Über eine Ausnahme, eine Stirn und die Frage, was Ludwig hat.

Es gibt noch einige Farbfragen von Menschen, die ich mag. Insofern mache ich eine Ausnahme – es haben drei nämlich nicht mitbekommen, dass die Namen-Aktions-Wochen-Serie zu Ende ist. So gibt es noch eine kleine Zugabe. Aber dann ist wirklich Schluss! Namen anschauen ist nervenzerfetzend. Ununterbrochen kommen Geschichten hoch über Menschen, die den gleichen Namen trugen und nicht alle diese Geschichten sind Glanz.

Zunächst aber geht es um die nervenberuhigende Anfrage. Marco Herack fragt nach einer  Begutachtung des Ausdrucks „faltenzersteppte Stirn“.

„Falten“: ein rötliches Wort, das F hat einen engagierten Gesichtsausdruck und außerdem sind da dezente Grauerfaltenrockelemente mit im Wort. Das F hat einen Umhang um, drapiert ihn zur Seite hin und eine Nase, die im Profil – ja – einfach engagiert aussieht. „Zersteppt“ ist ein beige-, ocker-, liebegelbes Gemisch mit einem Z, das wiederum das F anschaut  mit einer Nase in die entsprechende Richtung. So als würden sich das F und das Z unterhalten. Worüber sie sprechen? Vermutlich darüber, dass jemand sie aus poetischen Gründen in ein Wort zusammengesteckt hat und sie nun damit klarkommen müssen. „Zersteppt“ ist zudem ausgesprochen dynamisch und tanzt. Kein Stepptanz, das wäre allzu naheliegend, eher so eine Art Volkstanz. Mit einem langen Umhang am Arm und auf einem Parkett. Ohne Partner*in. Eher ganz versonnen und für sich.

Brigitta ist ein Name, der für mich nicht mit irgendeinem vergangenen Gesicht besetzt ist. Wohl aber nun mit dem Gesicht seiner Besitzerin, die die Anfrage stellte. Ihr Gesicht kenne ich zwar nicht, aber sie ist in meinen Augen blond, hat kinnlanges Haar, blaue Augen, eine Brille. Sie ist zierlich und nicht groß. Das B hat ihre Brille auf und schaut verwundert auf den Namen, der nicht wie Brigitte aussieht. Das B ist blond. Das A macht das Wort von hinten aus blaurot, auch wirft es eine Art Schatten über den Namen. Obwohl es eigentlich ein sehr heller, liebegelber Name wäre – wenn er auf „e“ enden würde. Doch durch das A wird der Name tiefsinniger und erhabenfarbener, und man möchte unbedingt mehr über Brigitta wissen.

Thorsten ist ein Name, der schon vielfach besetzt ist. In der Schule gab es einen Thorsten (in der Grundschule, später vielleicht auch, aber der Grundschulenthorsten war eindrucksvoll, weil er der Erste seines Namens war, sozusagen der Initialthorsten). Der Name ist dunkel, fast schwarz, aber hat auch lila und weiße Strukturen. Das T hat ausgebreitete Arme, trägt ein Sweatshirt und das Grundschulthorstengesicht ist auch dabei. (Wenn er das wüsste, wir waren nicht gerade Buddys, aber auch keine Feinde, ich glaube, wir waren einander egal). Der Name hat neben den Farben auch noch weitere Assoziationsketten, die gar nicht synästhetisch sind, doch m. E. nach unterhaltsam.

Ein Thorsten ist jemand, den man anrufen kann, wenn

  1. man ein Bier trinken will.
  2. man zum Sperrmüll fahren möchte mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Thorsten hilft.
  3. man ein Bier trinken will.
  4. die Bohrmaschine nicht geht – Thorsten weiß keinen Rat, aber man kann ein Bier trinken gehen.

Ludwig hingegen. Ludwig ist ein Name mit Locken und rötlich, fast vierzigrot. Ludwig hat auch einen Umhang an – und diese blonden Locken. Das Gesicht ist ins L gebaut und die Nase schaut edel irgendwohin. Ludwig sieht ein wenig wehmütig aus – er schaut immer nach rechts – (von mir aus gesehen) und im Hintergrund ist eine Landschaft zu sehen – eine Wüste, oder nein, eher ein Eismeer. Es ist nicht ganz so gut zu sehen, auch weil ich davon abgelenkt bin, dass ich wissen möchte, was mit Ludwig los ist.

Das war eine kleine Abhandlung zu synästhetischen Fragen von Menschen, die ich mag. Ich möchte jetzt ein Bier trinken gehen, mit Marco, Brigitta und Thorsten und mich mit ihnen darüber austauschen, was Ludwig für ein Problem hat. Ich bin mir sicher, zusammen kämen wir darauf.

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Das Lächeln der Namen.

 

vor Santorini und Santroini 1579

Jede Serie hat ein Ende, so auch die Namen-Aktionswochen dieses Blogs. Zum glücklichen Abschluss gibt es zufällig fast nur Namen, die gut gelaunt sind. Wie immer gilt: es ist das, was ich sehe. Ein anderer Mensch, der mit Synästhesie lebt, sieht die Namen anders. Und: das, was ich beschreibe, entspringt der Ordinal Linguistic Personification, einer Variante von Synästhesie.

(Es erklingt Musik, die mit breiten, zuversichtlichen und leicht melancholischen Pinselstrichen den folgenden Text unterstreicht).

Christoph: ist ein dynamischer Name, mattgelb, mattorange, bräunlich; der erste Christoph, den ich kannte, hat den Namen besetzt. Ein brünettes Kleinkind im liebegelben Jogginganzug. Er sitzt auf einem roten Bobby-Car und schaut sich den Namen an. Davon abgesehen ist das C weiß. Sonniger Hintergrund – dieser Name ist ziemlich gut gelaunt.

Marianne: ein warmer Name, rotlockig, fürsorglich blickt er aus den tannengrünen, mooshaft angeordneten, saftorangenen Buchstaben heraus. Ein tiefes Rot liegt wie Licht über den Buchstaben. Die echte Marianne, die ich Frau W. nannte, schaut lächelnd auf mich herunter. Und ja: sie hatte rote Locken.

Clarence: ist ein hellgraublauer Name. Seine Buchstaben sehen vornehm hochgewachsen aus, das C wendet sich leicht ab und ein Orden ist zu sehen.

Judith: Ich habe mich sehr gefreut, dass Judith “Judith” eingereicht hat. Denn: der Name ist einer der fröhlichsten Namen, die mir je begegnet sind. Es mag damit zusammenhängen, dass ich als Kind eine Judith kannte, die man als „Frohnatur“ bezeichnen könnte, wenn man jemand wäre, der Menschen „Frohnatur“ nennt. Der Name ist rot, weiß, hellblau. Die Buchstaben sind schwer zu sehen, denn das Wortwesen des Namens drängelt sich vor und ist ausgesprochen heiter gestimmt. Es hat hellblonde, schulterlange Haare mit einem Pony. Seine Wangen sind rot und die Augen blauer als der Himmel, sie strahlen mich an. Es breitet die Arme aus und will umarmen. Und: er trägt eine hellblaue Cordschlaglatzhose und ein weißes Leibchen mit rot gesticktem Zickzackmuster. Und erst wenn ich das gesehen habe, dann geht eine Art Vorhang beiseite und die Buchstaben sind zu sehen. Sie sind vornehmlich rot und weiß , das J hat blonde Locken. Das h hinten und auch das I-Tüpfelchen sind weiß.

Caterina: siehe Katharina, nur etwas weißlicher durch das C und in der Mitte ockerfarbener.

katarina (kleingeschrieben): siehe Katharina, nur ohne das Lieblichweiße. Und etwas kleiner. Vielleicht weil das h fehlt.

Tom: ist ein Lieblingsname und sieht aus wie ein gewissenhafter Junge in Latzhose; die ist hellblaugrau und der Rollkragenpullover, den er darunter trägt, ist dunkelblau. Der Name ist brünett, hat lange Strähnen, die über die Augen gehen. Die Buchstaben spielen keine erhebliche Rolle, das T ist die genannte Jungenfigur, das o und das m gleiten aus seinen Armen heraus. Der Name ist übergeordnet tintenblau, der Hintergrund weiß. Manchmal wechselt die Frisur kurz, dann hat Tom braune Locken und keine Latzhose an. Als werde der Name erwachsen. Der Name ist mir begegnet, als ich noch nicht schreiben konnte, daher spielt das Wortwesen offenbar eine größere Rolle als die Buchstaben.

Tristan: war nie an reale Figuren gebunden. Seine Buchstaben sind goldgelb, ein wenig Blau ist dabei, vor allem beim „an“ und der Hintergrund ist weißlich. Das T hat ein sensibles Gesicht mit einem breiten Mund. Es gab in der Serie „Verbotene Liebe“ diesen Tristan, der kein Sympathieträger war. Sein Profil schaut von rechts zu den Buchstaben hin und wirkt etwas gereizt.

Gabriele: ist ein grüngrauer Name und trägt ein Medaillon. In Teilen wirkt er marmoriert. Der Name hat eine entfernte Frisur, die dunkler ist, vermutlich mit ersten grauen Streifen – ich kann sie nicht gut erkennen, weil der Name sich weit links im Raum aufhält und etwas sucht, bzw. etwas hin- und herräumt.

Sonja: ist ein Name mit zentralen Strahlen. Das Wortwesen lächelt aus der Mitte des Wortes heraus, um das Gesicht herum sind hellweiße Zartstrahlen angeordnet. Die Farben sind warmdunkelbraun, flachsgelb, erdig und sonnig und sicherlich kommen die Sonnenelemente vom Wort Sonne, das sich in Sonja versteckt. Die erste Sonja, die ich kannte, steht mit dem Rücken zu mir in einem roten Pullover und betrachtet das Wort kritisch, obwohl: sie betrachtet vielmehr eine längst vergangene Szene kritisch – zu Recht!

Aniol: war mir völlig neu. Ich sehe verschiedene Versionen Aniol, je nachdem, wie der Name ausgesprochen wird. Mit langem oder kurzem o, mit einem i oder einem j (drei- oder zweisilbig). (Ähnlich wie bei Dominik). Der Name ist grundsätzlich schwarz, lila und hellgrau. Im wärmsten Sinne. Das A ist zuverlässig, im Hintergrund stehen Nachtbäume. Ist das o ein kurzes o, wie in „offen“, dann ist es hellgrau. Ist es ein langes o, wie in „Monat“, dann verschwimmt es zu einem dunklen See. Der Name spielt sich in der Nacht ab, Mondsichelbeschienen. (Jetzt habe ich erfahren: er werde eher zweisilbig mit offenem o ausgesprochen und keine Silbe werde besonders betont. Dadurch wird er weniger nachtschwer und eher morgengraufrisch – die Grundfarben bleiben gleich, sind jedoch etwas leichter als bei der anderen Aussprache).

Federica: der Name ist ockerfarben und weiß. Es gibt einen Pinselstrich Blau beim a und zudem wirkt der Name sehr mütterlich.

Olga/Olja: Olga ist warmbraun und schwarz, mit weißlilafarbenen Augen. Der Name ähnelt einer freundlich blickenden Eule – Olja hingegen ist graublau gespickt und öffnet einen helleren Raum. Irgendwo schwebt auch ein hellgrauer Rollkragenpullover durch das Bild – bei beiden Versionen (Tag und Nacht).

Konrad: Konrad ist sachlich aufgebaut, birgt bräunliche, weiße und schwarze Elemente und eine Frisur mit einem lockigen Pony, der nonchalant ins Gesicht hängt. Konrad steht vor einer Schreibtischlampe (Bauhausstil) und hält seine Arme verschränkt. Er denkt nach. Die Buchstaben sind schwarz, braun und weiß.

Nena: ist visuell schwer zu trennen von Nena. Wenn ich aber an deren Erscheinung, die von links ins Bild schlendert, vorbeischaue, dann sehe ich das vorwitzige N, lachsfarbene und milchkaffeefarbene Restbuchstaben, und alle zusammen tänzeln auf weißen Wolken.

Pina: Die Buchstaben sind graphisch und klar. Sie haben schwarze Umrisse und sind grundsätzlich weiß. Gelbe Tupfer liegen ungeordnet auf den Kleinbuchstaben ina. Das P ist Mittelpunkt eines Auges. Das Auge ist expressiv verschnörkelt und spielt eine wichtige Rolle. Der Hintergrund ist hell. Der Name steht ungewöhnlich weit oben im inneren Raum.

Isabell: Der Name ist champagnerfarben, hell, weiß, mit einer wunderschönen Frisur, wie ich sie als Kind nie hatte, doch schmachtend bei anderen Mädchen bewunderte: blond, gekämmt, lang, glatt, mit zartbraunem Teint. Der Name Isabell hat saubere, weiße Kleidung an und macht sich nie schmutzig. Das I ist vornehm, die anderen Buchstaben gehen in ein sanftes Hellblau über, und alles ist Kleid, und alles ist schön und bestimmt hat der Name immer Taschentücher dabei. Und spielt ein Instrument, ein wunderschönes Instrument, aber nicht Harfe, das wäre zu plakativ, eher eine sanfte Geige, die erste Geige. Wäre mein Name Isabell, so denke ich gerade, dann wäre ich all das geworden.

Jetzt kämen die letzten Pinselstrichakkorde. Vielen Dank für die Namen und das Vertrauen.

Rot, rot, rot sind alle meine Namen: Die 4. Namen-Aktionswoche.

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Bevor nun die Namen der vierten Namen-Aktionswoche vorgestellt werden, möchte ich daran erinnern, dass Synästhesie nicht mit Fantasie gleichzusetzen ist. Synästhesie passiert einfach – das Wort wird vom Gehirn mit Farben, Mustern und, im Fall der Ordinal Linguistic Personification, auch mit menschlichen Eigenschaften belegt. Das, was ich beschreibe, ist das, was ich sehe.

Außerdem möchte ich anmerken, dass ich Rot mag. Diejenigen, die mir auf Twitter folgen, wissen, dass ich mit dem Mittwoch ein Problem habe, weil mir sein Rot auf die Nerven geht. Da kann das Rot aber nichts für! Es ist lediglich zu dominant für einen ganzen Tag – der Mittwoch liegt wie eine Decke über allem, was geschieht, und diese Farbe verfärbt das Geschehen des Tages ausgesprochen stark. Namen sind feingliedriger und zarter. Bei ihnen stört mich kein Rot.

Peggi: ist ein weißhellblauer Name. Ein schwarzer Bubikopf umwickelt das P – und das doppelte „g“ ist ein Gesicht mit zwei eulenfreundlichen Augen. Peggi ist eines jener Wörter, die Schnee im Mund erzeugen, wenn ich den Namen einige Male hintereinander flüstere. Peggipeggipeggipeggi. Das „i“ hat einen kleinen Kerzenlichtschein um den Punkt herum.

Alexander: Ach, Alexander. Das ist ein Name, der mich in die grünen 90er Jahre katapultiert. Alexandra ebenso. Alexandra und Alexander sehen fast haargenau gleich aus. (Anders als Christian und Christiane). Obwohl: bei Alexandra sind die Farben deutlicher und haben mehr Tiefe, bei Alexander sind sie etwas blasser. Lila, grau, weiß. Die Buchstaben haben alle ein Marmormuster, und das A hat besorgte Augenbrauen. Und wirft seinen Blick seitlich auf die vielen Buchstaben, die es zu hüten gilt.

Runa: Ist ein rotbrauner Name, ein klassischer Herbsttyp. Das R hat weißen Schnee innen liegen. Das „a“ geht ins Blaue. Und irgendwie hat der Name auch etwas Moosgrünes. Die Ronjaräubertochterfrisur (aus dem Film) umhegt das R, jedoch ist sie zum Pferdeschwanz gebunden.

Nana: zufällig war „Nana“ mein Name für mich selbst, bevor ich das J aussprechen konnte. Während mein Originalname – wie schon beschrieben – grün ist, so ist Nana eher rot und sitzt auf einer Wolke. Im Hintergrund ist Peter Pan zu sehen. Der Name bewegt sich zwischendurch und manchmal tänzeln einzelne Buchstaben vor sich hin. Außerdem ist der Arm eines roten Pullovers und ein dunkelhaariges Gesicht zu erkennen – schemenhaft – in dieser Wolkenrotwelt.

Mascha: ist auch rot. Rot und grau – und steht in einem weißluftigen Raum. Eine Mascha, die ich mal kannte, ist im Hintergrund zu sehen. Das „M“ hat ihre Frisur nachträglich übernommen – lange, dunkelblonde Locken. Wie ich schon einmal erwähnte: Namen sind die einzigen Wörter, die sich durch die Begegnung mit ihren Besitzern verändern.

Katharina: ist auch rot und lieblich weiß. Und grauschattig. Der Name steht in demselben Raum wie Mascha. Am „K“ ist eine emsige blonde Frisur im Profil zu sehen – und zwei Arme, die nach etwas greifen oder etwas hin- und her bewegen. Die Arme haben einen blauen Pullover an.

Tine: ist honiggelb, zitronengelb, weißgelb, dunkelgelb, vielgelb. Und nur das T ist schwarzdunkelblau, doch es wird überschattet von den helleren Farben. Die Augen schauen unter einer Fransenlockenfrisur des T’s hervor. Tine ist zudem ein Name, der leicht süßlich schmeckt, vielleicht nach einem Honiglolli aus dem Bioladen.

Donate: ich kannte einmal ein Pferd, das hieß Donata. Es stand auf einer Weide in der Nähe eines Schullandheimes und jeden Tag ging ich dorthin (in der einen Woche, auf einer sogenannten „Kettenfahrt“) und bewunderte die Punkte und den Pony über den Augen. Ich lernte das Pferd zusammen mit dem Namen kennen – und daher muss ich leider sagen, dass auch Donate für mich eine Pferdefrisur über dem „D“ hat, Pferdezähne, die aus dem „o“ heraus nach einer Karotte greifen, und der Rest der Buchstaben ist fellbraun, fellweiß und fellschwarz. Punkte sind auch dabei. Liebe Donate, ich hoffe, Du magst Pferde und wenn nicht: frage einfach jemand anderen, der synästhetisch veranlagt ist. Bestimmt ist Dein Name in anderen Köpfen weit schillernder und unfelliger.

Marja: kannte ich bis jetzt nicht, nur Maja. Maja wäre natürlich ein samtbrauner Name, mit einem gestreiften Pullover, und hätte blonde Locken. Aber das „r“ verändert alles. Aus irgendeinem Grund wird Marja zu einem grauroten Namen mit einem zuverlässigen „M“ und emotionaler Stabilität in den Buchstabenfüßen.

Ich hoffe, Petra mag Senf. Denn der Name Petra sieht bei mir ein wenig aus wie körniger Weißwurstsenf. Allerdings sind die Körner grau. Außerdem schaut von der Seite eine Frau mit einer großen 70er-Jahre-Sonnenbrille ins Bild hinein – sie hat eine schwarze, sehr gepflegt glänzende Bobfrisur und einen senffarben-grünlichen Pullover an. Im Hintergrund ist ein braunes Sofa und die Tapete leuchtet ockerfarben. Ein Hauch von Lila überzieht den Namen, der in einem weißen Raum steht.

All diese Namen sollten einmal zusammen in die Sommerfrische fahren. Dort könnten sie die äußerst mondänen Wörter Plauderton und Moralapostel treffen und mit ihnen zusammen Monaco unsicher machen. Doch das ist eine andere Geschichte.

Namen-Aktionswoche Nr. 3: Über Jungen, Mädchen, ihre Namen, ihr Spielzeug und über das Zweifarbendilemma.

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Kürzlich betrat ich ein Spielzeuggeschäft, um ein Geburtstagsgeschenk für den kleinen Jungen aus Hannover zu finden. Der Laden war durch zwei Farben bestimmt und sicherlich wird meine Leserschaft wissen, welche das waren. Es gab ganze Bereiche, die geschlechtsgetüncht waren; in der Folge mangelte es an mehr- und andersfarbigen Produkten. Die Lieblingsfarbe des kleinen Jungen aus Hannover werde ich nicht verraten, denn das ist seine Privatangelegenheit, aber mir war klar, dass diese Spielzeugauswahl seinen Geschmack nicht treffen würde.

In der dritten Namen-Aktionswoche beschreibe ich wieder sowohl Jungen- als auch Mädchennamen, und – das sei bereits enthüllt – sie bestehen aus mehr als den zwei Farben. (Rosa kommt in meinen Synästhesien ohnehin selten vor). Es wurden erneut Namen von der Leserschaft eingereicht, die bei mir ganze Synästhesieketten und obendrein Erinnerungen auslösten. Bei Namen sind diese beiden Phänomene untrennbar miteinander verwoben; versuche ich bei der Illustration anderer Wörter, wie schon beschrieben, Assoziationen, Gefühle und Synästhesien sprachlich sauber voneinander zu trennen, so ist mir das bei Namen unmöglich.

Janne: ist etwas heller als mein Originalname. „Janne“ ist hellgrün mit gelben Flecken. Die beiden “n”s werden von einem mädchenhaften Wesen mit ausgebreiteten Armen beschützt. Es trägt einen grüngrauen Umhang und hat eine kinnlange braungraue Frisur. Seine Augen sind weit auf, doch nicht aufgerissen, und es schaut mich direkt an.

Jan: ist rot und trägt einen Rollkragenpullover (auch rot). Offenbar tragen einsilbige Jungennamen in meiner Welt Rollkragenpullover. „Jan“ hat eine Ponyfrisur und die Augen eines Jans, den ich kenne. Der Name besteht weniger aus Buchstaben als aus dem Wortwesen. Und das Wortwesen ist ein Junge, der vor den Buchstaben sitzt oder steht – er hat eine blaue Jeans an. Und er schaut konzentriert nach rechts (von mir aus gesehen), als gäbe es dort etwas Interessantes zu beobachten. Was es ist, das kann ich leider nicht erkennen.

(Dazu fällt mir ein, dass Eva mir schrieb und mir verraten hat, was das kleine Mädchen wolle, das im Eva-Namen an meinen Sessel kommt und den Mund öffnet. Es möchte eine Geschichte, so Eva. Ich war sehr erleichtert, dass sich diese Frage nun erledigt hat. Natürlich möchte das kleine Mädchen eine Geschichte, was sonst? Falls ein Jan weiß, was es ist, was „Jan“ dort sieht, freue ich mich über eine dementsprechende Berichterstattung).

Mandy: ist lieblich, weiß und hellblau. Links vom „M“ steht ein Mädchen, das aussieht wie Sterntaler. Es hat lange braune Haare und ein altmodisches Nachthemd an. Es blickt zu mir und will, wie Eva, etwas sagen oder fragen. Vielleicht will es mir auch etwas zeigen. Seine Arme halten nämlich etwas Stoffartiges auf. Darin könnte sich eine Ansammlung von Dingen befinden, oder es will damit Münzen, Konfetti, Korken oder ähnliches auffangen. Was es auch ist – „Mandy“ wird es leise, freundlich und auf eine Weise tun, dass niemand belästigt wird.

Marie: ist rot und hat hellblonde Locken. Dieses Wortwesen schaut mittig aus dem Namen heraus. Im Hintergrund sind einige schwarze Blumen und weiße Flecken ins Rot eingearbeitet, ein wenig sehen diese aus wie Intarsien.

Birgit: ist gelb, und die erste Birgit, der ich in meinem Leben begegnet bin, kommt von links in den inneren Raum herein geschwankt. Sie ist viel größer als ich, denn ich bin ca. 4 Jahre alt, und im Hintergrund steht eine gewisse Brigitte. Die beiden tauchen stets zu zweit auf. Heute frage ich mich – was war das wohl mit Birgit und Brigitte? Schwestern waren sie nicht. Eine Brille und braune Haare hat Birgit, und sie strahlt mich an. Die Buchstaben von „Birgit“ leuchten flachsgold und über ihnen ist eine Art Turmfrisur. Verrückterweise ist der Name blond – trotz braunhaariger Erstbegegnung. Synästhesie passiert eben einfach und macht was sie will. Im Hintergrund ist eine Art weißer Himmel. Der Goldschimmer, den der Name ausstrahlt, ist eindrucksvoll.

Peter: ist grüngelb und insgesamt sehr erdtönig. Ein Gesicht schaut aus dem P heraus. „Peter“ hat eine Frisur wie Pumuckel, aber natürlich nicht in rot, sondern erdig braun. „Nenn ihn einfach Peter“ schwingt im Namen mit (aus Freundinnengründen).

Nicole: ist zartblau, leichtgrau und etwas weiß. Die erste Nicole, die ich kannte, hatte sehr große blaue Augen. Diese sind für immer in den Namen eingebaut, auch ihre Frisur (dünne blonde Fransen, schulterlang, Pony). Das „N“ trägt ein Kleid. Es ist grau und hat Träger. Nicole ist ein zuverlässiger Name und dabei leicht verträumt. Und figurbedacht sind die zierlichen Buchstaben, so als wollten sie unbedingt bis in alle Ewigkeit in das eine Kleid passen, das sie sich einmal – vor etwa 30 Jahren – ausgesucht haben.

Klaus: ist blau und rot. Hat einen blonden Onkelbart. „Klaus“ schaut gewissenhaft nach rechts und ist nur im Profil zu sehen. Es schweben auch wolkenähnliche Gebilde um den Namen herum.

Irene: hieß das älteste Puppenkind von Nesthäkchen. Es kann auch sein, dass ich mich irre, denn eine synästhetisch geprägte Erinnerung kann manchmal täuschen. Der Name hat ein umlocktes Puppengesicht und schimmert lachsfarben, gelb und rötlich. Da es die älteste Puppe ist, sitzt sie oben auf einer Sofalehne, das den Hintergrund der Buchstaben bildet. Die eine Irene, die ich kenne, steht meilenweit entfernt von ihrem Namen. Ich lernte sie erst nach der Wende kennen und das „Tante“ schob sich sofort vor den Namen, so dass sie keinen Einlass in mein Bild von „Irene“ fand.

Christian: Im Gegensatz zu Christiane ist Christian zitronengelb, kornblumenblau, und die Farben ordnen sich in zwei Säulen an. Der Hintergrund ist weiß und ein Sommerflirren ist zu hören. Der erste Christian, den ich kannte, steht blondzerzaust links neben dem Namen und schaut auf den Boden. Er trägt ein gestreiftes T-Shirt und es hoffentlich mit Fassung, dass er in seinem Namen für immer 16 ist.

Myriade: ist ein gepunktetes Wesen – es kommen dunkelrote, rostrote, weiße, dunkelgraue und grüne Flecken vor. Gleichzeitig ist der Name in Wellen zu sehen. Es ist ein klassisches Wortwesen mit augenähnlichen Flecken und schwarzen Locken.

Simon: ist so gelbblau wie Christian, aber – es ist ein wärmerer Ton. Beim genaueren Hinschauen ist dort eher wenig Blau. Und das Gelb geht teilweise ins Ocker über. Eine Prinz-Eisenherz-Frisur schmückt das „S“. Bei „Bille und Zottel“, einem fulminanten Werk mit vielen Bänden über Pferde und ihre Freunde, kam ein Simon vor, der mittlere Sohn des Gutsbesitzers Herrn Tiedjen. Das war der Herr, bei dem das Pferd „Black Arrow“ stand, das Bille später reiten und besitzen durfte, als Zottel ein wenig ausgedient hatte. (Es kann sein, dass ich nach so vielen Jahren etwas verwechsle, Tina Caspari möge es mir verzeihen).

Simon war Billes erster Freund, und da diese literarische Liebe mich sehr beeindruckt hat, ist jener Simon – so wie ich ihn mir als 10jährige vorstellte – mit dem Namen verbunden. Blond und leicht unscheinbar, mit einer großartigen Persönlichkeit ausgestattet, reitet er auf dem „m“, denn natürlich ritt Simon ohne Unterlass. (Auf Pferden, nicht auf Buchstaben). Auch diese synästhetische Verkettung ist einfach geschehen, ohne mein bewusstes Zutun. Erst beim genaueren Anschauen öffnet sich das Universum dieses Namens, das sonst, im Alltag, ähnlich wie ein Hintergrundgeräusch ausgeblendet wird.

Es sollte nun offensichtlich geworden sein, dass Menschen, ihre Namen und ihre Universen aus mehr bestehen als aus den beiden Farben Hellblau und Rosa. Schon aus synästhetischer Perspektive bitte ich inständig darum: Gebt Kindern mehr Farben zur Auswahl. Nicht alle von ihnen sind synästhetisch veranlagt – umso wichtiger ist es, dass ihnen im Außen viele Farbfreunde begegnen, mit denen sie spielen können: Flachsgold, Moorgrün, Kaminrot, Beige, Petrol, Marineblau, Vanille, Senffarben, Dunkelorange, Zitronengelb, Lila, Flaschengrün und Ozeangrau. (Um nur ein paar Beispiele zu nennen).

Die zweite große Namen-Aktionswoche: 13 Namen, wenig Einleitung, mehr Schnee.

Ich möchte mich schnurschön bedanken für die Zuschriften und Wünsche nach der letzten Namenaktionswoche. Ich erfülle hiermit einige der Wünsche, und es gibt auch wieder Namen, deren Inhaber ich überraschen werde. Dank der Namen kam ich zu folgenden unwissenschaftlichen, doch leibhaftigen Erkenntnissen:

Die Farben, Muster und Strukturen von Wörtern sind bei der genuinen Synästhesie eigentlich unveränderlich. Mir ist in der letzten Zeit aber aufgefallen, dass – zumindest in meinem Fall – Namen sich leicht verändern. Nicht die Farben! Doch es kommen die realen Personen oder auch fiktiven Figuren dazu und schleichen sich in dem Moment, in dem ich sie erblicke, mit in den Namen hinein. Bei manchen Namen ist sogar die Begegnung mit dem ersten Menschen, der so hieß, enthalten. Sie leben für immer in diesem Bild. So wie das Wort „Hannover“ von meiner Großmutter bewohnt wird. Das passiert alles nicht bewusst. Ich decke es hier auf, doch nichts von dem habe ich mir „ausgedacht“. Es ist einfach passiert, leise, still, selten laut, so unspektakulär wie die Synästhesie sich meist verhält. Und jetzt betreten die Namen die Bühne:

  1. Christiane: ist ein strahlender Name. Marillenfarben geradezu. (Es wird „Marillenfarben“ heißen, weil es auch „Marillenmarmelade“ heißt, im Gegensatz zu „Rhabarberfarben“ ohne „n“ wie in „Rhabarbermarmelade“, doch ich lasse mich gerne korrigieren.) Mit blauen Schatten und im Hintergrund wartet ein heller Raum, ähnlich wie bei Bettina. Lichtdurchflutet ist der Name und hat hellbraune lange Locken und eine Brille. Dieser Name schaut mich direkt an. Sehr geradeheraus, ohne Schnörkel und Verzierungen. „Christiane“ hat auch etwas mit dem Advent zu tun, ich weiß aber nicht genau, was eigentlich. Und: er sieht genauso aus wie „bananas“, aber nur wenn „bananas“ von jener Portugiesin ausgesprochen wird, die ich in einem Tal traf, doch das ist eine andere Geschichte.
  2. Kati: Kati. Kati. Ohne „h“. „Ka“ ist rot und „ti“ ist blau. Der I-Punkt ist gelb und das „t“ eigentlich hellgrau. Und dennoch ist der Name im Ganzen rotblau und trägt eine rote Regenjacke (eventuell mit weißen Punkten, das kann ich von hier aus nicht gut sehen…). Kati ist blond, hat eine Prinz-Eisenherz-Frisur und schaut von links auf den Namen.
  3. Dominik: ist ein silberweiß-hellblauer Name mit Schwarzweißelementen. Aber nur wenn es ein offenes, kurzes „o“ ist (wie bei „kochen“) und nicht ein langes „o“ (wie bei „Sohlen“). Bei dem langen „o“ wäre der Name übrigens deutlich schwarzweißer und der Silberton würde verschwinden. Das „k“ produziert Schnee im Mund, wenn man einmal einen Schabernack treibt und sehr oft hintereinander „Dominik“ sagt. Man sollte das sowieso viel öfter tun mit Namen, die ein „k“ enthalten, denn dann entsteht Schnee und das im Juni! Und auch das wäre doch urkomisch. Erfreulich ist auch, dass „Dominik“ und „Schabernack“ gleich viele Silben und beide ein „k“ enthalten und nicht zuletzt deswegen ist der Name äußerst sympathisch.
  4. Frauke: ist wirklich durch und durch rot und rot und wirklich rot. Sie steht auf einem Garagenvorplatz und hält einen Ball in der Hand. Sie trägt eine Brille und hat blonde Locken und ein rotes Kleid. Eine andere Frauke hat rötlichblonde Haare und überdeckt die erste der Fraukes. Und bis auf einen asphaltfarbenen Hintergrund ist Frauke rot und ich hoffe, dass Frauke rot mag. Wenn nicht, ist es nicht schlimm, denn für andere Menschen, die mit Synästhesie leben, ist Frauke bestimmt grün, pink oder blau.
  5. Eva: ist ein gelbblauer Name. Er hat eine Ponyfrisur (blond) mit zwei Zöpfen. („Rattenschwänzchen“ nannte man das früher und übergab sich dann zeitgleich. Was gibt es nur für Wörter? Warum nicht gleich: „Die Rättin“?). „Eva“ hat also Zöpfe mit hellblauen Schleifen. Einen blauen Rock trägt der Name, er hat einen fragenden Gesichtsausdruck, und er ist unbedingt von einem Kind. (Weiße Kniestrümpfe spielen auch eine Rolle). Eva kommt an einen Sessel und will etwas. Ihre Arme stützen sich auf der Lehne ab. Sie öffnet den Mund um etwas zu sagen. Das „E“ ist strahlend liebegelb und die restlichen Buchstaben werden bläulicher. Ich kenne die Eva, die sich eine Namenssicht von mir gewünscht hat, nicht persönlich, doch sie hat mir einen Link zu einem Foto von ihr geschickt, damit ich weiß, wie sie aussieht und sie mit meinem inneren Bild von ihrem Namen und damit auch ihrer Person abgleichen kann. (Denn von wem ich nur höre, der sieht so aus wie diese Beschreibungen hier. Solange bis ich ihn sehe und das Bild dann (unbewusst) in den Namen einbaue). Ich werde mir das Foto nun anschauen. – Und muss mitteilen: Eva sieht tatsächlich anders aus und ab jetzt ist sie vermutlich in „Eva“ mit enthalten.
  6. Inga: ist ein weißgrauer Name. Er hat dieselben Farben wie eine Möwe. Das „In“ ist weißgrau, das „ga“ hat dazu noch leicht algengrüne Schatten. Der Name hat die Haare einer Inga, die ich kannte als ich ein Kind war. Sie hatte eine kinnlange Frisur mit einem Pony, der fast über die Augen fiel. Und dann gibt es noch mehr Ingas, denen ich seitdem begegnet bin, die alle links vom Namen stehen und in ihn hineinschauen. Gerade so als hätte jemand: „Freeze!“ gerufen.
  7. Jonathan: Dieser Name ist mein Fest aus folgenden Gründen: Es reitet DER Jonathan vom Bild des Astrid-Lindgren-Werkes „Die Brüder Löwenherz“ vor den Buchstaben hin und her. Die Buchstaben sind aufregend schwarz und weiß. Es sind Buchstaben, die Abenteuer verheißen. Wenn wir nun alle zusammen „Jonathan“ wispern würden, klänge das „t“ wie ein Sprung auf dem Trampolin.
  8. Marco: ist kastanienrot, sieht aus wie ein Graffiti und hat schwarze Schatten an jedem Buchstaben. Ein leichter Rost liegt über „Marco“, was nicht schlimm ist. Denn es ist Herbst und da ist alles ein wenig rötlich und rostfarben. Ein tiefer Blaustreifen durchzieht das „M“ an der schwärzesten Stelle. Das Gesicht des ersten Marcos, den ich kannte, taucht auf – er trägt einen roten Konfirmationsanzug. Die Hose ist schwarz.
  9. Marion: leuchtet rot und das „rion“ schimmert marineblau. Eine orange Lockenpracht ziert das „M“. Denn die erste Marion, die ich kannte, hatte rote Haare. Ihr Gesicht und ihr hellblaues Kleid (leicht jeansverwaschen, 80er-Jahre-Stil) bilden den Hintergrund des Namens. Und dann steht genau diese Marion auch vor mir und schaut von links in den Namen hinein. Und überall sind Locken und Sommersprossen. Die Marion, die sich eine Namenssicht von mir gewünscht hat, ist mittlerweile auch im Namen integriert. Sie schaut gewohnt herzlich (wie auf ihrem Avatarfoto) von unten rechts hoch auf die Buchstaben.
  10. Was ich schon mal schrieb, was hier aber passt, denn vielleicht lesen Elisabeth, Chantal und Jaqueline ja mein Blog: „…wenn ich von einer Person höre, die z. B. Elisabeth heißt, sehe ich jemand anderen vor mir als wenn jemand den Namen Chantal-Jaqueline trägt. Und zwar jenseits von den üblichen Standesdünkeln. Elisabeth ist weißgeblümt und hat Ähnlichkeit mit Sonntag – hingegen ist Jaqueline rot und blau und in Frankreich positioniert, das heißt auf meiner synästhetischen Landkarte weit weg von Elisabeth und Sonntag. Und passt so gar nicht zum bräunlich-orangefarbenen Wortwesen Chantal (mit Hornbrille).“
  11. Ruth Lea: muss ich getrennt voneinander betrachten, denn sonst komme ich durcheinander. Ruth ist rot. Und hat einen schwarzen Hut. Das R ist ein Frauengesicht mit dunklen Augen und es schaut anmutig (im Profil) in den Raum hinein. Der Hut ist ein wenig altmodisch (Regency, viktorianisch, sowas in der Richtung…).
  12. Lea ist zartgelb und hellblau, hat ein Gesicht, das vom „L“ ins „e“ übergeht. „Lea“ schaut etwas schüchtern auf den Boden. Die Buchstaben sind sehr ordentlich und räumen ständig auf. Lea ist insgesamt sehr zart und wäre noch ein „n“ mit von der Partie, wären die Farben klarer und der Blick direkt auf mich gerichtet.
  13. Victoria: siehe Jonathan. Auch dieser Name ist ein Augenglanz, denn Queen Victorias schwarzes Kleid hängt am V. Victoria ist weiß, ist schwarz, ist grau und leicht rosa, hellblau und schimmert zu allem Überfluss auch noch dezent silber! Fast schon geborgenheitsfarben! Eine Augenweide, zudem das „ct“ dazu führt, dass im Mund Schnee entsteht, wenn man den Namen flüstert.

So hatte ich mit Schnee zu tun, mit viel Rot, mit Erinnerungen an rothaarige Frauen und andere und mit Abenteuern. Und das alles dank Euch und Euren Namen. Denn Synästhesie wäre nicht so aufregend, gäbe es nicht die Wortschenker, die Glanzgeber und die, die all das hier lesen. Und dafür möchte ich mich an dieser Stelle einmal bedanken und verschenke Lieblingsfarben in Gedanken.

Die große Namens-Aktionswoche: Eine Einleitung und 18 Namen.

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Bei diesem Foto irrt das Auge ein wenig umher. Soll es zuerst das pinke Monster links oben einfangen, das nasenneugierig ins Bild blickt? Oder die noch unfertige gelbe Blüte erfassen? Die Blätter? Oder den grünen Außerirdischen rechts unten, der sich lässig an die Kante fläzt? (Oder sollte das gewissenhafte Auge lieber in den Duden kriechen, um herauszufinden, wie sich “fläzen” schreibt?).

Ungefähr so erging es mir bei meinem Vorhaben, eine synästhetische Namensliste zu erstellen. Denn es vermengten sich verschiedene Bilder miteinander und ich verirrte mich inmitten unter ihnen. (Das war natürlich ein herrliches “Problem”: sich in Wörtern zu verheddern, sie zu entwirren, und sie dann adrett ins Schaufenster der Synästhesie zu stellen, (wie eine Alltagspoetin es vor kurzem nannte und mich mitsamt meinen Wortfreunden und Farbwesen glücksfarben aufleuchten ließ.)

Zurück zu den Namen. Da gab es die Farben an sich, Wortwesen, fiktive und reale Personen, die sich vorwitzig um Buchstaben schlangen und Erinnerungen. Wer seinen oder ihren Namen im folgenden Artikel erkennt, hat sich entweder nach meinem letzten Artikel eine Namensanalyse schriftlich oder mündlich von mir gewünscht oder wird hiermit von mir überrascht. Die aufmerksame Leserschaft wird ferner bemerken, dass es sich bei einigen Namen um Nutzernamen aus dem virtuellen Bereich handelt. Doch auch das sind identitätsstiftende Buchstabenfreunde, die ich mir gerne ansehe.

1. Annemarie: Grün (Anne) und Rot (Marie) ergibt zusammen einen blauschwarzen Namen. Mit Gänseblümchen im Hintergrund. Davor schiebt sich das Foto des Nesthäkchens (Verfilmung), das ich mir als Kind stundenlang ansah, denn ich war fasziniert davon, wie man derartig ordentliche Schleifen ins Haar binden kann.

2. Bettina: hat eine Brille (vielleicht wegen des B), ist mild orange und der Name steht in einem Zimmer, das im 70er-Jahre-Stil eingerichtet ist. Sehr hell ist es und lichtdurchflutet, denn große Fenster lassen Sonne in den Raum.

3. Ben: ist kurz und gut und senffarben im besten Sinne. Ohne Fisimatenten. Das B ist auch der Kopf eines blonden, sehr stillen Jungen, der einen hellblauen Rollkragenpullover trägt. Der Name ist ein solider Geselle, mit dem man Pferde stehlen kann.

4. Claudia: ist rotblaurosa, mit schwarzen Haaren. Es ist der Name, den ich als kleines Mädchen tragen wollte, denn mein Originalname war damals noch so selten, dass er oft ein wenig verändert wurde. Sehr neidisch war ich auf die Claudias dieser Welt, die selbstverständlich rosafarbene Pullover besaßen. Claudias hatten Mütter, die ihnen Weißbrot mit in die Schule gaben (mit Nutella!), zumindest war das in meinen Augen so. Ein bekannter Name und dann noch Nutella! Und meiner war nur grün und dazu passte das ewige Vollkornbrot. Claudias bekamen zum Geburtstag auch eine Pfirsichblütenbarbie. Mein glühender Wunsch Claudia zu heißen dauerte so lange bis ich von irgendwem erfuhr, mein Originalname klinge wie der Name einer Künstlerin. Das fand ich wahnsinnig glamourös und verheißungsvoll.

5. eimerchen (kleingeschrieben): ist goldgelb, und hier ist die Verniedlichung wieder einmal der Glanz des Wortes. Im Hintergrund ist ein dezentes Grau zu sehen. Man möchte es in den Arm nehmen, das Wort, aber es auch gleichzeitig auf eine Blumenwiese stellen zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, damit es unter Gleichgesinnten, den freundlichen Frühlingsgesellen, spielen kann.

6. Fräulein, das: sieht fast genauso aus wie Claudia. Nur pastelliger und außerdem hat „das Fräulein“  eine Bobfrisur, einen kleinen Hut auf, trägt Brille, eine Fliege und ein tafelgrünes Kostüm aus den 30ern (also die Person, die sich rund um diesen Namen aufhält). Im Hintergrund ist eine Schultafel zu sehen.

7. Gryna Klee: Gryna ist gelb. Gryna hat noch etwas goldenes dabei und sieht ein wenig aus wie eine Klangschale; Klee ist tatsächlich klischeemäßig kleeförmig und kleefarben. Mit leichten gelben Tupfern. Und gehört zu den wunderbaren Wörtern mit kl, die ich schon vielfach beschwärmt habe.

8. Hella: ist sonnengelb mit einem sehr blauen A und schwarzen Schatten. Ich sehe da noch eine Person in einem zitronengelben Pullover, die sich vor die Buchstaben drängen will. Der Hintergrund ist wolkig grau.

9. Julia: ist grünschwarz. Irgendwie auch Petrolfarben. Außerdem hat der Name Julia eine braune Ponyfrisur, kinnlanges Haar und Augenflecke, die mich frontal anschauen, was nur sehr selten vorkommt. Die Kinderbuchreihe “Jan und Julia” tanzt im Hintergrund dezent auf und ab.

10. Katrin: ist rot und auch ein bisschen schwarz. Hat eine braune Ponyfrisur und schaut tendenziell keck in den Raum hinein, der sich grau umwölkend um sie herumwindet.

11. Lilian: ist weiß und zarthellblau. Hat einen hellgrauen Hintergrund und überhaupt ist viel vom Buchstaben L dabei. Im Hintergrund ist ein winziger Mandelbaum zu sehen und davor ein kleines Mädchen mit Schürze. Der ganze Name trägt aber im Grunde ein weißes Stickereikleid mit hellblauer Schärpe.

12. Maren: ist rotorangeheimelig mit Augen, die frontal und fürsorglich aus den mittleren Buchstaben herausschauen. Es ist das milde, liebe Orange (nicht das Grelle, das im inneren Raum ein Drama nach dem anderen inszeniert). Der Name wird von einer blonden Lockenmähne eingerahmt und steht im Wald, irgendwie aber auch am Meer und ein wenig in Frankfurt.

13. Marga: ist rotschwarzheimelig mit großen Eulenaugen.

14. Melanie: ist weißblauschwarz mit rosa Flecken. Ein Name, der sich bewegt und im Hintergrund ist meine Vorstellung von Griechenland auf der Landkarte. Zudem hat der Name eine hellblonde Ponyfrisur und blaue Augen. Das ist nicht verwunderlich.

15. Rahel: ist milchkaffeefarben. Mit einem beruhigenden R, das sehr dezent und wahnsinnig anständig wie ein Fels in der Brandung auf einem Feld steht.

16. Sandra: ist dunkelblau und das S trägt einen entenförmigen Hut in Gelb. Dessen Krempe verschwindet ein wenig nach links. Sandra schwimmt außerdem auf Wellen (also ihre Buchstaben).

17. Stefan: ist beigebräunlich mit leichten schwarzen Schatten; im Hintergrund ist der erste Stefan zu sehen, den ich kannte, während er „die Schulbank drückt“. Neben ihm sitzt sein Freund Oliver. Aus dramaturgischen Gründen verzichte ich nun auf die richtige alphabethische Reihenfolge:

18. Oliver: Der Name ist blaugrau und wohnt in der Olivaer Straße. Der Name selbstverständlich, nicht die Person. Er ist jedoch ohne seinen Freund Stefan zu sehen. Der Hintergrund ist straßenfarben und seine Frisur gleicht der von Karlsson vom Dach.

Wer nun nasenneugierig ist, wie ein Name in meinem (individuellen!) synästhetischen Raum aussieht, der wende sich gerne an mich. Da Namen, wie bereits erwähnt, mehr als Schall und Buchstaben sind, wird es bestimmt wieder eine Namens-Aktionswoche geben mit einer Einleitung und Namen. Vielleicht 19.