Namen-Aktionswoche Nr. 3: Über Jungen, Mädchen, ihre Namen, ihr Spielzeug und über das Zweifarbendilemma.

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Kürzlich betrat ich ein Spielzeuggeschäft, um ein Geburtstagsgeschenk für den kleinen Jungen aus Hannover zu finden. Der Laden war durch zwei Farben bestimmt und sicherlich wird meine Leserschaft wissen, welche das waren. Es gab ganze Bereiche, die geschlechtsgetüncht waren; in der Folge mangelte es an mehr- und andersfarbigen Produkten. Die Lieblingsfarbe des kleinen Jungen aus Hannover werde ich nicht verraten, denn das ist seine Privatangelegenheit, aber mir war klar, dass diese Spielzeugauswahl seinen Geschmack nicht treffen würde.

In der dritten Namen-Aktionswoche beschreibe ich wieder sowohl Jungen- als auch Mädchennamen, und – das sei bereits enthüllt – sie bestehen aus mehr als den zwei Farben. (Rosa kommt in meinen Synästhesien ohnehin selten vor). Es wurden erneut Namen von der Leserschaft eingereicht, die bei mir ganze Synästhesieketten und obendrein Erinnerungen auslösten. Bei Namen sind diese beiden Phänomene untrennbar miteinander verwoben; versuche ich bei der Illustration anderer Wörter, wie schon beschrieben, Assoziationen, Gefühle und Synästhesien sprachlich sauber voneinander zu trennen, so ist mir das bei Namen unmöglich.

Janne: ist etwas heller als mein Originalname. „Janne“ ist hellgrün mit gelben Flecken. Die beiden “n”s werden von einem mädchenhaften Wesen mit ausgebreiteten Armen beschützt. Es trägt einen grüngrauen Umhang und hat eine kinnlange braungraue Frisur. Seine Augen sind weit auf, doch nicht aufgerissen, und es schaut mich direkt an.

Jan: ist rot und trägt einen Rollkragenpullover (auch rot). Offenbar tragen einsilbige Jungennamen in meiner Welt Rollkragenpullover. „Jan“ hat eine Ponyfrisur und die Augen eines Jans, den ich kenne. Der Name besteht weniger aus Buchstaben als aus dem Wortwesen. Und das Wortwesen ist ein Junge, der vor den Buchstaben sitzt oder steht – er hat eine blaue Jeans an. Und er schaut konzentriert nach rechts (von mir aus gesehen), als gäbe es dort etwas Interessantes zu beobachten. Was es ist, das kann ich leider nicht erkennen.

(Dazu fällt mir ein, dass Eva mir schrieb und mir verraten hat, was das kleine Mädchen wolle, das im Eva-Namen an meinen Sessel kommt und den Mund öffnet. Es möchte eine Geschichte, so Eva. Ich war sehr erleichtert, dass sich diese Frage nun erledigt hat. Natürlich möchte das kleine Mädchen eine Geschichte, was sonst? Falls ein Jan weiß, was es ist, was „Jan“ dort sieht, freue ich mich über eine dementsprechende Berichterstattung).

Mandy: ist lieblich, weiß und hellblau. Links vom „M“ steht ein Mädchen, das aussieht wie Sterntaler. Es hat lange braune Haare und ein altmodisches Nachthemd an. Es blickt zu mir und will, wie Eva, etwas sagen oder fragen. Vielleicht will es mir auch etwas zeigen. Seine Arme halten nämlich etwas Stoffartiges auf. Darin könnte sich eine Ansammlung von Dingen befinden, oder es will damit Münzen, Konfetti, Korken oder ähnliches auffangen. Was es auch ist – „Mandy“ wird es leise, freundlich und auf eine Weise tun, dass niemand belästigt wird.

Marie: ist rot und hat hellblonde Locken. Dieses Wortwesen schaut mittig aus dem Namen heraus. Im Hintergrund sind einige schwarze Blumen und weiße Flecken ins Rot eingearbeitet, ein wenig sehen diese aus wie Intarsien.

Birgit: ist gelb, und die erste Birgit, der ich in meinem Leben begegnet bin, kommt von links in den inneren Raum herein geschwankt. Sie ist viel größer als ich, denn ich bin ca. 4 Jahre alt, und im Hintergrund steht eine gewisse Brigitte. Die beiden tauchen stets zu zweit auf. Heute frage ich mich – was war das wohl mit Birgit und Brigitte? Schwestern waren sie nicht. Eine Brille und braune Haare hat Birgit, und sie strahlt mich an. Die Buchstaben von „Birgit“ leuchten flachsgold und über ihnen ist eine Art Turmfrisur. Verrückterweise ist der Name blond – trotz braunhaariger Erstbegegnung. Synästhesie passiert eben einfach und macht was sie will. Im Hintergrund ist eine Art weißer Himmel. Der Goldschimmer, den der Name ausstrahlt, ist eindrucksvoll.

Peter: ist grüngelb und insgesamt sehr erdtönig. Ein Gesicht schaut aus dem P heraus. „Peter“ hat eine Frisur wie Pumuckel, aber natürlich nicht in rot, sondern erdig braun. „Nenn ihn einfach Peter“ schwingt im Namen mit (aus Freundinnengründen).

Nicole: ist zartblau, leichtgrau und etwas weiß. Die erste Nicole, die ich kannte, hatte sehr große blaue Augen. Diese sind für immer in den Namen eingebaut, auch ihre Frisur (dünne blonde Fransen, schulterlang, Pony). Das „N“ trägt ein Kleid. Es ist grau und hat Träger. Nicole ist ein zuverlässiger Name und dabei leicht verträumt. Und figurbedacht sind die zierlichen Buchstaben, so als wollten sie unbedingt bis in alle Ewigkeit in das eine Kleid passen, das sie sich einmal – vor etwa 30 Jahren – ausgesucht haben.

Klaus: ist blau und rot. Hat einen blonden Onkelbart. „Klaus“ schaut gewissenhaft nach rechts und ist nur im Profil zu sehen. Es schweben auch wolkenähnliche Gebilde um den Namen herum.

Irene: hieß das älteste Puppenkind von Nesthäkchen. Es kann auch sein, dass ich mich irre, denn eine synästhetisch geprägte Erinnerung kann manchmal täuschen. Der Name hat ein umlocktes Puppengesicht und schimmert lachsfarben, gelb und rötlich. Da es die älteste Puppe ist, sitzt sie oben auf einer Sofalehne, das den Hintergrund der Buchstaben bildet. Die eine Irene, die ich kenne, steht meilenweit entfernt von ihrem Namen. Ich lernte sie erst nach der Wende kennen und das „Tante“ schob sich sofort vor den Namen, so dass sie keinen Einlass in mein Bild von „Irene“ fand.

Christian: Im Gegensatz zu Christiane ist Christian zitronengelb, kornblumenblau, und die Farben ordnen sich in zwei Säulen an. Der Hintergrund ist weiß und ein Sommerflirren ist zu hören. Der erste Christian, den ich kannte, steht blondzerzaust links neben dem Namen und schaut auf den Boden. Er trägt ein gestreiftes T-Shirt und es hoffentlich mit Fassung, dass er in seinem Namen für immer 16 ist.

Myriade: ist ein gepunktetes Wesen – es kommen dunkelrote, rostrote, weiße, dunkelgraue und grüne Flecken vor. Gleichzeitig ist der Name in Wellen zu sehen. Es ist ein klassisches Wortwesen mit augenähnlichen Flecken und schwarzen Locken.

Simon: ist so gelbblau wie Christian, aber – es ist ein wärmerer Ton. Beim genaueren Hinschauen ist dort eher wenig Blau. Und das Gelb geht teilweise ins Ocker über. Eine Prinz-Eisenherz-Frisur schmückt das „S“. Bei „Bille und Zottel“, einem fulminanten Werk mit vielen Bänden über Pferde und ihre Freunde, kam ein Simon vor, der mittlere Sohn des Gutsbesitzers Herrn Tiedjen. Das war der Herr, bei dem das Pferd „Black Arrow“ stand, das Bille später reiten und besitzen durfte, als Zottel ein wenig ausgedient hatte. (Es kann sein, dass ich nach so vielen Jahren etwas verwechsle, Tina Caspari möge es mir verzeihen).

Simon war Billes erster Freund, und da diese literarische Liebe mich sehr beeindruckt hat, ist jener Simon – so wie ich ihn mir als 10jährige vorstellte – mit dem Namen verbunden. Blond und leicht unscheinbar, mit einer großartigen Persönlichkeit ausgestattet, reitet er auf dem „m“, denn natürlich ritt Simon ohne Unterlass. (Auf Pferden, nicht auf Buchstaben). Auch diese synästhetische Verkettung ist einfach geschehen, ohne mein bewusstes Zutun. Erst beim genaueren Anschauen öffnet sich das Universum dieses Namens, das sonst, im Alltag, ähnlich wie ein Hintergrundgeräusch ausgeblendet wird.

Es sollte nun offensichtlich geworden sein, dass Menschen, ihre Namen und ihre Universen aus mehr bestehen als aus den beiden Farben Hellblau und Rosa. Schon aus synästhetischer Perspektive bitte ich inständig darum: Gebt Kindern mehr Farben zur Auswahl. Nicht alle von ihnen sind synästhetisch veranlagt – umso wichtiger ist es, dass ihnen im Außen viele Farbfreunde begegnen, mit denen sie spielen können: Flachsgold, Moorgrün, Kaminrot, Beige, Petrol, Marineblau, Vanille, Senffarben, Dunkelorange, Zitronengelb, Lila, Flaschengrün und Ozeangrau. (Um nur ein paar Beispiele zu nennen).

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