Im Radio.

Radio ist ein schönes Wort. Es ist schwarzweiß, hat eine brünette Ponyfrisur und trägt einen Pullover, der sich etwas abhebt vom Rest, weil er grau ist. Es könnte auch ein Pullunder sein. Oder ein zweifarbiger Pullover mit Pullundermuster.

Das Wort birgt ein geborgenheitsfarbenes Knistern, und im Hintergrund steht ein braunes Sofa.

So war es mir eine Ehre, heute einmal selbst im Radio zu sein. Die Stimme von Dennis Kogel ist übrigens überraschend warmgold, was ihn meiner Ansicht nach für diesen Job prädestiniert.

 

 

 

Amphibienbestimmungsschlüsselmomente.

 

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Das Wort “Amphibienbestimmungsschlüssel” ist weiterhin ein großer Glanz. Das Wort ist der Moment, in dem ich mir wünsche, dass in meinem Leben der Satz: “Herr Müller, reichen Sie mir bitte den Amphibienbestimmungsschlüssel” zum beruflichen Repertoire gehören würde.

“Aber Piksyn, wir sind doch längst beim Du”, hieße es daraufhin und: “Ach ja, Herr Müller, wie konnte ich das vergessen”. Insgeheim würde ich seufzend denken, dass das mit dem Siezen ein Traum von kurzer Dauer war.

Dann würde ich den Amphibienbestimmungsschlüssel nehmen und zusammen mit Herrn Müller Amphibien bestimmen. Das alles würde in einmütiger Stille geschehen und erst zu Mittag riefe Assistent H.: “Piksyn, Müller, ab sofort sind Sie zu Tisch!”

Assistent H. hätte derweil im Moor oder Schlick einen Tisch aus Baumstämmen hergerichtet. Dort gäbe es dann eine zünftige Brotzeit oder was man so isst, wenn man im Moor oder Schlick zu tun hat.

Der Amphibienbestimmungsschlüssel läge währenddessen unweit in seiner Amphibienbestimmungsschlüsselschatulle.

Ein Schlüsselmoment besonderer Güte wäre der leidenschaftliche Streit darum, wer nach dem Mittagessen mit dem Amphibienbestimmungsschlüssel arbeiten dürfte. Wir hätten nämlich nur einen, weil es nie genug Geld gibt für die Forschung.

Vier Buchstaben und diverse Fragen.

Lauter Trübsal, leiser Kummer: sei es wegen der Weltlage allgemein, sei es aufgrund des Verlusts rotschmeckender Tomaten, November – Gründe gibt es genug. Dass die Farben im Moment tief fliegen, mag an all dem zusammen liegen. Sie sind nicht lautschön, nein, sie haben sich zurückgezogen, kleinleise ducken sie sich und vor ihnen ragen die Schatten auf. Schatten allzu vieler Informationen, Bilder, Reize. Sogar der Straßenverkehr ist lauter geworden seit dem Wochenende. Die Hupen, sonst Zwerge, die sich ihre Telefonnummern zurufen, sind zornige Riesen geworden, die wüst gestikulierend Gröhlwörter austauschen.

Und dann diese vielen Fragen, die sich jetzt stellen. Sie wirbeln und blöken und sind so allgegenwärtig, dass die Ohren sausen. Zeit, sie aufzuschreiben.

Ist es legitim, diese Fragen nicht zu nummerieren?

Wenn nein, warum nicht?

Wer entscheidet, ob man Böhmermann heißt?

Wie entstehen die Farben im Kopf, wann, und warum ist Böhmermann beigeockerschwarzgepunktet?

Warum vergesse ich so oft, dass ich etwas googeln könnte?

Wo wird geraubter Schlaf versteckt, und wird er verwendet oder gammelt er vor sich hin?

Warum gibt es für Chlamydien keine schönere Wortbedeutung?

Lila?

Warum wohne ich nicht in der Chlamydiengasse 4?

Welche Farbe ist wichtiger: Gelb oder Weiß? (Freiheit oder Sicherheit)?

Warum ist der Innenminister so grau?

Warum auch seine Stimme?

Warum ist es so früh dunkel?

Wem dient Rot?

Was will Rot?

Wer mag eigentlich Ocker?

Warum wechseln die Farben und Charaktere der Wochentage nicht wenigstens alle 7 Jahre?

Würde Piksyn “Fuck” schreien?

Wieso fühlt sich manche Haut laut an?

Warum tragen so viele Wörter Cordhosen?

Und warum denke ich, es hieße Korthosen?

Warum träume ich farbig?

Warum schaue ich gerne Martha-Stewart-Videos und stelle mir vor, ich wäre ruhig und feinmotorisch versiert wie sie, anstatt mir noch einen Brennpunkt in die Augen zu holen?

Warum gibt es keine Taschenlampen für das Kopfinnere?

Wer bestimmt, was Blau ist?

Wer liest all diese Fragen?

Wer liest überhaupt?

Warum?

Warum ist es nicht in Ordnung, seine Bücher nach Farben zu sortieren, wenn man sie doch nur dann findet?

Warum gibt es kein „Wetten dass“ mehr, damit ich letzteres beweisen könnte?

Warum schäme ich mich in Grund und Boden bei der Begegnung mit geflüchteten Menschen?

Warum ist Syrien gelb?

Wen würde ich wählen, wenn Sonntag Bundestagswahlen wären?

Wann ist der Tag, an dem Frau Sonntag und ich zusammen Likör trinken?

Weshalb ist nachts auch November?

Wann lerne ich Persisch?

Warum ist die Synästhesie so still, wenn ich sie dringend bräuchte?

Warum hat das Wort „Terror“ die gleiche Farbe wie das Wort „Ocker?“

Nochmal: wer mag eigentlich Ocker?

Warum bewerte ich das implizit?

Wann werde ich wieder Fußball schauen, ohne daran zu denken?

Weiß Max Goldt, was seine Sprache mir bedeutet?

Wenn nicht, wann?

 

 

 

 

 

 

Autumn colours.

England 2009 222

Über den Herbst schreiben, rasch über den Herbst schreiben, bevor der Nachmieter Winter zur Wohnungsübergabe kommt und sich beschwert: „Hier! Renovieren! Umdekorieren! Schnell! Weg mit der rotgoldenen Tapete und überhaupt, wie sieht das hier aus!“

Das Problem: Das Wort „Herbst“ beinhaltet die Buchstabenkombination „bs“, die den anderen Horrorkonsonantengeschwistern gleicht. Das Wort wirkt dadurch ein wenig abgestanden. Es ist gelbbraun und rot, das ist keine Überraschung, es hat Bäume, die aus den H-Säulen hervorgehen, auch das ist naheliegend. Und es verschwindet immer wieder von der inneren Wortbühne; ich gebe mir keinerlei Mühe, es zum Bleiben zu überreden.

„Autumn“ hingegen könnte ich mir tagelang anschauen, dunkelblau ist es, rot, mit Anorak und dunklen, langen schwarzen Haaren. Und die exzentrischen Freunde “mn” sind jederzeit herzlich willkommen, ich biete ihnen Drinks an, was sie wollen.

Im Unterschied zum Wort gibt es natürlich den Herbst als Teil des Jahres, an den ich denke, wenn ich z. B. einen Urlaub plane oder wehmütig den Sommer festhalte.

Die zeitliche Einheit „Herbst“ wohnt in einem der oberen Stockwerke (kurz vorm Ende des vertikalen grauen Jahresstrahls) und leuchtet. Herbst ist eine Frau mit dichtbraunem, schulterlangem Haar. Sie trägt einen violetten Pullover und eine braune Cordhose. Um sie herum leuchtet es rot, braun, blattgoldfarben, vermodert, moosgrün, orange, hellhimmelig. Laub ist zu sehen, viel Laub, Baumstämme, die säulenhaft den Himmel über der Jahreszeit stützen.

Dieses Bild wird abgerufen, wenn jemand sagt „Bald ist ja schon wieder Herbst“. Das Bild und leider auch das Unbehagen über die Geschwister “bs”.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass der Herbst ein sich aufbäumendes Laubfarbspektakel bietet, das seinesgleichen sucht, dazu dramatische Himmel und tiefe Gerüche, Jane-Eyre-Nebel, Quitten, endlich wieder Tee und wenn die Sonne scheint, palastartigen Glanz.

Und dann.

Statt Karten.

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Manche Erinnerungen bewohnen bestimmte Wörter; und diese Wörter verhalten sich wie Aufklappkarten: sie beherbergen ein Miniatur-Universum, das alle Blicke auf sich zieht. Bisweilen spielen sie Musik ab, in seltenen Fällen sogar Gerüche.

Im Wort „Hannover“ wohnt u. a. meine längst verstorbene Großmutter. Gestern war ich in der realen Stadt und mir fielen – wie immer – mehrere Wörter vor die Augen, die eine Welt nach der anderen öffneten. (Z. B. „Hildesheimer Straße“: An der ringreichen Großmutterhand zu einem Spielzeuggeschäft in einer Seitengasse zwecks Porzellanpuppenneuausstattung gehen).

Meine Großmutter hatte viele Farben (Dunkelblau, Elfenbein, Niveaduft, Dauerwelle, Haarspray). Diese Farben umgaben meine Vorfreude auf sie und schwebten auch um sie herum, während ich bei ihr war. Bei Menschen sehe ich eigentlich keine Farben (im Sinne von einem „Aurasehen“ o. ä.). Bei ihr schon.

Sie war mädchenhaft, vornehm, schüchtern und leicht unterkühlt. Den Herd mied sie nach Möglichkeit, (wie auch Konflikte). Dafür gab es Erfrischungsstäbchen, Geschichten „aus dem Kriege“ und allerhand Besuche bei älteren Damen, z. B. bei einer ganz und gar rosagewandeten Großcousine. Die lebte in einem Bettenturm mit hoch aufgedrehter Heizung, offenem Fenster („Luft!“) und ihrer Tochter, die ihr Leben der langjährigen Pflege ihrer Mutter widmete. Das alles fand ich außerordentlich faszinierend. Ich sollte ans Bett vortreten (unnötig zu sagen, dass meine Großmutter, die Tochter und ich stehen mussten, denn es gab keine Stühle), sie gab eine Audienz und fragte u. a., „was die Schule mache“. Das wollten sie alle stets wissen, die vielen verwitweten („er blieb im Kriege“) Tanten und Großcousinen, die meine Großmutter und ich aufsuchten, damit ich a) erzählen könne, was die Schule nun mache, b) Geld und/oder Schokolade in die Hand gedrückt bekäme („Kauf dir was Schönes“) und c) hören dürfe, wem ich denn ähnlich sehe und wem nicht und woher ich irgendetwas hätte.

Ich durfte allein mit dem Zug nach Hannover fahren und fühlte mich wie eine Dame von Welt, auch wenn ich erst acht war. Wenn ich heute im ICE sitze, der so ganz andere Geräusche macht als die Züge in den 80ern und kein Micky-Maus-Heft lese, und wenn ich dann auch noch die Südstadt besuche, klappt eine Karte nach der anderen auf, und die Bilder vermischen sich mit den Ansagen kurz vor Hannover („Alle vorgesehenen Anschlusszüge werden erreicht“ Oder auch nicht.):

Die Wanduhr, die zu jeder Stunde schlug. Der Besuch bei einer Nenntante, deren doch recht erwachsener Sohn noch bei ihr wohnte. Der Hanni-und-Nanni-Plattenspieler und jeder Schritt auf irgendeinem Teppich (über laute Dielen), denn davon gab es bestimmt 37, vielleicht etwas weniger. Das Himmelbett (aus meiner Sicht, eventuell war es nur ein normales Bett mit hohen Bettpfosten) und ein Balkon, so etwas kannte ich gar nicht, von dem aus man auf Passanten etwas hätte werfen können, was ich natürlich nicht gemacht habe. Der bereits erwähnte Gang „ums Viereck“, täglich einmal an den Maschsee, („um in die Gänge zu kommen“), seltene Spielplatzbesuche („Vorsicht, sowas kannst du machen, wenn deine Mutter dabei ist!“) und Coop-Einkäufe (Blauweiß). Die nahezu unbenutzte Küche mit roten Stühlen, die „gute Stube“ („Oma, das heißt Wohnzimmer“), die Teddybärengeräusche, Fotoalben („erzähl nochmal, wie du Kohlen geklaut hast vom Zug, bitte, bitte, Oma“) und sie: immer im Faltenrock, immer frisiert, regelmäßiges Räuspern (bei ihr: lachsfarben schimmernd) und ihre unzähligen Floskeln, mit denen sie den Tag bestritt.

Es gefiel ihr nicht, dass ich älter wurde („pass auf, dass du nichts Unbedachtes tust“ – „Oma, das nervt“), es gefiel ihr nicht, dass sie älter wurde („Ich bin auch älter geworden“), es gab Unstimmigkeiten über politisches und privates.

Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, dass eine ganze Stadt von ihr und alldem, was sie mir gegeben hat, beherrscht wird. Dass ich keinen Schritt tun kann, ohne dass sie dabei ist und unter ihren Schritten die knarrenden Dielen ihrer Wohnung. Dass sie für immer in jener Wohnung bleibt, obwohl sie noch in eine „Seniorenresidenz“ umzog; dass wir beide nicht älter geworden sind. Dass sie immer noch sagt: „Komm, wir gehen ums Viereck“, und ich schon weiß, es wird mehr sein, als ein Viereck. Dass sie und ich jedes Märchen nachspielen, und dass sie nicht sagt „ich komm da nicht mehr mit“, sondern bereitwillig die Rolle der bösen Hexe übernimmt.

Dass ich längst weiß, dass auch sie diese Aufklapp-Karten mit sich herumtrug, und dass der Krieg weit mehr war als Geschichten für mich.