Roadmovie.

 

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Den Januar überspringen war unmöglich; es fehlte u. a. an den technischen Möglichkeiten. Und: zum Glück gab es ihn. Während die Arbeits- und andere Farben viel zu viel verschluckten, was hätte schön sein können, und der Januar noch dazu sein Grau über Gefühle goss, so gab es mitunter kleine Roadmoviemomente.

Roadmoviemomente sind asphaltglühend, freiheitsgelb, identitätssichernd und straßenglücksfarben. Dieses erhebende Gefühl, dass Freiheit existiert und nicht alles, was uns ausmacht, unter der Walze Pflicht und manchem Unglück zerdrückt wird, platt wird, Gesicht verliert. Das Straßengefühl, das Wissen, die Einsamkeit. Eine zarte Einsamkeit, die Einsamkeit eines Baums und nicht die eines Menschen.

Musik verfärbt die Straße, die eigentlich grau ist, in einen Glanz, beinahe Gold. Nur ein paar Worte wechseln, da vorne ist der Horizont und wenn der erreicht ist, brauchen wir einen Plan. Und dann singen. Und schweigen. Bis zum Horizont fahren wir ohne Pause und lassen keine Möglichkeit aus zu lächeln, manchmal mit Tränen in der Nähe.

Und es macht nichts, dass wir uns verfahren. Weil das immer der Beginn einer neuen Geschichte ist. Das Meer finden wir und wenn nicht, dann etwas anderes. Ein Tor, eine Höhle, einen Laden, einen Stein, der aussieht wie eine Blume, eine Blume, die aussieht wie ein Tier, ein Tier, das aussieht wie ein Baum, einen Weg, der vortäuscht, er führe ins Nichts und dabei endet er in einer Lichtung. Das ist das Gute, auch im Januar gibt es Lichtungen.

Nun ist Februar. Es wird weiterhin gestreifte Musik geben, Musik, die in braunwarmen Balken horizontal den Blick auf die Straße kurzzeitig versperrt, Musik, die im Goldpunktwasserfall zu finden ist, Nebeltöne, Musik, die schlicht grauweiß bleibt, doch eine Stimme hat, die säulenfreundlich klingt; es wird schlechte Nachrichten geben und trotzdem diese Momente.

Im Seitenspiegel geht die Sonne langsam unter. Wann endet ein Roadmovie? In diesem Fall mit dem Wissen, dass morgen ein neuer Tag ist. Jetzt gilt es, die Straße zu berühren, die Wolken einzusammeln, Lichtungslicht in ein Weckglas zu locken und das alles behutsam in die Tasche zu legen und dort zu vergessen.

Und wenn wir viel Glück haben, dann rollen die berührte Straße, die eingesammelten Wolken, das Lichtungslicht und der Stein, der ausieht wie eine Blume, am nächsten Tag, wenn wir irgendwo Pflichten ausüben, aus der Tasche. Und wir erinnern uns daran, wer wir sind, nämlich die auf der Lichtung und die mit dem Seitenspiegel voll Abendglut.

 

 

 

 

 

 

 

Über den Zustand Grün und die Sehnsucht nach Rosa.

Grün

Vor kurzem kündigte ich an, dass ich über Grün schreiben werde, wenn sich die Farbe vollzählig versammelt habe. Sie ließ lange auf sich warten, doch da sich der letzte Baum vorm Fenster nun langsam (spärlich) bekleidet, ist die Zeit gekommen.

Dass sich die anderen Farben ehrfürchtig verneigen wenn Grün kommt, das sagte ich schon. Und auch, dass sie ein wenig Bammel vor ihr und ihrer Ernsthaftigkeit haben. Dieser Aussage konnte die Leserschaft bereits entnehmen, dass Grün in meinen synästhetischen Augen, entgegen der allgemeingültigen Dudenrealiät, weiblich ist.

Das schmutzige Meisenknödelgrün hatte einen Auftritt in diesem Blog (um die 50 zu veranschaulichen), mein grüner Originalname ebenso und auch sonst kam Grün in allen möglichen Schattierungen vor, denn Grün ist eine sehr aktive Farbe in meinem inneren Raum. Rosa gibt es dagegen selten.

In meiner Kindheit stand ich mit Grün auf Kriegsfuß. Eigentlich wollte ich Rosa, doch die Haltung, dass „Pink stinks“ gab es auch schon in den 80ern, nur in einem anderen, etwas faderem Mantel. Dann lieber Rot, hieß es, aber Rot war so ein lahmer Ersatz für Rosa! Blau wurde stattdessen meine Freundin. Doch Blau war beliebt. Und Grün wollte nie jemand. So auch an einem Tag in der Schule, als Laternenfarben verteilt wurden. Ein dunkles, ernsthaftes Grün blieb übrig.

Einer müsse es nehmen, sonst verlasse keiner den Raum, auch wegen der Vielfalt, sagte die Lehrerin mit ihrer Stimme, die so gar nicht nach Milchreis schmeckte. Ich erbarmte mich seiner, wie es als Synästhetikerin meine Pflicht war (obwohl ich das Wort noch nicht kannte und Farbensehen für mich so selbstverständlich war, wie Farbfernsehen, Rosa begehren und Atmen).

Meine erste Schulfreundin, die einen silbergraudunkelblauen Namen hatte, und durch die ich lernte, dass Türkisch blattgoldfarben ist, erbarmte sich wiederum meiner und wählte auch Grün. Solidarisch, pink stinks und wenn Anderssein in der ersten Klasse schon ein Wert wäre, dann hätten wir solcherlei Parolen gerufen.

Betriebssam wurden Häuser gefaltet, diese mit echten Wachskerzen bestückt (denn no risk, no fun, Rock’n’roll, ohne Helm und ohne Knieschoner mit Rollschuhen auf der Straße fahren und dabei in der Hand eine Laterne mit brennender Kerze halten, das waren Zeiten, doch ich will nicht abschweifen) und angezündet: große Empörung, denn durch das dunkle Grün schien kaum Licht hindurch. Am Ende brannte die Laterne ab und war dann wenigstens kurz lodernd hell und ein Erlebnis. Sonst noch was, dachte ich und sah meine Grünmüdigkeit bestätigt.

Doch zurück zur Gegenwart. Die Farbe Grün macht nicht mit bei den kleinen Scherzen der anderen Farbfreunde. Sie ist schlichtweg zu seriös. Sie hat ja auch so viel zu tun, besonders im Frühling. Das Wort „Grün“ ist übrigens moosgrün und beige. Das G ist das Gesicht und ist umrandet von einer schwarzen Playmomädchenfrisur. Die Augenflecken schauen mich melancholisch an und der Hintergrund ist eher schlammfarben – Cordlatzhosenelemete sind auch zu sehen.

Nein, glamourös ist Grün nicht. Aber mit zunehmendem Alter kann ich die Farbe mehr schätzen.

Wie hätte sich meine Synästhesie wohl entwickelt, wenn ich einen stärkeren Zugriff auf Rosa gehabt hätte? Gäbe es mehr Rosa statt Gallensteinfarben? Hätte die Konkubine automatisch ein pinkes Kleid an und der Klabautermann vielleicht sogar auch? Als Rosa schließlich nach zähem Ringen doch gehäuft in mein Leben treten durfte, waren die meisten Wörter schon fertiggestellt.

Das Erwachsensein jedoch bringt Vorteile und neue Wörter mit sich, u. a. begegnet man Menschen, die Namen für einen erfinden. Mein Lieblingskosename im Kontext Liebe enthält Zartrosa, genauso übrigens wie das Wort Glück.

Und in der Geborgenheitsfarbe ist ein rosa Strom und keinerlei Grün zu sehen, und das ist vielleicht auch eine Spur der Sehnsucht nach einer Farbe, die ich so sehr begehrte, und die dann gar nicht hielt, was sie versprach. Denn am Ende blieb die Liebe gelb und der Frühling grün.

Dinge, die ich aus synästhetischen Gründen eigentlich nicht tun würde, aber dennoch schon gemacht habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch.

Da regt es sich auf, das kleine synästhetische Monster. Aber ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen.
Da regt es sich auf, das kleine synästhetische Monster. Aber ich lasse mir nur zeitweise von ihm auf der Nase herumtanzen.

Dass Synästhesie meine Weltwahrnehmung beeinflusst, ist der aufmerksamen Leserschaft sicher aufgefallen. Dennoch gibt es auch Lebensbereiche, die von meinen synästhetischen Empfindungen unangetastet bleiben. Z. B. Freundschaft, über die ich schon mehrfach schrieb, und Liebe sowieso.

(Natürlich weiß ich es zu schätzen, wenn Wörter wie Button (in ihrer deutschen Übersetzung) nicht inflationär in meiner Gegenwart verwendet werden. Doch das fällt unter die Rubrik: Dinge, die man für Freunde oder seine große Liebe tut, weil man den anderen und seine Eigenheiten kennt und akzeptiert. Wenn jemand den Geruch von Bananen nicht erträgt, lasse ich keine in seinem Auto liegen. Wenn es doch einmal geschieht, passiert aber nichts Schlimmes, außer ein kleines Augenrollen. Und genau so ist es umgekehrt auch mit Buttonerwähnungen).

Nicht jedes Wort bleibt im inneren Raum stehen und gärt dort vor sich hin. Sehr oft ziehen sie einfach vorbei, und ich bin nur vom Gegenüber und dem jeweiligen Gesprächsinhalt  in Beschlag genommen. Vielleicht ist es so, als säße man im Wald. Vögel zwitschern, Wipfel rauschen, Tannen knarzen. Der Blick bleibt nicht an jedem einzelnen Baum hängen. Außer man achtet bewusst darauf. (So wie ich die Wörter im inneren Raum festhalte und betrachte, um sie hier zu beschreiben). Ansonsten laufen die Vogelstimmen und Baumgeräusche eher im Hintergrund, und man ist einfach im Wald und hat entsprechend erhebende Gedanken.

Und so ist es auch mit den Dingen, die ich aus synästhetischen Gründen eher nicht tun würde, aber dennoch schon gemacht habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch:

– Jemanden, der einen popelfarbenen Namen trägt, küssen (und so).

– Das Horrorkonsonantengeschwisterwort in den Mund nehmen aus reinen Verständigungsgründen.

– Musik hören, die beglückt, doch dabei wüstgraue Spiralen ausspuckt.

– Den Vielwortnebel einer Graustimmlerin durchdringen, um sie zu verstehen.

Städte besuchen mit abstoßenden, teils unförmigen Namen, die im Mund eher Holzsplitter als Schnee produzieren.

– Ein Baby mit Verniedlichungen zudecken.

– Dinge tun, deren Verbform das ursprüngliche Wort ungnädig verformt: googeln, mailen, whatsappen, bloggen, twittern.

– Geschnetzeltes essen.

Wer bin ich und wenn ja, welche Farbe?

IMG_4156 Es gibt viele Namen für mich. Meinen Originalnamen natürlich, dazu diverse Kosenamen und Benutzernamen. Je nachdem, wie ich angesprochen werde, ändert sich auch die Farbgebung meiner Person. Nicht meine Identität, das wäre ja höchst beängstigend; doch die Atmosphäre wird in andere Farben getaucht, wenn Sätze mit meinen Kosenamen beginnen.

Mein Originalname ist grün mit leicht blauen und schwarzen Tendenzen. Das J trägt die gleiche Frisur, die ich selbst mit 3 Jahren trug. Pony und halblang. Darunter schauen grünbraune Augenflecken hervor. Wer mich so nennt, begrünt kurzzeitig das Feld um mich herum.

Mein Lieblingskosename im Kontext Liebe ist zartrosa-mildorange. Er wurde für mich entwickelt und das Wort kannte ich vorher nicht. Das P hat ein freundliches Gesicht und im Hintergrund sind lieblich-weiße Punkte zu sehen. Wenn ich so betitelt werde, wird meine Umgebung für den Moment rosé-mildorangefarben und im Hintergrund sind Fontänen zu sehen, die Glück (das übrigens die gleiche Farbe hat wie der Kosename) hervorsprudeln.

Der Kosename von meiner besten Freundin an mich ist ähnlichfarben wie mein Originalname, doch das B ist lieb und schaut wie ein freundliches Pony in den Rest der Buchstaben hinein.

Sollte ich einmal “Schatz” genannt werden, dann wäre das ein knisterndes, zeitungsfarbenes Wort.  Liebling wäre gelbhellblau und hätte beim schwesterngeborgenen L eine Sonnenbrille auf der Nase. So sähe dann auch kurz um mich herum die Welt aus. Und wird jemand anders so gerufen, ist auch dieser Mensch für einen Moment in diese Farben eingewickelt und wird vom L durch die Sonnenbrille hindurch freundlich betrachtet.

Service an die Leserschaft: Fragen und Freundschaft, Rilke und Einsamkeit.

Ein neuer Leser aus dem metaphysischen Bereich schrieb mir und stellte mir zwei Fragen (in kursiv), die ich gerne beantworte.
(Nicht beantworten kann ich jedoch, warum dieser Text keine Absätze hat).
Inhaltlich lässt sich ein und die gleiche Sache ja durch verschiedene Worte darstellen. Verleiht die Art und Weise, wie die Worte eines Textes für Dich farblich schimmern, sowie die darin befindliche Gesellschaft der Wortwesen, einem Text auch so etwas wie eine eigene Persönlichkeit?
Um das zu beantworten, werde ich erneut Rilke zitieren, denn seine Texte spielen bestimmte Farben, Gesichter und Charaktere aus sich heraus durch die besondere Anordnung der Wörter. Diese steht und bewegt sich im Rilkeraum, in welchem sich das Innen und Außen gleichermaßen entfaltet (s. Rosengedicht). Daher sind seine Wörter als Beispiel sehr geeignet. Die erste Zeile in „Einsamkeit“ lautet:

„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen“;

Die Zeilen sind durch die Häufung der „e“s sehr gelb gehalten. Die verschiedenen Gelbschatten werden von schwarzen Flecken durchzogen. Das Meer ist ein erfrischender Grauton dazwischen und gleichermaßen exotisch, denn seine Augen haben Wimpern. Und die Abende sind eine lilaschwarze Tiefengestalt mit weißen Augen. Doch der Rest ist gelb und das „Sie“ leuchtet freundlich strahlend schön, noch etwas heller als Liebegelb. Es trägt zudem eine dezente Dauerwelle.
Die verlässliche, senfgelbe und sehr besorgt dreinblickende Einsamkeit hat einige Falten im Gesicht. Regen sieht ähnlich aus – auch mit faltenähnlichen Streifen in Schwarz und senfgelb. So hat dieser Einstieg in das Gedicht offenkundig eine eigene Persönlichkeit. Gelb mit Ausnahmen und Falten.
Weil wir gerade bei Antworten auf Fragen sind: neulich fragte mich eine Leserin, ob alle Synästhetiker die gleichen Farben sehen. Die Antwort ist leicht: Nein. Ein anderer Synästhetiker würde vielleicht sagen: es sind grüngestreifte Wörter mit Elefantenohren. Und wieder ein anderer würde sagen: ich nehme einen Rotton wahr, doch nur bei einigen Wörtern, z. B. Regen. Und sehr viele würden einfach erklären: ich kann mit Rilke so gar nichts anfangen.
Nun stelle man sich vor, dass jemand – um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen – die Zeilen umformuliert. Man verzeihe mir bitte, dass ich kein anständiges Synonym für Einsamkeit finde – es soll jetzt nur als Beispiel dienen. Zur Erinnerung noch einmal das Original:

„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen“;

Nun meine Version:
Das Alleinsein ist wie ein Regen.
Es erhebt sich aus dem Meer auf die Abende zu;
Auch jemand, der ohne Synästhesie lebt, wird nun merken, dass, abgesehen vom fehlenden Reim, der Charakter der Zeilen deutlich verändert ist. Synästhetisch gesehen ist es nun ein blauroter Satz geworden. „Allein“ –  blaurot – verschluckt das gelbe „sein“. Diese Farben dominieren den Rest – senfgelb taucht ab. Und das „zu“ am Ende des Satzes erwürgt denselben auf rotgraue Weise.
So kann ich die Frage unumwunden mit einem „Ja“ beantworten.
Hat der Eindruck, den die Worte des Namens einer Person in Dir hervorrufen, oder die Worte, die sie im Gespräch verwendet, Einfluss auf Deine Vorstellung von deren Persönlichkeit?
Ich hätte tatsächlich Probleme damit, wenn jemand folgenden Nach- oder gar Kosenamen trüge: K……..n…………..o ………………………………….. p – hier muss ich aus ästhetischen Gründen die grässlichen Konsonantengeschwister trennen, bitte wer erfindet solche Wörter? …………………………..f.
Und sonst: wenn ich von einer Person höre, die z. B. Elisabeth heißt, sehe ich jemand anderen vor mir als wenn jemand den Namen Chantal-Jaqueline trägt. Und zwar jenseits von den üblichen Standesdünkeln. Elisabeth ist weißgeblümt und hat Ähnlichkeit mit Sonntag – hingegen ist Jaqueline rot und blau und in Frankreich positioniert, das heißt auf meiner synästhetischen Landkarte weit weg von Elisabeth und Sonntag. Und passt so gar nicht zum bräunlich-orangefarbenen Wortwesen Chantal (mit Hornbrille).
Freundschaften zu speienden Graustimmlern vermeide ich tunlichst. Wenn jemand aber allzuoft gewisse Wendungen benutzt, die in meinem inneren Raum ein fundamentales Farbfunkelbeben verursachen, dann werde ich zwar nicht in Liebe entflammen für die Sprache dieser Person. Doch: wer mir eine Suppe kocht, der kann kein schlechter Mensch sein. Und wenn er dabei die Suppe verniedlicht, dann gebe mich eben viktorianischem Gedankengut hin: Augen zu und an Gallenstein (England) denken.
Denn was gibt es Größeres als gute Freunde aus Fleisch und Blut, gar die Liebe? Wir sind alle nicht vollkommen und unsere Persönlichkeit ist mehr als unsere Wörter. Und ein Mensch, mit dem ich einen goldenen Tag verbringen kann, ist mir tausendmal wertvoller als alle Wörter zusammen. Und der Bonustrack der Freundschaft und Liebe ist, wenn die Gedanken der Person in hübsche Wörter gekleidet werden und in meinen inneren Raum die Klaviatur der Schönheit zum Klingen bringen. Existenziell sind jedoch andere Werte.

Service an die Leserschaft: dramatische Wörter und ihre Wirkung.

Meine beste Freundin, deren Name in meinem inneren Kalender kontinuierlich auf unser nächstes Treffen zurennt (und das im Spagat), bat mich um die synästhetische Beschreibung eines bestimmten Wortes. Es ist ein Wort, das in einen Satz zerteilt werden kann und dann ganz anders aussieht als wenn es als ein einzelnes Wort daherkommt.

Und: es ist ein Wort, das je nach Kontext ganz unterschiedliches bedeuten kann. Dass das so ist, fiel mir bisher nie auf. Obwohl es ganz und gar kein unscheinbares Wort ist, so ist es dennoch bisher nicht in meinem Blickfeld stehengeblieben. Weder optisch noch von der Bedeutung her. Ich habe es stets schnell wieder vertrieben.

Das Wort ist also alles andere als ein Mauerblümchen. Es ist aber auch kein Wortfreund. Warum nicht? Ach, die letzten beiden Silben sind so stechend hell! Und wenn ein Wort süppchen-orange funkelt oder wie in diesem Fall ein gleißend hellgelbes Licht versendet, dann finde ich es einfach zu dramatisch um es länger in meinem inneren Raum stehen zu lassen.

Und das ist unabhängig von seiner Bedeutung: „Ich reiße ein Blatt Papier vom Block“. – Dieser Satz ist semantisch betrachtet längst nicht so dramatisch wie „herzzerreißend“, doch synästhetisch gesehen ähnlich nervenaufreibend. Und es zerreißt mir das Herz, dass ich meiner besten Freundin das nun mitteilen muss. Dass ich das Wort „herzzerreißend“ von seinen verschiedenen Bedeutungen her (jämmerlich oder auch herzbewegend) sehr gerne verwende – doch synästhetisch eher die Augen verschließen muss.

Sie wird beim Lesen nun vor sich hinmurmeln: „Ach Gott, Piksyn, nun werde mal nicht dramatisch.“ (Natürlich sagt sie nicht Piksyn, sondern etwas anderes und das wird nicht einmal im Impressum verraten). Zum Glück basiert unsere Freundschaft nicht darauf, ob ich das Wort „herzzerreißend“ aus synästhetischer Perspektive mag.

Dennoch: was funkelt und strahlt ist doch gemeinhin etwas Schönes (siehe Geschmeide) – warum nicht auch diese Silben? Reißend. Reißend. Reißend. Ich will mich wegdrehen, wie bei speienden Graustimmlern.

Mein innerer Raum beherbergt tausende Wortwesen, Zahlenräume, Zeitgestalten, Farbfreunde und nicht zu vergessen schreckliche Konsonantengeschwister. Außerdem noch die Farben zu Beethovens Neunter, zu den ungarischen Tänzen von Brahms, Bach, Frau Fitzgeralds Goldgesang und leider auch die unglaublich schillerndschönen Farben der Musikrichtung, die ich nicht leiden kann. Darüberhinaus: Erinnerungen an Milchreisstimmen und verstorbene Großmütter, die in Wörtern wohnen; sowie all die anderen Wesen, die in Musik wohnen.

Die dynamischen Liebeswesen, Max Goldt und seine Sätze haben einen Platz, der greise Nobelpreisträger mit seiner Rättin raucht auch in einer Ecke. Und dann gallopiert noch neuerdings Baron von Kleckewitz durch das Bild und die Konkubine flirtet inzwischen mit dem Klabautermann, dessen Klavikula-Fraktur zum Glück immer mehr ausheilt.

Dazu kommen noch hunderte an täglichen Stimmen, Lauten, Geräuschen, Autobahnen, Wörtern, Zahlen, Dialogen und so viel mehr. Und das ist der Grund, warum ich da niemanden gebrauchen kann, der sich so dramatisch gleißend aufführt. Es reicht schon die Impertinenz von Frau März am Morgen und dass mich die betagte Dame Sonntag an ihren Nachmittagen mit hinunterreißt. Da war es wieder: funkelndgleißendgelb.

Mein innerer Raum braucht nun dringend ein Meer zur Erholung oder wenigstens ein Industriegebiet. Es ist fast so, als sei ich in einer Sauna ohne den guten Rat zu beherzigen: Bitte Ruhe bewahren.

Das soll keine Entmutigung an die Leserschaft sein: denn ich freue mich sehr über weitere Wörter. Es ist jedes Mal eine große Freude, ein Wortgeschenk auszupacken und es zu betrachten – und solange ich mich nur über sich wie Diven aufführende Wörter aufregen muss, ist meine Welt sehr, sehr in Ordnung.