Nach Farben sortiert.

MarenStefanSeptember09 034

Wer kennt sie nicht, diese Wahrheiten, die durch die Welt geistern, die allgemeingültigen Sätze? Wahrscheinlich hat jeder kulturelle, biographische, wie auch immer gestaltete Hintergrund seine eigenen Glaubenssätze; in meinem Leben heißt einer: “Bücher nach Farben sortieren? Wie oberflächlich ist das denn!”

Ja. Das habe ich dann auch jahrelang geglaubt. Alphabethisch, nach Themen, nach Genre – ganze Nachmittage verbrachte ich damit, Bücher im Regal umzuverteilen, während die betagte Dame Sonntag schon ihren dritten Likör einnahm und sich Lockenwickler für die lange Nacht ins silbrige Haar drehte.

Und ich fand sie doch nie wieder; denn ich denke nicht in derlei Kategorien. Ich denke nicht: “Anna Karenina ist ein russischer Roman”, sondern ich denke: “Schöner Name, roter Einband, raues Gefühl in der Hand”.

Ich denke auch nicht:  “Max Goldt, Kolumnen”, sondern ich denke “Buch, das vergilbt, einer losen Blattsammlung nicht unähnlich, geliebt olivgrün mir gerade so sehr fehlt”.

Ich möchte übrigens betonen, dass ich selten lese. Hörbücher hören, das schon, denn dabei kann ich versonnen durch die Gegend schauen, z. B. auf das Bücherregal, das inzwischen (selbstredend) nach Farben sortiert ist. Leichte Krimis, gerne britisch, denn “English is my Schnuffeltuch”, selbst wenn es ins Deutsche übersetzt ist.

Mein Bücherregal ist ein Relikt aus vergangener Zeit und dient dazu, bis heute die Illusion zu vermitteln, dass ich belesen sei. Ich würde gerne sagen, dass ich immer noch regelmäßig Tolstoi zu mir nehme und diesen Herrn lese, der “Die Möwe” geschrieben hat, und dass die Bronte-Schwestern bei mir beständig ein- und ausgehen. Doch – dem ist nicht so. Alle Bücher, die dort stehen, habe ich gelesen. Doch das ist sehr, sehr lange her.

Dafür kann ich mir merken, ob ein Buch einen vergilbten, beigen, cremefarbenen oder sahneweißen Rücken hat und es binnen 3 Sekunden aus dem Regal ziehen. Und jemand anderem geben, der es dann liest.

Und über allem steht der Tag.

Und über allem steht der Tag.

Ich werde manchmal gefragt, ob mir die Synästhesie gelegentlich auf die Nerven gehe. Normalerweise antworte ich darauf, dass dem nicht so sei.

Doch heute Morgen schaute ich mir die übertürmten Tage an, die vor und hinter mir liegen, und mir wurde schlagartig klar: In meinen Stimmungen pendeln immer Tagesfarben mit. Die Tatsache, dass ich mich heute per se dienstagsgelb fühle, bevor die anderen Gefühle dazu kommen, hat schon manchmal etwas leicht lästiges, vor allem, wenn es nicht so läuft.

Sehe ich den restlichen Tag vor mir, dann sehe ich Gelb. Und das Oval der Tageszeiten. Der bevorstehende Broterwerb ist in dienstagsgelben Satin eingehüllt. Das klingt nun hübscher als es ist – ein wenig aufdringlich ist das nämlich schon.

Schaue ich zurück auf den gestrigen Tag, sehe ich zunächst das Schwarzlila des Montags und alle Geschehnisse vor diesem Hintergrund. Und die Tage, die sich vor mir auftun, leuchten schon abwartend und Pläne und Pflichten haben sich gemütlich in ihnen niedergelassen und winken mir zu (an ihrer jeweiligen Position zu der entsprechenden Tageszeit). Und dann kommt noch der Monatsüberbau hinzu und die Jahreszeit obendrauf.

Da können die Wochentagswesen aber nichts für! Sie sind an sich freundlich und machen nur ihre Arbeit, siehe „Das Sams“.

Aus vergessenen Gründen lernte ich das „Sams“ von Paul Maar erst kennen, als ich schon zu alt war, um das Buch noch gut zu finden. (Und noch zu jung, um es wieder gut zu finden). Zum Glück „musste“ ich es vorlesen.

Ich war sehr froh über die Erkenntnis: auch andere Menschen scheinen Wesen in Wochentagen zu entdecken. Und – natürlich sehen diese Wesen unterschiedlich aus – beim einen ist es vollkornknäckebrotbraun und ein geselliger Freund und beim anderen hat es rote Haare und erfüllt gerne Wünsche.

Ich will Herrn Maar keine Synästhesie unterstellen, so wie ich das auch bei Rilke nicht wagen würde. (Warum sage ich nicht auch Herr Rilke? Weil er tot ist? Verliert man das Recht auf eine Anrede, wenn man stirbt? Noch nie habe ich darüber nachgedacht).

Doch – wie bereits erwähnt – braucht man für eine erweiterte Wahrnehmung der Dinge keinerlei synästhetische Veranlagung. Fantasie und weitere Gefährte wie Sprachfreude, Denktänze, Gedankenakrobatik und Co sind vollkommen ausreichend.

Synästhesie ist schlicht eine Spielart der Natur – eine Variation der Sinneswahrnehmung. Toll, aber nicht die Lösung.

So werde ich nun diesen gelben Dienstag vollbringen, der schon vorwitzig zum Mittwoch schielt. Und vielleicht passiert ja etwas dominantfarbiges, das alles mit seinem guten Glanz überdeckt: schnurschön sollte es sein und darf gerne mit dem Buchstaben K beginnen.

Nachtrag 1: Es passierte noch etwas Glanzvolles. Und es hatte mit Kolleginnen zu tun.

Nachtrag 2: Hat nicht Max Goldt mal die Frage nach der Anrede und dem Sterben gestellt? Dann hätte ich darüber doch schon mal nachgedacht. Ich möchte nicht so dastehen, als würde ich anderer Leute Gedanken stehlen – daher: wer es weiß, der bekommt einen Preis von mir, z. B. eine farbliche Beschreibung seines Vornamens. Das hat doch auch nicht jeder.

Rekonvaleszenzgedanken.

„Für unsere Zuschauer aus Österreich und der Schweiz“.

Dieser Satz schallt immer mal wieder durch Funk und Fernsehen. (Seit es „Wetten dass“ nicht mehr gibt, ein bisschen weniger oft). Dass diese Phrase sogar geographische Vorstellungen prägen kann, zeigt folgendes Beispiel:

Auf meiner inneren Landkarte liegt das grüngelbe Österreich westlich von der Schweiz. Eben in der Lese- oder Hörrichtung. Die Schweiz ist weißgrau mit Streifen, hat eine rotweiße Weste an (!) und trägt stolz einen Gamsbart. Beide Länder haben im Hintergrund graue Berglandschaften. Österreich liegt auf einer grünen Wiese und hat etwas mildes, österliches an sich. Wien leuchtet goldgelb strahlend mit einem ehrwürdigen graubeigen W aus der Mitte heraus.

Möglicherweise wird nun deutlich: Synästhetische Geographie kann klischeehaft sein.

Da ich natürlich eines Besseren belehrt wurde und auch ein Blick in den Atlas mich nahezu überzeugt, setze ich die Schweiz immer wieder nach links. D. h. dass die Schweiz ständig umzieht. Und dann doch wieder, sehr eigensinnig, zurückschellt.

Ich hoffe, dass meine sehr sympathische Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich mir diese Verwechslung verzeihen wird.

Die gute Nachricht ist: Wir können alle Ruhe bewahren, gerade so als wären wir gemeinsam in der Sauna, denn ich bemühe mich ab sofort um eine Korrektur meiner inneren Geographie durch folgende Maßnahmen:

1.  „Aus der Schweiz und aus Österreich“ ersetzt nun „Aus Österreich und der Schweiz“ in meinem Sprachgebrauch. Auch wenn die neue Version durch das doppelte „aus“ etwas sperriger klingt. Da ich erst vor kurzem einen Geburtstagswunsch geäußert habe, erscheint es mir übertrieben, mir diese neue Satzstruktur nun auch noch von anderen Menschen zu wünschen.

2. Regelmäßige Besuche im Atlas werden mich zusätzlich an die Realität heranführen. Diese Maßnahme dient auch dazu, mich davon zu überzeugen, dass Griechenland weder türkeigroß ist, noch zur Hälfte den Iran bedeckt. Und dass Kiel lange nicht so riesenhaft ist, dass es weite Teile Dänemarks auch nur im Ansatz überschatten könnte.

3. Mehrere Helikopterflüge über beide Länder sind in Planung, damit ich mir vor Ort ein „Bild von der Lage“ machen kann. Eventuell muss ich dafür erst noch ein höheres politisches Amt ergreifen. Ob Synästhesie als Qualifikation dafür ausreicht, wird man erst wissen, wenn ich mich zur Wahl gestellt habe.

Eine Parteizugehörigkeit wird schwierig für mich (wegen der Farben). Eine eigene Partei zu gründen, kommt mir – bei aller Liebe zu meiner Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich – aufwendig vor. Doch wenn, dann wäre sie gallensteinfarben. Und so wäre auch ihr Programm. Bedrohte Wörter retten, Zahlenräume flexibilisieren, Max Goldt for President – das wären die ersten Maßnahmen, die ich nach der Wahl ergreifen würde. Versprochen.

Rose, Rilke, Innen und Außen.

IMG_3790 Abgesehen davon, dass diese Rosenfarbe Baron von Kleckewitz markant ähnelt (so könnte sein Sonntagsstaat aussehen, im Übrigen auch so ein bedrohtes Wort…), fiel mir siedendheiß auf, dass ich zwar schon einiges über Max Goldt, doch noch gar nichts über Rilke und seine Rolle in meiner Synästhesie geschrieben habe.

Das ist sehr merkwürdig aus folgenden Gründen:

1. Ein Gedichtband von ihm gehört, so wie z. b. „Ä“ von Max Goldt, in mein Nachttischgepäck wo auch immer die Reise hingeht. Zwecks Ordnung des inneren Raums vorm Schlafen.

2. Seine Gedichte und Briefe sind m. E. noch wesentlich geborgenheitsfarbener als die Stimme einer Geschirrspülmaschine.

3.  Wird doch der innere Raum in folgendem Gedicht dargestellt – treffend und größer als Fotos oder ich ihn je beschreiben könnten.

Das Rosen-Innere 

Wo ist zu diesem Innen

ein Außen? Auf welches Weh

legt man solches Linnen?

Welche Himmel spiegeln sich drinnen

in dem Binnensee

dieser offenen Rosen,

dieser sorglosen, sieh:

wie sie lose im Losen

liegen, als könnte nie

eine zitternde Hand sie verschütten.

Sie können sich selber kaum

halten; viele ließen

sich überfüllen und fließen

über von Innenraum

in die Tage, die immer

voller und voller sich schließen,

bis der ganze Sommer ein Zimmer

wird, ein Zimmer in einem Traum.

Quelle: Rainer Maria Rilke. Gedichte. Stuttgart 1997, 158-159.

Service an die Leserschaft: Der (Amphibienbestimmungs)-schlüssel zum Glück.

Einer der schönsten deutschen Sätze wurde einst von Max Goldt gefunden und zitiert. Und ich darum gebeten, über ihn zu schreiben. Er stammt aus dem Hohlspiegel (DER SPIEGEL 38/1997):

Aus dem Fachmagazin UMWELT:

‚Jeder kennt die Situation: Man steht bis zu den Knien im Feuchtbiotop, da fällt der Amphibienbestimmungsschlüssel in den Schlick‘.“

Auf die synästhetischen Knie möchte ich fallen vor diesem Satz. Er ist so schnurfarben, dass es in meinem inneren Raum zu schneien beginnt. Er ist so überaus das Gegenteil von schleimbeigefarbenen Journalistenphrasen wie „Synästhesie – wenn Schokolade nach Grünspan klingt“. Er ist mehr als Panoramawörterglück, wie etwa Rhabarbermarmelade.

Ein Meisterwerk ist dieser Satz. Ein synästhetisches Feuerwerk – ganz unabhängig von dem nicht minder glorreichen Inhalt.

Es ist ein Konglomerat aus Gelbtönen (von einem zarten Denktagebuchbeige, hin zu einem Freitagsgelb, senfgelb über Liebegelb hin zu Dienstagsgelb), weißblauschwarzen Stäben, Blitzerndleise-Lachsfarben, Sachlichgrün und Schlickweiß (das ist etwas schmutziger als weiß, aber dennoch weiß).

Amphibienbestimmungsschlüssel: internationale Farben, nämlich Türkischblattgold, Polnischgrün, Englischhimmelblau.

Und wer kennt sie nicht, die Situation, dass der Schlüssel zur (Glücks-)bestimmung im Schlick liegt, doch bevor es jetzt zu metaphorisch und semantisch wird, greife ich rasch zum Amphibienbestimmungsschlüssel und schließe diesen Beitrag würdig und synästhetisch sauber ab.

Service an die Leserschaft: das weibliche Nagetier eines Herren mit Pullunder.

Eine Leserin, die Germanistik studiert hat, bat mich etwas zu folgendem Titel von G  ü n t h e r      G r a s s    zu schreiben:

D I E     R Ä T T I N.

Sie sagte, und ich zitiere wörtlich: „Es ist ekelhaft, klingt frauenfeindlich und erinnert an seinen Bart.“

Woraufhin ich herzlich lachte.

„Ich hoffe nur, dass du ihn damit nicht zu sehr beleidigst“, äußerte sie besorgt.

Und ich erwiderte: „Meinst du, der findet diesen Blogbeitrag?“ Sie antwortete: „Nee. Wobei: der ist so ein Typ, der googelt sich bestimmt stündlich. Eventuell ist dein Beitrag ja aber ganz weit hinten“.

Eventuell, ja. Man weiß aber ja nie. Eventuell googelt sich G. G. stündlich und schaut bevorzugt auf Seite 1399 zuerst. Weiß man es? Ich kenne ihn nicht. Weder ihn noch seine Gepflogenheiten. Ich kenne auch das Buch nicht. Zwar habe ich mich mal durch das Blech getrommelt, doch dann fand ich heraus, dass ich Tolstoi lieber lese, dann Jane Austen und eigentlich tief im Herzen, wie inzwischen bekannt sein dürfte, Max Goldt. Und in meinem inneren Raum gibt es auch so viel zu lesen, dass ich kaum dazu komme, noch mehr Wörter hineinzulassen.

Da ich nicht auf den Kopf gefallen bin, habe ich also die Buchstaben des Schriftstellers mit dem Pullunder auseinandergezerrt. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und mir liegt im Übrigen überhaupt nichts daran, greise Literaturnobelpreisträger zu verärgern.

Aus synästhetischer Perspektive kann ich nur sagen: R ä t t i n ist kein schlimmes Wort. Nicht so wie K —— N——– O ……… !!!!!!! Schallalla, Gallenstein, …… Cake….. P…… Lalalallalla, ganz ruhig und so, Lebkuchen, Schnur,…. F.

R ä t t i n ist schwarzweiß mit einer schwarzen Perücke, starker Pony, dunkle Augen, bemüht um Unauffälligkeit. Graumarmorierter Hintergrund, eher alles dunkel. Stört nicht. Ist nicht schön, doch auch nicht unerträglich.

Das sollte genügen. (Alles andere wurde ja schon gesagt).

Trägt G. G. eigentlich Pullunder? Mir war so.

Wenn Journalisten schleimbeigefarben schreiben.

Es ist auffällig, dass überdurchschnittlich viele Artikel über Synästhesie, die online zu finden sind, folgende grammatische Struktur aufweisen. Synästhesie: wenn… Wahlweise mit Bindestrich.

Eine Auswahl:

Kategorie „seriös“:

Synästhesie – wenn die Töne Farben haben.

Wenn Klänge zu Farben werden.

Synästhesie – wenn Zahlen Farben haben.

Wenn Buchstaben farbig werden.

Wenn schwarze Lettern eine Farbe haben.

Kategorie „sphärisch“:

Wenn nichts ist, wie es scheint.

Kategorie „rot“:

Wenn das „A“ immer rot ist.

2+3=Rot! Wenn Farben, Zahlen und Buchstaben korrelieren. (Dieser Titel korrespondiert immerhin stark mit meiner Einstellung gegenüber der Mathematik (und Geographie)).

Kategorie „Musik“/ „Tierstimmen“:

Phänomen Synästhesie – wenn ein Lied lilafarben klingt.

Synästhesie – wenn Musik sichtbar wird und Zahlen Farben haben.

Ein Leben mit Synästhesie: Wenn Worte riechen und Musik bunt ist.

Wenn der Hund gelb bellt.

Kategorie „textil“:

Synästhesie: Wenn sich die Sinne vermischen. (Hier geht es gar um Kord!)

Synästhesie: Wenn Seidenstoff glücklich macht.

Kategorien „kulinarisch“/ „Schmerz“/ „geometrisch“:

Synästhesie. Wenn Musik nach frischer Minze klingt.

Synästhesie: Wenn Zahlen farbig schmecken.

Wenn Pfeffersauce dreieckig schmeckt.

Wenn das Huhn nicht eckig genug schmeckt.

Wenn Schokolade blau schmeckt und sich Zahnschmerzen dreieckig anfühlen.

Kategorie „kannibalistisch“:

Synästhesie: Wenn Wörter Menschen schmecken.

Sehr anregend. Ich habe noch ein paar Vorschläge:

Synästhesie: Wenn A+B=Samstag ist.

Synästhesie: Wenn ein hartgekochtes Ei nach Freitag schmeckt.

Synästhesie: Wenn die Gondeln Locken tragen und Venedig ein Braten ist.

Synästhesie: Wenn die U-Bahn sich siebeneckig anfühlt und der Zahnschmerz nach Beethovens Neunter klingt.

Synästhesie: Wenn sich nach einem Text über Synästhesie von Max Goldt gesehnt wird.