Welt in Kugeln und etwas über Urlaub.

Weil ich möchte, dass etwas schön ist, definiere ich Dinge oft zu meinen Gunsten, so auch Urlaub.

„Urlaub bedeutet, andere Problemstellungen als im Alltag zu haben.“

In diesem Urlaub habe ich mehrere bekannte und neue Argumente für diese These gefunden, die ich hiermit an die Wand schlage.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, territoriale Machtspiele im Flugzeug mit Menschen mit erhöhtem Bedarf, ihre Gliedmaßen zu verteilen, auszufechten. Das kenne ich sonst auch, aber eben nicht im Flugzeug.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, in einem Bus zu fahren, in dem eine Klimaanlage die Gliedmaßen aller – ob ausgebreitet oder nicht – blau verfärbt. Das kenne ich sonst nicht.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, Kreuzworträtsel zu lösen und an den immer gleichen Fragen zu scheitern, z. B. dem süddeutschen Begriff für „Flur“. Zu Hause löse ich keine Kreuzworträtsel.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, die notwendigen Meter weiter zu gehen, um dort zu sein, wo niemand ist.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, die Welt vor mir ausgebreitet zu sehen und sie dann doch in eine Kugel zu fassen, weil ich es sonst vor Glück nicht aushalte.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, laute und militärische Übungen nahe der Hotelanlage zu beobachten und mich in der Frage zu verlieren, womit man so einen Helikopter eigentlich tankt.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, Sonne zu lieben und Sonne zu fürchten und deswegen Schatten zu suchen und Sonne zu sparen für das eine Bad im Meer, später, wenn die anderen schon fertig sind und dunkelbraun und schwerverbrannt.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, zu wissen, dass es gut gehen wird, auch wenn rechts ein Abgrund ist und links ein Steinschlagberg. Oder umgekehrt. Auf der Rückfahrt.

Was schlimm ist: Ich weiß, dass zu viel von dem Schönen, das mir passiert, damit zusammenhängt, dass andere für zu wenig Geld zu viel schuften. Das ist nicht Urlaub, weil das auch sonst so ist.

Zum Beispiel bedeutet Urlaub für mich, Kargheit und Stille und Meeresrauschen und Sonne und Farben und Liebe und Bald und Noch und Mehr und Steine und Tiefe und Berge und Wolken und Musik und andere Musik und Straßen und Bäume und all das, was Welt sein kann, zu behalten. Das mache ich sonst auch, aber eben nicht hauptberuflich.

Letzteres ist keine Problemstellung, wie in meiner Definition, und trotzdem ist auch das Urlaub, aber eben darüber hinaus. Weil meine Definition nur dazu da ist, jederzeit zu wissen, ich bin hier im Urlaub, es ist Erholung, auch wenn die Telefonfrau neben mir sitzt, der sperrige Flugzeugmann seinen Arm in meine Taille sticht, um seiner Freundin Intimes ins Ohr zu flüstern, der Bus nie kommen wird, der Kofferträger melancholische Augen hat, ich niemals Griechisch sprechen können werde, mir Ziegen und Soldaten vor das Auto laufen, die reiche Erbtante sich beim Buffet vorschieben lässt, die Abendmusik lauter ist als alle Gedanken.

Es ist alles nur dazu da, anders zu sein als sonst.

 

 

 

 

 

 

 

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Über meine nackte Tastatur und Sanddorn.

Warum ich hier so leise bin, hat auch damit zu tun, dass ich etwas tue, das ich nicht wollte. Weil das nämlich alle machen. Aber nur weil es alle machen, heißt es ja nicht, dass ich darauf verzichten müsste, so wie Atmen ja auch hilft, obwohl es alle machen.

Ich schreibe etwas Längeres, vielleicht wird es ein Buch.

Das Buch hat ein Thema, dem ich mich nur selten nähern kann, weil es zu aufregend ist, bzw. meinem Erinnerungs- und Wahrnehmungszentrum sehr viel abverlangt. Der Titel ist bereits vorhanden und ausgesprochen lang, aber ich verrate ihn nur manchmal und nur manchen und möchte wissen, ob sie dann auch so aufgeregt sind.

Warum jetzt doch ein Buch, obwohl ich doch damals ganz klar gesagt habe, ich möchte keines schreiben?

Zunächst habe ich das Buchkostüm von der Tastatur gerissen, es in Tausend Teile zerfetzt, von dramatischer Musik flankiert, und es dann in alle Winde verstreut – begleitet von einem höhnischen Lachen. Dann habe ich beschlossen, meinen allgemeinen Persönlichkeitsgroove in die Buchstaben fließen zu lassen, auch wegen der Freiheit.

Das höhnische Lachen wird mir noch vergehen, wenn ich eines Tages „an Verlage herantrete“. Ich stelle mir vor, dass ich das mit einem Aktenkoffer tue, den ich noch kaufen muss, und dass das Manuskript mit Schreibmaschine geschrieben ist, die ich noch kaufen muss.

Eines ist klar. Es wird noch lange dauern – weil das zweite Lesen schier unerträglich ist. Und weil ich mehr und mehr Details entdecke und einfüge und weil jedes Wort wunderbar sitzen soll. Es soll ein Buch werden, über das sich niemand ärgern muss.

Klar ist auch: Das wird kein Internetbuch. Entweder ich finde einen Verlag, oder eben nicht. Dann bleibt es ein Schubladenbuch. Die Schublade muss ich auch erst einmal kaufen. Man muss offenbar viel kaufen, wenn man ein Buch schreibt.

Bleibt die Frage, warum ich dieses Beitragsbild gewählt habe. Ich hätte gerne noch etwas über Sanddorn am Blauhimmel geschrieben, etwas über die Lücken zwischen den Beeren und über die Bedeutung der Lücke zwischen den Dingen. Und darüber, wie schön die Welt sein kann, wenn man sie lässt. Aber das wäre mir zu neunmalklug gewesen, deswegen habe ich darüber letztendlich doch nicht geschrieben.

50 Fragen an Dich.

Was ich Dich immer schon fragen wollte:

  1. Zweifelst Du manchmal daran, ob es ein Wort wirklich gibt, z. B. Sprenkel?
  2. Was liest Du morgens als Erstes?
  3. Träumst Du horizontal oder vertikal?
  4. Welches Lied macht für Dich die Welt groß?
  5. Wen schaust Du gerne an?
  6. Wer sagt, dass Du etwas machen musst?
  7. Welches war die erste Farbe, die Du gesehen hast?
  8. See oder Meer?
  9. Norden oder Süden?
  10. Wenn Du aussteigen würdest, was wäre das Letzte, was Du in Deinem jetzigen Leben tun würdest?
  11. Wenn Du wählen könntest: hättest Du lieber Synästhesie und durchschnittliche Intelligenz oder einen IQ von 160?
  12. Lässt Du andere Menschen von Deinem Brötchen abbeißen? Und wenn es ein Döner ist?
  13. Welches war der erste Kosename, den Du bekommen hast?
  14. Findest Du das Floskelgerüst nach Terroranschlägen beruhigend oder macht es Dich verrückt?
  15. Weinst Du oft?
  16. Fenster auf? Fenster zu?
  17. Magst Du mich?
  18. Hast Du schon mal aus Liebeskummer einen Rieseneisbecher im Bett gegessen, weil Du in einer Sitcom gesehen hast, dass man das tut, wenn man Liebeskummer hat?
  19. Setzt Du Dich mit Straßenklamotten auf das Bett?
  20. Was ist Dein Lieblingswort?
  21. Wann hast Du das letzte Mal jemanden kennengelernt, mit dem oder der Du befreundet sein willst?
  22. Kaffee? Tee?
  23. Liebst Du Dein Leben?
  24. Was hast Du später gelernt als andere?
  25. Hast Du eine persönliche Hymne?
  26. Bist Du der, der die Witze macht oder der, der den Kuchen backt?
  27. Oder beides?
  28. Ist Musik für Dich die Zeitmaschine oder Duft?
  29. Wie viele Liter Wasser trinkst Du am Tag?
  30. Was ist Deine Verlegenheitsgeste?
  31. Wie oft denkst Du, ab sofort lebe ich vegetarisch?
  32. Stellst Du manchmal Fragen, die Du hinterher bereust?
  33. Hast Du schon mal „nein“ gesagt, obwohl Du „ja“ meintest?
  34. Wie oft lügst Du am Tag?
  35. Sehnst Du Dich nach dem Ende dieses Fragebogens?
  36. Wieviel Geld brauchst Du zum Glücklichsein?
  37. Hast Du manchmal einen Kloß im Hals, wenn Du Fernsehwerbung siehst?
  38. Wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest: wohin?
  39. Schläfst Du mit offenem oder geschlossenem Fenster?
  40. Belehrst Du andere über Rechtschreibung?
  41. Hörst Du Farben?
  42. Was würdest Du gerne erfinden?
  43. Wie oft fehlen Dir die Worte, um jemandem etwas zu sagen?
  44. Wer wärst Du gerne für einen Tag?
  45. Wer für ein Jahr?
  46. Denkst Du, man muss zu allem eine Meinung haben?
  47. Wie oft kaufst Du Dir Blumen?
  48. Warst Du schon einmal in New York?
  49. Was ist spannender: die Reise nach New York oder die Reise zu sich selbst?
  50. Oder beides?

Über das Verwässern der Wörter und die Sache mit der Realität.

In diesem Blog habe ich viel über „die sogenannte Realität“ geschrieben und ein wenig mit ihr kokettiert. Dabei ging es mir um die individuelle Wahrnehmung der Dinge, der Wörter, der Farben. Um Synästhesie und mehr – um das Anerkennen dessen, dass jeder Mensch die Welt auf seine Art sieht.

Mir ging es dabei auch um die Strahlkraft der Wörter, um die Liebe zu unscheinbaren Wörtern, zu lustigen, leisen und sehr charismatischen, dramatischen Wörtern.

Ich habe von „vereinbarter Realität“ gesprochen, die auch einmal überprüft werden darf: sind es die Baumwipfel oder sind es die Flächen zwischen ihnen, die wir sehen? Mir ging es um Betrachtung, um Erweiterung des Sichtfelds und um die Freude daran, dass mein Blau vielleicht anders aussieht als Dein Blau.

Aber es ging immer um Blau und Blau heißt Blau. So ist es vereinbart und dass wir die Farbe in Nuancen unterschiedlich wahrnehmen ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Tatsache ist wichtig für Kommunikation, Verständigung und für einen Halt in der Welt.

Als „postfaktisch“ zum Wort des Jahres bestimmt wurde, wurde mir angst und bange. Es bekam dadurch einen etablierten Touch. Und es kroch dennoch in meine Welt. Ich ertappte mich dabei, beim „Schingschangschong“ das Wort zu benutzen, ich erfand eine Geste und behauptete, ich habe gewonnen, das sei postfaktisches Schingschangschong. Lustig, lustig, aber eigentlich war es nicht lustig.

Verwässern beginnt im Witz, dann dringt es in tiefere Schichten.

Realität ist ein nützliches Set von Vereinbarungen, Fakten, Informationen. Sie ist der Halt, der Rahmen, in dem wir unsere Weltwahrnehmung ausbreiten können, fliegen können, Farben lieben, Menschen eh, Wörter sehen, Musik schmecken, was wir wollen. Wir sehen Dinge unterschiedlich, aber wir befinden uns in einem gemeinsamen Rahmen von Errungenschaften.

Hypothesenbildung ist Fortschritt, Forschen hilft, etwas in Frage stellen hilft, und: Lügen sind Lügen. Und beim Schingschangschong schummeln ist unanständig. Und das Verwässern von Wörtern ist gefährlich.

Und mein Blau ist mein Blau, aber es ist eben Blau.

Über das Universum hinter den Wörtern, z. B. „Spieli“.

Wegen ein paar Albernheiten im Wortspielzimmer Twitter kam mir gestern der Begriff „Spieli“ wieder in den Sinn, und wer sich nichts darunter vorstellen kann, der hat vielleicht keine Kindheit in den 80ern gehabt, sondern früher oder später, so jedenfalls klang es gestern in den Antworten dazu. Einer wusste genau, was ich meinte, aber wir sind auch gleichalt.

Das Universum hinter dem Wort „Spieli“ klappte auf und plötzlich wusste ich wieder, dass ich gerne synchron schaukelte, mit Freundinnen und dass es wichtig war, gleichhoch und gleich weit zu fliegen.

Und dass es auch wichtig war, rechtzeitig zu verschwinden, wenn die großen Jungen kamen, die mit den BMX-Rädern und den Segelohren.

Und dass irgendwann die Schaukel der Ort war, an dem man dekorativ saß und gut aussah und dann kamen auch Jungen und es flogen Wörter. Und mir fiel ein Junge ein, da war ich schon 12 oder so, der war nett und wir hatten kleine Schlagabtäusche von Schaukel zu Schaukel, und plötzlich sagte er zu mir, er sei übrigens ein Nazi. Und da wusste ich, ich könnte ihn nicht lieben und er leugnete die Shoah, und ich sagte, aber hast du denn nicht Anne Frank gelesen, und er sagte, sein Großvater habe ihm erklärt, das sei eine Verschwörung. Und ich strich mir eine dekorative Strähne aus dem Gesicht, verkündete, das ginge natürlich nicht, und er sagte, du bist süß und so, aber das passt nicht, und unsere Wege trennten sich in einem Frieden, den ich nicht verstand.

Und dann dachte ich gestern an Sandkisten, und dass ich gerne bis zum Lehm grub, so tief, eben bis zum Lehm, der meine Hände rot färbte und dass ich dann stolz war, denn: Lehm, daraus konnte man Hütten bauen.

Und dann grub ich meine Fingernägel in den Lehm und hatte den Wunsch, so sehr den Wunsch, mir daraus eine Hütte zu bauen. Wie die Menschen in dem einen eindringlichen Buch über die sogenannte „Dritte Welt“, und wer sich fragt, warum man sowas als Kind schon liest, der hatte vielleicht keine Kindheit in den 80ern, sondern früher oder später.

Jedenfalls gab es da eine Geschichte über einen Jungen, der gerne schrieb und einen einzigen Bleistift hatte. Und eines Tages verlor er diesen aufgrund von Unachtsamkeit. Und er war tief verstört und mit ihm ich, weil ich dachte, wie soll er denn jetzt schreiben.

Und dann kam eines Tages ein Ehepaar vorbei, mit einer „weißen Hautfarbe“ und reich bekleidet und verlor einen Kugelschreiber. Und der Junge nahm diesen an sich, suchte die Leute noch, um ihnen den Kugelschreiber wiederzugeben und entschied sich schließlich, ihn zu behalten um des Schreibens willen. Und als das Ehepaar am nächsten Tag zurückkam, da hatte er die Befürchtung, dass diese den Kugelschreiber zurückwollten, aber sie fassten ihm nur ins Gesicht und Lächelworte perlten aus ihrem Mund. So war das nicht formuliert, aber so sah es eben aus vor meinen inneren Augen. Und davon abgesehen verstanden sie seine Sprache nicht.

Mich ließ die Geschichte erschüttert zurück, weil ich dachte, ein Kugelschreiber, der „geht so schnell alle“, so dachte ich damals, etwas „ging alle“ und der Bleistift war doch besser gewesen.

Mich ließ das Monate lang nicht los. Immer wieder dachte ich darüber nach, was besser sei, ein Bleistift, der doch zu leicht auszuradieren sei oder der Kugelschreiber. Weil ich viel Zeit hatte, über so etwas sehr lange nachzudenken.

Zum Beispiel dachte ich darüber nach, während ich beim Lehm ankam. Es war die Sandkiste im Garten am Haus. Es gab unzählige Stunden, die ich damit verbrachte, zu graben, zu überlegen und auch die Hütte in Gedanken zu bauen.

Ich fand durch Nachdenken und erste Versuche heraus, dass es nicht einfach war, eine mannshohe Hütte zu bauen. Ich fand auch heraus, dass ich mich damit abfinden musste, dass ich niemals erfahren würde, was das mit dem Kugelschreiber nun auf sich hatte und was besser sei, ein Bleistift oder ein Kugelschreiber. (Ich fand nebenbei heraus, dass niemand sich freute, wenn man Lehm „ins Haus trägt“).

Ganz klar war immer schon – und darüber musste ich nicht nachdenken, das floss immer mit, wenn das Wort fiel: „Spieli“ war und ist ein blondgelocktes Wort mit einem puzzleförmigen Profil; es trägt einen hellblauen Pullover. Auch das erzählte ich niemandem; denn es kam mir ganz normal vor. Ich sagte ja auch nicht, die Schaukel ist blau. Auch das mit dem Kugelschreiber behielt ich für mich – weil ich selbst eine Antwort finden wollte, denn ich wusste, diese Antwort würde länger halten.

Ich wusste aber noch nicht, dass es ein Privileg war, etwas gänzlich unkommentiert zu tun und zu denken.

Einfach nur zu graben und dann irgendwann zu jemandem zu sagen: „Komm, wir gehen zum Spieli. Wer zuerst bei der Schaukel ist.“ Und dann gleichhoch zu fliegen. Und den Himmel zu treten, aber auf freundliche Art.

15 Farben Stille.

Es gibt die Stille, die rehfarben ist.

Es gibt die Stille, die baumwipfelfarben ist.

Es gibt die Stille, die seefarben ist.

Es gibt die Stille, die schmetterlingsfarben ist.

Es gibt die Stille, die steinfarben ist.

Es gibt die Stille, die erhabenfarben ist.

Es gibt die Stille, die randfarben ist.

Es gibt die Stille, die wehmutfarben ist.

Es gibt die Stille, die spurenfarben ist.

Es gibt die Stille, die hausfarben ist.

Es gibt die Stille, die blaubeerfarben ist.

Es gibt die Stille, die asphaltfarben ist.

Es gibt die Stille, die meinfarben ist.

Es gibt die Stille, die jenseitsfarben ist.

Es gibt die Stille, die deinfarben ist.