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Seine Augen waren ihm weit voraus.

Der Ort meiner Kindheit, der damals noch als „Arbeiterstadtteil“ galt, barg diverse Romanfiguren, die eigentlich nie arbeiteten und dafür Zeit hatten, sich mit mir zu unterhalten. Ich war neun und neugierig.

Es gab beispielsweise:

  • Den „Mörder“. Er trug Tatoos am vermutlich ganzen Körper und hatte zig Jahre im „Bau“ verbracht und erklärte mir: „Mein Herz ist schlecht. Aber meine Seele ist gut. Gott kennt meine Seele.“ Ich sagte: „Aha“ und dachte gleichzeitig, das sind mal Augen. (Sie schimmerten tiefblauer und lieblicher als der Himmel).
  • Die Frau, die immer rauchte. Sie war zudem mehr als übergewichtig und trug im Winter und im Sommer die gleichen Kleidungsstücke: einen blauen Faltenrock, einen grauen Anorak, Sandalen, Stützstrumpfhose, Hornbrille, graue Strähnenhaare und Zigaretten. Sie erklärte mir, dass sie immer auf jener Bank sitze, weil sie zu Hause nicht rauchen dürfe. Umso besser für mich, sie war stets bereit für einen kleinen Plausch, und sie hieß Frau K. – ich weiß gar nicht, ob sie meinen Namen wusste.
  • Der Mann in der braunen Lederjacke. Er trug einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, einen Hut und sah im Grunde aus wie ein dünner Schurke aus einer Astrid-Lindgren-Verfilmung. Er grüßte höflich und ich ihn sowieso. Ich malte mir aus, wie er wohl wohnte. Weil er eigentlich so aussah, als wohne er überhaupt nicht. Eines Tages verwickelte ich ihn in ein Gespräch darüber. Er erklärte, er habe über seinem Bett ein Bild von zwei Engeln hängen. Ich dürfe es mir mal anschauen, aber da müsse – und das betonte er unverzüglich – natürlich mein Vater mitkommen.
  • Die „Jungenbande“, die mich jagte. (Mit dem Fahrrad so schnell werden, dass man fliegen konnte). Vielleicht waren es eigentlich nur zwei. Nein, es waren drei. Und sich am nächsten Tag wieder auf die Straße trauen. Weil Frau K. bestimmt noch etwas zu erzählen hatte.

Ich weiß nicht, ob sie alle noch leben; diese „Jungenbande“ vermutlich schon. Der Lederjackenmann eher nicht, und ich möchte glauben, dass jemand sein Engelbild geerbt hat. Ich vermute auch, dass Frau K. längst woanders raucht. Ich hoffe, sie hat eine Bank. Ich wünsche mir, dass der „Mörder“ seinen Frieden gefunden hat. (Seine Augen waren ihm weit voraus).

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