Über eine Ausnahme, eine Stirn und die Frage, was Ludwig hat.

Es gibt noch einige Farbfragen von Menschen, die ich mag. Insofern mache ich eine Ausnahme – es haben drei nämlich nicht mitbekommen, dass die Namen-Aktions-Wochen-Serie zu Ende ist. So gibt es noch eine kleine Zugabe. Aber dann ist wirklich Schluss! Namen anschauen ist nervenzerfetzend. Ununterbrochen kommen Geschichten hoch über Menschen, die den gleichen Namen trugen und nicht alle diese Geschichten sind Glanz.

Zunächst aber geht es um die nervenberuhigende Anfrage. Marco Herack fragt nach einer  Begutachtung des Ausdrucks „faltenzersteppte Stirn“.

„Falten“: ein rötliches Wort, das F hat einen engagierten Gesichtsausdruck und außerdem sind da dezente Grauerfaltenrockelemente mit im Wort. Das F hat einen Umhang um, drapiert ihn zur Seite hin und eine Nase, die im Profil – ja – einfach engagiert aussieht. „Zersteppt“ ist ein beige-, ocker-, liebegelbes Gemisch mit einem Z, das wiederum das F anschaut  mit einer Nase in die entsprechende Richtung. So als würden sich das F und das Z unterhalten. Worüber sie sprechen? Vermutlich darüber, dass jemand sie aus poetischen Gründen in ein Wort zusammengesteckt hat und sie nun damit klarkommen müssen. „Zersteppt“ ist zudem ausgesprochen dynamisch und tanzt. Kein Stepptanz, das wäre allzu naheliegend, eher so eine Art Volkstanz. Mit einem langen Umhang am Arm und auf einem Parkett. Ohne Partner*in. Eher ganz versonnen und für sich.

Brigitta ist ein Name, der für mich nicht mit irgendeinem vergangenen Gesicht besetzt ist. Wohl aber nun mit dem Gesicht seiner Besitzerin, die die Anfrage stellte. Ihr Gesicht kenne ich zwar nicht, aber sie ist in meinen Augen blond, hat kinnlanges Haar, blaue Augen, eine Brille. Sie ist zierlich und nicht groß. Das B hat ihre Brille auf und schaut verwundert auf den Namen, der nicht wie Brigitte aussieht. Das B ist blond. Das A macht das Wort von hinten aus blaurot, auch wirft es eine Art Schatten über den Namen. Obwohl es eigentlich ein sehr heller, liebegelber Name wäre – wenn er auf „e“ enden würde. Doch durch das A wird der Name tiefsinniger und erhabenfarbener, und man möchte unbedingt mehr über Brigitta wissen.

Thorsten ist ein Name, der schon vielfach besetzt ist. In der Schule gab es einen Thorsten (in der Grundschule, später vielleicht auch, aber der Grundschulenthorsten war eindrucksvoll, weil er der Erste seines Namens war, sozusagen der Initialthorsten). Der Name ist dunkel, fast schwarz, aber hat auch lila und weiße Strukturen. Das T hat ausgebreitete Arme, trägt ein Sweatshirt und das Grundschulthorstengesicht ist auch dabei. (Wenn er das wüsste, wir waren nicht gerade Buddys, aber auch keine Feinde, ich glaube, wir waren einander egal). Der Name hat neben den Farben auch noch weitere Assoziationsketten, die gar nicht synästhetisch sind, doch m. E. nach unterhaltsam.

Ein Thorsten ist jemand, den man anrufen kann, wenn

  1. man ein Bier trinken will.
  2. man zum Sperrmüll fahren möchte mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Thorsten hilft.
  3. man ein Bier trinken will.
  4. die Bohrmaschine nicht geht – Thorsten weiß keinen Rat, aber man kann ein Bier trinken gehen.

Ludwig hingegen. Ludwig ist ein Name mit Locken und rötlich, fast vierzigrot. Ludwig hat auch einen Umhang an – und diese blonden Locken. Das Gesicht ist ins L gebaut und die Nase schaut edel irgendwohin. Ludwig sieht ein wenig wehmütig aus – er schaut immer nach rechts – (von mir aus gesehen) und im Hintergrund ist eine Landschaft zu sehen – eine Wüste, oder nein, eher ein Eismeer. Es ist nicht ganz so gut zu sehen, auch weil ich davon abgelenkt bin, dass ich wissen möchte, was mit Ludwig los ist.

Das war eine kleine Abhandlung zu synästhetischen Fragen von Menschen, die ich mag. Ich möchte jetzt ein Bier trinken gehen, mit Marco, Brigitta und Thorsten und mich mit ihnen darüber austauschen, was Ludwig für ein Problem hat. Ich bin mir sicher, zusammen kämen wir darauf.

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