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Zierquittenlikör, das Wort, das Ding.

Das Wort „Zier“ ist weißgrau, „Quitten“ sind hellgold mit Locken und einem beflissenen Gesichtsausdruck, „Likör“ ist weißmoosfarben mit grauen Punkten.

Ich habe das Wort und dann auch noch den Likör von @crazyneopop bekommen und getrunken (im Grunde beides). Er erinnerte mich ein wenig an die eingelegten Kirschen in Weckgläsern meiner kochenden Großmutter, und die haben immer schon lachsfarben und Gold geschmeckt. Der Alkohol des Likörs bringt eine Welle Blau hinein, was Alkohol immer tut, vielleicht auch Weiß.

Oder Grau. Alkohol ist mehrfarbig. Ich habe noch nie über Alkohol in Bezug auf seine Farben nachgedacht. Ich werde das nachholen. Vielleicht.

Das Wort und das Ding an sich sind sich ähnlich. Ich weiß nicht, ob sie zusammenhängen, weil sie eins sind. Wahrscheinlich nicht, denn das englische Wort für Zierquittenlikör sähe bestimmt anders aus. Ich finde es nicht im Wörterbuch, und ich weiß nur, dass Quitten „quinces“ heißen, und die sind moosgrüngelb. Kein Stich Gold.

So hängen sie wohl nur durch Zufall zusammen, und das ist es, was Synästhesie ausmacht. Der Zufall. Dass die Wörter nicht so aussehen, wie die Dinge, die sie bezeichnen. (Außer in dem jeweiligen Menschen, in dem alles seine eigene, zusammenhängende Logik hat).

Zierquittenlikör. (Das Wort bleibt und zieht in den Tempel der Lieblingswörter ein. Ich lege ihm Blumen vor seinen Stuhl. Ich glaube nämlich, dass Zierquittenlikör gerne sitzt).

Seine Augen waren ihm weit voraus.

Der Ort meiner Kindheit, der damals noch als „Arbeiterstadtteil“ galt, barg diverse Romanfiguren, die eigentlich nie arbeiteten und dafür Zeit hatten, sich mit mir zu unterhalten. Ich war neun und neugierig.

Es gab beispielsweise:

  • Den „Mörder“. Er trug Tatoos am vermutlich ganzen Körper und hatte zig Jahre im „Bau“ verbracht und erklärte mir: „Mein Herz ist schlecht. Aber meine Seele ist gut. Gott kennt meine Seele.“ Ich sagte: „Aha“ und dachte gleichzeitig, das sind mal Augen. (Sie schimmerten tiefblauer und lieblicher als der Himmel).
  • Die Frau, die immer rauchte. Sie war zudem mehr als übergewichtig und trug im Winter und im Sommer die gleichen Kleidungsstücke: einen blauen Faltenrock, einen grauen Anorak, Sandalen, Stützstrumpfhose, Hornbrille, graue Strähnenhaare und Zigaretten. Sie erklärte mir, dass sie immer auf jener Bank sitze, weil sie zu Hause nicht rauchen dürfe. Umso besser für mich, sie war stets bereit für einen kleinen Plausch, und sie hieß Frau K. – ich weiß gar nicht, ob sie meinen Namen wusste.
  • Der Mann in der braunen Lederjacke. Er trug einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, einen Hut und sah im Grunde aus wie ein dünner Schurke aus einer Astrid-Lindgren-Verfilmung. Er grüßte höflich und ich ihn sowieso. Ich malte mir aus, wie er wohl wohnte. Weil er eigentlich so aussah, als wohne er überhaupt nicht. Eines Tages verwickelte ich ihn in ein Gespräch darüber. Er erklärte, er habe über seinem Bett ein Bild von zwei Engeln hängen. Ich dürfe es mir mal anschauen, aber da müsse – und das betonte er unverzüglich – natürlich mein Vater mitkommen.
  • Die „Jungenbande“, die mich jagte. (Mit dem Fahrrad so schnell werden, dass man fliegen konnte). Vielleicht waren es eigentlich nur zwei. Nein, es waren drei. Und sich am nächsten Tag wieder auf die Straße trauen. Weil Frau K. bestimmt noch etwas zu erzählen hatte.

Ich weiß nicht, ob sie alle noch leben; diese „Jungenbande“ vermutlich schon. Der Lederjackenmann eher nicht, und ich möchte glauben, dass jemand sein Engelbild geerbt hat. Ich vermute auch, dass Frau K. längst woanders raucht. Ich hoffe, sie hat eine Bank. Ich wünsche mir, dass der „Mörder“ seinen Frieden gefunden hat. (Seine Augen waren ihm weit voraus).

Nachtrag zu den Weckgläsern.

Es ist ein Riss in allem, damit das Licht eintreten kann, so würde ich unbefangen Cohens Zeile übersetzen, und sie noch unbefangener lieben.
Denn sie beruhigt mich, bisweilen stärker als Stille. Und wenn ich mich manchmal frage, ob nur ich so – („gerissen“ wäre das falsche Wort) – bin, dann denke ich an die Zeile und frage mich, ob ich nicht versuchen sollte, noch mehr Lichtungslicht in Weckgläser zu füllen für die Großrisszeiten. Zum Nachlegen, zum Schattenärgern. Und dass es vielleicht vielen so geht, und dass wir uns unserer Risse nicht schämen müssen.

Roadmovie.

 

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Den Januar überspringen war unmöglich; es fehlte u. a. an den technischen Möglichkeiten. Und: zum Glück gab es ihn. Während die Arbeits- und andere Farben viel zu viel verschluckten, was hätte schön sein können, und der Januar noch dazu sein Grau über Gefühle goss, so gab es mitunter kleine Roadmoviemomente.

Roadmoviemomente sind asphaltglühend, freiheitsgelb, identitätssichernd und straßenglücksfarben. Dieses erhebende Gefühl, dass Freiheit existiert und nicht alles, was uns ausmacht, unter der Walze Pflicht und manchem Unglück zerdrückt wird, platt wird, Gesicht verliert. Das Straßengefühl, das Wissen, die Einsamkeit. Eine zarte Einsamkeit, die Einsamkeit eines Baums und nicht die eines Menschen.

Musik verfärbt die Straße, die eigentlich grau ist, in einen Glanz, beinahe Gold. Nur ein paar Worte wechseln, da vorne ist der Horizont und wenn der erreicht ist, brauchen wir einen Plan. Und dann singen. Und schweigen. Bis zum Horizont fahren wir ohne Pause und lassen keine Möglichkeit aus zu lächeln, manchmal mit Tränen in der Nähe.

Und es macht nichts, dass wir uns verfahren. Weil das immer der Beginn einer neuen Geschichte ist. Das Meer finden wir und wenn nicht, dann etwas anderes. Ein Tor, eine Höhle, einen Laden, einen Stein, der aussieht wie eine Blume, eine Blume, die aussieht wie ein Tier, ein Tier, das aussieht wie ein Baum, einen Weg, der vortäuscht, er führe ins Nichts und dabei endet er in einer Lichtung. Das ist das Gute, auch im Januar gibt es Lichtungen.

Nun ist Februar. Es wird weiterhin gestreifte Musik geben, Musik, die in braunwarmen Balken horizontal den Blick auf die Straße kurzzeitig versperrt, Musik, die im Goldpunktwasserfall zu finden ist, Nebeltöne, Musik, die schlicht grauweiß bleibt, doch eine Stimme hat, die säulenfreundlich klingt; es wird schlechte Nachrichten geben und trotzdem diese Momente.

Im Seitenspiegel geht die Sonne langsam unter. Wann endet ein Roadmovie? In diesem Fall mit dem Wissen, dass morgen ein neuer Tag ist. Jetzt gilt es, die Straße zu berühren, die Wolken einzusammeln, Lichtungslicht in ein Weckglas zu locken und das alles behutsam in die Tasche zu legen und dort zu vergessen.

Und wenn wir viel Glück haben, dann rollen die berührte Straße, die eingesammelten Wolken, das Lichtungslicht und der Stein, der ausieht wie eine Blume, am nächsten Tag, wenn wir irgendwo Pflichten ausüben, aus der Tasche. Und wir erinnern uns daran, wer wir sind, nämlich die auf der Lichtung und die mit dem Seitenspiegel voll Abendglut.

 

 

 

 

 

 

 

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