Synästhesie und Essen. (Und ein bisschen auch darüber, was Liebe ist).

England 2009 006

Gestern Nachmittag. Eine Szene in einem spanischen Restaurant. In einer großen Stadt. Die Tapas wurden soeben abgeräumt.

  • Du: „Jetzt kann ich noch einen Nachtisch gebrauchen:“
  • Ich: „Ich will dann auch einen.“
  • Du: „Wo steht denn der auf der Karte? Gibt es hier überhaupt Nachtisch?“
  • Ich: „Hier, mitten zwischen den Tapas.“
  • Du: „Mmh. Sind jetzt nicht so unsere Leibspeisen.“
  • Ich: „Es gibt Mandeltorte, Eierpudding und Frischkäseeis. Ich finde, dass das Wort Eierpudding äußerst unappetitlich aussieht. Es sieht ein bisschen aus wie Eifrisch. Widerlich!“
  • Du: „Nimm doch Frischkäseeis. Und – ist das nicht schon sehr synästhetisch begründet? Nicht, dass du dich wieder davon leiten lässt.“
  • Ich: „Frischkäseeis ist auch ein fürchterliches Wort. Sieht auch aus wie Eifrisch. Noch schlimmer. Wie Käsekuchen. Warum heißt es nicht Quarkkuchen? Ich will Apfelstrudel.“
  • Du: „So etwas gibt es hier nicht. Also ich nehme die Crema Catalana“.

Vor meinem synästhetischen und auch meinem fantastischen Auge entsteht nun folgendes Bild: Eine heiße Vanillecreme, die fast flüssig und von einer braunen Zuckerkruste überdeckt ist, wird von einer spanischen Dame mit weißer Schürze direkt aus dem Ofen serviert. Zuckerkruste: was für ein großartiges Wort… es hat eine tolle Frisur und schmeckt nach dem, was es ist. Das Wort „Crema Catalana“ an sich ist beige und dunkelblau, doch meine Phantasie lässt sich von der Synästhesie befeuern und ruft: Das will ich auch! Spanische Damen! Heiße Cremespeise! Der Kellner kommt.

  • Kellner: “Haben Sie noch einen Wunsch?”
  • Du: “Ja, wir hätten gerne noch Nachtisch.”
  • Kellner: “Was, einen Nachtisch? Echt?”

Schaut zweifelnd zwischen uns hin- und her.

  • Du: “Ja. Ist denn das so ungewöhnlich?”
  • Kellner: „Einen Nachtisch? Wirklich?“

(Das ist eher ein Nebenschauplatz, doch eine erwähnenswerte Szene, die bis heute nicht gedeutet werden konnte. Wer dazu eine Idee hat, ist herzlich eingeladen, mir zu schreiben.)

  • Du: „Ich hätte gerne einen Cappuccino und die Crema Catalana.“
  • Ich: „Ich hätte gerne nur eine Crema Catalana.“

Kellner: verschwindet und kommt nach fünf Minuten wieder.

  • Kellner: „Das war ein Latte Macchiato und ein Cappuccino?“
  • Du: „Nein, ein Cappuccino. Und dann noch die Crema Catalanas.“
  • Kellner: „Klar!“
  • Du, an mich gewandt: „Ich dachte, du willst keinen Eierpudding?“
  • Ich: „Eierpudding? Ich habe doch eine Crema Catalana bestellt.“
  • Du: „Das ist doch das Gleiche. Steht dahinter, in Klammern.“
  • Ich: „Oh.“ Es schwant mir Schlimmes.

Der Cappuccino wird gebracht. Es verstreichen weitere 10 min.

  • Du: „Ich glaube, der hat den Pudding vergessen. Den muss man doch nur aus dem Kühlschrank holen.“
  • Ich: „Und… dann doch in den Ofen stellen?“
  • Du: „Bitte, was?“

Der Kellner kommt und serviert etwas Kaltes, Glibberiges und bestimmt Köstliches. Vornehmlich aus Ei und Zucker. Ich verfluche die Synästhesie, die Phantasie und frage mich, warum ich wieder darauf hereingefallen bin.  Wörter verführen mich. Immer wieder. Und manchmal führen sie mich in die Irre. Und heute eben geradewegs in einen Eierpudding hinein.

  • Du: „Ich glaube, dass das Eis dir wirklich geschmeckt hätte. Bestell dir doch das Eis.“
  • Ich: „Nein. Jetzt will ich nichts mehr. Aber ich werde darüber schreiben.“
  • Du: „Oder ich: Mein Leben mit Piksyn. Vielleicht eröffne ich auch einfach ein Blog.“

Da das nicht geschehen wird, schreibe ich es selbst auf. (Auch wenn nach diesem Text möglicherweise etwas weniger Menschen mal mit mir essen gehen wollen). Ach, das wäre ein zu kokettes Ende! Daher schließe ich diesen Beitrag lieber in der Hoffnung, dass mir jemand eine Antwort auf das Verhalten des Kellners geben kann (s. o.). Dazu muss ich sagen, dass er erst beim Nachtisch auftauchte. Seine Frage basierte demnach nicht auf der Menge der vorher eingenommenen Speisen.

Ein Reh, Krokant, die Queen, der Sockel. Über laute und leise Wörter.

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Es gibt laute und leise Menschen und genau so verhalten sich Wörter und Zahlen. Bei den ruhigen Wörtern ist es wichtig, sich langsam zu nähern und einen Diskretionsabstand zu wahren. (Um sie nicht zu vertreiben). Ein leises Wort ist zum Beispiel “Krokant”. Das ist mindestens so vornehm wie die Queen. Ich möchte dem Wort nicht zu nahetreten. Deswegen flüstere ich seine Farbe: Schwarzgoldkaramellfarben.

Auch jedes Rascheln sollte mit Rücksicht angeschaut werden. (Um es nicht zu verletzen). Denn schon ein Atemzug kann die berühmte Raschelscheu hervorrufen. Und wenn das Rascheln endet, sinken auch seine Farben in sich zusammen.

Es gibt auch die vorlauten Wortwesen, die sich mitten in einem Vortrag “zu Wort” melden und laut rufen: “Huhu! Hier bin ich!” Mit der Betonung auf dem „hier“. Die lauten Wörter sind handzahm: z. B. “Sockelwoche” und “Telefonapparat”.

Sockelwoche. Ich sehe sofort die gesamte Woche auf einem Sockel. Und frage mich: darf man eine Woche überhaupt auf den Sockel stellen? Und wenn sie dort herunterfällt? Nicht auszudenken!

Und wie liebevoll es von jemandem ist, das Telefon als Ganzes und in seiner Eigenschaft als Apparat zu nennen. Dem Menschen würde ich sofort meine Blumen anvertrauen, wenn ich in die Sommerfrische fahre.

Die zweite große Namen-Aktionswoche: 13 Namen, wenig Einleitung, mehr Schnee.

Ich möchte mich schnurschön bedanken für die Zuschriften und Wünsche nach der letzten Namenaktionswoche. Ich erfülle hiermit einige der Wünsche, und es gibt auch wieder Namen, deren Inhaber ich überraschen werde. Dank der Namen kam ich zu folgenden unwissenschaftlichen, doch leibhaftigen Erkenntnissen:

Die Farben, Muster und Strukturen von Wörtern sind bei der genuinen Synästhesie eigentlich unveränderlich. Mir ist in der letzten Zeit aber aufgefallen, dass – zumindest in meinem Fall – Namen sich leicht verändern. Nicht die Farben! Doch es kommen die realen Personen oder auch fiktiven Figuren dazu und schleichen sich in dem Moment, in dem ich sie erblicke, mit in den Namen hinein. Bei manchen Namen ist sogar die Begegnung mit dem ersten Menschen, der so hieß, enthalten. Sie leben für immer in diesem Bild. So wie das Wort „Hannover“ von meiner Großmutter bewohnt wird. Das passiert alles nicht bewusst. Ich decke es hier auf, doch nichts von dem habe ich mir „ausgedacht“. Es ist einfach passiert, leise, still, selten laut, so unspektakulär wie die Synästhesie sich meist verhält. Und jetzt betreten die Namen die Bühne:

  1. Christiane: ist ein strahlender Name. Marillenfarben geradezu. (Es wird „Marillenfarben“ heißen, weil es auch „Marillenmarmelade“ heißt, im Gegensatz zu „Rhabarberfarben“ ohne „n“ wie in „Rhabarbermarmelade“, doch ich lasse mich gerne korrigieren.) Mit blauen Schatten und im Hintergrund wartet ein heller Raum, ähnlich wie bei Bettina. Lichtdurchflutet ist der Name und hat hellbraune lange Locken und eine Brille. Dieser Name schaut mich direkt an. Sehr geradeheraus, ohne Schnörkel und Verzierungen. „Christiane“ hat auch etwas mit dem Advent zu tun, ich weiß aber nicht genau, was eigentlich. Und: er sieht genauso aus wie „bananas“, aber nur wenn „bananas“ von jener Portugiesin ausgesprochen wird, die ich in einem Tal traf, doch das ist eine andere Geschichte.
  2. Kati: Kati. Kati. Ohne „h“. „Ka“ ist rot und „ti“ ist blau. Der I-Punkt ist gelb und das „t“ eigentlich hellgrau. Und dennoch ist der Name im Ganzen rotblau und trägt eine rote Regenjacke (eventuell mit weißen Punkten, das kann ich von hier aus nicht gut sehen…). Kati ist blond, hat eine Prinz-Eisenherz-Frisur und schaut von links auf den Namen.
  3. Dominik: ist ein silberweiß-hellblauer Name mit Schwarzweißelementen. Aber nur wenn es ein offenes, kurzes „o“ ist (wie bei „kochen“) und nicht ein langes „o“ (wie bei „Sohlen“). Bei dem langen „o“ wäre der Name übrigens deutlich schwarzweißer und der Silberton würde verschwinden. Das „k“ produziert Schnee im Mund, wenn man einmal einen Schabernack treibt und sehr oft hintereinander „Dominik“ sagt. Man sollte das sowieso viel öfter tun mit Namen, die ein „k“ enthalten, denn dann entsteht Schnee und das im Juni! Und auch das wäre doch urkomisch. Erfreulich ist auch, dass „Dominik“ und „Schabernack“ gleich viele Silben und beide ein „k“ enthalten und nicht zuletzt deswegen ist der Name äußerst sympathisch.
  4. Frauke: ist wirklich durch und durch rot und rot und wirklich rot. Sie steht auf einem Garagenvorplatz und hält einen Ball in der Hand. Sie trägt eine Brille und hat blonde Locken und ein rotes Kleid. Eine andere Frauke hat rötlichblonde Haare und überdeckt die erste der Fraukes. Und bis auf einen asphaltfarbenen Hintergrund ist Frauke rot und ich hoffe, dass Frauke rot mag. Wenn nicht, ist es nicht schlimm, denn für andere Menschen, die mit Synästhesie leben, ist Frauke bestimmt grün, pink oder blau.
  5. Eva: ist ein gelbblauer Name. Er hat eine Ponyfrisur (blond) mit zwei Zöpfen. („Rattenschwänzchen“ nannte man das früher und übergab sich dann zeitgleich. Was gibt es nur für Wörter? Warum nicht gleich: „Die Rättin“?). „Eva“ hat also Zöpfe mit hellblauen Schleifen. Einen blauen Rock trägt der Name, er hat einen fragenden Gesichtsausdruck, und er ist unbedingt von einem Kind. (Weiße Kniestrümpfe spielen auch eine Rolle). Eva kommt an einen Sessel und will etwas. Ihre Arme stützen sich auf der Lehne ab. Sie öffnet den Mund um etwas zu sagen. Das „E“ ist strahlend liebegelb und die restlichen Buchstaben werden bläulicher. Ich kenne die Eva, die sich eine Namenssicht von mir gewünscht hat, nicht persönlich, doch sie hat mir einen Link zu einem Foto von ihr geschickt, damit ich weiß, wie sie aussieht und sie mit meinem inneren Bild von ihrem Namen und damit auch ihrer Person abgleichen kann. (Denn von wem ich nur höre, der sieht so aus wie diese Beschreibungen hier. Solange bis ich ihn sehe und das Bild dann (unbewusst) in den Namen einbaue). Ich werde mir das Foto nun anschauen. – Und muss mitteilen: Eva sieht tatsächlich anders aus und ab jetzt ist sie vermutlich in „Eva“ mit enthalten.
  6. Inga: ist ein weißgrauer Name. Er hat dieselben Farben wie eine Möwe. Das „In“ ist weißgrau, das „ga“ hat dazu noch leicht algengrüne Schatten. Der Name hat die Haare einer Inga, die ich kannte als ich ein Kind war. Sie hatte eine kinnlange Frisur mit einem Pony, der fast über die Augen fiel. Und dann gibt es noch mehr Ingas, denen ich seitdem begegnet bin, die alle links vom Namen stehen und in ihn hineinschauen. Gerade so als hätte jemand: „Freeze!“ gerufen.
  7. Jonathan: Dieser Name ist mein Fest aus folgenden Gründen: Es reitet DER Jonathan vom Bild des Astrid-Lindgren-Werkes „Die Brüder Löwenherz“ vor den Buchstaben hin und her. Die Buchstaben sind aufregend schwarz und weiß. Es sind Buchstaben, die Abenteuer verheißen. Wenn wir nun alle zusammen „Jonathan“ wispern würden, klänge das „t“ wie ein Sprung auf dem Trampolin.
  8. Marco: ist kastanienrot, sieht aus wie ein Graffiti und hat schwarze Schatten an jedem Buchstaben. Ein leichter Rost liegt über „Marco“, was nicht schlimm ist. Denn es ist Herbst und da ist alles ein wenig rötlich und rostfarben. Ein tiefer Blaustreifen durchzieht das „M“ an der schwärzesten Stelle. Das Gesicht des ersten Marcos, den ich kannte, taucht auf – er trägt einen roten Konfirmationsanzug. Die Hose ist schwarz.
  9. Marion: leuchtet rot und das „rion“ schimmert marineblau. Eine orange Lockenpracht ziert das „M“. Denn die erste Marion, die ich kannte, hatte rote Haare. Ihr Gesicht und ihr hellblaues Kleid (leicht jeansverwaschen, 80er-Jahre-Stil) bilden den Hintergrund des Namens. Und dann steht genau diese Marion auch vor mir und schaut von links in den Namen hinein. Und überall sind Locken und Sommersprossen. Die Marion, die sich eine Namenssicht von mir gewünscht hat, ist mittlerweile auch im Namen integriert. Sie schaut gewohnt herzlich (wie auf ihrem Avatarfoto) von unten rechts hoch auf die Buchstaben.
  10. Was ich schon mal schrieb, was hier aber passt, denn vielleicht lesen Elisabeth, Chantal und Jaqueline ja mein Blog: „…wenn ich von einer Person höre, die z. B. Elisabeth heißt, sehe ich jemand anderen vor mir als wenn jemand den Namen Chantal-Jaqueline trägt. Und zwar jenseits von den üblichen Standesdünkeln. Elisabeth ist weißgeblümt und hat Ähnlichkeit mit Sonntag – hingegen ist Jaqueline rot und blau und in Frankreich positioniert, das heißt auf meiner synästhetischen Landkarte weit weg von Elisabeth und Sonntag. Und passt so gar nicht zum bräunlich-orangefarbenen Wortwesen Chantal (mit Hornbrille).“
  11. Ruth Lea: muss ich getrennt voneinander betrachten, denn sonst komme ich durcheinander. Ruth ist rot. Und hat einen schwarzen Hut. Das R ist ein Frauengesicht mit dunklen Augen und es schaut anmutig (im Profil) in den Raum hinein. Der Hut ist ein wenig altmodisch (Regency, viktorianisch, sowas in der Richtung…).
  12. Lea ist zartgelb und hellblau, hat ein Gesicht, das vom „L“ ins „e“ übergeht. „Lea“ schaut etwas schüchtern auf den Boden. Die Buchstaben sind sehr ordentlich und räumen ständig auf. Lea ist insgesamt sehr zart und wäre noch ein „n“ mit von der Partie, wären die Farben klarer und der Blick direkt auf mich gerichtet.
  13. Victoria: siehe Jonathan. Auch dieser Name ist ein Augenglanz, denn Queen Victorias schwarzes Kleid hängt am V. Victoria ist weiß, ist schwarz, ist grau und leicht rosa, hellblau und schimmert zu allem Überfluss auch noch dezent silber! Fast schon geborgenheitsfarben! Eine Augenweide, zudem das „ct“ dazu führt, dass im Mund Schnee entsteht, wenn man den Namen flüstert.

So hatte ich mit Schnee zu tun, mit viel Rot, mit Erinnerungen an rothaarige Frauen und andere und mit Abenteuern. Und das alles dank Euch und Euren Namen. Denn Synästhesie wäre nicht so aufregend, gäbe es nicht die Wortschenker, die Glanzgeber und die, die all das hier lesen. Und dafür möchte ich mich an dieser Stelle einmal bedanken und verschenke Lieblingsfarben in Gedanken.

Service an die Leserschaft: Eine Geschichte für Marga.

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Da viele meiner Wörter gerade im Bereich “Broterwerb” gebraucht werden, ist Wortkargheit ein Luxus. Dennoch: wenn viel gearbeitet wird, tauchen plötzlich aus dem Nichts Figuren auf, die laut und deutlich und mit einer Bonnytylerstimme “Faul sein ist wunderschön” singen. In meinem Fall waren das vor ein paar Tagen Tunichtgut und Taugenichts. Ich befand sie an anderer Stelle als “farblich eine Wucht” und als “Beginn einer wunderbaren Geschichte”.

Und weil sich Marga Auwald vor geraumer Zeit von mir eine Geschichte gewünscht hat, in der nur Wörter vorkommen, die farblich zusammenpassen und durchweg schön aussehen in meinen Augen, sollen diese beiden darin eine Rolle spielen. Denn sie sind mit Rottönen und Hüten, Frisuren, einem Blau der feinsten Sorte und kleinen schwarzen Schatten ausgestattet. Was könnte aufregender sein?

Wahrscheinlich sind es Herren. Muss jedoch nicht sein, denn wer sagt, dass nur Herren nichts tun und nichts taugen, der braucht dringend Hilfe. Vielleicht in der “Praxis für angewandte Synästhesie”, die ich – inspiriert von dem edlen Text –  eines Tages eröffnen will.

Statt beständig Brote zu erwerben, möchte ich jetzt mit Tunichtgut und Taugenichts im Gasthaus “Oberstübchen” sitzen, ihnen meine Idee unterbreiten und überlegen, was in so einer Praxis denn eigentlich angeboten werden könnte.

Farben? Farbpausen? Wörter? Wortwesen? – Nein, rufen meine Wortwesen, wir gehören doch dir! – Niemals würde ich euch verkaufen, Freunde, aber ihr lockt bestimmt das ein oder andere Farbwesen hervor, das in anderen Menschen wohnt. Und sich bislang bedeckt hält. (Die Wortwesen beruhigen sich allesamt wieder, zum Glück, denn ungern möchte ich sie kränken).

Im “Oberstübchen” würde ich auch weiter an der zweiten Namen-Aktionswoche arbeiten. Wobei die singenden Herren oder Damen Taugenichts und Tunichtgut  zu laut sind. So kann ich meine Gedanken nicht hören!

Deswegen würde ich die Herrschaften in eine Galerie schicken (s. Bild). Doch nicht auszudenken, was die dort treiben werden… und das alles nur, weil ich mir in Ruhe die Namen meiner Leserschaft anschauen wollte.

Zum Glück betritt in dem Moment Baron von Kleckewitz das Gasthaus. Im Schlepptau hat er seine Konkubine und auch den Klabautermann mit seiner Klavikulafraktur. “Das ist doch keine Geschichte, Frau Piksyn!” – ruft er empört. “Niemand hat behauptet, ich könne Geschichten schreiben!” – antworte ich gelassen und notiere insgeheim: Baron von Kleckewitz – weniger galant als ich gedacht hätte.

Hoffentlich kommt noch Herr Schmand und trägt Geschmeide. Denn das ist immer ein gutes Ende.

Gezeichnete Synästhesie: Unruhe.

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Wieder mal ein Versuch, meine Synästhesie bildlich darzustellen. Hierbei handelt es sich, wie bereits an anderer Stelle beschrieben, um eine spezielle Variation von Synästhesie, der “Ordinal Linguistic Personification”. Wörter verfügen bei dieser Variante über mehr als Farben – sie haben Charaktereigenschaften. Durch Gesichter, Geschlechter und andere Merkmale entstehen um die Buchstaben herum „Wortwesen“, die wiederum einen farblichen Einfluss auf die Buchstaben und auch mein Gefühl zu einem Wort haben.

Die große Namens-Aktionswoche: Eine Einleitung und 18 Namen.

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Bei diesem Foto irrt das Auge ein wenig umher. Soll es zuerst das pinke Monster links oben einfangen, das nasenneugierig ins Bild blickt? Oder die noch unfertige gelbe Blüte erfassen? Die Blätter? Oder den grünen Außerirdischen rechts unten, der sich lässig an die Kante fläzt? (Oder sollte das gewissenhafte Auge lieber in den Duden kriechen, um herauszufinden, wie sich “fläzen” schreibt?).

Ungefähr so erging es mir bei meinem Vorhaben, eine synästhetische Namensliste zu erstellen. Denn es vermengten sich verschiedene Bilder miteinander und ich verirrte mich inmitten unter ihnen. (Das war natürlich ein herrliches “Problem”: sich in Wörtern zu verheddern, sie zu entwirren, und sie dann adrett ins Schaufenster der Synästhesie zu stellen, (wie eine Alltagspoetin es vor kurzem nannte und mich mitsamt meinen Wortfreunden und Farbwesen glücksfarben aufleuchten ließ.)

Zurück zu den Namen. Da gab es die Farben an sich, Wortwesen, fiktive und reale Personen, die sich vorwitzig um Buchstaben schlangen und Erinnerungen. Wer seinen oder ihren Namen im folgenden Artikel erkennt, hat sich entweder nach meinem letzten Artikel eine Namensanalyse schriftlich oder mündlich von mir gewünscht oder wird hiermit von mir überrascht. Die aufmerksame Leserschaft wird ferner bemerken, dass es sich bei einigen Namen um Nutzernamen aus dem virtuellen Bereich handelt. Doch auch das sind identitätsstiftende Buchstabenfreunde, die ich mir gerne ansehe.

1. Annemarie: Grün (Anne) und Rot (Marie) ergibt zusammen einen blauschwarzen Namen. Mit Gänseblümchen im Hintergrund. Davor schiebt sich das Foto des Nesthäkchens (Verfilmung), das ich mir als Kind stundenlang ansah, denn ich war fasziniert davon, wie man derartig ordentliche Schleifen ins Haar binden kann.

2. Bettina: hat eine Brille (vielleicht wegen des B), ist mild orange und der Name steht in einem Zimmer, das im 70er-Jahre-Stil eingerichtet ist. Sehr hell ist es und lichtdurchflutet, denn große Fenster lassen Sonne in den Raum.

3. Ben: ist kurz und gut und senffarben im besten Sinne. Ohne Fisimatenten. Das B ist auch der Kopf eines blonden, sehr stillen Jungen, der einen hellblauen Rollkragenpullover trägt. Der Name ist ein solider Geselle, mit dem man Pferde stehlen kann.

4. Claudia: ist rotblaurosa, mit schwarzen Haaren. Es ist der Name, den ich als kleines Mädchen tragen wollte, denn mein Originalname war damals noch so selten, dass er oft ein wenig verändert wurde. Sehr neidisch war ich auf die Claudias dieser Welt, die selbstverständlich rosafarbene Pullover besaßen. Claudias hatten Mütter, die ihnen Weißbrot mit in die Schule gaben (mit Nutella!), zumindest war das in meinen Augen so. Ein bekannter Name und dann noch Nutella! Und meiner war nur grün und dazu passte das ewige Vollkornbrot. Claudias bekamen zum Geburtstag auch eine Pfirsichblütenbarbie. Mein glühender Wunsch Claudia zu heißen dauerte so lange bis ich von irgendwem erfuhr, mein Originalname klinge wie der Name einer Künstlerin. Das fand ich wahnsinnig glamourös und verheißungsvoll.

5. eimerchen (kleingeschrieben): ist goldgelb, und hier ist die Verniedlichung wieder einmal der Glanz des Wortes. Im Hintergrund ist ein dezentes Grau zu sehen. Man möchte es in den Arm nehmen, das Wort, aber es auch gleichzeitig auf eine Blumenwiese stellen zwischen Gänseblümchen und Butterblumen, damit es unter Gleichgesinnten, den freundlichen Frühlingsgesellen, spielen kann.

6. Fräulein, das: sieht fast genauso aus wie Claudia. Nur pastelliger und außerdem hat „das Fräulein“  eine Bobfrisur, einen kleinen Hut auf, trägt Brille, eine Fliege und ein tafelgrünes Kostüm aus den 30ern (also die Person, die sich rund um diesen Namen aufhält). Im Hintergrund ist eine Schultafel zu sehen.

7. Gryna Klee: Gryna ist gelb. Gryna hat noch etwas goldenes dabei und sieht ein wenig aus wie eine Klangschale; Klee ist tatsächlich klischeemäßig kleeförmig und kleefarben. Mit leichten gelben Tupfern. Und gehört zu den wunderbaren Wörtern mit kl, die ich schon vielfach beschwärmt habe.

8. Hella: ist sonnengelb mit einem sehr blauen A und schwarzen Schatten. Ich sehe da noch eine Person in einem zitronengelben Pullover, die sich vor die Buchstaben drängen will. Der Hintergrund ist wolkig grau.

9. Julia: ist grünschwarz. Irgendwie auch Petrolfarben. Außerdem hat der Name Julia eine braune Ponyfrisur, kinnlanges Haar und Augenflecke, die mich frontal anschauen, was nur sehr selten vorkommt. Die Kinderbuchreihe “Jan und Julia” tanzt im Hintergrund dezent auf und ab.

10. Katrin: ist rot und auch ein bisschen schwarz. Hat eine braune Ponyfrisur und schaut tendenziell keck in den Raum hinein, der sich grau umwölkend um sie herumwindet.

11. Lilian: ist weiß und zarthellblau. Hat einen hellgrauen Hintergrund und überhaupt ist viel vom Buchstaben L dabei. Im Hintergrund ist ein winziger Mandelbaum zu sehen und davor ein kleines Mädchen mit Schürze. Der ganze Name trägt aber im Grunde ein weißes Stickereikleid mit hellblauer Schärpe.

12. Maren: ist rotorangeheimelig mit Augen, die frontal und fürsorglich aus den mittleren Buchstaben herausschauen. Es ist das milde, liebe Orange (nicht das Grelle, das im inneren Raum ein Drama nach dem anderen inszeniert). Der Name wird von einer blonden Lockenmähne eingerahmt und steht im Wald, irgendwie aber auch am Meer und ein wenig in Frankfurt.

13. Marga: ist rotschwarzheimelig mit großen Eulenaugen.

14. Melanie: ist weißblauschwarz mit rosa Flecken. Ein Name, der sich bewegt und im Hintergrund ist meine Vorstellung von Griechenland auf der Landkarte. Zudem hat der Name eine hellblonde Ponyfrisur und blaue Augen. Das ist nicht verwunderlich.

15. Rahel: ist milchkaffeefarben. Mit einem beruhigenden R, das sehr dezent und wahnsinnig anständig wie ein Fels in der Brandung auf einem Feld steht.

16. Sandra: ist dunkelblau und das S trägt einen entenförmigen Hut in Gelb. Dessen Krempe verschwindet ein wenig nach links. Sandra schwimmt außerdem auf Wellen (also ihre Buchstaben).

17. Stefan: ist beigebräunlich mit leichten schwarzen Schatten; im Hintergrund ist der erste Stefan zu sehen, den ich kannte, während er „die Schulbank drückt“. Neben ihm sitzt sein Freund Oliver. Aus dramaturgischen Gründen verzichte ich nun auf die richtige alphabethische Reihenfolge:

18. Oliver: Der Name ist blaugrau und wohnt in der Olivaer Straße. Der Name selbstverständlich, nicht die Person. Er ist jedoch ohne seinen Freund Stefan zu sehen. Der Hintergrund ist straßenfarben und seine Frisur gleicht der von Karlsson vom Dach.

Wer nun nasenneugierig ist, wie ein Name in meinem (individuellen!) synästhetischen Raum aussieht, der wende sich gerne an mich. Da Namen, wie bereits erwähnt, mehr als Schall und Buchstaben sind, wird es bestimmt wieder eine Namens-Aktionswoche geben mit einer Einleitung und Namen. Vielleicht 19.

Service an die Leserschaft: Wie ich (Deinen) Namen sehe.

Eine Leserin aus dem virtuellen Bereich schrieb mir herzerwärmend und schnurschönes. Zudem würde sie interessieren, wie ich ihren Namen sehe. Das freut mich kolossal, denn Namen sind mehr als Schall und Buchstaben, Namen sind identitätsbegleitend und werden zu oft zu selbstverständlich hingenommen.

Sie sind das erste, was wir über uns hören und das letzte, was in Stein gehauen wird, wenn wir uns einmal nicht mehr in der sogenannten Realität befinden.

Jemandem einen Namen geben zu dürfen, ist mir stets eine Ehre. Ob es ein Tier ist oder ein Text, ein Projekt oder etwas kosiges. Von Menschen ganz zu schweigen.

Es gibt Leute, die nichts lesen oder schreiben können, außer ihren Namen. Traurig ist, wenn jemand seinen Namen nicht mag. Ich kenne viele, denen es so geht und meist sind deren Namen auch in meinen Augen braunbeige und riechen etwas muffig.

Ausgerechnet Namen, deren Ruf nicht besonders bildungsbürgerlich ist, sind oft äußerst glanzvoll und gar nicht beige. Ähnlich verhält es sich, wie bereits erwähnt, mit der Musik, die so schön aussieht, die ich allerdings eigentlich nicht hören würde (aus Habitusgründen). Und die ich mir dann doch gerne anschaue, denn mein Habitus kann mir zeitweise gestohlen bleiben. Freiheit, Gedankenglitzer, Lichtbögen – das sind die Dinge, die zählen!

Liebe Dora, siehst Du die Farben des Abschweifens? Ich ja. Und daher rasch zurück zu Deinem Anliegen. Wenn ich an Dich denke (wir hatten ja schon ein paar virtuelle Kontakte), dann kann ich zweierlei sehen. Die Vorstellung von Dir und die von Deinem Namen an sich und beides ist untrennbar miteinander verbunden.

Das „D“ steht sehr groß, ganz links im inneren Raum. Es ist weiß und hat schwarze Schatten um sich herum. Das „ora“ vermischt sich stark mit dem Hintergrund, der grau ist. Allerdings sind die Buchstaben im Zusammenhang mit Deinem Namen eher graublau, haben schwarze Schatten und sind sehr plastisch. Das D hat obendrein äußerst zuverlässig wirkende Augenflecke.

Dazu kommt das Bild von Dir als Person, die ich noch nie gesehen habe – Du schaust nach links aus dem Raum hinaus und hast hellbraune Haare (Pagenkopf). Du trägst einen playmobilartigen taubenblauen Kittel und auch Dein Gesicht sieht ein wenig aus wie das einer Playmobilfigur.

Du befindest Dich links unter Deinem Namen. Zumindest in meiner Synästhesie. In der Realität, in anderen Synästhesien oder gar Gedanken befindest Du Dich vermutlich gerade ganz woanders und trägst (eventuell) auch keinen taubenblauen Kittel.