Der Raum, in dem die Träume wohnen.

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Ich bin – wie die Leserschaft vielleicht schon gemerkt hat – keine Naturwissenschaftlerin. Meine Herangehensweise an die Welt ist etwas anders. Daher weiß ich auch nicht, ob ich fachlich richtig liege, wenn ich den inneren Raum beschreibe. Ich bekam noch keine bitteren Briefe von Forschern, was ich sehr ermutigend finde. Was ich oft höre ist: „Ich bin ein bisschen neidisch auf dich.“ Oder: „Ich würde so gerne sehen, was du da siehst.“

All diesen Menschen und auch den anderen ist dieser Beitrag gewidmet. Denn ich möchte heute einmal klarstellen: in jedem gibt es so Räume. Vielleicht sehen sie anders aus. Doch sie sind da.

Es gibt nämlich etwas, das zwischen uns, unseren Gedanken und Gefühlen und der Welt um uns herum liegt. Es ist ein innerer Raum, der nur uns selbst gehört und dessen Inhalte fast keine Sprache brauchen. Dort bilden sich im Schlaf die Träume. Und ihre Bilder, die mal schneller verschwunden sind, als wir sie greifen können – und mal viel zu lange im Tag kleben bleiben, und ihn düster oder zumindest schal verfärben.

Wer nachtträumt, der kennt diesen Raum. Der weiß, dass dort auch Farben wohnen, für die es keine Worte gibt. Der weiß, dass Dinge parallel geschehen, die keiner Logik mehr folgen. Der weiß, dass Zeit dort keinerlei Gesetzen folgt. Dass man mit Toten vielleicht sprechen kann.

Wer sich an Träume erinnert, der wird vielleicht auch manchmal um Worte und um Wörter ringen, um sie festzuhalten. Nichts anderes ist das, was ich hier tue. Das Ringen um Worte für etwas, für das die Sprache wenig vorgesehen hat. Um es sichtbar zu machen.

Wer wissen möchte, wie die Variation der Synästhesie, Ordinal Linguistic Personification, sich für mich und bestimmt auch manch anderen anfühlt, der kann sich diesen Traumraum vorstellen und dort große Buchstaben, Ziffern oder sogar Sätze hineinstellen. Der kann sich verschwommene Gesichter aus seinen Träumen herausklauben und in die Anfangsbuchstaben hineinbauen. Der kann sich eine Ecke vorstellen, in die der dritte Buchstabe sich ganz schüchtern kauert, während der vierte Buchstabe sich aus irgendeinem Fenster lehnt und vorwitzig auf die Straße schaut.

Der kann sich möglicherweise sogar vorstellen, dass die Wochentage dort ihr Zuhause haben und dass alles, was in ihnen passiert, dort abgelegt wird. Dass die Jahre dort verbleiben und mit ihnen die Morgenfarben, die Stundenformen, die Monatscharaktere und jeder Walzer von Chopin. Dass dort die Stimmen derer leben, die wir lieben. (Und dass auch die der anderen dort manchmal aufkeimen).

Synästhesie an sich macht nicht glücklich. Sie macht auch nicht unglücklich. Sie macht eigentlich nicht viel von sich aus. Sie lässt sich anschauen, ploppt manchmal unpassenderweise auf, wenn es eigentlich gilt, einem Inhalt zu folgen und hält sich ansonsten meist vornehm zurück. Sie will nicht viel, nur ab und zu mal neue Dinge bekommen, die sie formen und färben kann. Und diese Personifizierung von Synästhesie war bestimmt gänzlich unwissenschaftlich und unzulässig, daher verabschiede ich mich rasch aus diesem Text und wünsche schillernde Träume oder was die Nacht sonst so braucht.

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7 Gedanken zu “Der Raum, in dem die Träume wohnen.

  1. […] aus den H-Säulen hervorgehen, auch das ist naheliegend. Und es verschwindet immer wieder von der inneren Wortbühne; ich gebe mir keinerlei Mühe, es zum Bleiben zu […]

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