Tastatur trägt Kinderbuchkostüm. Oder: Nur für Erwachsene.

Vor einigen Jahren dachte ich schon einmal, dass es unbedingt notwendig sei, über Synästhesie zu schreiben. Doch da mir das Blogformat mit seinen eigenen Gesetzen noch nicht bekannt war, erlag ich der Annahme, es müsse ein Kinderbuch sein. Es ging um Wochentage, die einem Mädchen erscheinen und seine Freunde werden. Ich erweiterte den Montag (einen mittlerweile sicher bekannten schwarzlilamanteltragenden Herren) um folgende Eigenschaften:

  • Er aß gerne Mettbrötchen.
  • Er ging gerne einkaufen, weil die Läden ja wieder aufhatten.
  • Er spielte gerne Skat mit Dienstag und Mittwoch.

Soweit, so gut. Der Rest jedoch wurde eine fürchterlich traurige Geschichte. Das einsame Mädchen, das beginnt, mit Wochentagen zu sprechen – aus der Not heraus. Nicht, weil es lustig ist. Montag und sie gingen einkaufen, er probierte lila Stiefel an. Ich hörte trübsinnig nach zwei Seiten auf, zu schreiben.

Der Fehler, sagt eine treue Leserin, lag damals darin, dass ich dachte, es müsse ein Kinderbuch werden. Und Kinderbücher seien eben eine bestimmte Textsorte, die mich offenbar sehr eingeschränkt habe.

Sie hat recht. Ich hatte meiner Tastatur das Kinderbuchkostüm übergezogen. Und da ich in einer Zeit groß wurde, in der Kinderbücher oft von tiefer Traurigkeit oder auch großen Katastrophen durchzogen waren, von pausewangschen Drohgebärden in Form von Wolken und Schlündern – oder auch von noackschen abwärts fahrenden Rolltreppen und härtlingsch abhauenden Theos – dachte ich, es müsse tiefes Unglück mit von der Partie sein. Einsamkeit geradezu. Wenn schon kein Reaktorunfall.

Und über Pferde wollte ich nicht schreiben, Bille und Zottel, ihr lustiger Freund, das war das Gegenteil vom Schlund.Mein Kinderbuchhimmel, jedes einzelne mit Rasenmähen verdient. Aber das hätte ja jetzt wenig mit Synästhesie zu tun gehabt.

Wie gut, dass ich mich gegen ein Kinderbuch entschieden habe. Es ist bedeutend unterhaltsamer, ein Blog mit Wörtern zu füllen, die ihr Format selbst finden, als mich mit Korsettsätzen zu quälen und einer Botschaft an Kinder. Überhaupt, Kinder und Synästhesie ist sowieso eine heikle Geschichte, weil Wahrnehmung – wie bereits erwähnt – eine taumelnde Gazelle ist.

Vielleicht wäre das eher eine Idee: ein Buch über die taumelnde Gazelle namens Wahrnehmung zu schreiben. Doch auch das wäre vermutlich eher etwas für Erwachsene.

Großes Glück – Krawattenwort gefunden!

Nach meinem Aufruf „Dringend gesucht: ein Krawattenwort“ kamen viele Zuschriften auf verschiedenen Kanälen mit Wörtern. Herzlichen Dank für das Bemühen, ein Wort zu finden, das in meinem Kopf Krawatte trägt.

Es gab Wörter aus dem wirtschaftlichen Bereich, wie Innovationsprozess und Banker, aus dem medizinischen Bereich, wie Steißbeinfistel und Mandelentzündung, auch Wörter wie Flaschenhals, Politiker, Loriots Schlauchschnut und Auslegeware, aus dem Bereich Pflanzen der Knöterich und auch noch der Spruch „um Kopf und Kragen“. Es gab noch mehr – doch diese Auswahl soll genügen.

Ich bekam zudem das Wort „Erfahrungshorizont“ gesendet und stellte bei der Gelegenheit freudig fest, dass „Horizont“ Fliege trägt. Das war eine große Überraschung und mir bis dahin nicht klar gewesen. Wie es sich gehört ist die Fliege, ordentlich gebunden, am Anfangsbuchstaben befestigt. So auch bei „Ingolstadt“, einem Wort, das mir von einer treuen Leserin übergeben wurde. Ingolstadt trägt eine Fliege und kurze Hosen mit Hosenträgern. Dazu eine Prinz-Eisenherz-Helmfrisur.

Das Wort „Innovation“ musste ich mir immer wieder anschauen. Es ist hellblau, grau und weiß. Auf jeden Fall trägt es am Anfangsbuchstaben etwas Weißes, rautenförmiges. Das könnte ein hanseatisches Halstuch sein – es könnte aber auch eine Krawatte sein.

Und dann schickte mir Wanja ein Wort. Sie habe spontan an dieses Wort gedacht: Partikel.

Und – ich sah es in diesem Fall sofort, ohne Zweifel, ohne hansatische Verdachtsmomente – Partikel trägt Krawatte! Am „P“. Es ist ein weibliches, hellblauweißes Wort mit schwarzen Streifen, dessen Gesicht im Profil zu sehen ist. Und eindeutig trägt sie Krawatte.

So war ich sehr beruhigt und wollte gerade schon verkünden: „Krawattenwort gefunden!“ – da kam noch die Einsendung einer Synästhetikerin, die Wörter „nur“ bunt sieht, ohne menschliche Eigenschaften, und dennoch erschien mir ihre Liste als Ergänzung sehr interessant:

Duftstoffe
Mechathroniker
Konsequenzen
Rasenmäher

Es sind sehr hübsche Wörter, die Manschetten tragen, Lockenprachten besitzen, sogar ein Klavier ist im Hintergrund – doch Krawatten sind nicht zu sehen.

Das braucht mich jedoch nicht bekümmern, denn ein weibliches Wort, das Krawatte trägt, das ist so bezaubernd – mehr brauche ich nicht zum Krawattenwortglück.

Dringend gesucht: ein Krawattenwort!

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Manchmal wollen Wörter Hummeln sein. Und manchmal wollen Wörter offenbar unentdeckt bleiben. Seit Tagen suche ich ein Wort, das Krawatte trägt. Denn, wie die Leserschaft vielleicht schon weiß, tragen viele Wörter Ponyfrisuren und Anoraks. Warum nicht auch Krawatte? Eventuell trägt “Innovation” Krawatte, vielleicht auch “Feldmaus”, zwei Wörter, die ich bereits geschenkt bekam. Doch leider bleibt das, was um deren Hals hängt, unscharf vor meinen Augen. Es könnten auch Halstücher sein.

Da bei der Ordinal Linguistic Personification, meiner vorherrschenden Synästhesievariante, Inhalt und Erscheinung des Wortes selten zusammenhängen, kann es irgendein Wort sein.

Daher würde ich mich über Wortvorschläge sehr freuen, die gerne hier einzureichen sind.

Wer mir ein Krawattenwort schenkt, bekommt mindestens einen Platz in meinem synästhetischen Herzen, denn: ich wünsche mir so sehr, endlich eines zu (er-)kennen.

There’s no aphrodisiac … like words, my Love.

Manchmal fallen Sätze aus dem Nichts über einen her, mit Vorliebe auch Liedzeilen aus einer Vorzeit, so kürzlich bei mir: „Truth, beauty and a picture of you“. Ich möchte nicht über aphrodisierende Einsamkeit schreiben, wohl aber über die erste Zeile des Textes von The Whitlams „No Aphrodisiac“:

“A letter to you on a cassette/ ‚Cause we don’t write anymore”.

Wie Sprache sich ihren Weg sucht – darum soll es in diesem Text gehen.

Es ist aus heutiger Sicht geradezu rührend, dass sich damals darum gesorgt wurde, dass man Kassetten mit Herzwörtern bestücke, statt Briefe zu schreiben. Das zeigt, dass –  wo immer Wörter hineingelegt werden – zu jeder Zeit in der Welt daran gezweifelt wird, ob es gut sei, dass man nicht mehr z. B. einen Reiter mit der Nachricht losschicke, sondern sich auf die unpersönlichere Postkutsche verlasse.

Falls dem so war. (Historisch versierte Menschen mögen mir verzeihen).

Mir ist es gleich, in welchem Gewand die Wörter ihren Adressaten finden. Wichtig ist doch nur, dass sie mit Bedacht gewählt sind, Liebe oder Liebes vermitteln und den anderen innerhalb eines angemessenen Zeitraums erreichen. Ich habe in meinem Leben sowohl schon bei einer Kurznachricht Herzrasen bekommen (unbedenklich wohliges) als auch beim Empfang einer Karte, gar eines Briefes. Die Wörter fanden in mir Klang, egal wie sie kostümiert waren.

Manchmal hat die Kürze einer Mitteilung auch besonders viel Klasse. Wenn jemand in der Lage ist, in vier Worten das Universum der Gefühle zum anderen zu beschreiben, ohne auf das schöne, doch schlichtgelbe Wort Liebe angewiesen zu sein, dann gibt es einen Schlag Schmetterlinge in die Magengrube, von der sich erst einmal erholt werden muss. Zumindest geht es mir so, und es passiert mir immer wieder. Auch nach vielen Jahren einer Liebe.

Erholen muss sich die Leserschaft jetzt sicherlich auch von allzu vielen Einblicken in mein Privatleben. Schnell muss etwas Globaleres her, z. B. Handtaschen. Zu allen Zeiten trugen Menschen Handtaschen: meist wohl weiblichen Geschlechts (die Menschen, nicht die Taschen), was ich nicht verstehen kann; und wäre ich ein Mann, dann würde ich auf eine bestehen; denn wie sonst trägt man seine Siebensachen mit sich herum? Und egal, wie sie aussehen und aussahen – schon immer dienten sie dem Transport von Taschentüchern, Zuckerwerk, Beuteln mit ominösem Inhalt und Krümeln. Und genauso verhält es sich mit den Wörtern.

Schnurschönes empfangen und Gallensteinfarbiges vermitteln – das sollten wir tun. Egal in welcher Handtasche.

Die vierte Kugel.

Menschen sind unterschiedlich. So auch Menschen, die mit Synästhesie leben. Keiner sieht die Welt wie der andere. Ob mit oder ohne Synästhesie: die Art, wie wir die Welt wahrnehmen ist einmalig. Wenn ich sage: „Das Wort XY ist blau mit weißen Säulen“, dann ist das nur in meinen Augen so. Wenn ich nun also bekanntgebe, dass jegliche Eissorten, außer bestimmten Standardkugeln, zu laut oder/und zu neonfarben schmecken, dann ist das – wie alles hier – eine rein piksynästhetische Aussage. In einem Eis-Etablissement greife ich – je nach Kugelmenge – zu den folgenden Sorten, die hierarchisch sortiert sind:

  • Stracciatella
  • Zitrone
  • Schokolade

Sollte ich einmal vier Kugeln bestellen, einfach nur, um den Gesichtsausdruck der Eisverkäuferinnen (zweifelnd, ungläubig, mich kritisch bis abschätzig musternd) oder den der Eisverkäufer (begeistert, anerkennend, mich wohlwollend bis wohlig musternd) zu sehen – dann nehme ich noch Waldmeister, wegen der Farbe, lasse davon das meiste aber im Becher zurück. Ich lerne nicht dazu.

Es gibt Tage, an denen ich denke, alles muss anders werden, ich darf nicht so festgelegt sein. Flexibilität! Spontaneität! Mut! Zum Frisör gehen wäre in so einem Fall wesentlich riskanter, als z. B. Melone-Eis zu wählen. Doch jedes Mal, wenn ich mich selbst motiviere, etwas anderes zu nehmen als die o. g. drei Sorten, dann bin ich entsetzt. Die sind so grell! Sie ecken im Mund an – sie schmecken nicht wie Stracciatella, Zitrone, Schokolade! Sie schmecken nicht einmal wie Schnee – (nicht so wie die vielen K-Wörter!). Lieber verzichte ich auf die geschlechtsspezifischen Gesichtsaudrücke, als dass ich mir das antue.

Die aufmerksame Leserschaft wird bemerkt haben, dass ich bei Eis aus entsprechenden Etablissements recht leidenschaftlich werde. Nicht so ungestüm bin ich bei Eis aus dem Supermarkt. Da nehme ich gerne Edles von einer Marke mit zwei englischen Jungennamen. Außer natürlich etwas mit Erdbeer (zu aufdringlich) oder mit Banane (zu abgestanden).

An einem geldgebeutelten Tag entscheide ich mich auch für etwas im Schmalhanssinne, das immer schon gut war: es fängt mit V an und besteht aus Eis in Zartschokoschichten. Da erwerbe ich ausschließlich das mit Vanille! Klar! Denn das ist nicht zu gleißend auf der Zunge.

Eventuell bin ich doch auch bei Supermarkteis heißblütiger als ich dachte. Schwierig finde ich, dass Eis so kalt ist – am liebsten esse ich es leicht angetaut und mische alle Sorten zu einem soßenartigen Eisbrei. Das Wort „Eisbrei“ ist übrigens weniger schön, als das Ding an sich geschmacklich aussieht. Optisch natürlich weniger.

Das alles klingt komplizierter als es ist. Jeder, der mich kennt, kann für mich jederzeit an jedem Ort der Welt Eis besorgen, während ich einen geeigneten Sitzplatz finde. Und der befindet sich weit weg von speienden Wolken allzu lauter Graustimmler, von schreienden Geruchsfarben und muss außerdem freundlichfarben sein, von allen Seiten.

Wörter wollen Hummeln sein.

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Was sind schon Wörter? Fragte ich mich während der Sommerpause. Ach, sie sind so viel, sie sind manchmal alles. Antwortete meine Sehnsucht. Oder sollte ich es “Sehsucht” nennen?

Ich werde schwach bei schönen Wörtern; ich pfeife ihnen hinterher. Ich verhalte mich ihnen gegenüber recht zudringlich, weil ich sie in meinem inneren Raum auf die Bühne stelle und sie mir genüsslich anschaue. Ist das Liebe? Oder Leidenschaft? Obsession? Eine kleine harmlose Angewohnheit? Oder alles?

Eine Zeitlang ließ ich sie in Ruhe. Ich zerrte sie nicht in die Öffentlichkeit, um sie bestaunen zu lassen. Doch da ich Synästhetikerin bin (und mehr), konnte ich nicht von ihnen lassen. Sie sind so viel – und sie tauchten in den schönsten Gewändern auf, z. B. in griechischen. Und so entstanden neue Farben, obwohl ich doch gerade eine Pause von ihnen machen wollte.

Rilke – ach, Rilke. Ringelnatz. Rimbaud – und, hach, seine farbigen Vokale. Richard III und sein Königreich für ein Pferd. Alles Herren mit “Ri”. Wörterbücher, Reiseführer – Leerzeiten. Im Leerlauf wurden alte Wörter hochgeschäumt. Das 90er-Grün tauchte auf und mit ihm Erinnerungen. An Namen. An Zeiten, in denen wir uns Briefe schrieben. Also – Briefe anschauen. Auch die sind voller Wörter und ich verstehe sie besser – heute – denn ich bin nicht mehr 17.

Und ich fragte mich: wie konnte ich mich auf manche der Wörter einlassen? Was sind schon Wörter? Verführerisch können sie sein. Wenn jemand schöne verwendet, dann muss es ein guter Mensch sein, denke ich zu schnell. Ist das eine synästhetische Falle? Nein – es ist die Gefahr für jene mit vielleicht etwas zu viel Freude an der Sprache und ihrem hübschen Antlitz.

Es sollten nicht immer die Wörter sein, die uns für jemanden entflammen – es sollten die Gedanken sein. Es braucht auch Blicke (oder zumindest Seelenblicke) – und diese Momente des Streifens. Wenn man gemeinsame Werte hat, dann findet man auch gemeinsame Worte. (Bevor ich jetzt weitere Kalenderspruchgedanken entwickle, sollte ich lieber den Koffer ausräumen).

Auch während meiner Sommerpause äußerten sich Dompfaffe höchst unkritisch über den Balkonlavendel. Ihre Stimmen – wie hätte ich sie nicht sehen können? Der feine Unterschied lag darin, ihre Farben eine Weile für mich zu behalten. Denn das kann eines der Geheimnisse zur Erhaltung ihrer Strahlkraft sein.

Letztlich wollen auch Wörter einmal Hummeln sein. Der Fotografin entwischen. Was bleibt, sind Blattläuse auf Kornblumen im Fokus der Kamera. Und die wären mir nicht aufgefallen, wäre die Hummel nicht nahezu verschwunden.

Und das ist in meinem Wertesystem eine der Definitonen von: Urlaub.

Etwas über Behaarung. Wenig über Synästhesie. Viel in Wir-Form.

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Aus sprachschönen Gründen ist der folgende Text in der „Wir-Form“ abgefasst. Wer sich nicht mit den Inhalten identifiziert, möge sich sanft und freundlich aus dem „Wir“ herausnehmen und einfach zuschauen.

Perfektion ist ein sehr, sehr popelfarbenes und beiges Wort. Merkwürdig, dass wir dennoch perfekt sein wollen. Selbst in der Unvollkommenheit sind wir vollkommen – das, was wir nicht können, machen wir – wenn es sich dafür eignet – zu unserem charmanten Erkennungszeichen. Das andere verstecken wir hinter der Fassade.

Es gibt natürlich die Dinge, die unberührbar vollkommen sind, siehe das Geigenspiel von bestimmten Virtuosinnen. Bloß – haben wir sie deswegen mehr lieb? Ist es nicht eher so, dass wir beruhigt sind, wenn wir ihr Atmen hören, z. B. auf einer alten Aufnahme? Weil wir dann wissen, dass auch sie leben, dass sie atmen und auch – bei aller Liebe zur Musik – vielleicht sogar gelegentlich die Toilette aufsuchen müssen?

Oder: dieser „crunchy“ Sound der Platten und – ach, wenn die Plattennadel ihre Spur finden möchte. Das alles gibt – aus synästhetischer Sicht – so viel mehr Farbglanz her als Vollkommenheit.

Apropos Glanz: dieses haarlose Dasein. Wohl dem und wohl der, die sich davon nicht beeindrucken lässt. Wir anderen folgen einem Diktat der Glattheit – mehr oder minder stark und weitflächig bzw. weitwinkelig ausgeprägt. Nicht einmal Stoppeln gibt es mehr zu sehen.

„Aus Gründen der gepflegten Ästhetik!“, ruft jetzt vielleicht die aufgebrachte Leserschaft im Chor (obwohl – während ich die Leserschaft immer als eine Gruppe vor mir sehe, so sitzen und stehen sie vermutlich doch eher vereinzelt in der Weltgeschichte herum beim Lesen und nicht versammelt vor einem riesigen Monitor). Bevor meine Leserschaft nun beginnt, über meinen „Pflege“-Zustand zu fantasieren, möchte ich uns alle fragen: Wer bestimmt, was Ästhetik ist, und sind wir überhaupt noch dazu in der Lage zu beurteilen, ob wir das beurteilen können?

Was an diesem Thema synästhetisch (und mehr) ist? Ganz einfach: Das Leben wird farbloser, wenn es gleicher und glatter wird. Das erkannte ich, als ich einmal eine Frau traf. Sie trug ursprünglich rasierte Achseln, doch es bildete sich schon ein grauer Schatten. Diesen Grauschatten sah ich, weil sie den Arm leicht zurücknahm, da sie für einen Moment gänzlich selbstvergessen war. Ein kurzer, unvergesslicher Einblick in eine Privatheit, der nachdrücklicher in meiner Erinnerung blieb, als das, was sie sonst über sich erzählte.

Ein Grauschatten, ein Atmen, ein Husten, ein Versprecher, ein Rechtschreib“fehler“, ein Komma, das fehlt, ein Ich, das sich sucht, ein Fleck, Stoppeln, Haare, ein Weg, der noch nicht eingeschlagen wurde, eine Hautunreinheit, ein verschüttetes Bier, ein Körper, der einfach dient und nicht gemessen und beurteilt werden möchte, eine Farbe, die noch nicht richtig passt, ein Wort, das nicht perfekt platziert ist und noch auf seine Bestimmung wartet, ein Baum, eine Palme, die gestützt werden muss, all das ist weder perfekt noch popelfarben.

Es ist jedoch das, was Augenblicke veredeln und Spuren in Gedanken hinterlassen kann. Was Begegnungen unvergesslich macht und was zeigt, wer wir eigentlich sind: unperfekte, liebenswerte Wesen mit Haaren, Haut und unseren einzigartigen Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen, Düften und Körpern.