7 Morgenmerkmale.

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Heute hatte ich Umstände, die mich früher als notwendig aus der Wohnung vertrieben. So bekam ich die Gelegenheit, das Gebaren des Morgens einmal ganz unbeteiligt zu beobachten. Von einer Parkbank aus und Sonne gab es noch dazu.

Ich befand abschließend, dass der Morgen sehr dienstbeflissen ist und einen Bienenstockhabitus vor sich herträgt. Folgende Merkmale führten mich zu dieser These:

1. Wimmelfahrradtöne.

2. Die Morgenfarbe: Blauweiß mit einem Lächeln und frisch zurechtgemachter Frisur.

3. Joggerklänge.

4. Schleichende Nachtigallen vs. enthemmte Lerchenstimmen.

5. Und andere (aufgeweckte) Vögel.

6. Brötchentütenknisterfarben.

7. Große generelle Geschäftigkeit (auch blauweiß, mit grauen, eifrigen Punktaugen).

Morgen bin ich wieder dabei!

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Vier Versionen Blume.

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Eine Blume ist eine brillante und zugleich bescheidene Naturerscheinung. Begeistert über das Wort „Blume“ schreiben, das war mein Vorhaben für diesen Samstagnachmittag, der sich mir in all seiner vollkornknäckebrotfarbigen Freundlichkeit präsentiert. Während es nach Frühlingsregen klang, der guten Art von Regen, machte sich indes Verwirrung breit.

Denn das Wort „Blume“ blieb nicht, wie z. B. Chlamydien oder andere zauberhafte Wörter, anschaubereit im inneren Raum stehen. (Vielleicht ist „Blume“ einfach zu bescheiden). Immer wenn ich dachte, so sieht „Blume“ aus, musste ich erkennen, dass das jeweilige Bild nur eine Version von Blume war. Denn gleich danach tauchte ein anderer Sinneseindruck des Wortes auf und stellt den vorherigen in Frage.

Und zwischendurch wurden noch mindestens 83 innere Bilder von realen Blumen sichtbar, Schnittblumen, Schlüsselblumen, teure Lilien und treue Geranien.

Bevor ich nun geradewegs in eine synästhetische Identitätskrise taumeln würde, blieb ich bewährt ruhig und beschloss schlankerhand, alle vier Versionen von “Blume” zu beschreiben.

1. Version: Blume ist rot und hat ein gelbes Gesicht, das nur im Profil zu sehen ist. Die Frisur ist rotlockig und sehr akkurat zurechtgeföhnt. Der Mund ist ein wenig angestrengt verzogen. Blume möchte nämlich alles richtig machen.

2. Version: Blumes Silhouette erinnert an Stiefmütterchen und entfernt an eine Kinderzeichnung auf beigem Matritzenpapier. Blasses Buntstiftgrün und auch die Blüten in Rot sind fad.

3. Version: Manchmal taucht links oben im inneren Raum ein blasslila und weißer Farbeindruck auf, wenn ich das Wort Blume höre. Dieser hat eine exzentrische Glockenform und stülpt sich kurz über mein Sichtfeld.

4. Version: Blume hat die Form einer bauchigen Teekanne. Tiefrot mit leichtlila Streifen schaut sie liebevoll in die Welt. Diese Version von Blume strahlt so viel Geborgenheit aus, dass man sich ohne weiteres an sie schmiegen möchte.

Die vier Versionen haben gemeinsam, dass sich die Blumenbuchstaben gelassen in die jeweiligen Bilder gruppiert haben. Ohne Hast. Und vor allem drängt sich keiner von ihnen in den Vordergrund. Auch das macht Blumen so sympathisch.

Gezeichnete Synästhesie: Der ordentliche Bach.

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Bach hören ist fast so beruhigend, wie einer Giraffe tief in die Augen zu schauen. Jeder Ton sitzt (genau berechnet) an seinem Ort und wartet. Und wenn das Stück zu ihm kommt, dann ist der Ton beflissentlich und selbstverständlich sofort zur Stelle.

Emotionale Passagen gibt es auch bei Bach. Sie sind vielleicht nicht ganz so lieblich wie bei Brahms oder so anrührend wie bei Mozart. Bei Bach laufen die Gefühle recht undramatisch vor einem mathematisch ausgefeilten Hintergrund herum.

Und das hat durchaus Vorteile, die nicht unbedingt sofort ersichtlich werden. Denn allzu oft ist Bach doch mehr etwas für den zweiten Blick. Sein Moosgrün und sein Grau locken keine besonders starken synästhetischen Wallungen hervor, und dass das Cembalo sich weißgleißend wichtig macht, ist eher etwas für den besonderen Geschmack.

Doch vielleicht ist es besser so. Denn möglicherweise wäre Bachs Tiefe viel zu herzergreifend, verliehe er ihnen nicht diese solide Grundlage. Zu stark wäre Bachs innerer Aufruhr für ein einzelnes Herz und deswegen ist es gut, dass er ein gewissenhafter Rechner war.

Und wenn etwas im Leben gerade herzzerreißend ist und eine Musik verlangt wird, die noch einsamer ist als die Stimme einer Trompete – und wenn trotzdem eine gewisse Ordnung ersehnt wird und das Gefühl, dass jemand weiß, was er tut und dass dieser aber auch weiß, was tief empfundenes Leid ist – und wenn man gleichzeitig Angst vor zu großen und tiefen Gefühlen hat, weil man noch wohin muss gleich und sich nicht mit Leib und Seele dem Schmerz und Weltwehklagen hingeben kann – und wenn man außerdem wissen möchte, wann dieser Schachtelsatz denn endlich zu Ende geht – dann empfehle ich diese Cello Suiten:

https://www.youtube.com/watch?v=mGQLXRTl3Z0

Dann werden sie helfen, die schnurschönen Wörter.

Nicht mehr mühsam.

Vor kurzem erwähnte ich das Eichhörnchen, dass es sich täglich weniger mühsam ernähre und unpathetische Knospen. Zudem beschwerte ich mich mehr als einmal über Frau März und ihren Wankelmut, der mit sich bringe, dass ich nie wisse, wie sich zu kleiden sei.

Außerdem betrog mich die Abendluft; versprach sie doch Frühling, brachte über Nacht den Winter zurück und ihr Hohngelächter war noch zu hören, als mich Frau März an einem Morgen mit ihren blauen Bändern fuchtelnd und mit Hilfe von Freund Schnarrvogel weckte.

Nach all den Klagen will ich nun anständig sein. Und mich recht herzlich bei Bruder April bedanken, der taureich am Abend den Frühling verspricht und dieses Gelöbnis auch hält. Der Frühlingsfarben flattern und Tulpen auferstehen lässt. Der durch seine Brille das Eichhörnchen milde anlächelt und ihm ein wenig Sicherheit vermitteln möchte: ab jetzt muss keiner mehr nervös sein.

Denn Schnee ist ausgeschlossen. Er wird erst wieder kommen, wenn im Sommer eine Landstraße asphaltheiß die Beine hochkriecht und der Rückenschweiß nach Schnee ruft – dann wird er da sein, doch nur in Gedanken; dann werden sie helfen, die schnurschönen Wörter.

Bis dahin wird auf noch mehr Grün gewartet, und wenn es vollzählig da ist, werde ich über Grün schreiben. Die anderen Farbfreunde warten schon gespannt darauf. Ein wenig Bammel haben sie nämlich vor der ernsthaften Grün. (Doch keine Sorge – es ist wirklich nur Bammel, verniedlichte Angst).

Service an die Leserschaft: Die Farbe Glamourös.

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Eine Leserin, die über ein ausgeprägtes Sprachgefühl verfügt, fragte mich, wie das Wort “glamourös” in meinen Augen aussehe. Beste Wortwohlgefühle löse es in ihr aus (sinngemäß so etwas wie Heimeligkeit, warme Schauer und innige Aufregung; leider war ich aufgrund eines schicksalshaften Vorfalls zu unkonzentriert, um mir den genauen Wortlaut zu merken, doch ungefähr so wird es gewesen sein).

Das Gl zumindest dürfte mir gefallen, mutmaßte sie, und außerdem gehe das Wort verdächtig in Richtung Chlamydien, wenn diese, wie seinerzeit vermutet, mit K beginnen würden.

„Glamourös“ wirkte zunächst unbeschreiblich (die Farbe betreffend), doch ich fand ein Foto in meinem Archiv, das den Ton und auch die Form des Wortes nahezu tadellos trifft.

Man stelle sich nun noch die eher dunklen Buchstaben vor diesem Hintergrund vor und schon ist man ein Gast in meinem inneren Raum. (Herzlich willkommen, es gibt auch ein Sofa, auf dem sich schon eine illustre Gesellschaft befindet!)

Das Wort ist übrigens kein Wesen mit Augen und Charakter, sondern zur Abwechslung einfach mal nur mehrfarbig mildschillernd.

Doch – was sehe ich da? Ein Wort will gründlich angeschaut sein, wenn ich es schon im inneren Raum festhalte. Und betrachte ich das Wort genauer, muss ich feststellen, dass das “rös” ganz unglamourös in Beige und Ocker gehalten ist!

Was für eine eigenwillige Farbkonstellation! Beige und Ocker – damit diese Kombination glamourös wirkt, müssen die Farben von einer äußerst erprobten Diva getragen werden, die Mondänes tut, trägt und denkt.

Z. B. von Berlin. Und da Berlin zumindest bei mir Heimeligkeit, warme Schauer und innige Aufregung auslöst, schließt sich hier der synästhetische Kreis.

Und über allem steht der Tag.

Und über allem steht der Tag.

Ich werde manchmal gefragt, ob mir die Synästhesie gelegentlich auf die Nerven gehe. Normalerweise antworte ich darauf, dass dem nicht so sei.

Doch heute Morgen schaute ich mir die übertürmten Tage an, die vor und hinter mir liegen, und mir wurde schlagartig klar: In meinen Stimmungen pendeln immer Tagesfarben mit. Die Tatsache, dass ich mich heute per se dienstagsgelb fühle, bevor die anderen Gefühle dazu kommen, hat schon manchmal etwas leicht lästiges, vor allem, wenn es nicht so läuft.

Sehe ich den restlichen Tag vor mir, dann sehe ich Gelb. Und das Oval der Tageszeiten. Der bevorstehende Broterwerb ist in dienstagsgelben Satin eingehüllt. Das klingt nun hübscher als es ist – ein wenig aufdringlich ist das nämlich schon.

Schaue ich zurück auf den gestrigen Tag, sehe ich zunächst das Schwarzlila des Montags und alle Geschehnisse vor diesem Hintergrund. Und die Tage, die sich vor mir auftun, leuchten schon abwartend und Pläne und Pflichten haben sich gemütlich in ihnen niedergelassen und winken mir zu (an ihrer jeweiligen Position zu der entsprechenden Tageszeit). Und dann kommt noch der Monatsüberbau hinzu und die Jahreszeit obendrauf.

Da können die Wochentagswesen aber nichts für! Sie sind an sich freundlich und machen nur ihre Arbeit, siehe „Das Sams“.

Aus vergessenen Gründen lernte ich das „Sams“ von Paul Maar erst kennen, als ich schon zu alt war, um das Buch noch gut zu finden. (Und noch zu jung, um es wieder gut zu finden). Zum Glück „musste“ ich es vorlesen.

Ich war sehr froh über die Erkenntnis: auch andere Menschen scheinen Wesen in Wochentagen zu entdecken. Und – natürlich sehen diese Wesen unterschiedlich aus – beim einen ist es vollkornknäckebrotbraun und ein geselliger Freund und beim anderen hat es rote Haare und erfüllt gerne Wünsche.

Ich will Herrn Maar keine Synästhesie unterstellen, so wie ich das auch bei Rilke nicht wagen würde. (Warum sage ich nicht auch Herr Rilke? Weil er tot ist? Verliert man das Recht auf eine Anrede, wenn man stirbt? Noch nie habe ich darüber nachgedacht).

Doch – wie bereits erwähnt – braucht man für eine erweiterte Wahrnehmung der Dinge keinerlei synästhetische Veranlagung. Fantasie und weitere Gefährte wie Sprachfreude, Denktänze, Gedankenakrobatik und Co sind vollkommen ausreichend.

Synästhesie ist schlicht eine Spielart der Natur – eine Variation der Sinneswahrnehmung. Toll, aber nicht die Lösung.

So werde ich nun diesen gelben Dienstag vollbringen, der schon vorwitzig zum Mittwoch schielt. Und vielleicht passiert ja etwas dominantfarbiges, das alles mit seinem guten Glanz überdeckt: schnurschön sollte es sein und darf gerne mit dem Buchstaben K beginnen.

Nachtrag 1: Es passierte noch etwas Glanzvolles. Und es hatte mit Kolleginnen zu tun.

Nachtrag 2: Hat nicht Max Goldt mal die Frage nach der Anrede und dem Sterben gestellt? Dann hätte ich darüber doch schon mal nachgedacht. Ich möchte nicht so dastehen, als würde ich anderer Leute Gedanken stehlen – daher: wer es weiß, der bekommt einen Preis von mir, z. B. eine farbliche Beschreibung seines Vornamens. Das hat doch auch nicht jeder.

Dinge, die ich aus synästhetischen Gründen eigentlich nicht tun würde, aber dennoch schon gemacht habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch.

Da regt es sich auf, das kleine synästhetische Monster. Aber ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen.
Da regt es sich auf, das kleine synästhetische Monster. Aber ich lasse mir nur zeitweise von ihm auf der Nase herumtanzen.

Dass Synästhesie meine Weltwahrnehmung beeinflusst, ist der aufmerksamen Leserschaft sicher aufgefallen. Dennoch gibt es auch Lebensbereiche, die von meinen synästhetischen Empfindungen unangetastet bleiben. Z. B. Freundschaft, über die ich schon mehrfach schrieb, und Liebe sowieso.

(Natürlich weiß ich es zu schätzen, wenn Wörter wie Button (in ihrer deutschen Übersetzung) nicht inflationär in meiner Gegenwart verwendet werden. Doch das fällt unter die Rubrik: Dinge, die man für Freunde oder seine große Liebe tut, weil man den anderen und seine Eigenheiten kennt und akzeptiert. Wenn jemand den Geruch von Bananen nicht erträgt, lasse ich keine in seinem Auto liegen. Wenn es doch einmal geschieht, passiert aber nichts Schlimmes, außer ein kleines Augenrollen. Und genau so ist es umgekehrt auch mit Buttonerwähnungen).

Nicht jedes Wort bleibt im inneren Raum stehen und gärt dort vor sich hin. Sehr oft ziehen sie einfach vorbei, und ich bin nur vom Gegenüber und dem jeweiligen Gesprächsinhalt  in Beschlag genommen. Vielleicht ist es so, als säße man im Wald. Vögel zwitschern, Wipfel rauschen, Tannen knarzen. Der Blick bleibt nicht an jedem einzelnen Baum hängen. Außer man achtet bewusst darauf. (So wie ich die Wörter im inneren Raum festhalte und betrachte, um sie hier zu beschreiben). Ansonsten laufen die Vogelstimmen und Baumgeräusche eher im Hintergrund, und man ist einfach im Wald und hat entsprechend erhebende Gedanken.

Und so ist es auch mit den Dingen, die ich aus synästhetischen Gründen eher nicht tun würde, aber dennoch schon gemacht habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch:

– Jemanden, der einen popelfarbenen Namen trägt, küssen (und so).

– Das Horrorkonsonantengeschwisterwort in den Mund nehmen aus reinen Verständigungsgründen.

– Musik hören, die beglückt, doch dabei wüstgraue Spiralen ausspuckt.

– Den Vielwortnebel einer Graustimmlerin durchdringen, um sie zu verstehen.

Städte besuchen mit abstoßenden, teils unförmigen Namen, die im Mund eher Holzsplitter als Schnee produzieren.

– Ein Baby mit Verniedlichungen zudecken.

– Dinge tun, deren Verbform das ursprüngliche Wort ungnädig verformt: googeln, mailen, whatsappen, bloggen, twittern.

– Geschnetzeltes essen.