27 Geräusche, eine Stimme und eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß.

Es wurden viele Geräusche eingesandt und ich bedanke mich sehr dafür. Über jedes Geräusch könnte ich ein Buch schreiben, doch dafür fehlt mir heute die Ruhe. Daher folgt nun ein rascher Farbtonwechsel. Sollte ich ein Geräusch vergessen haben, bitte ich um Nachsicht. Sollte ich mich verzählt haben, bitte auch. Nachsicht ist ein schönes Wort, aber jetzt geht es ja um Geräusche, hier:

Das Meer bei Flut bzw. Ebbe vom Strand aus: leiswellig bei Ebbe, spülumspült, kieselgrau, goldlich. Großwellig bei Flut, weißbrausend, diamantenglanzlockig und etwas Petrol, manchmal.

Das Knacken der Trommelfelle bei Druckausgleich: Weiß, wie Sahne, die den grauen Mund aufmacht, auf graubraunem Ohrengrund.

Das Geräusch, wenn man an einer starkbefahrenen Straße entlang geht: Graustrom, weißlinienförmig.

Was beeinflusst die Farbe, die Du beim Musikhören hörst am meisten? Instrument, Töne, Melodie?

Das weiß ich nicht. Musik will ich genießen: in dem Moment, in dem ich genauer hinschaue, verschwindet alles. Meine Musiksynästhesie ist etwas schüchtern.

Blätterrascheln beim Spaziergang durch das Laub: Matschfarben, Gummistiefelfarben, Ich-farben und hellweiß, seidenhaft.

Kullernde Murmeln: graue Löcher auf weißem Grund, Wasserfall.

Stalinorgel: Panikfarben. Beklemmungsfarben. Grausam. Farblich: wie Mortadellastreifen, aber nicht schön, hinter Krieg.

Geräusch des Kühlschranks: Goldschimmer, grauwolkig, eine horizontale Botschaft, die die Küche füllt.

Genussvolles Schlürfen des ersten Kaffeeschlucks am Morgen: vaterfarben. Und eine hellbraune, kellenartige Gestalt.

U-Boot-Ping: porzellanfarben, goldweiß, perlmuttschimmernde Tropfen.

Das Knirschen einer Straßenbahn in ihren Schienen: Zeitungsknisterfarben, grau und weiß mit Sprenkeln.

Das Umblättern auf die nächste Seite einer großformatigen Zeitung: riecht nach Zeitungspapier, nach Kaffee, alles schwappt über den Küchentisch in die Nase. Flappfarben ist es, weichgrau, weißlieb und geborgenheitsfarben.

Das Kratzen der Grammophonnadel auf einer Schellackplatte: Weißes Schwert auf schwarzem Boden, Tiefe.

Den Laut, den man beim Umschlagen des Ein- ins Ausatmen erzeugt: grauweiß auf Nasengrund, hellfreundlich, Atemglücksfarbe.

Das Quietschen vom Stift auf dem Whiteboard: gummihaft, weißfroh, wellenhaft.

Der Flügelschlag einer Möwe: hat goldene Weißflow-Elemente, flappfarben, seeluftfarben.

Meeresrauschen: ist ein beständiges graues Wolkenbad.

Das Knarzen eines hölzernen Schiffsrumpfes: baumstammfarben, ein abgebrochener Baum, mit diesen spitzen Resten in alle Richtung und: waltieffarben.

Ein tiefer Klarinettenton: teefarben, ein dicker Mann ist im Bild und etwas Bartfarbenes fällt herab.

Das Rühren in der Kartoffelsuppe: dickfarben, löffelfest, gelblich, apfelmusglasfarben.

Das leise Knistern des Milchkaffeeschaums: das ist schön. Das ist weißlichsilber, badeschaumartig.

Das Platzen von Luftpolsterfolie: das sind kleine Regentropfen aus Luft, die vor dem Auge aufploppen und dann in den Himmel fliegen. Denn das Ganze geschieht vor Himmelsgrund.

Das Geräusch beim Auswickeln eines Bonbons aus Papier: ist eine aufregendweiße Angelegenheit, silberschlangig.

Das Plinggeräusch, das ein Ring an einer Kaffeetasse macht: mutterfarben und teefarben und goldlich.

Statikknistern beim Anspielen einer Schallplatte: das sind Punkte, weiße Punkte, die vor schwarzer Luft tanzen und ausgesprochen hektisch wirken.

Ein tiefer Seufzer, also aus der Innenperspektive, wenn du selbst seufzt: das ist schwierig – lachsfarben, ein wenig grau, ein wenig blaugelb und Meinestimmenfarben, aber die versteckte Version, die, die kaum einer je hört.

Die Stimme von @sasa_s: Nur um Missverständnisse zu vermeiden, nicht er selbst hat darum gebeten. Jemand anders war es. Ich kann sagen, dass die Stimme seltengold ist, auf braunsamtigem Grund (Milchkaffebraun) und sie schmeckt ein wenig vanillig.

Ein leises Uhrenticken: großmutterfarben, geborgenheitsfarben, dazu weißschnell und blaugrau.

Das Essgeräusch beim Verzehr von Schweinekopfsülze: silbermatschig, zischfarben, rosa und laut.

Wenn ich morgens die Augen aufmache: ist das kein Geräusch, ich habe drauf geachtet. Es ist eine Atmosphäre. Und die ist still und es tickt im Inneren, heimelig und leise. Und es ist ein Glück, weil Aufwachen heißt, man lebt und irgendwann eben nicht mehr und deswegen ist es vielleicht doch ein Geräusch, ein kleiner hellwacher Gongschlag.

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I see Graustimmler.

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Auf einem alten Urlaubsfoto: noch ein Graustimmler (oder eine Graustimmlerin). Gleich beginnt er zu speien… und den Nebel zu versprühen. In dem die Wörter untergehen. Die Wortwesen wegschwimmen. Und die Farben versinken.

Bevor ich jetzt melodramatisch werde, möchte ich betonen, dass es auch viele Goldstimmler gibt. Und Roséstimmler. Und andere Stimmler, um die herum der Raum sich aufklart oder blumig wird. Oder rauhfaserfreundlich. Hach, die rauen Stimmen. Die klingen leichtsilber und als hätten sie ein paar dezente weiße Haare, die ihre jeweilige Frisur durchgleiten. Auf die elegante Art. Und die Zigarette schwingt mit, mondän, nicht fluppenhaft.

(Fluppe und Puppe sehen sich übrigens nicht ähnlich, obwohl sie sich reimen. Puppe ist, wie bereits geschrieben, rotschwarzfreundlich und Fluppe ist rotweiß mit einem F, das – natürlich – einen Pony trägt.)

Ein kurzes Statement zu Meinungsstimmlern.

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Manche Tage sind ranunkelartig. Sie brauchen nicht viel Aufmerksamkeit. Ihre Farben gleiten sachte vorbei und keine schreit: “Hier bin ich!” So ein Tag war gestern nicht. Augenlaute Stunden, Farbtumulte, Sprachgewimmel. Meinungsstimmler, die senfgelbes Schweigen nicht kennen, stattdessen speien und viel und alles sagen wollen, gleich und schnell.

Es erschien mir ratsam, mich rasch auf die Ranunkel zu besinnen, die klarweiß schwieg (zumindest am Tag des Fotos, für andere Stunden kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen, wer weiß wann Blumen sprechen und mit wem…). Heute sollte ein Ranunkeltag werden, auch wenn Donnerstag graulila ist. Was gelang – und plötzlich lichteten sich Meinungsschwaden und Stille war zu sehen. Und Stille ist schlicht weiß.

Vielsprechende Graustimmler und die Frage, wie sich ein Leben ohne Synästhesie wohl anfühlt.

IMG_3854 Häufig haben Menschen eine graue Stimme. Und manchmal gibt es Situationen, in denen Graustimmler in einem sehr langen Zeitraum überbordend viele Wörter unterbringen wollen. Das tun auch Gelb-, Rosé,- und Weißstimmler, doch in diesem Text geht es aus aktuellem Anlass um Graustimmler.

Der Zeitraum quillt dann über an Wörtern und Gedanken, Sätzen und Ideen. Punkt und Komma werden nicht untergebracht, Absätze auch nicht, gar Atempausen. Es gibt auch keine Möglichkeit, den Lautstrom zu unterbrechen, weil diese Stimmler dann sagen: „Lass mich ausreden“ und noch lauter werden.

Der Stimmeninhaber (weiblich oder männlich) sieht in solchen Momenten aus wie ein Drache, der diese Wörter ausspeit und sein Gegenüber in einen Wortnebel hüllt. Aus diesem Wortnebel gilt es, sich den Inhalt herauszuklauben. Die Zeichnung zeigt nebenbei auch (leicht überzogen) meine Idee davon, wie sich Menschen, die ohne Synästhesie leben, nun vielleicht diesen Drachenmenschen vorstellen. Ob das Bild diese Vorstellung trifft?

Es ist schwer, mir so ein synästhesieloses Leben auszumalen. Wo wohnen Schneewörter in einem solchen Menschen? Gar Zahlen? Und Jahreszeiten, der Sonntag? Und wenn ein Wort kommt: wie sieht das dann aus? Wo bleibt es stehen? Ich bekomme auf diese Fragen immer nur Antworten, die mir unbegreiflich sind. Da sei nichts. Oder: Schriftart Times New Roman, aber auch nur wenn man sich das Wort bewusst vorstelle. Oder eben: der Inhalt sei schon da. In Gedanken. Wo die Gedanken seien? Im Gehirn natürlich. Ich finde das außerordentlich faszinierend, doch schwer vorstellbar.

Ursprünglich war das Bild farbig. Doch fiel mir auf, dass der schnellgraue Lautstrom nicht nur Wortfreunde und andere Farbwesen verschluckt, sondern auch die gesamte Person in einen grauen Nebel einhüllt. Daher ist es nun grau. Weil ich ja weiß, dass die sogenannte Realität, ihre Bezüge, Konventionen und Gesetze die Kommunikation erleichtern und es nicht angemessen wäre zu rufen: „Pass doch auf, du hast gerade das Wort Brötchen verschluckt!“ versuche ich trotzdem weiterhin, dem hastig dargebotenen Inhalt der Graustimmler zu lauschen und durch den Graunebel den Kern der vielen Aussagen zu ertasten. Auch weil die Person ja auch nichts dafür kann, dass ich den Drachen sehe.

Doch wenn es mir zu grau wird, dann drehe ich mich kurz weg. „Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ könnte unter Umständen daraufhin in meinen inneren Raum hereinpoltern und das wäre in so einer Situation ein Schreckenssatz und auch der gehört zur Realität, allerdings doch eher zu der von Kindern.

Wer übrigens niemals grauen Nebel von sich stößt sind Frauen mit Milchreisstimmen. Daher halte ich mich ausnehmend gerne in Änderungsschneidereien auf. Auch weil es einen gewissen Nervenkitzel beinhaltet, an den bestimmten Dingen vorbeizuschauen, deren Namen ich nicht mal nennen kann (man nutzt sie, um Kleidungsstücke zu schließen und es handelt sich dabei nicht um einen Reißverschluss).

Farbstreifen, die über Musik liegen.

England Mai10 209  Die von mir bezüglich Brahms beschriebenen Farbstreifen sehen manchmal so aus, wie das Bluebell-Blau, das diese Wiese durchzieht. Bluebell-Blau ist ein Wort, das meinen inneren Raum mit seinem hellen (dann doch tatsächlich mal) Blau und auch lieblichen Lavendeltönen zum Klingen bringt.

Wenn man sich vorstellt, dass dieser Wiesenausschnitt vor einem englischen Landhaus – ach, dieser Satz wird zu lang und verschachtelt werden, ich fange nochmal neu an. Dieser Wiesenausschnitt ist von seiner Räumlichkeit her vergleichbar mit dem inneren Raum.

So wie beim Musikhören. Man müsste nun Tränen in die Augen bekommen und das Foto verschwommen sehen. Fast schon verpixelt. Mit Tränenklecksen (hellgleißend). Und der Streifen Blau wäre dann die Stimme von jemandem, der singt. Wahlweise auch ein Saxophonstrom oder so ähnlich, es käme aber hier jedoch auf die Klangfarbe und den Anschlag an.  Möglicherweise wäre es Jazzmusik.

Wenn man sich all das vorstellt, dann wäre man ein (herzlich willkommener) Besucher in meinem inneren Raum.

Variationen von Sprache: Lang lebe Könich Dialekt!

Es ist an der Zeit, sich verschiedenen Variationen von Sprache zuzuwenden. Dialekte, Betonungen und Akzente lassen Wortfreunde in neuem Licht erscheinen, verleihen ihnen Schmuck, Prunk oder ziehen sie wüst in den Keller hinunter und machen sie gramgrau.

Beginnen wir mit dem Akzent. Der Akzent kann sich z. B. durch ein gerolltes R ausdrücken. Ein solches R gibt dem Wort einen kleinen Triller. Und Triller sind Frauen mit Locken. In den meisten Fällen sind die Triller dann grauschwarzweiß und geben dem Wort etwas lieblich-rundes (schon wieder Mars-Venus-Alarm…), etwas Mildes, und es ist dringend ratsam den Kopf in den Schoß eines Wortes mit gerolltem R hineinzulegen, wenn es einem einmal nicht so gut geht. Wenn es dann noch von einer polnischen Frau mit Milchreisstimme gesagt wird, ist ein sanftes Wegdämmern unumgänglich.

Wo wir gerade dabei sind: Ein englischer Akzent färbt alles ein wenig himmelblauweiß ein. Ein französischer Akzent hingegen lässt Sprache sanft erröten.

Nun zum Dialekt. Es gibt Menschen, die sagen: Kürche. Statt Kirche. Während Kirche ein liebegelbes Wort ist mit einem dreieckigen Lockengesicht mit grauen Anteilen, ist Kürche durchzogen von einem zwar dezenten, doch klar sichtbaren und naturgemäß etwas nervigen Süppchen-ü-orange. Darüberhinaus gibt es Regionen, in denen der Könich König genannt wird. Der Könich ist ein freundlichoranges Wort mit strahlendsonniggelben Flecken. Im Hintergrund ist darüberhinaus eine Königshandpuppe aus meiner Kindheit zu sehen. Sie schielt keck und von einer Erwachsenenhand bewegt zwischen den Buchstaben hindurch. Das weichweiße ch am Ende verwandelt das Wort in einen liebenswert sympathischen Kumpel trotz der unbezweifelten Würde des Amtes.

Der König sieht ganz anders aus. Der ist geschlossen und hat durch diese vornehme Aussprache ein wenig Gallensteinanmut an sich, ist er doch mit Smaragden und Sapphiren behängt durch das G am Ende. Es glitzert und funkelt, ist aber eben nicht so zutraulich und volksnah wie der sonnigliebe Könich.

Und was ist mit Betonungen? Nehmen wir einmal an, ein Wort wird etwas unkonventionell betont. Beispielsweise Osterei. Gemeinhin wird die erste Silbe betont. Das Oster wird dadurch sehr lilagraudominant. Das Ei ist gewohnt cremefarben und tritt in den Hintergrund. Wenn man jetzt einmal den Schalk im Nacken hat und Osterei ruft, mit der Betonung auf der letzten Silbe, dann wird das Ei schlagartig groß, überdeckt stiefelförmig das Oster fast bis zur Unkenntlichkeit.

Ähnlich ist es mit Abkürzungen, z. B. SMS. Das ist ein grünlichbeiges Wort, das stringent zur letzten Silbe führt. SMS, wie der Schweizer ganz ohne Schalk zu sagen pflegt, sieht anders aus. Viel gelblicher und das Anfangs-S ist größer und das gesamte Gebilde neigt sich nach links.

Zu den gramvollen Kellerverwandlungen kommen wir ein andermal. Ich für meinen Teil muss mich noch erholen von meinem schaurigen Beitrag zu Synästhesie und Mode, dem vielfach erwähnten Chlamydiendilemma und den äußerst mundfeinen anderen Wörtern, an denen besser seitlich vorbeigegangen wird.

Könich Dialekt.
Könich Dialekt.

Staubsauger & friends

Die Stimme eines Staubsaugers ist ein zarter Strom aus einem geschmackvollen Hellgrau und Weiß. Ähnlich wie die eines Föhns, wobei sich bei dem manchmal ja noch etwas Schrilles mit hinein fügt. Zumindest bei kleinen Föhns. Die klingen wie die kleineren Hunde – schrillgleißendes Gelb ist schnell dabei.

Ein Handrührgerät macht Wellengeräusche. Wenn es gegen die Schüssel kommt, geht der Farbstrom nach oben. Dann wird es schwärzer als vorher. Ansonsten klingt es meist graurosè.

Die Kaiserin unter den Haushaltsgeräuschen ist die Nähmaschine. Das feudale Tannengrün, das sie von sich gibt, mit goldenkrönenden Wellenbewegungen ist so viel schöner als z. B. das Schleudern der Waschmaschine (einfach nur schwarzdumpf mit Flecken).

Die Geschirrspülmaschine hingegen ist weitaus bescheidener, nämlich geborgenheitsfarben. (Geborgenheitsfarben: blaugrau, rosa Strom darin, hauptsächlich grau, sanfte Wellen, beruhigend, schaukelnd.)

Es gibt auch einige Haushaltsgeräte, die sind sehr nützlich, doch machen Grellkrach, z. B. ein Pürrierstab und eine Bohrmaschine. Da schaue ich lieber nicht so genau hin, aus dem Augenwinkel betrachtet ist etwas Orange dabei. Und wenn Orange dabei ist, stimmt bekanntlich (meistens) irgendetwas nicht.