Sommern. Pause.

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Im Sommer ist man gut beraten, wenn man sich Blumen anschaut, z. B. Rosen. Wenn man Rosen nicht mag, dann macht das nichts, denn es gibt ja auch noch andere Schönheiten, z. B. Wolken.

Es gibt mehr als viele Farben dort draußen zu sehen, so dass die Synästhesie sich einmal ausruhen kann. “Endlich Sommerfrische!”, jubilieren die Wort- und Farbfreunde. Und winken der Leserschaft zu. Sie würden auch noch rufen: “Sommert schön!”, wenn sie nicht schon eifrig ihre Koffer packen würden.

Synästhesie on the road.

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Fernwehfarben tanzen Walzer. Ich reise gern. Manchmal sogar an Orte, deren Name nicht unbedingt schön aussieht. Da gibt es etliche, doch ich lasse mich gerne davon überzeugen, dass Namen Schall und Rauch sein können. Dass es sich lohnt, auch an Orte zu fahren, die in meinem inneren Raum matschbraun oder popelfarben aussehen.

Der Zwinger in Dresden ist so ein Beispiel. „Zwinger“ ist schal, weiß und mit irgendeiner Art Grauschatten versehen. „Dresden“ ist mattgelb, versprüht Senf und Ocker mit grünlichen Schatten. Und dann bin ich vor Ort und staune über die flussfarbene Pracht, die nichts gemein hat mit dem synästhetischen Abbild in mir.

Synästhesie ist schließlich ein Zufallsprodukt; ein neurologisches Phänomen, eine Verbindung von Dingen, die meistens wenig miteinander zu tun haben. Es ist für mich normal und oft genug wunderbar, mit ihr zu leben; doch ich darf mich nicht zu sehr von ihr leiten lassen. Vor allem nicht, wenn es um Entscheidungen geht in den Bereichen Essen, Trinken, Beruf, Gesundheit und Reisen.

Selbst ein Tagesausflug sollte nicht von synästhetischen Motiven bestimmt sein, sonst würde ich stets in die Wallensteinstraße fahren wollen, weil sie sich auf den betörenden „Gallenstein“ reimt, wenn nach ihm eine Straße benannt würde. Oder ich würde mich wundern, dass Kiel doch keine Metropole ist.

So bin ich schon manches Mal in Dresden gewesen. Eine gute Stadt, ein guter Fluss, viel Platz. (Und Eierschecken schmecken übrigens sagenhaft und viel besser als ihr Name es vermuten lässt).

Haltung.

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Viele Wörter habe ich hier bereits ihrer Schönheit wegen vorgestellt. Nicht immer ist deren Inhalt so bezaubernd wie ihr Abbild vor meinem synästhetischen Auge, siehe Chlamydien.

Das Wort “Haltung” verdient unbedingt einen Platz in meiner Wortschatzschatulle. Aus inhaltlichen Gründen. Es sieht nicht besonders aufregend aus, trägt auch kein “k” oder gar ein “kl” in sich. Kein Schnee im Mund, nichts. Es erzeugt aber auch keinen Würgereiz bei mir, so wie etwa das Horrorkonsonantengeschwisterwort, mit dem viele Menschen Kleidung öffnen und schließen und deren großer Bruder der liebe, wundervolle Reißverschluss ist.

„Haltung“ ist in meiner synästhetischen Welt eben ein unauffälliges Wort. Das ist nicht weiter dramatisch, denn: Eine Haltung haben und aus ihr heraus handeln – das ist, als würde ein innerer Kompass einen durch das Labyrinth der Informationen, Meinungen, Konflikte und Gefühle führen. Ein erstrebenwerter Traumzustand. Ein Lieblingswort.

Und: Eine gute Haltung ist überdies auch noch gut für den Rücken.

Namen-Aktionswoche Nr. 3: Über Jungen, Mädchen, ihre Namen, ihr Spielzeug und über das Zweifarbendilemma.

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Kürzlich betrat ich ein Spielzeuggeschäft, um ein Geburtstagsgeschenk für den kleinen Jungen aus Hannover zu finden. Der Laden war durch zwei Farben bestimmt und sicherlich wird meine Leserschaft wissen, welche das waren. Es gab ganze Bereiche, die geschlechtsgetüncht waren; in der Folge mangelte es an mehr- und andersfarbigen Produkten. Die Lieblingsfarbe des kleinen Jungen aus Hannover werde ich nicht verraten, denn das ist seine Privatangelegenheit, aber mir war klar, dass diese Spielzeugauswahl seinen Geschmack nicht treffen würde.

In der dritten Namen-Aktionswoche beschreibe ich wieder sowohl Jungen- als auch Mädchennamen, und – das sei bereits enthüllt – sie bestehen aus mehr als den zwei Farben. (Rosa kommt in meinen Synästhesien ohnehin selten vor). Es wurden erneut Namen von der Leserschaft eingereicht, die bei mir ganze Synästhesieketten und obendrein Erinnerungen auslösten. Bei Namen sind diese beiden Phänomene untrennbar miteinander verwoben; versuche ich bei der Illustration anderer Wörter, wie schon beschrieben, Assoziationen, Gefühle und Synästhesien sprachlich sauber voneinander zu trennen, so ist mir das bei Namen unmöglich.

Janne: ist etwas heller als mein Originalname. „Janne“ ist hellgrün mit gelben Flecken. Die beiden “n”s werden von einem mädchenhaften Wesen mit ausgebreiteten Armen beschützt. Es trägt einen grüngrauen Umhang und hat eine kinnlange braungraue Frisur. Seine Augen sind weit auf, doch nicht aufgerissen, und es schaut mich direkt an.

Jan: ist rot und trägt einen Rollkragenpullover (auch rot). Offenbar tragen einsilbige Jungennamen in meiner Welt Rollkragenpullover. „Jan“ hat eine Ponyfrisur und die Augen eines Jans, den ich kenne. Der Name besteht weniger aus Buchstaben als aus dem Wortwesen. Und das Wortwesen ist ein Junge, der vor den Buchstaben sitzt oder steht – er hat eine blaue Jeans an. Und er schaut konzentriert nach rechts (von mir aus gesehen), als gäbe es dort etwas Interessantes zu beobachten. Was es ist, das kann ich leider nicht erkennen.

(Dazu fällt mir ein, dass Eva mir schrieb und mir verraten hat, was das kleine Mädchen wolle, das im Eva-Namen an meinen Sessel kommt und den Mund öffnet. Es möchte eine Geschichte, so Eva. Ich war sehr erleichtert, dass sich diese Frage nun erledigt hat. Natürlich möchte das kleine Mädchen eine Geschichte, was sonst? Falls ein Jan weiß, was es ist, was „Jan“ dort sieht, freue ich mich über eine dementsprechende Berichterstattung).

Mandy: ist lieblich, weiß und hellblau. Links vom „M“ steht ein Mädchen, das aussieht wie Sterntaler. Es hat lange braune Haare und ein altmodisches Nachthemd an. Es blickt zu mir und will, wie Eva, etwas sagen oder fragen. Vielleicht will es mir auch etwas zeigen. Seine Arme halten nämlich etwas Stoffartiges auf. Darin könnte sich eine Ansammlung von Dingen befinden, oder es will damit Münzen, Konfetti, Korken oder ähnliches auffangen. Was es auch ist – „Mandy“ wird es leise, freundlich und auf eine Weise tun, dass niemand belästigt wird.

Marie: ist rot und hat hellblonde Locken. Dieses Wortwesen schaut mittig aus dem Namen heraus. Im Hintergrund sind einige schwarze Blumen und weiße Flecken ins Rot eingearbeitet, ein wenig sehen diese aus wie Intarsien.

Birgit: ist gelb, und die erste Birgit, der ich in meinem Leben begegnet bin, kommt von links in den inneren Raum herein geschwankt. Sie ist viel größer als ich, denn ich bin ca. 4 Jahre alt, und im Hintergrund steht eine gewisse Brigitte. Die beiden tauchen stets zu zweit auf. Heute frage ich mich – was war das wohl mit Birgit und Brigitte? Schwestern waren sie nicht. Eine Brille und braune Haare hat Birgit, und sie strahlt mich an. Die Buchstaben von „Birgit“ leuchten flachsgold und über ihnen ist eine Art Turmfrisur. Verrückterweise ist der Name blond – trotz braunhaariger Erstbegegnung. Synästhesie passiert eben einfach und macht was sie will. Im Hintergrund ist eine Art weißer Himmel. Der Goldschimmer, den der Name ausstrahlt, ist eindrucksvoll.

Peter: ist grüngelb und insgesamt sehr erdtönig. Ein Gesicht schaut aus dem P heraus. „Peter“ hat eine Frisur wie Pumuckel, aber natürlich nicht in rot, sondern erdig braun. „Nenn ihn einfach Peter“ schwingt im Namen mit (aus Freundinnengründen).

Nicole: ist zartblau, leichtgrau und etwas weiß. Die erste Nicole, die ich kannte, hatte sehr große blaue Augen. Diese sind für immer in den Namen eingebaut, auch ihre Frisur (dünne blonde Fransen, schulterlang, Pony). Das „N“ trägt ein Kleid. Es ist grau und hat Träger. Nicole ist ein zuverlässiger Name und dabei leicht verträumt. Und figurbedacht sind die zierlichen Buchstaben, so als wollten sie unbedingt bis in alle Ewigkeit in das eine Kleid passen, das sie sich einmal – vor etwa 30 Jahren – ausgesucht haben.

Klaus: ist blau und rot. Hat einen blonden Onkelbart. „Klaus“ schaut gewissenhaft nach rechts und ist nur im Profil zu sehen. Es schweben auch wolkenähnliche Gebilde um den Namen herum.

Irene: hieß das älteste Puppenkind von Nesthäkchen. Es kann auch sein, dass ich mich irre, denn eine synästhetisch geprägte Erinnerung kann manchmal täuschen. Der Name hat ein umlocktes Puppengesicht und schimmert lachsfarben, gelb und rötlich. Da es die älteste Puppe ist, sitzt sie oben auf einer Sofalehne, das den Hintergrund der Buchstaben bildet. Die eine Irene, die ich kenne, steht meilenweit entfernt von ihrem Namen. Ich lernte sie erst nach der Wende kennen und das „Tante“ schob sich sofort vor den Namen, so dass sie keinen Einlass in mein Bild von „Irene“ fand.

Christian: Im Gegensatz zu Christiane ist Christian zitronengelb, kornblumenblau, und die Farben ordnen sich in zwei Säulen an. Der Hintergrund ist weiß und ein Sommerflirren ist zu hören. Der erste Christian, den ich kannte, steht blondzerzaust links neben dem Namen und schaut auf den Boden. Er trägt ein gestreiftes T-Shirt und es hoffentlich mit Fassung, dass er in seinem Namen für immer 16 ist.

Myriade: ist ein gepunktetes Wesen – es kommen dunkelrote, rostrote, weiße, dunkelgraue und grüne Flecken vor. Gleichzeitig ist der Name in Wellen zu sehen. Es ist ein klassisches Wortwesen mit augenähnlichen Flecken und schwarzen Locken.

Simon: ist so gelbblau wie Christian, aber – es ist ein wärmerer Ton. Beim genaueren Hinschauen ist dort eher wenig Blau. Und das Gelb geht teilweise ins Ocker über. Eine Prinz-Eisenherz-Frisur schmückt das „S“. Bei „Bille und Zottel“, einem fulminanten Werk mit vielen Bänden über Pferde und ihre Freunde, kam ein Simon vor, der mittlere Sohn des Gutsbesitzers Herrn Tiedjen. Das war der Herr, bei dem das Pferd „Black Arrow“ stand, das Bille später reiten und besitzen durfte, als Zottel ein wenig ausgedient hatte. (Es kann sein, dass ich nach so vielen Jahren etwas verwechsle, Tina Caspari möge es mir verzeihen).

Simon war Billes erster Freund, und da diese literarische Liebe mich sehr beeindruckt hat, ist jener Simon – so wie ich ihn mir als 10jährige vorstellte – mit dem Namen verbunden. Blond und leicht unscheinbar, mit einer großartigen Persönlichkeit ausgestattet, reitet er auf dem „m“, denn natürlich ritt Simon ohne Unterlass. (Auf Pferden, nicht auf Buchstaben). Auch diese synästhetische Verkettung ist einfach geschehen, ohne mein bewusstes Zutun. Erst beim genaueren Anschauen öffnet sich das Universum dieses Namens, das sonst, im Alltag, ähnlich wie ein Hintergrundgeräusch ausgeblendet wird.

Es sollte nun offensichtlich geworden sein, dass Menschen, ihre Namen und ihre Universen aus mehr bestehen als aus den beiden Farben Hellblau und Rosa. Schon aus synästhetischer Perspektive bitte ich inständig darum: Gebt Kindern mehr Farben zur Auswahl. Nicht alle von ihnen sind synästhetisch veranlagt – umso wichtiger ist es, dass ihnen im Außen viele Farbfreunde begegnen, mit denen sie spielen können: Flachsgold, Moorgrün, Kaminrot, Beige, Petrol, Marineblau, Vanille, Senffarben, Dunkelorange, Zitronengelb, Lila, Flaschengrün und Ozeangrau. (Um nur ein paar Beispiele zu nennen).

Gezeichnete Synästhesie: Wesensanzüge.

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Manche Wortwesen tragen Anzüge aus gelbem Cord. Manche von ihnen rauchen Pfeife und manche schauen vorwitzig. Einige bewegen sich gelassen, andere hektisch. Und dann gibt es die, die sich zeitweilig verselbstständigen. Diese Woche waren es bei mir die Hutschachteln.

Das Wort “Hutschachtel” trägt zwar keinen gelben Cordanzug. Doch es wird von einem Wortwesen bewohnt, das mich anrührt, denn es ist schlicht und umfassend vornehm. Es ist hutrot, trägt einen viktorianisch anmutenden Hut und eine Schachtel mit sich herum. Es ist zart und unaufdringlich, keinesfalls gleißend. Wäre es nicht so höflich, würde es huschen. Das Hutschachtelwortwesen schreitet jedoch angemessen und auf leisen Schuhen.

Es raschelt auch manchmal mit dem Seidenpapier, das sich in der Schachtel befindet. Ist es ein Wunder, dass es mich diese Woche bannte und ich kaum die Augen von ihm lassen konnte? Ich ließ mich sogar zu der Forderung hinreißen: “Hutschachtelsätze. Wir brauchen mehr Hutschachtelsätze.” Und bekam Zeilen über Wachteln, Wanderer und andere Hutschachtelanwender. Das Leben kann so schön sein!

Welches meiner Wortwesen einen Anzug aus gelbem Cord trägt, verrate ich nicht. Nur soviel: Es ist ein beleibter, kleiner Herr, der fröhlich ist und meist zufrieden und am Sonntag auch einen Hut trägt. Unter der Woche käme es ihm etwas übertrieben vor.

„Dein Name sei Gantenbein“: Ankündigung der Namen-Aktionswoche Nr. 3.

Vor einer längeren Blogsommerpause wird es noch eine letzte Namen-Aktionswoche geben.

Wer einen Namen einreichen möchte, der kann es gerne hier tun.

Es haben sich bereits sehr reizvolle Damen-Namen versammelt. Herren-Namen sind so oft die Mauerblümchen. Als Synästhetikerin fühle ich mich besonders verpflichtet, ihnen eine Bühne zu verschaffen. Denn fast erinnern sie mich an die unscheinbaren Wortfreunde, die einfach ihre Arbeit machen. Meist ohne klangvolle „a“s am Ende fristen sie ein Schattenleben. Das soll sich ändern! (Und es wird Farbtumulte geben…).

Fernwehfarben.

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Bei aller Liebe zu Menschen und Wörtern: es wird langsam Zeit, mal wieder eine einsame Laterne in den Bergen zu entdecken. Mich zu fragen, wo sie herkommt, wer sie wollte, was sie denken mag. Meeresgedanken zu hegen und Bergzacken zu deuten. Petrolfarbenes Wasser auf die Haut zu wünschen und dann zu erkennen, es ist doch nur transparent und dass es gar nicht schlimm ist, wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Minuten festzuhalten und sie zu kosten. Stundenlang auf einen Bus warten und sich unbändig freuen, wenn er verspätet ist, doch kommt!

Nein, noch ist kein Urlaub. Noch ist keine Pause. Doch die Vorfreude glänzt manchmal lauter als der Alltag. Und Fernweh breitet sich in allen Wortwesen aus, so dass das eine Wort Überhand nimmt: das Ziel der Reise.