundtrack der Spülmaschine und ihrer Freunde.

Und was das Schönste ist: Horrorkonsonantengeschwister? Fehlanzeige. Button. Button. Kann ich schreiben. Kein Problem.

Feinsinnige Wörter wie Schnuffeltuch locken mich zum Glück immer wieder zurück in meine Originalsprache. Und auch wenn gewisse Wortwesen manchmal mein synästhetisches Nervenkostüm angreifen – ich liebe sie alle und würde sie um keinen Preis der Welt eintauschen wollen. Mit Ausnahmen: wenn durch ein Wunder, eine Petition o. ä. das Wort „button“ das hiesige Äquivalent ablösen könnte, wäre das ein äußerst berückendes Geschenk. (Nur falls jemand noch keins hat, mein Geburtstag ist Ende April).

Service an die Leserschaft: Illustration und Synästhesie.

Ein neuer Leser aus dem Bereich Illustration, stellt mir einige Fragen, die ich gerne beantworte, nicht zuletzt deshalb, weil ich das Wort Illustration sehr weißrothübsch finde. Und seinen Vornamen rilkerosenorange. Und weil Fragen ja zu neuen Gedanken führen und neue Gedanken sind meistens eine famose Sache.

Denkst du, du siehst die Welt generell anders, außerhalb dieser Verknüpfung mit Farben?

Zunächst würde ich das drittletzte Wort in der Frage gerne durch „Verbindung“ ersetzen, da es sonst wortverwandtschaftlich zu sehr in Richtung Horrorwort meines inneren Raums geht, siehe Beitrag Synästhesie und Mode. Und dann bin ich von diesem Wort zu sehr abgelenkt und kann mich gar nicht mehr inhaltlich auf die Frage konzentrieren. (Was die Frage vielleicht schon ein wenig beantwortet…).

Ich weiß nicht, ob ich die Welt überhaupt jenseits meiner Synästhesie sehen kann. Denn die synästhetischen Empfindungen prägen meine Weltwahrnehmung sehr stark. Beispiel Essen: finde ich ein Wort zu hässlich (wie z. B. beim bereits erwähnten Käsekuchenvorfall), fällt es mir schwer, mich dafür zu entscheiden, obwohl ich die dargebotene Speise eventuell geschmacklich sogar schätze.

Beispiel Reisen: Sieht ein Ort in meinem inneren Raum unattraktiv aus, kann er noch so sehr Weltkulturerbe sein – es wird schwer sein, mich zu überzeugen, dort dennoch hinzufahren. Ich bin jedoch meist offen für das, was sich Realität nennt. So ringe ich mich durch und bin am Ende natürlich begeistert. Doch zuerst ist Wahrnehmung und damit in diesem Fall Ablehnung.

Gleiches gilt auch umgekehrt: für mich klingt der Ort Kleckewitz äußerst verheißungsvoll. Genauso wie Siebenbürgen. Eine Reise würde ich buchen ohne Zögern! Einhalt gebieten muss mir meine Umgebung, damit ich so etwas nicht tue, ohne vorher einmal in Erfahrung gebracht zu haben, wie es dort wohl eigentlich aussieht.

Somit kann ich die Frage weder mit ja noch mit nein beantworten. Denn ich sehe die Welt nicht außerhalb der Verbindung mit Farben. Eigentlich bringt es jemand auf den Punkt, der mich gar nicht persönlich kennt: Er sieht meine „Lockenköpfe der Wörter, die Liebe zu den Farben, die ein viel wesentlicherer Bestandteil der Weltschaffung sind“. Das ist schnurschön auf den Punkt gebracht.

Wie weit hat die Synästhesie deine Entwicklung als Mensch beeinflusst?

Ich weiß ja nicht wie ich wäre, wenn ich ohne Synästhesie leben würde. Manchmal habe ich Assoziationsketten, die zu ganz anderen Orten führen, als meine Gesprächspartner auch nur erahnen können. Aber – das geht doch bestimmt auch anderen Menschen so? Bei denen sind die Querverbindungen im Gehirn nur anders geschaltet – aber Assoziationsketten sind ja etwas universelles. Synästhesie hat sicherlich meine Art zu denken beeinflusst. Meine Sprache. Und meine Art, die Welt zu sehen. Mich hat aber noch nie jemand gefragt: Sag mal, bist du Synästhetikerin? Du wirkst so auf mich…

Und dann kommt noch eine Frage aus illustratorischer Sicht dazu, nämlich ob vorgegebene Farben zu einer „Bevormundung“ führen können; es geht auch um die Sorge, die falschen Farben zu wählen. Wie ich das sehe?

Ich liebe die Farben im Außen genauso wie im Innen. Sie inspirieren und füllen den inneren Raum mit neuen Farbfreunden. Viel würde ich dafür geben, illustrieren zu können, was ich in mir sehe. Und bin immer froh, wenn jemand anders visualisieren kann, was er sieht und es teilt. Eine gute Illustration, gerne auch sonst wie farbig, erfüllt meinen inneren Raum mit einer ähnlichen Party wie Schneewörter, der echte Frühling und Wortfreund Klavikula-Fraktur.

Schnee statt Schmach: noch mehr Wortgeschenke eingetroffen!

Auch meine Leserin aus dem medizinischen Bereich hat sich fachgerecht mit dem Chlamydien-Problem auseinandergesetzt und mir neue Wörter mit K und sogar Kl geschenkt. So bin ich noch viel weniger traurig als neulich schon (als ich so herrliche Wörter wie Klavikula-Fraktur und Klasmatose geschenkt bekam) und denke, dass ich die Chlamydien jetzt getrost für immer loslassen kann.

Zudem bin ich überaus aufgeregt, denn ich habe von ihr ein Wort bekommen, das ich noch gar nicht kannte. Ähnlich wie Baron von Kleckewitz ist es neu für mich, jedoch ein ganz klein wenig flexibler einzusetzen und vor allem ist es blaugelb, doch insgesamt eigentlich kaminrot!

Klandestin: „Heimlich“, „diskret“ und „geheim“ können als Synonyme verwendet werden, so http://neueswort.de/klandestin/. Es gehe um etwas „im Verborgenen befindliches“. (Insofern passt es nicht nur synästhetisch sondern auch thematisch hervorragend zu Chlamydien).

Klimpern: sollte bekannt sein. Mit den Augen will ich dem Wort zuklimpern, denn es ist sehr beweglich und hat etwas zartgelbbeiges an sich, ähnlich wie der Wortteil „Denk“ in Denktagebuch. Diese Farbe ist im Übrigen überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Schleimbeigefarben mancher Journalisten.

Klitsche: Klitschen werden gemeinhin von irgendwem betrieben. Dieses Wort ist eher etwas für den zweiten Blick. Klitsche ist weißgelb und hat ein wenig Ähnlichkeit mit fein und frisch ohne Mund und Ei. Es hat etwas schneevolles im Mund, daher gefällt es mir besser als ich auf den ersten Blick gedacht hätte.

Kleie: freitagsgelb und unspektaktulär, daher nicht in der engeren Auswahl. Ursula von der Leyen ist hier mit von der Partie, wohl eher aus Reimwortgründen.

Klamm: irgendwie schwarzrot, doch eigentlich blau. Klamm ist erstsilbig verwandt mit Chlamydien, doch wird es mit dem wunderbaren K geschrieben und daher geht es schon sehr in die richtige Richtung.

Klumpfuß: Dieser ist aufgrund der Ballung von Konsonanten in der Mitte und zwar der Horrorkonstellation PF bedauernswerterweise nicht ansatzweise denkbar als Ersatz für Chlamydien.

Kleeblatt: Klee ist auf jeden Fall gelborange und -blatt ergänzt es mit einem schönen dunkelblau und zusammen ist die ganze Angelegenheit recht erfrischend im Mund, denn es sind die guten Konsonanten dabei. Diejenigen, die Schnee statt Schmach produzieren.

Kraxe: mit einer sanftschwarzgraublauen Kraxe lässt es sich gut kraxeln. Aufregend! Kraxe hat das anregende x, das bis jetzt in diesem Blog viel zu kurz gekommen ist, und das blitzt silberlaut auf und schmiegt sich zugleich sanft an den Gaumen.

Crux: Leider stört hier das U, so dass mich Crux nicht so glücklich macht, wie es mich machen könnte, zu rot ist es und das x wird davon überdeckt, sehr schade, wirklich.

Kross: ja, das Wort wäre mir sehr entgegengekommen, hätte ich es vor Kraxe gestellt, so wirkt es eher wie ein freundliches, zuverlässiges doch nicht ganz so aufregendes Mauerblümchen, das auch zum Tanzen aufgefordert werden möchte, in den 60er Jahren natürlich, lang ist es her und ein Backfisch ist es auch noch.

Mit welchen Wörtern ich in die Sommerfrische fahren würde (auch ein bedrohtes Wort übrigens, dass ich der Leserschaft mehrfach unterjubeln werde und bereits untergejubelt habe): Kraxe, klimpern, kandestin. Natürlich auch Klavikula-Fraktur, klecksen und Kleckewitz, denn einen schneidigen Baron kann man immer brauchen.

Das wird eine illustre Reise mit diesen verschiedenen Kleinodien. Famos geradezu! Ohne Traurigkeit und Chlamydien, dafür mit allerlei Zierrat an Wörtern im Gepäck geht es los und vielleicht gibt es auch einen Besuch im Lichtspielhaus, und wer weitere bedrohte Wörter entdecken konnte, bekommt einen Preis.

Synästhesie und Mode.

Unterdessen dürfte der aufmerksamen Leserschaft nicht entgangen sein, dass die Weltwahrnehmung durch eine synästhetische Sicht doch sehr geprägt sein kann. Auch dürfte der ebensolchen Leserschaft aufgefallen sein, dass es Wörter gibt, die schleimbeigefarben oder süppchen-ü-orange sind und daher nicht so attraktiv sind wie z. B. geborgenheitsfarben und vertrautglanzvolle Wörter.

Es wurde auch darauf hingewiesen, dass es Wörter gibt, die einfach nur schön sind, jedoch nichts Gutes verheißen (Klamydien und Gastritis). Dass man mir mit einer Gallensteinerklärung eine große Freude bereiten kann, wurde andernorts vermutet, und ich kann das nur inbrünstig bejahen.

Leider gibt es ein Wort, bei dem mir besonders blümerant wird. Es ist so wahnsinnig hässlich, dass es kaum auszuhalten ist. Die Buchstaben werde ich einzeln nennen und wer möchte, kann sich das Wort so zusammenreimen. K-. Nervlich schaffe ich nicht mehr auf einmal.

Das Wort beinhaltet einfach zuviele Konsonanten. -n. Und nicht nur das: Es ist popelfarben! Vermischt mit einem ausgeblichenen Kordsofabraun! Aus dieser Farbe sind auch die Flecken, die das Wort seine Augen nennen darf. -o. Modisch gesehen stehe ich stark unter dem Blümeranzeinfluss dieses Wortes.

Einzig und allein wenn sie aus Metall sind, dann wird das Popelfarbene gelöscht durch ein frischherrliches Silbergraublau. -p. Dann sind sie einfach nur funktional und nicht wohlbefindengefährdend. Was kam zuerst? -f. Das Wort? Das Ding? Die Farbe? Das vorsprachliche Unbehagen?

Der englische „button“ jedenfalls ist für mich schreibbar, sprechbar und überhaupt nicht untragbar. Doch ich lebe ja hier im deutschsprachigen Raum und daher ist mein Bekleidungsspektrum ein wenig eingeschränkt. Geschmeide tragen hingegen: unbedenklich. Da bin ich ganz Schmand.