Wenig Text, viele Aufzählungen und das Gesicht einer Robbe.

Dezember und Januar 175

Und von Zeit zu Zeit gibt es das große Glück, dass man einen Stein findet, der das Gesicht einer Robbe trägt.

Eine Freude ist auch, dass dieses Foto verdeutlicht, wie Wörter in meinem inneren Raum aussehen können. Im Vordergrund, im Hintergrund und natürlich im Nebengrund wären dann noch die Buchstaben – säulenhaft, porträtartig oder sachlich – angeordnet.

Die Struktur, die Farbe, das Licht – all das gibt nahezu naturgetreu wieder, was ich sehe, wenn ich etwas höre. Oder rieche. Oder fühle.

Das Bild könnte auch Musik abbilden. Vielleicht Brahms. Auf keinen Fall Bach, schon gar nicht Beethoven. Coldplay, es könnte auch Coldplay sein. Obschon – es fehlt das Funkellicht im Hintergrund. Das aufblitzt bei so manchen Akkorden. Doch dazu ein andermal.

Gezeichnete Synästhesie: Unruhe.

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Wieder mal ein Versuch, meine Synästhesie bildlich darzustellen. Hierbei handelt es sich, wie bereits an anderer Stelle beschrieben, um eine spezielle Variation von Synästhesie, der “Ordinal Linguistic Personification”. Wörter verfügen bei dieser Variante über mehr als Farben – sie haben Charaktereigenschaften. Durch Gesichter, Geschlechter und andere Merkmale entstehen um die Buchstaben herum „Wortwesen“, die wiederum einen farblichen Einfluss auf die Buchstaben und auch mein Gefühl zu einem Wort haben.

Gezeichnete Synästhesie: Auch böse Wesen kennen Lieder.

IMG_4360 Dieses Bild ist der Versuch einer Karikatur dessen was ich sehe, wenn ich Kopfschmerzen empfinde. Es sind Wehklagenfarben darin enthalten, und das gesamte Schmerzwesen ist breit und zugleich kreisförmig.

Ich weiß nicht, ob ich schon erwähnt hatte, dass auch Schmerzen ihre eigenen Farben und Gesichter haben. Falls nicht: charakteristisch für sie ist, dass ihnen jeglicher Humor fehlt. Sie treiben daher im Gegensatz zu Monaten und anderen Wortfreunden keinerlei Schabernack.

Schmerzwesen betreten den inneren Raum, schauen sich zufrieden um, wollen sich gar auf ein Sofa legen. Dass dort schon diverse Schneewörter, Wörter mit K und Schlüsselmomente Platz genommen haben, stört sie nicht.

Aufdringlich verscheuchen sie alle liebreizenden Wörter und stoßen wüst sogar den absolut harmlosen Schmand beiseite, der sich gerade vor einem Wandspiegel Geschmeide umlegt.

Könnte ich wählen, lüde ich lieber die Horrorkonsonantengeschwister fein zum Essen ein, als das Kopfschmerzwesen auf dem Sofa zu bedienen. Eine Tablette will es natürlich nicht. Lieber bleiben und allen Beteiligten auf den Geist gehen.

Und wenn Brahms hinzugebeten wird in der Hoffnung, dass es durch Musik vertrieben werden kann, dann verzieht es nur lakonisch sein Gesicht. Und beginnt plötzlich seinerseits laut zu singen. Presslufthammersongs.

Selbst Max Goldts Zeilen, die sonst immer für Ordnung im inneren Raum sorgen, verblassen in diesem Chaos.

Wie schön es ist, wenn die Kopfschmerzen weiterziehen: ein großes Farbaufatmen und Wesensglück, nicht zuletzt weil dann endlich das Sofa wieder frei ist.

Wenigstens ein Wort gefunden, wenn schon Sonntag ist.

IMG_4213 Als ich das Bild malte, wusste ich noch nicht,  dass sich in dem Bild (hinter dem bräunlich-orangenen Balken) ein Wortwesen versteckt. Jahre später – heute – entdeckte ich es.

IMG_4220 Bei näherer Betrachtung stellt sich nämlich heraus, dass das Wort “Fokus” der Farbgebung und Form der Abbildung sehr ähnlich sieht. Da heute Sonntag ist und mich demnächst die betagte Dame Sonntag mit ihrem Likör in der beringten Hand in die tiefmelancholische Wochenend-Endstimmung herabreißen wird, ist es umso schöner, dass noch so etwas Gutes passiert ist. Außer der Sonne natürlich.

Bewegte Schnabelsätze.

IMG_3902 Es gibt Sätze, die bewegen sich in einem Fort durch den inneren Raum. Sie haben oft einen Schnabel oder auch Locken. Wie die Gliederpuppe, die hier auf einem Bein ein wenig überkandiedelt durch meine Skizze tanzt. Es sind Sätze, wie der gut gemeinte Sauna-Ratschlag “Bitte Ruhe bewahren”.

Anders als die Panoramasätze- und Wörter, die sich landschaftlich erhaben vor mir auftürmen und stillhalten, damit ich sie ganz gründlich bewundern kann, bewegen sie sich. Auf und ab, hin und her – sie nicken und sie schütteln sich.

“Ich liebe dich”. Der Satz ist liebegelb und es schaut ein blondgelocktes Wesen mit schwammförmigem gelben Antlitz und schwarzen Augenflecken dabei bestätigend nickend und lächelnd in meine Richtung.

“Das darf doch nicht wahr sein!” Ein blauroter Satz mit einem mütterlichen Kopf, der sich von links immer noch mehr in den inneren Raum hereinstreckt.

“Auf Wiedersehen!” Ein weißgrauer Satz und seine grauweißen Hände winken, jedoch nicht so wie die Queen es tun würde, sondern von oben nach unten. Als würden sie mir Luft zufächeln – gerade so als wäre ich wegen des bevorstehenden Abschieds einer Ohnmacht nahe. Mit mehreren Händen, es sind ungefähr sechs oder sieben. Vielleicht tragen sie Handschuhe, das ist schwer zu sagen.

“Ich finde dich toll!” Hier ist der Beginn gelb, erst beim “toll” wird es blau. Das Toll springt einmal trampolingetrieben in die Luft.

“Wie geht es dir?” Hat einen Schnabel, das Wesen des Satzes steht vor mir und dreht den Kopf zur Seite. Und nickt auch noch dabei.

“Gute Nacht!” Eine Wortfrau im Anorak mit Kapuze und schwarzem Pony schaut von links aus einem Sternenhimmel in ein graues Zimmer hinein. Sie hat die Hände in den Taschen ihres Anoraks und wippt verlegen auf und ab.

“Synästhesie” – ein gelber Buchstabensee mit Blauwellen im Hintergrund und Sträuchern am Ufer. Ein wenig Wind bewegt die Buchstaben hin und her. Unaufgeregter als man jetzt vermuten könnte gebärdet sich das Wort. „Ich finde dich toll“, flüstere ich. Denn es käme mir unangemessen vor, zu einem gelben Buchstabensee „ich liebe dich“ zu sagen. Das sage selbst ich als Synästhetikerin nur zu einem Menschen.