Autumn colours.

England 2009 222

Über den Herbst schreiben, rasch über den Herbst schreiben, bevor der Nachmieter Winter zur Wohnungsübergabe kommt und sich beschwert: „Hier! Renovieren! Umdekorieren! Schnell! Weg mit der rotgoldenen Tapete und überhaupt, wie sieht das hier aus!“

Das Problem: Das Wort „Herbst“ beinhaltet die Buchstabenkombination „bs“, die den anderen Horrorkonsonantengeschwistern gleicht. Das Wort wirkt dadurch ein wenig abgestanden. Es ist gelbbraun und rot, das ist keine Überraschung, es hat Bäume, die aus den H-Säulen hervorgehen, auch das ist naheliegend. Und es verschwindet immer wieder von der inneren Wortbühne; ich gebe mir keinerlei Mühe, es zum Bleiben zu überreden.

„Autumn“ hingegen könnte ich mir tagelang anschauen, dunkelblau ist es, rot, mit Anorak und dunklen, langen schwarzen Haaren. Und die exzentrischen Freunde “mn” sind jederzeit herzlich willkommen, ich biete ihnen Drinks an, was sie wollen.

Im Unterschied zum Wort gibt es natürlich den Herbst als Teil des Jahres, an den ich denke, wenn ich z. B. einen Urlaub plane oder wehmütig den Sommer festhalte.

Die zeitliche Einheit „Herbst“ wohnt in einem der oberen Stockwerke (kurz vorm Ende des vertikalen grauen Jahresstrahls) und leuchtet. Herbst ist eine Frau mit dichtbraunem, schulterlangem Haar. Sie trägt einen violetten Pullover und eine braune Cordhose. Um sie herum leuchtet es rot, braun, blattgoldfarben, vermodert, moosgrün, orange, hellhimmelig. Laub ist zu sehen, viel Laub, Baumstämme, die säulenhaft den Himmel über der Jahreszeit stützen.

Dieses Bild wird abgerufen, wenn jemand sagt „Bald ist ja schon wieder Herbst“. Das Bild und leider auch das Unbehagen über die Geschwister “bs”.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, dass der Herbst ein sich aufbäumendes Laubfarbspektakel bietet, das seinesgleichen sucht, dazu dramatische Himmel und tiefe Gerüche, Jane-Eyre-Nebel, Quitten, endlich wieder Tee und wenn die Sonne scheint, palastartigen Glanz.

Und dann.

Gepunktet in die Pause.

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Wörter mit Umlauten können derart liebreizend sein, dass ich sie unentwegt herzen möchte. Die meisten sind nämlich gepunktet. So heben sie sich von den vielen cremefarbenen, beigen, steingrauen und anderen Wörtern deutlich ab. Selbstredend sind es nicht nur zwei Punkte. Das wäre ja geschummelt, bzw. wenig erwähnenswert, denn zwei Punkte sind bei Umlauten inklusive. Nein, es handelt sich um das klassische Muster „Gepunktet“.

Richtig wild wird es bei Wörtern mit mehreren Umlauten.

  • Frühblüher: Punkte, wohin das Auge schweift. Und alles in Pfirsichfarben und hellem Grün gehalten, insgesamt lichtdurchflutet. Die Punkte sind weiß und grau.
  • Ölgemälde: Punktflut; „Öl“ ist eher grünlich und „Gemälde“ grauhellblau mit weißen Tupfen.
  • Übeltäter: Das Ü hat selten Punkte. Es ist zu orange, siehe Süppchen. „Täter“ ist in diesem Zusammenhang das graue Echo des Übels. Mehr nicht.
  • Präzise: Über dem hellblauen „ä“ sind weit entfernt, im Nebel des Buchstabenumfelds, weiße Dinge zu sehen, Punkten nicht unähnlich. Jetzt fällt mir auf, dass „präzise“ weder mehrere Umlaute hat, noch besonders gepunktet ist. Ganz anders als:
  • Überhöhung: Da produziert das „Ü“ wieder ein so lautes Orange, dass die sachten Punkte untergehen. Und dennoch ist ihr Echo zu sehen – sie rufen: „Wir sind Punkte!“ bevor sie im Strudel Orange untergehen.

So dramatisch sollte es nicht enden. Zum Glück gibt es auch grundsolide Umlautinhaber wie „Flöte“, die schlicht lachsfarben sind, Halstuch tragen und einige große dunkle Punkte im Worthintergrund ihr eigen nennen.

Und mit diesen guten Nachrichten verabschiede ich mich in eine kleine Herbstpause. Es wird wohl keine Frühblüher geben, doch hoffentlich auch keine Übeltäter. Wenn ich dann noch ein präzises Ölgemälde entdecke, bin ich sehr glücklich. Und Glück trägt Punkte, sowieso.

Wer bin ich und wenn ja, welche Farbe?

IMG_4156 Es gibt viele Namen für mich. Meinen Originalnamen natürlich, dazu diverse Kosenamen und Benutzernamen. Je nachdem, wie ich angesprochen werde, ändert sich auch die Farbgebung meiner Person. Nicht meine Identität, das wäre ja höchst beängstigend; doch die Atmosphäre wird in andere Farben getaucht, wenn Sätze mit meinen Kosenamen beginnen.

Mein Originalname ist grün mit leicht blauen und schwarzen Tendenzen. Das J trägt die gleiche Frisur, die ich selbst mit 3 Jahren trug. Pony und halblang. Darunter schauen grünbraune Augenflecken hervor. Wer mich so nennt, begrünt kurzzeitig das Feld um mich herum.

Mein Lieblingskosename im Kontext Liebe ist zartrosa-mildorange. Er wurde für mich entwickelt und das Wort kannte ich vorher nicht. Das P hat ein freundliches Gesicht und im Hintergrund sind lieblich-weiße Punkte zu sehen. Wenn ich so betitelt werde, wird meine Umgebung für den Moment rosé-mildorangefarben und im Hintergrund sind Fontänen zu sehen, die Glück (das übrigens die gleiche Farbe hat wie der Kosename) hervorsprudeln.

Der Kosename von meiner besten Freundin an mich ist ähnlichfarben wie mein Originalname, doch das B ist lieb und schaut wie ein freundliches Pony in den Rest der Buchstaben hinein.

Sollte ich einmal “Schatz” genannt werden, dann wäre das ein knisterndes, zeitungsfarbenes Wort.  Liebling wäre gelbhellblau und hätte beim schwesterngeborgenen L eine Sonnenbrille auf der Nase. So sähe dann auch kurz um mich herum die Welt aus. Und wird jemand anders so gerufen, ist auch dieser Mensch für einen Moment in diese Farben eingewickelt und wird vom L durch die Sonnenbrille hindurch freundlich betrachtet.

Läuft bei dir.

Fotokurs28.1 169 “Läuft bei dir” wurde zum Jugendwort 2014 gewählt, was an mir gänzlich vorbeigegangen ist. Die Aussage ist laut STERN ein Synonym für “cool” und “Du hast es drauf”. Letzterer Satz wird in meiner Welt eher mit ironischem Unterton versehen, doch “Läuft bei dir” soll wohl vollkommen unironisch verwendet werden. Im Gegensatz zu Platz 2: “Gönn dir”, das sowohl ehrlich als auch ironisch gemeint sein kann, wovor der STERN eindringlich warnt.

„Läuft bei dir“ schimmert hellgrau, hellblau und hat leicht gelbliche aber noch mehr weiße Anteile (bei den Punkten über dem Ä).

Aus folgenden synästhetischen Gründen finde ich “Läuft bei dir” sehr ästhetisch:

1. Er ist einer jener Sätze, die sich nicht wie Schnabelsätze verhalten und unaufhörlich bewegen, obwohl die Bedeutung ja eine gewisse Dynamik beinhaltet. Das ist ein reizvoller Kontrast.

2. Es ist ein Panoramasatz, der ganz still hält, mit vielen weißen Flecken um das graue L herum und mit einem weiten, grauen und himmelblauen Hintergrund.

3. Das L ist grauweiß und schwesterngeborgen schaut es in den Satz hinein. Viele gute und durchaus gebräuchliche Sätze beginnen mit L.

Zum Beispiel:

Lust auf Kaffee?

Lieben? Ich? Dich? Aber selbstverständlich!

Longdrink gefällig?

Lass nur, ich mach das gern!

Langsam, langsam, wir haben Zeit.

Langeweile? Dann war der Urlaub lang genug!

Landunter! Doch wir sind ja hier drinnen.

Laterne laufen? Der Lenz ist doch längst eingetroffen.

Und 4. Das Ä ist mir ja sowieso gewogen.

Läuft bei dir. Läuft bei dir. Läuft bei dir.

Selbst bei mehrerfachem Hintereinandersagen bewegt er sich nicht, der Satz. Das Schwestern-L steht da, wo es immer schon steht. Links im inneren Raum. Unverwüstlich hellgrau mit weißen Flecken drumherum (ob es Blüten oder Tränen sind, ist von hier aus nicht zu erkennen).

Ergänzung: Sagt eigentlich noch jemand „Du Lauch“? Und hat das überhaupt je jemand gesagt?

Über das Ä, über Max Goldt und ohne Zitate.

Was über Max Goldt schreiben. Aus zwei synästhetisch motivierten Gründen:

1. Ein Schriftsteller, der ein Buch mit dem Titel „Ä“ veröffentlicht, sollte selbstverständlich in einem Blog über Synästhesie vorkommen.

2. Er erschafft in seinen Texten eine Welt, die eine eigene Farbgebung aufweist: Moosgrün, leicht türkisches Blattgold, Freitagsgelb und Geborgenheitsfarben.

Zu 1.:

Das umlautige Ä wird gemeinhin als Brückenlaut verwendet: Äh… ja. Äh… genau.

Äh: weiß, blassgrau, brückig eben. Eine ähnliche Farbe hat übrigens ein doppeltes Räuspern.

Doch Max Goldt nennt sein Werk Ä ohne h. Ich werde mich hüten, ihn hier zu zitieren. Lieber schnell erklären, wie das Ä aussieht. Doch vorher zum A, denn wer das A sieht, kann auch das Ä beschreiben.

A: blaurot vor einem weißen Hintergrund.

Ä: ist weißblass mit hellblauen Anteilen. Die Punkte (Verniedlichung vermeidbar, nicht wie bei Eichhörnchen…) über dem A sind schwarz mit weißen Kreisen drumherum. Das Ä ist dem Ö ein wenig ähnlich.

Zu 2.:

Ich würde Max Goldt gerne etwas gallensteinfarbenes schenken, denn die Welt, die er erschafft, ist bevölkert von Begriffen, die synästhetisches und universales Glück erzeugen: z. B. „Die Radiotrinkerin„.

Auch würde ich ihm gerne mitteilen, dass ich froh bin, dass er den „Zauber des seitlich dran Vorbeigehens“ gefunden und benannt hat.  Der Weihnachstmarkt, an dem ich täglich vorbeigehe, ist jedoch der große Markt der Sprache. Da ich nicht bei jedem einzelnen Wort verharren kann, ist es gut, dass die Möglichkeit besteht, auch einmal seitlich an der Ansammlung vorbeizugehen, um ans Ziel zu kommen.

Nun habe ich ihn doch zitiert, welch Frevel, daher zurück zum Ä. Es ist nicht der schönste Buchstabe der Sprache. Er ist aber sehr viel weniger aufdringlich als das bereits erwähnte Ü. Und genau so wenig aufdringlich wie das Ä ist auch die Welt von Max Goldt und hier schließt sich der Kreis von „zu 1“ und „zu 2“.