So Sonntag.

Es ist so sehr Sonntag, dass es knallt.

Sonntag hat diese bestimmte Decke über dem Tag liegen, die aus Himmel besteht und aus Flugzeugen, die langsam fliegen. Die träger und anders klingen als sonst. Irgendwer kocht Rotkohl und das jeden Sonntag. Auch dessen Geruch liegt bleiern über den Dächern.

Früher wäre es nun an der Zeit gewesen, draußen einen Ball gegen die immer gleiche Wand zu treten. Oder zu werfen. Oder zu rollen.

Oder Murmeln.

Das machen wir jetzt mit Gedanken. Oder wir gehen spazieren. Später am Nachmittag wird das Sonntagsgefühl kommen, es trägt einen pinkfarbenen Bademantel und seufzt.

Wir könnten ihm ein Bad einlassen oder es zum Rotkohl einladen, dafür müssten wir welchen kaufen und dafür müssten wir eine Landpartie unternehmen.

Oder wir wählen den Ball und treten ihn gegen die immer gleiche Wand.

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Nach Farben sortiert.

MarenStefanSeptember09 034

Wer kennt sie nicht, diese Wahrheiten, die durch die Welt geistern, die allgemeingültigen Sätze? Wahrscheinlich hat jeder kulturelle, biographische, wie auch immer gestaltete Hintergrund seine eigenen Glaubenssätze; in meinem Leben heißt einer: “Bücher nach Farben sortieren? Wie oberflächlich ist das denn!”

Ja. Das habe ich dann auch jahrelang geglaubt. Alphabethisch, nach Themen, nach Genre – ganze Nachmittage verbrachte ich damit, Bücher im Regal umzuverteilen, während die betagte Dame Sonntag schon ihren dritten Likör einnahm und sich Lockenwickler für die lange Nacht ins silbrige Haar drehte.

Und ich fand sie doch nie wieder; denn ich denke nicht in derlei Kategorien. Ich denke nicht: “Anna Karenina ist ein russischer Roman”, sondern ich denke: “Schöner Name, roter Einband, raues Gefühl in der Hand”.

Ich denke auch nicht:  “Max Goldt, Kolumnen”, sondern ich denke “Buch, das vergilbt, einer losen Blattsammlung nicht unähnlich, geliebt olivgrün mir gerade so sehr fehlt”.

Ich möchte übrigens betonen, dass ich selten lese. Hörbücher hören, das schon, denn dabei kann ich versonnen durch die Gegend schauen, z. B. auf das Bücherregal, das inzwischen (selbstredend) nach Farben sortiert ist. Leichte Krimis, gerne britisch, denn “English is my Schnuffeltuch”, selbst wenn es ins Deutsche übersetzt ist.

Mein Bücherregal ist ein Relikt aus vergangener Zeit und dient dazu, bis heute die Illusion zu vermitteln, dass ich belesen sei. Ich würde gerne sagen, dass ich immer noch regelmäßig Tolstoi zu mir nehme und diesen Herrn lese, der “Die Möwe” geschrieben hat, und dass die Bronte-Schwestern bei mir beständig ein- und ausgehen. Doch – dem ist nicht so. Alle Bücher, die dort stehen, habe ich gelesen. Doch das ist sehr, sehr lange her.

Dafür kann ich mir merken, ob ein Buch einen vergilbten, beigen, cremefarbenen oder sahneweißen Rücken hat und es binnen 3 Sekunden aus dem Regal ziehen. Und jemand anderem geben, der es dann liest.

Tastatur trägt Kinderbuchkostüm. Oder: Nur für Erwachsene.

Vor einigen Jahren dachte ich schon einmal, dass es unbedingt notwendig sei, über Synästhesie zu schreiben. Doch da mir das Blogformat mit seinen eigenen Gesetzen noch nicht bekannt war, erlag ich der Annahme, es müsse ein Kinderbuch sein. Es ging um Wochentage, die einem Mädchen erscheinen und seine Freunde werden. Ich erweiterte den Montag (einen mittlerweile sicher bekannten schwarzlilamanteltragenden Herren) um folgende Eigenschaften:

  • Er aß gerne Mettbrötchen.
  • Er ging gerne einkaufen, weil die Läden ja wieder aufhatten.
  • Er spielte gerne Skat mit Dienstag und Mittwoch.

Soweit, so gut. Der Rest jedoch wurde eine fürchterlich traurige Geschichte. Das einsame Mädchen, das beginnt, mit Wochentagen zu sprechen – aus der Not heraus. Nicht, weil es lustig ist. Montag und sie gingen einkaufen, er probierte lila Stiefel an. Ich hörte trübsinnig nach zwei Seiten auf, zu schreiben.

Der Fehler, sagt eine treue Leserin, lag damals darin, dass ich dachte, es müsse ein Kinderbuch werden. Und Kinderbücher seien eben eine bestimmte Textsorte, die mich offenbar sehr eingeschränkt habe.

Sie hat recht. Ich hatte meiner Tastatur das Kinderbuchkostüm übergezogen. Und da ich in einer Zeit groß wurde, in der Kinderbücher oft von tiefer Traurigkeit oder auch großen Katastrophen durchzogen waren, von pausewangschen Drohgebärden in Form von Wolken und Schlündern – oder auch von noackschen abwärts fahrenden Rolltreppen und härtlingsch abhauenden Theos – dachte ich, es müsse tiefes Unglück mit von der Partie sein. Einsamkeit geradezu. Wenn schon kein Reaktorunfall.

Und über Pferde wollte ich nicht schreiben, Bille und Zottel, ihr lustiger Freund, das war das Gegenteil vom Schlund.Mein Kinderbuchhimmel, jedes einzelne mit Rasenmähen verdient. Aber das hätte ja jetzt wenig mit Synästhesie zu tun gehabt.

Wie gut, dass ich mich gegen ein Kinderbuch entschieden habe. Es ist bedeutend unterhaltsamer, ein Blog mit Wörtern zu füllen, die ihr Format selbst finden, als mich mit Korsettsätzen zu quälen und einer Botschaft an Kinder. Überhaupt, Kinder und Synästhesie ist sowieso eine heikle Geschichte, weil Wahrnehmung – wie bereits erwähnt – eine taumelnde Gazelle ist.

Vielleicht wäre das eher eine Idee: ein Buch über die taumelnde Gazelle namens Wahrnehmung zu schreiben. Doch auch das wäre vermutlich eher etwas für Erwachsene.

Der Raum, in dem die Träume wohnen.

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Ich bin – wie die Leserschaft vielleicht schon gemerkt hat – keine Naturwissenschaftlerin. Meine Herangehensweise an die Welt ist etwas anders. Daher weiß ich auch nicht, ob ich fachlich richtig liege, wenn ich den inneren Raum beschreibe. Ich bekam noch keine bitteren Briefe von Forschern, was ich sehr ermutigend finde. Was ich oft höre ist: „Ich bin ein bisschen neidisch auf dich.“ Oder: „Ich würde so gerne sehen, was du da siehst.“

All diesen Menschen und auch den anderen ist dieser Beitrag gewidmet. Denn ich möchte heute einmal klarstellen: in jedem gibt es so Räume. Vielleicht sehen sie anders aus. Doch sie sind da.

Es gibt nämlich etwas, das zwischen uns, unseren Gedanken und Gefühlen und der Welt um uns herum liegt. Es ist ein innerer Raum, der nur uns selbst gehört und dessen Inhalte fast keine Sprache brauchen. Dort bilden sich im Schlaf die Träume. Und ihre Bilder, die mal schneller verschwunden sind, als wir sie greifen können – und mal viel zu lange im Tag kleben bleiben, und ihn düster oder zumindest schal verfärben.

Wer nachtträumt, der kennt diesen Raum. Der weiß, dass dort auch Farben wohnen, für die es keine Worte gibt. Der weiß, dass Dinge parallel geschehen, die keiner Logik mehr folgen. Der weiß, dass Zeit dort keinerlei Gesetzen folgt. Dass man mit Toten vielleicht sprechen kann.

Wer sich an Träume erinnert, der wird vielleicht auch manchmal um Worte und um Wörter ringen, um sie festzuhalten. Nichts anderes ist das, was ich hier tue. Das Ringen um Worte für etwas, für das die Sprache wenig vorgesehen hat. Um es sichtbar zu machen.

Wer wissen möchte, wie die Variation der Synästhesie, Ordinal Linguistic Personification, sich für mich und bestimmt auch manch anderen anfühlt, der kann sich diesen Traumraum vorstellen und dort große Buchstaben, Ziffern oder sogar Sätze hineinstellen. Der kann sich verschwommene Gesichter aus seinen Träumen herausklauben und in die Anfangsbuchstaben hineinbauen. Der kann sich eine Ecke vorstellen, in die der dritte Buchstabe sich ganz schüchtern kauert, während der vierte Buchstabe sich aus irgendeinem Fenster lehnt und vorwitzig auf die Straße schaut.

Der kann sich möglicherweise sogar vorstellen, dass die Wochentage dort ihr Zuhause haben und dass alles, was in ihnen passiert, dort abgelegt wird. Dass die Jahre dort verbleiben und mit ihnen die Morgenfarben, die Stundenformen, die Monatscharaktere und jeder Walzer von Chopin. Dass dort die Stimmen derer leben, die wir lieben. (Und dass auch die der anderen dort manchmal aufkeimen).

Synästhesie an sich macht nicht glücklich. Sie macht auch nicht unglücklich. Sie macht eigentlich nicht viel von sich aus. Sie lässt sich anschauen, ploppt manchmal unpassenderweise auf, wenn es eigentlich gilt, einem Inhalt zu folgen und hält sich ansonsten meist vornehm zurück. Sie will nicht viel, nur ab und zu mal neue Dinge bekommen, die sie formen und färben kann. Und diese Personifizierung von Synästhesie war bestimmt gänzlich unwissenschaftlich und unzulässig, daher verabschiede ich mich rasch aus diesem Text und wünsche schillernde Träume oder was die Nacht sonst so braucht.

Ein kurzes Statement zu Meinungsstimmlern.

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Manche Tage sind ranunkelartig. Sie brauchen nicht viel Aufmerksamkeit. Ihre Farben gleiten sachte vorbei und keine schreit: “Hier bin ich!” So ein Tag war gestern nicht. Augenlaute Stunden, Farbtumulte, Sprachgewimmel. Meinungsstimmler, die senfgelbes Schweigen nicht kennen, stattdessen speien und viel und alles sagen wollen, gleich und schnell.

Es erschien mir ratsam, mich rasch auf die Ranunkel zu besinnen, die klarweiß schwieg (zumindest am Tag des Fotos, für andere Stunden kann ich meine Hand nicht ins Feuer legen, wer weiß wann Blumen sprechen und mit wem…). Heute sollte ein Ranunkeltag werden, auch wenn Donnerstag graulila ist. Was gelang – und plötzlich lichteten sich Meinungsschwaden und Stille war zu sehen. Und Stille ist schlicht weiß.

Und über allem steht der Tag.

Und über allem steht der Tag.

Ich werde manchmal gefragt, ob mir die Synästhesie gelegentlich auf die Nerven gehe. Normalerweise antworte ich darauf, dass dem nicht so sei.

Doch heute Morgen schaute ich mir die übertürmten Tage an, die vor und hinter mir liegen, und mir wurde schlagartig klar: In meinen Stimmungen pendeln immer Tagesfarben mit. Die Tatsache, dass ich mich heute per se dienstagsgelb fühle, bevor die anderen Gefühle dazu kommen, hat schon manchmal etwas leicht lästiges, vor allem, wenn es nicht so läuft.

Sehe ich den restlichen Tag vor mir, dann sehe ich Gelb. Und das Oval der Tageszeiten. Der bevorstehende Broterwerb ist in dienstagsgelben Satin eingehüllt. Das klingt nun hübscher als es ist – ein wenig aufdringlich ist das nämlich schon.

Schaue ich zurück auf den gestrigen Tag, sehe ich zunächst das Schwarzlila des Montags und alle Geschehnisse vor diesem Hintergrund. Und die Tage, die sich vor mir auftun, leuchten schon abwartend und Pläne und Pflichten haben sich gemütlich in ihnen niedergelassen und winken mir zu (an ihrer jeweiligen Position zu der entsprechenden Tageszeit). Und dann kommt noch der Monatsüberbau hinzu und die Jahreszeit obendrauf.

Da können die Wochentagswesen aber nichts für! Sie sind an sich freundlich und machen nur ihre Arbeit, siehe „Das Sams“.

Aus vergessenen Gründen lernte ich das „Sams“ von Paul Maar erst kennen, als ich schon zu alt war, um das Buch noch gut zu finden. (Und noch zu jung, um es wieder gut zu finden). Zum Glück „musste“ ich es vorlesen.

Ich war sehr froh über die Erkenntnis: auch andere Menschen scheinen Wesen in Wochentagen zu entdecken. Und – natürlich sehen diese Wesen unterschiedlich aus – beim einen ist es vollkornknäckebrotbraun und ein geselliger Freund und beim anderen hat es rote Haare und erfüllt gerne Wünsche.

Ich will Herrn Maar keine Synästhesie unterstellen, so wie ich das auch bei Rilke nicht wagen würde. (Warum sage ich nicht auch Herr Rilke? Weil er tot ist? Verliert man das Recht auf eine Anrede, wenn man stirbt? Noch nie habe ich darüber nachgedacht).

Doch – wie bereits erwähnt – braucht man für eine erweiterte Wahrnehmung der Dinge keinerlei synästhetische Veranlagung. Fantasie und weitere Gefährte wie Sprachfreude, Denktänze, Gedankenakrobatik und Co sind vollkommen ausreichend.

Synästhesie ist schlicht eine Spielart der Natur – eine Variation der Sinneswahrnehmung. Toll, aber nicht die Lösung.

So werde ich nun diesen gelben Dienstag vollbringen, der schon vorwitzig zum Mittwoch schielt. Und vielleicht passiert ja etwas dominantfarbiges, das alles mit seinem guten Glanz überdeckt: schnurschön sollte es sein und darf gerne mit dem Buchstaben K beginnen.

Nachtrag 1: Es passierte noch etwas Glanzvolles. Und es hatte mit Kolleginnen zu tun.

Nachtrag 2: Hat nicht Max Goldt mal die Frage nach der Anrede und dem Sterben gestellt? Dann hätte ich darüber doch schon mal nachgedacht. Ich möchte nicht so dastehen, als würde ich anderer Leute Gedanken stehlen – daher: wer es weiß, der bekommt einen Preis von mir, z. B. eine farbliche Beschreibung seines Vornamens. Das hat doch auch nicht jeder.

Wenigstens ein Wort gefunden, wenn schon Sonntag ist.

IMG_4213 Als ich das Bild malte, wusste ich noch nicht,  dass sich in dem Bild (hinter dem bräunlich-orangenen Balken) ein Wortwesen versteckt. Jahre später – heute – entdeckte ich es.

IMG_4220 Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich heraus, dass das Wort “Fokus” der Farbgebung und Form der Abbildung sehr ähnlich sieht. Da heute Sonntag ist und mich demnächst die betagte Dame Sonntag mit ihrem Likör in der beringten Hand in die tiefmelancholische Wochenend-Endstimmung herabreißen wird, ist es umso schöner, dass noch so etwas Gutes passiert ist. Außer der Sonne natürlich.