50 Fragen an Dich.

Was ich Dich immer schon fragen wollte:

  1. Zweifelst Du manchmal daran, ob es ein Wort wirklich gibt, z. B. Sprenkel?
  2. Was liest Du morgens als Erstes?
  3. Träumst Du horizontal oder vertikal?
  4. Welches Lied macht für Dich die Welt groß?
  5. Wen schaust Du gerne an?
  6. Wer sagt, dass Du etwas machen musst?
  7. Welches war die erste Farbe, die Du gesehen hast?
  8. See oder Meer?
  9. Norden oder Süden?
  10. Wenn Du aussteigen würdest, was wäre das Letzte, was Du in Deinem jetzigen Leben tun würdest?
  11. Wenn Du wählen könntest: hättest Du lieber Synästhesie und durchschnittliche Intelligenz oder einen IQ von 160?
  12. Lässt Du andere Menschen von Deinem Brötchen abbeißen? Und wenn es ein Döner ist?
  13. Welches war der erste Kosename, den Du bekommen hast?
  14. Findest Du das Floskelgerüst nach Terroranschlägen beruhigend oder macht es Dich verrückt?
  15. Weinst Du oft?
  16. Fenster auf? Fenster zu?
  17. Magst Du mich?
  18. Hast Du schon mal aus Liebeskummer einen Rieseneisbecher im Bett gegessen, weil Du in einer Sitcom gesehen hast, dass man das tut, wenn man Liebeskummer hat?
  19. Setzt Du Dich mit Straßenklamotten auf das Bett?
  20. Was ist Dein Lieblingswort?
  21. Wann hast Du das letzte Mal jemanden kennengelernt, mit dem oder der Du befreundet sein willst?
  22. Kaffee? Tee?
  23. Liebst Du Dein Leben?
  24. Was hast Du später gelernt als andere?
  25. Hast Du eine persönliche Hymne?
  26. Bist Du der, der die Witze macht oder der, der den Kuchen backt?
  27. Oder beides?
  28. Ist Musik für Dich die Zeitmaschine oder Duft?
  29. Wie viele Liter Wasser trinkst Du am Tag?
  30. Was ist Deine Verlegenheitsgeste?
  31. Wie oft denkst Du, ab sofort lebe ich vegetarisch?
  32. Stellst Du manchmal Fragen, die Du hinterher bereust?
  33. Hast Du schon mal „nein“ gesagt, obwohl Du „ja“ meintest?
  34. Wie oft lügst Du am Tag?
  35. Sehnst Du Dich nach dem Ende dieses Fragebogens?
  36. Wieviel Geld brauchst Du zum Glücklichsein?
  37. Hast Du manchmal einen Kloß im Hals, wenn Du Fernsehwerbung siehst?
  38. Wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest: wohin?
  39. Schläfst Du mit offenem oder geschlossenem Fenster?
  40. Belehrst Du andere über Rechtschreibung?
  41. Hörst Du Farben?
  42. Was würdest Du gerne erfinden?
  43. Wie oft fehlen Dir die Worte, um jemandem etwas zu sagen?
  44. Wer wärst Du gerne für einen Tag?
  45. Wer für ein Jahr?
  46. Denkst Du, man muss zu allem eine Meinung haben?
  47. Wie oft kaufst Du Dir Blumen?
  48. Warst Du schon einmal in New York?
  49. Was ist spannender: die Reise nach New York oder die Reise zu sich selbst?
  50. Oder beides?

Über das Verwässern der Wörter und die Sache mit der Realität.

In diesem Blog habe ich viel über „die sogenannte Realität“ geschrieben und ein wenig mit ihr kokettiert. Dabei ging es mir um die individuelle Wahrnehmung der Dinge, der Wörter, der Farben. Um Synästhesie und mehr – um das Anerkennen dessen, dass jeder Mensch die Welt auf seine Art sieht.

Mir ging es dabei auch um die Strahlkraft der Wörter, um die Liebe zu unscheinbaren Wörtern, zu lustigen, leisen und sehr charismatischen, dramatischen Wörtern.

Ich habe von „vereinbarter Realität“ gesprochen, die auch einmal überprüft werden darf: sind es die Baumwipfel oder sind es die Flächen zwischen ihnen, die wir sehen? Mir ging es um Betrachtung, um Erweiterung des Sichtfelds und um die Freude daran, dass mein Blau vielleicht anders aussieht als Dein Blau.

Aber es ging immer um Blau und Blau heißt Blau. So ist es vereinbart und dass wir die Farbe in Nuancen unterschiedlich wahrnehmen ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Tatsache ist wichtig für Kommunikation, Verständigung und für einen Halt in der Welt.

Als „postfaktisch“ zum Wort des Jahres bestimmt wurde, wurde mir angst und bange. Es bekam dadurch einen etablierten Touch. Und es kroch dennoch in meine Welt. Ich ertappte mich dabei, beim „Schingschangschong“ das Wort zu benutzen, ich erfand eine Geste und behauptete, ich habe gewonnen, das sei postfaktisches Schingschangschong. Lustig, lustig, aber eigentlich war es nicht lustig.

Verwässern beginnt im Witz, dann dringt es in tiefere Schichten.

Realität ist ein nützliches Set von Vereinbarungen, Fakten, Informationen. Sie ist der Halt, der Rahmen, in dem wir unsere Weltwahrnehmung ausbreiten können, fliegen können, Farben lieben, Menschen eh, Wörter sehen, Musik schmecken, was wir wollen. Wir sehen Dinge unterschiedlich, aber wir befinden uns in einem gemeinsamen Rahmen von Errungenschaften.

Hypothesenbildung ist Fortschritt, Forschen hilft, etwas in Frage stellen hilft, und: Lügen sind Lügen. Und beim Schingschangschong schummeln ist unanständig. Und das Verwässern von Wörtern ist gefährlich.

Und mein Blau ist mein Blau, aber es ist eben Blau.

Über das Universum hinter den Wörtern, z. B. „Spieli“.

Wegen ein paar Albernheiten im Wortspielzimmer Twitter kam mir gestern der Begriff „Spieli“ wieder in den Sinn, und wer sich nichts darunter vorstellen kann, der hat vielleicht keine Kindheit in den 80ern gehabt, sondern früher oder später, so jedenfalls klang es gestern in den Antworten dazu. Einer wusste genau, was ich meinte, aber wir sind auch gleichalt.

Das Universum hinter dem Wort „Spieli“ klappte auf und plötzlich wusste ich wieder, dass ich gerne synchron schaukelte, mit Freundinnen und dass es wichtig war, gleichhoch und gleich weit zu fliegen.

Und dass es auch wichtig war, rechtzeitig zu verschwinden, wenn die großen Jungen kamen, die mit den BMX-Rädern und den Segelohren.

Und dass irgendwann die Schaukel der Ort war, an dem man dekorativ saß und gut aussah und dann kamen auch Jungen und es flogen Wörter. Und mir fiel ein Junge ein, da war ich schon 12 oder so, der war nett und wir hatten kleine Schlagabtäusche von Schaukel zu Schaukel, und plötzlich sagte er zu mir, er sei übrigens ein Nazi. Und da wusste ich, ich könnte ihn nicht lieben und er leugnete die Shoah, und ich sagte, aber hast du denn nicht Anne Frank gelesen, und er sagte, sein Großvater habe ihm erklärt, das sei eine Verschwörung. Und ich strich mir eine dekorative Strähne aus dem Gesicht, verkündete, das ginge natürlich nicht, und er sagte, du bist süß und so, aber das passt nicht, und unsere Wege trennten sich in einem Frieden, den ich nicht verstand.

Und dann dachte ich gestern an Sandkisten, und dass ich gerne bis zum Lehm grub, so tief, eben bis zum Lehm, der meine Hände rot färbte und dass ich dann stolz war, denn: Lehm, daraus konnte man Hütten bauen.

Und dann grub ich meine Fingernägel in den Lehm und hatte den Wunsch, so sehr den Wunsch, mir daraus eine Hütte zu bauen. Wie die Menschen in dem einen eindringlichen Buch über die sogenannte „Dritte Welt“, und wer sich fragt, warum man sowas als Kind schon liest, der hatte vielleicht keine Kindheit in den 80ern, sondern früher oder später.

Jedenfalls gab es da eine Geschichte über einen Jungen, der gerne schrieb und einen einzigen Bleistift hatte. Und eines Tages verlor er diesen aufgrund von Unachtsamkeit. Und er war tief verstört und mit ihm ich, weil ich dachte, wie soll er denn jetzt schreiben.

Und dann kam eines Tages ein Ehepaar vorbei, mit einer „weißen Hautfarbe“ und reich bekleidet und verlor einen Kugelschreiber. Und der Junge nahm diesen an sich, suchte die Leute noch, um ihnen den Kugelschreiber wiederzugeben und entschied sich schließlich, ihn zu behalten um des Schreibens willen. Und als das Ehepaar am nächsten Tag zurückkam, da hatte er die Befürchtung, dass diese den Kugelschreiber zurückwollten, aber sie fassten ihm nur ins Gesicht und Lächelworte perlten aus ihrem Mund. So war das nicht formuliert, aber so sah es eben aus vor meinen inneren Augen. Und davon abgesehen verstanden sie seine Sprache nicht.

Mich ließ die Geschichte erschüttert zurück, weil ich dachte, ein Kugelschreiber, der „geht so schnell alle“, so dachte ich damals, etwas „ging alle“ und der Bleistift war doch besser gewesen.

Mich ließ das Monate lang nicht los. Immer wieder dachte ich darüber nach, was besser sei, ein Bleistift, der doch zu leicht auszuradieren sei oder der Kugelschreiber. Weil ich viel Zeit hatte, über so etwas sehr lange nachzudenken.

Zum Beispiel dachte ich darüber nach, während ich beim Lehm ankam. Es war die Sandkiste im Garten am Haus. Es gab unzählige Stunden, die ich damit verbrachte, zu graben, zu überlegen und auch die Hütte in Gedanken zu bauen.

Ich fand durch Nachdenken und erste Versuche heraus, dass es nicht einfach war, eine mannshohe Hütte zu bauen. Ich fand auch heraus, dass ich mich damit abfinden musste, dass ich niemals erfahren würde, was das mit dem Kugelschreiber nun auf sich hatte und was besser sei, ein Bleistift oder ein Kugelschreiber. (Ich fand nebenbei heraus, dass niemand sich freute, wenn man Lehm „ins Haus trägt“).

Ganz klar war immer schon – und darüber musste ich nicht nachdenken, das floss immer mit, wenn das Wort fiel: „Spieli“ war und ist ein blondgelocktes Wort mit einem puzzleförmigen Profil; es trägt einen hellblauen Pullover. Auch das erzählte ich niemandem; denn es kam mir ganz normal vor. Ich sagte ja auch nicht, die Schaukel ist blau. Auch das mit dem Kugelschreiber behielt ich für mich – weil ich selbst eine Antwort finden wollte, denn ich wusste, diese Antwort würde länger halten.

Ich wusste aber noch nicht, dass es ein Privileg war, etwas gänzlich unkommentiert zu tun und zu denken.

Einfach nur zu graben und dann irgendwann zu jemandem zu sagen: „Komm, wir gehen zum Spieli. Wer zuerst bei der Schaukel ist.“ Und dann gleichhoch zu fliegen. Und den Himmel zu treten, aber auf freundliche Art.

15 Farben Stille.

Es gibt die Stille, die rehfarben ist.

Es gibt die Stille, die baumwipfelfarben ist.

Es gibt die Stille, die seefarben ist.

Es gibt die Stille, die schmetterlingsfarben ist.

Es gibt die Stille, die steinfarben ist.

Es gibt die Stille, die erhabenfarben ist.

Es gibt die Stille, die randfarben ist.

Es gibt die Stille, die wehmutfarben ist.

Es gibt die Stille, die spurenfarben ist.

Es gibt die Stille, die hausfarben ist.

Es gibt die Stille, die blaubeerfarben ist.

Es gibt die Stille, die asphaltfarben ist.

Es gibt die Stille, die meinfarben ist.

Es gibt die Stille, die jenseitsfarben ist.

Es gibt die Stille, die deinfarben ist.