Wahrnehmung ist eine taumelnde Gazelle – über den Umgang mit synästhetisch veranlagten Kindern.

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Ich frage mich dieser Tage manchmal, was gewesen wäre, wenn in meiner Kindheit (während der 80er) Synästhesie schon ein allseits bekanntes Phänomen gewesen wäre. Hätte ich all die Wortwesen wirklich kennengelernt? In Ruhe stundenlang dem Geräusch des Haarebürstens gelauscht und die Striche vor meinen Augen verfolgt? Erlebte Geschichten von Wochentagen umarmen und für immer festhalten lassen? Hätte ich einfach so, ganz vertieft, die Wörter und Zahlen anschauen können, die sich vor mir aufbauten, einfärbten, Augen und Frisuren wachsen ließen und dann für immer so blieben?

Auf seltene Aussagen meinerseits zu Farben in Wörtern wurde glücklicherweise nicht anders reagiert, als auf andere Alltagsbeobachtungen. Sie gingen im Meer der vielen Äußerungen unter und wurden weder kleingemacht noch aufgebauscht. Meist wurde freundlich gelächelt und gesagt: “Ach, der Name ist blau? Du hast ja viel Phantasie.” Dass Synästhesie nicht das Gleiche ist wie Phantasie (schon farblich nicht, Synästhesie ist gelb mit Punkten und Phantasie schillerndmondfarben und schwarzlila), machte dabei nichts. Wichtig war: ich wurde nicht verwirrt. Ich merkte, dass es nichts Schlimmes ist, aber auch nichts Großes.

Da andere, kindliche Verwandte von mir auch synästhetische Anlagen hatten, gab es ausreichend geeignete Diskussionspartner auf Augenhöhe; manchmal endete es im Streit, doch es war wie mit allen Wahrnehmungssorten: “Was, du magst Erdbeereis? Was, die 8 ist rot? Du spinnst ja, Erdbeereis ist eklig und die 8 ist blau!”. Große Empörung allerseits und irgendwann die Erkenntnis: offenbar sind wir da unterschiedlich. Ist nicht schlimm. Ist eben so. (Hätte ich keinen Gesprächspartner für Synästhesie gehabt, wäre es auch nicht tragisch gewesen. Ich kann mich an höchstens vier Dialoge dieser Art erinnern, die nicht über einen kurzen Schlagabtausch hinausgingen. Viel wichtiger war, dass es Menschen gab, die sich für einen interessierten. Mit oder ohne Farben).

Es gibt inzwischen Studien, in denen es um die Frage geht, ob Hochbegabung und Synästhesie zusammenhängen, ob Autismus und Synästhesie miteinander einhergehen, ob bunte Magnetbuchstaben Kinder synästhetisch prägen und überhaupt, wie das zu fördern sei, weil man doch so bestimmt besser lernen könne. Oder schlechter und dann müsse man Benachteiligungen verhindern! Das mag alles sein, Forschung hilft, Forschung ist toll, Forschung muss sein. Doch was für Schlüsse werden wohl daraus gezogen für den Umgang mit Kindern?

Ich hoffe, dass diese Entwicklung nicht dazu führt, dass Synästhesie überbewertet wird und dadurch auf eine Bühne in Kindheiten kommt, auf der sie noch nicht stehen sollte. Ich hoffe, dass es keine Lehrkräfte gibt, die mit Vorwürfen überschüttet werden, weil die angebotenen Buchstabenfarben nicht individuell genug seien für die 3 Synästhetiker pro Klasse. Umgekehrt hoffe ich, dass Lehrkräfte auf Farbäußerungen ihrer Schüler möglichst gelassen reagieren. Ich hoffe, dass Eltern ihren Kindern Raum lassen, denn Synästhesie braucht einen inneren Raum, der erst einmal einem selbst gehört. Ich hoffe, dass Kinder nicht ausgelacht, aber auch nicht mit Lob dafür überschüttet werden. Denn: wenn Wahrnehmung zu stark bewertet wird, dann gerät sie ins Taumeln.

Die gute Nachricht ist: man versäumt nichts. Es ist eben nicht wie mit einer Fremdsprache, die früh genug gelernt sein will. Synästhesie passiert einfach. Sie tritt auf, sie ist mal stärker, mal schwächer und baut sich zeitgleich wie Sprache, Gedanken, Musikerinnerungen, Zahlenräume und Geräuscherfahrungen auf. Eines Tages ist es soweit und man erfährt, es gibt einen Namen für diese Selbstverständlichkeit! Es gibt noch mehr Menschen, die das haben!

Und wenn man einigermaßen fest im synästhetischen Sattel sitzt, kann man darüber schreiben, sprechen, Fragen beantworten und versuchen, einen Einblick in diesen Raum zu gewähren (wenn man das möchte). Weil man sich nun gut genug in ihm auskennt, weiß wo alles steht und halbwegs fertig eingerichtet ist. Und selbst dann bleibt die synästhetische Wahrnehmung eine zarte, manchmal taumelnde Gazelle. Die man anlocken kann, wenn man Glück hat, für das eine Foto, die eine Beschreibung, den einen Moment.

Über den Zustand Grün und die Sehnsucht nach Rosa.

Grün

Vor kurzem kündigte ich an, dass ich über Grün schreiben werde, wenn sich die Farbe vollzählig versammelt habe. Sie ließ lange auf sich warten, doch da sich der letzte Baum vorm Fenster nun langsam (spärlich) bekleidet, ist die Zeit gekommen.

Dass sich die anderen Farben ehrfürchtig verneigen wenn Grün kommt, das sagte ich schon. Und auch, dass sie ein wenig Bammel vor ihr und ihrer Ernsthaftigkeit haben. Dieser Aussage konnte die Leserschaft bereits entnehmen, dass Grün in meinen synästhetischen Augen, entgegen der allgemeingültigen Dudenrealiät, weiblich ist.

Das schmutzige Meisenknödelgrün hatte einen Auftritt in diesem Blog (um die 50 zu veranschaulichen), mein grüner Originalname ebenso und auch sonst kam Grün in allen möglichen Schattierungen vor, denn Grün ist eine sehr aktive Farbe in meinem inneren Raum. Rosa gibt es dagegen selten.

In meiner Kindheit stand ich mit Grün auf Kriegsfuß. Eigentlich wollte ich Rosa, doch die Haltung, dass „Pink stinks“ gab es auch schon in den 80ern, nur in einem anderen, etwas faderem Mantel. Dann lieber Rot, hieß es, aber Rot war so ein lahmer Ersatz für Rosa! Blau wurde stattdessen meine Freundin. Doch Blau war beliebt. Und Grün wollte nie jemand. So auch an einem Tag in der Schule, als Laternenfarben verteilt wurden. Ein dunkles, ernsthaftes Grün blieb übrig.

Einer müsse es nehmen, sonst verlasse keiner den Raum, auch wegen der Vielfalt, sagte die Lehrerin mit ihrer Stimme, die so gar nicht nach Milchreis schmeckte. Ich erbarmte mich seiner, wie es als Synästhetikerin meine Pflicht war (obwohl ich das Wort noch nicht kannte und Farbensehen für mich so selbstverständlich war, wie Farbfernsehen, Rosa begehren und Atmen).

Meine erste Schulfreundin, die einen silbergraudunkelblauen Namen hatte, und durch die ich lernte, dass Türkisch blattgoldfarben ist, erbarmte sich wiederum meiner und wählte auch Grün. Solidarisch, pink stinks und wenn Anderssein in der ersten Klasse schon ein Wert wäre, dann hätten wir solcherlei Parolen gerufen.

Betriebssam wurden Häuser gefaltet, diese mit echten Wachskerzen bestückt (denn no risk, no fun, Rock’n’roll, ohne Helm und ohne Knieschoner mit Rollschuhen auf der Straße fahren und dabei in der Hand eine Laterne mit brennender Kerze halten, das waren Zeiten, doch ich will nicht abschweifen) und angezündet: große Empörung, denn durch das dunkle Grün schien kaum Licht hindurch. Am Ende brannte die Laterne ab und war dann wenigstens kurz lodernd hell und ein Erlebnis. Sonst noch was, dachte ich und sah meine Grünmüdigkeit bestätigt.

Doch zurück zur Gegenwart. Die Farbe Grün macht nicht mit bei den kleinen Scherzen der anderen Farbfreunde. Sie ist schlichtweg zu seriös. Sie hat ja auch so viel zu tun, besonders im Frühling. Das Wort „Grün“ ist übrigens moosgrün und beige. Das G ist das Gesicht und ist umrandet von einer schwarzen Playmomädchenfrisur. Die Augenflecken schauen mich melancholisch an und der Hintergrund ist eher schlammfarben – Cordlatzhosenelemete sind auch zu sehen.

Nein, glamourös ist Grün nicht. Aber mit zunehmendem Alter kann ich die Farbe mehr schätzen.

Wie hätte sich meine Synästhesie wohl entwickelt, wenn ich einen stärkeren Zugriff auf Rosa gehabt hätte? Gäbe es mehr Rosa statt Gallensteinfarben? Hätte die Konkubine automatisch ein pinkes Kleid an und der Klabautermann vielleicht sogar auch? Als Rosa schließlich nach zähem Ringen doch gehäuft in mein Leben treten durfte, waren die meisten Wörter schon fertiggestellt.

Das Erwachsensein jedoch bringt Vorteile und neue Wörter mit sich, u. a. begegnet man Menschen, die Namen für einen erfinden. Mein Lieblingskosename im Kontext Liebe enthält Zartrosa, genauso übrigens wie das Wort Glück.

Und in der Geborgenheitsfarbe ist ein rosa Strom und keinerlei Grün zu sehen, und das ist vielleicht auch eine Spur der Sehnsucht nach einer Farbe, die ich so sehr begehrte, und die dann gar nicht hielt, was sie versprach. Denn am Ende blieb die Liebe gelb und der Frühling grün.

Rekonvaleszenzgedanken.

„Für unsere Zuschauer aus Österreich und der Schweiz“.

Dieser Satz schallt immer mal wieder durch Funk und Fernsehen. (Seit es „Wetten dass“ nicht mehr gibt, ein bisschen weniger oft). Dass diese Phrase sogar geographische Vorstellungen prägen kann, zeigt folgendes Beispiel:

Auf meiner inneren Landkarte liegt das grüngelbe Österreich westlich von der Schweiz. Eben in der Lese- oder Hörrichtung. Die Schweiz ist weißgrau mit Streifen, hat eine rotweiße Weste an (!) und trägt stolz einen Gamsbart. Beide Länder haben im Hintergrund graue Berglandschaften. Österreich liegt auf einer grünen Wiese und hat etwas mildes, österliches an sich. Wien leuchtet goldgelb strahlend mit einem ehrwürdigen graubeigen W aus der Mitte heraus.

Möglicherweise wird nun deutlich: Synästhetische Geographie kann klischeehaft sein.

Da ich natürlich eines Besseren belehrt wurde und auch ein Blick in den Atlas mich nahezu überzeugt, setze ich die Schweiz immer wieder nach links. D. h. dass die Schweiz ständig umzieht. Und dann doch wieder, sehr eigensinnig, zurückschellt.

Ich hoffe, dass meine sehr sympathische Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich mir diese Verwechslung verzeihen wird.

Die gute Nachricht ist: Wir können alle Ruhe bewahren, gerade so als wären wir gemeinsam in der Sauna, denn ich bemühe mich ab sofort um eine Korrektur meiner inneren Geographie durch folgende Maßnahmen:

1.  „Aus der Schweiz und aus Österreich“ ersetzt nun „Aus Österreich und der Schweiz“ in meinem Sprachgebrauch. Auch wenn die neue Version durch das doppelte „aus“ etwas sperriger klingt. Da ich erst vor kurzem einen Geburtstagswunsch geäußert habe, erscheint es mir übertrieben, mir diese neue Satzstruktur nun auch noch von anderen Menschen zu wünschen.

2. Regelmäßige Besuche im Atlas werden mich zusätzlich an die Realität heranführen. Diese Maßnahme dient auch dazu, mich davon zu überzeugen, dass Griechenland weder türkeigroß ist, noch zur Hälfte den Iran bedeckt. Und dass Kiel lange nicht so riesenhaft ist, dass es weite Teile Dänemarks auch nur im Ansatz überschatten könnte.

3. Mehrere Helikopterflüge über beide Länder sind in Planung, damit ich mir vor Ort ein „Bild von der Lage“ machen kann. Eventuell muss ich dafür erst noch ein höheres politisches Amt ergreifen. Ob Synästhesie als Qualifikation dafür ausreicht, wird man erst wissen, wenn ich mich zur Wahl gestellt habe.

Eine Parteizugehörigkeit wird schwierig für mich (wegen der Farben). Eine eigene Partei zu gründen, kommt mir – bei aller Liebe zu meiner Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich – aufwendig vor. Doch wenn, dann wäre sie gallensteinfarben. Und so wäre auch ihr Programm. Bedrohte Wörter retten, Zahlenräume flexibilisieren, Max Goldt for President – das wären die ersten Maßnahmen, die ich nach der Wahl ergreifen würde. Versprochen.

I see bunnies.

Hase alias Magnolie. Das Wort Ostern hat Ähnlichkeiten mit Weihnachten. Nicht farblich, sondern eher in der Art, was alles mit dranhängt. Es haftet so viel an den beiden Begriffen, dass – wenn ich sie mir einfach mal aus Jux und Übermut zu zweit vor Augen führe – mir synästhetisch gesehen schier schummrig wird.

Ostern hat indirekt etwas mit Hannover zu tun. Denn das Wort Hannover wird, wie bereits erwähnt, von meiner schon lange verstorbenen Großmutter bewohnt. Die wiederum hat Ostern zwei Dinge geliehen (ohne es zu wissen, vermutlich. Gerne würde ich es ihr mitteilen. Ob sie hier mitliest? Unwahrscheinlich. Mit dem Computer wollte sie nichts zu tun haben. Enttäuscht nahm sie zur Kenntnis, dass auch ich irgendwann einen hatte. Von mir hätte sie das nicht gedacht, dass ich so einer Modeerscheinung hinterherlaufe! Wenn sie wüsste, dass ich das unheilvolle Gerät nutze, um mein synästhetisches Gedankengut in Umlauf zu bringen – sie würde sagen: „Nee, nee. Ich komme da nicht mehr mit. Ich bin auch älter geworden, musst du wissen. Farben siehst du? Mädchen, bist du sicher, dass du keine Probleme hast? Ich komm da nicht mehr mit. Komm, wir gehen mal ums Viereck.“ Was würde ich darum geben, ihre faltenrockfarbene, zartvorwürfliche Stimme noch einmal zu hören).

Doch zurück zum Thema. Was meine Großmutter Ostern überlassen hat:

1. Einen Faltenrock.

2. Ihre Dauerwelle.

3. Ein Medaillon.

Ostern hat zudem dieselbe Haltung, die meine Großmutter auf Sofas einnahm. Kerzengerade, leicht nach vorne gebeugt beim Zuhören, Erzählen oder Kuchenessen. (Sich anlehnen nur beim Nähen). Das O ist natürlich der Kopf. Um seinen Hals liegt das Medaillon. Ob darin ein Bild von einem Hasen ist oder eines von Jesus – das weiß ich nicht.

Die Farben jedenfalls sind durchweg pastellig. Was gelbstrahlendes, weißes, seidentuchglänzendes umgibt die Buchstaben. Um das O herum, aus dem heraus schwarze Augenflecken blicken, windet sich ein Kranz aus eiförmigen Locken – wie die Dauerwelle meiner Großmutter in meinen Kinderaugen aussah. So wie man seine Oma eben malte. (In den frühen 80ern. Schon ohne Dutt, doch noch ohne Lilafärbung.) Die anderen Buchstaben sind nicht wichtig, gehen eher in einem hellen Traubenblau unter, ebenfalls in zartem Pastell.

Osterns Arme sind auf einem unsichtbaren Tisch vor dem Wort abgestützt. Und wie im Wort Hannover verstecken sich Erinnerungen im Osterwort. Es wird von Himmel und Sonne beschienen und seine Buchstaben stehen auf einer großen braunen Wiese. Braun ist diese – vielleicht weil der erste Teppich, auf dem ich Eier suchte, braun war. Im Hintergrund sind nicht etwa, wie sonst, die Wände meines inneren Raums zu sehen. Sondern Himmel. Nicht blau, eher grauweiß.

Und in diesem Hintergrund verbergen sich verschiedene Gärten meiner Kindheit und mehrere Räume, in denen Ostern begangen wurde. Dort sind auch Menschen zu sehen, denen ich nur an Ostern begegnete, und sie sind in Sätze gefärbt, die ich dann über sie hörte („Der lässt sich auch nur an Ostern hier blicken…“). Diese Sätze winden sich bis heute um diese Menschen herum, während ich sie aus der Kindperspektive heraus bestaune (von unten nach oben). Und mich frage, was diese Menschen wohl umtreibt und warum sie sich nur an Ostern anschauen lassen. Und ob sie sonst nicht existieren. Das alles ist im Wort Ostern enthalten.

Es erklingt auch Musik. Ein Lied über den Frühling, und dass er endlich da sei. Und darüber, dass sowohl Blumen als auch Tiere erwachen. All das ist lange her, doch das Wort Ostern ist genauso geblieben. Es steckt das Kindheits-Ostern in ihm, mehr nicht. Was ich als Erwachsene an Ostern so treibe, interessiert das Wort nicht. Es ist wohl nicht geheimnisvoll genug. Irgendwann im Laufe der Kindheit und Jugend hat sich ein Zeitfenster nach dem anderen geschlossen. Zeitfenster zur Entstehung der Wortwesen, ihrer Farben, Frisuren und Gesichter.

(Das Wort Zeitfenster lernte ich erst als Erwachsene kennen. Es ist sehr viel fader als Ostern. Ein bisschen seelenfarben, also senfgelb und schwarz. Mit einem Augenfleck, der mehr aus Gewohnheit als aus vollem Herzen dabei ist).

Kindheit ist nicht leicht und sicher keine durchweg harmlose Oase des Friedens, der Freude und des Eierkuchens. (Außer bei manchen Glückspilzen vielleicht). Doch sie ist der Ort, an dem sich bei den meisten Menschen die Sprache heranbildet. So auch bei Menschen, die mit Synästhesie aufwachsen. Schlüsselwörter wie Ostern, Weihnachten, Geburtstag und Sommerferien, Wochentage, Jahreszeiten, Monate und Straßennamen verdienen in einem Blog über Synästhesie eigene Artikel. Denn sie sind groß, weit, schwerschön, bildreich und tragen Glanz.

Grün lässt auf sich warten und ein weiterer Service an die Leserschaft.

Dorset2010 705 Das Eichhörnchen ernährt sich täglich weniger mühsam. Die Farbe Grün lässt noch auf sich warten, weil sie den großen Auftritt liebt. Doch schickt sie wenigstens schon einmal kleine, buschige Vorboten, die knospenangemessen unpathetisch ihr baldiges Eintreffen verkünden.

Ausschau halten nach Wörtern, die einem einen Schabernack spielen, ist da Ehrensache für mich als Synästhetikerin. Denn: auch Frau März hört nicht auf mit ihren kleinen Scherzen. Welche Jacke anzuziehen ist und ob man eine Mütze braucht – alles Fragen, auf die sie die Antwort weiß, doch nicht preisgibt. Für einen guten Witz würde Frau März nämlich ihre Großmutter verkaufen. Nicht April ist der Scherzkeks. Sie ist es.

Ein aufmerksamer Leser schrieb und fragte, wie ich das Wort „Teeei“ fände. Teeei: treibt auch seinen Schabernack mit mir. So geschrieben ist es eine Aneinanderreihung gelbbeiger E’s. Die Bedeutung tritt vollkommen zurück hinter dieser Ansammlung von  Vokalen. Lautes Gelbbeige, das sich doch sehr vorlaut in den Vordergrund spielt.

Tee-Ei: gewinnt sein eigentliches Erscheinungsbild zurück dank Freund Bindestrich. Das Wort Tee hat seine gewohnt vasen- und auch säulenartige Form – irgendeine Richtung Grau, doch auch etwas Schwarz und ein Stich fröhliches Hellblau. Doch insgesamt eher Schwarzrotbraun. Das Ei: wie immer cremefarben. Doch leicht rotbraun eingefärbt vom Tee. Und dazwischen gibt es eine schwarzsilberne Kette, die die Wörter verbindet.

Die Kette mag ihren Ursprung in dem realen Tee-Ei-Anblick haben. Denn auch das Wort Tee-Ei (so wie das Wort Pfau) habe ich vermutlich kennengelernt in direkter Verbindung mit einem echten Tee-Ei (bzw. Pfau). „Schau, es gibt nun etwas ganz Praktisches, ein Tee-Ei!“ mag da jemand gerufen haben, irgendwann in den dunkelgrünen 90ern, als ich noch gar nicht wusste, dass ich Synästhetikerin bin, und es mit Rotbusch- oder Mate-Tee befüllt haben. In einer blau und/oder gelb geschwammten Küche.

Der Pfau, sein Haarspray und möglicherweise noch mehr.

England Mai10 184 Die aufmerksame Leserschaft wird mittlerweile bemerkt haben, dass Wörter selten so aussehen, wie ihre Besitzer. Doch es gibt Ausnahmen.

Das P im Pfau ist verblüffend pfaublau. (Der Pfau trägt jedoch auch einen roten Hut, soviel Abweichung muss dann doch sein). Erstaunlich ist darüberhinaus, dass das Wort fast eine Art Pfaukopf im Hintergrund hat (Eiderdaus… jetzt habe ich ein Wort kreiert, bei dem die Horrorkonstellation pf gleich vorne UND hinten vorkommt). Das P hat zudem eine sehr unkonventionelle Frisur, sie steht nach links ab und erweckt den Eindruck, dass das P Haarspray benutzt haben muss, damit das Ganze hält.

Möglicherweise ist es gar nicht so erstaunlich. Möglicherweise habe ich das Wort kennengelernt, als auch ein Pfau in Form eines Bildes oder gar des echten Tieres in der Nähe war. Möglicherweise hat ein Erwachsener fröhlich ausgerufen: “Guck mal, Piksyn, ein Pfau!” (Piksyn hat er natürlich nicht gesagt. Wer möchte, schaue im Impressum nach, was der Erwachsene (möglicherweise) wirklich gesagt hat).

Möglicherweise habe ich das Wort “Möglicherweise” nun etwas überstrapaziert. Doch es ist hübsch, denn: es hat eine hellbraune Ponyfrisur über dem freundlichen M, zu dem ich ja sowieso eine gute Beziehung habe. Und es ist blauhellgrün mit weißen Punkten und das sind nicht viele Wörter. Ach, weißgelb ist auch noch dabei, aber das tut dem ganzen keinen Abbruch.

Service an die Leserschaft: Illustration und Synästhesie.

Ein neuer Leser aus dem Bereich Illustration, stellt mir einige Fragen, die ich gerne beantworte, nicht zuletzt deshalb, weil ich das Wort Illustration sehr weißrothübsch finde. Und seinen Vornamen rilkerosenorange. Und weil Fragen ja zu neuen Gedanken führen und neue Gedanken sind meistens eine famose Sache.

Denkst du, du siehst die Welt generell anders, außerhalb dieser Verknüpfung mit Farben?

Zunächst würde ich das drittletzte Wort in der Frage gerne durch „Verbindung“ ersetzen, da es sonst wortverwandtschaftlich zu sehr in Richtung Horrorwort meines inneren Raums geht, siehe Beitrag Synästhesie und Mode. Und dann bin ich von diesem Wort zu sehr abgelenkt und kann mich gar nicht mehr inhaltlich auf die Frage konzentrieren. (Was die Frage vielleicht schon ein wenig beantwortet…).

Ich weiß nicht, ob ich die Welt überhaupt jenseits meiner Synästhesie sehen kann. Denn die synästhetischen Empfindungen prägen meine Weltwahrnehmung sehr stark. Beispiel Essen: finde ich ein Wort zu hässlich (wie z. B. beim bereits erwähnten Käsekuchenvorfall), fällt es mir schwer, mich dafür zu entscheiden, obwohl ich die dargebotene Speise eventuell geschmacklich sogar schätze.

Beispiel Reisen: Sieht ein Ort in meinem inneren Raum unattraktiv aus, kann er noch so sehr Weltkulturerbe sein – es wird schwer sein, mich zu überzeugen, dort dennoch hinzufahren. Ich bin jedoch meist offen für das, was sich Realität nennt. So ringe ich mich durch und bin am Ende natürlich begeistert. Doch zuerst ist Wahrnehmung und damit in diesem Fall Ablehnung.

Gleiches gilt auch umgekehrt: für mich klingt der Ort Kleckewitz äußerst verheißungsvoll. Genauso wie Siebenbürgen. Eine Reise würde ich buchen ohne Zögern! Einhalt gebieten muss mir meine Umgebung, damit ich so etwas nicht tue, ohne vorher einmal in Erfahrung gebracht zu haben, wie es dort wohl eigentlich aussieht.

Somit kann ich die Frage weder mit ja noch mit nein beantworten. Denn ich sehe die Welt nicht außerhalb der Verbindung mit Farben. Eigentlich bringt es jemand auf den Punkt, der mich gar nicht persönlich kennt: Er sieht meine „Lockenköpfe der Wörter, die Liebe zu den Farben, die ein viel wesentlicherer Bestandteil der Weltschaffung sind“. Das ist schnurschön auf den Punkt gebracht.

Wie weit hat die Synästhesie deine Entwicklung als Mensch beeinflusst?

Ich weiß ja nicht wie ich wäre, wenn ich ohne Synästhesie leben würde. Manchmal habe ich Assoziationsketten, die zu ganz anderen Orten führen, als meine Gesprächspartner auch nur erahnen können. Aber – das geht doch bestimmt auch anderen Menschen so? Bei denen sind die Querverbindungen im Gehirn nur anders geschaltet – aber Assoziationsketten sind ja etwas universelles. Synästhesie hat sicherlich meine Art zu denken beeinflusst. Meine Sprache. Und meine Art, die Welt zu sehen. Mich hat aber noch nie jemand gefragt: Sag mal, bist du Synästhetikerin? Du wirkst so auf mich…

Und dann kommt noch eine Frage aus illustratorischer Sicht dazu, nämlich ob vorgegebene Farben zu einer „Bevormundung“ führen können; es geht auch um die Sorge, die falschen Farben zu wählen. Wie ich das sehe?

Ich liebe die Farben im Außen genauso wie im Innen. Sie inspirieren und füllen den inneren Raum mit neuen Farbfreunden. Viel würde ich dafür geben, illustrieren zu können, was ich in mir sehe. Und bin immer froh, wenn jemand anders visualisieren kann, was er sieht und es teilt. Eine gute Illustration, gerne auch sonst wie farbig, erfüllt meinen inneren Raum mit einer ähnlichen Party wie Schneewörter, der echte Frühling und Wortfreund Klavikula-Fraktur.