Über Themen, die wie eine warme Decke sind.

Gestern habe ich eine Liste erstellt, mit den Themen, für die ich selten Gesprächspartner finde. Dabei fiel mir auf, dass das alles Themen sind, die ich mir sofadeckengleich über die Beine lege, wenn es unübersichtlich wird. Wenn eine Woche zu gepixelt war, die Stimmen laut bleiben, der Rauch noch schwer in Räumen liegt, das ein oder andere verklebt ist, Sachen verloren gingen, Werte blieben, dennoch. Eine Woche, die später ein wenig ockerfarben hervorstechen wird im Jahr.

Dann gibt es Themen, die wie eine warme Decke sind:

Änderungsschneidereien

Agatha Christie

Autos

CR7 (ohne Hohn und ohne Häme)

Das deplatzierte Lachen der Brigitte Lämmle, damals

Designerstühle

Handtaschen

Hummeln

H0 vs. Fleischmann

Jene Sendung, bei der Dinge von Experten in ihrem Wert geschätzt werden

Magenkribbeln wegen der transsibirischen Eisenbahn

Martha Stewart

Mögliche Namen für mögliche Haustiere

Nagellack

Schach-Analogien

Schachteln

Schmuck

Schwedenweh

Spielzeugladenprobleme

Wellantäpfel

Wenn Busfahrer sich winken

Zimt und Ameisen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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There’s no aphrodisiac … like words, my Love.

Manchmal fallen Sätze aus dem Nichts über einen her, mit Vorliebe auch Liedzeilen aus einer Vorzeit, so kürzlich bei mir: „Truth, beauty and a picture of you“. Ich möchte nicht über aphrodisierende Einsamkeit schreiben, wohl aber über die erste Zeile des Textes von The Whitlams „No Aphrodisiac“:

“A letter to you on a cassette/ ‚Cause we don’t write anymore”.

Wie Sprache sich ihren Weg sucht – darum soll es in diesem Text gehen.

Es ist aus heutiger Sicht geradezu rührend, dass sich damals darum gesorgt wurde, dass man Kassetten mit Herzwörtern bestücke, statt Briefe zu schreiben. Das zeigt, dass –  wo immer Wörter hineingelegt werden – zu jeder Zeit in der Welt daran gezweifelt wird, ob es gut sei, dass man nicht mehr z. B. einen Reiter mit der Nachricht losschicke, sondern sich auf die unpersönlichere Postkutsche verlasse.

Falls dem so war. (Historisch versierte Menschen mögen mir verzeihen).

Mir ist es gleich, in welchem Gewand die Wörter ihren Adressaten finden. Wichtig ist doch nur, dass sie mit Bedacht gewählt sind, Liebe oder Liebes vermitteln und den anderen innerhalb eines angemessenen Zeitraums erreichen. Ich habe in meinem Leben sowohl schon bei einer Kurznachricht Herzrasen bekommen (unbedenklich wohliges) als auch beim Empfang einer Karte, gar eines Briefes. Die Wörter fanden in mir Klang, egal wie sie kostümiert waren.

Manchmal hat die Kürze einer Mitteilung auch besonders viel Klasse. Wenn jemand in der Lage ist, in vier Worten das Universum der Gefühle zum anderen zu beschreiben, ohne auf das schöne, doch schlichtgelbe Wort Liebe angewiesen zu sein, dann gibt es einen Schlag Schmetterlinge in die Magengrube, von der sich erst einmal erholt werden muss. Zumindest geht es mir so, und es passiert mir immer wieder. Auch nach vielen Jahren einer Liebe.

Erholen muss sich die Leserschaft jetzt sicherlich auch von allzu vielen Einblicken in mein Privatleben. Schnell muss etwas Globaleres her, z. B. Handtaschen. Zu allen Zeiten trugen Menschen Handtaschen: meist wohl weiblichen Geschlechts (die Menschen, nicht die Taschen), was ich nicht verstehen kann; und wäre ich ein Mann, dann würde ich auf eine bestehen; denn wie sonst trägt man seine Siebensachen mit sich herum? Und egal, wie sie aussehen und aussahen – schon immer dienten sie dem Transport von Taschentüchern, Zuckerwerk, Beuteln mit ominösem Inhalt und Krümeln. Und genauso verhält es sich mit den Wörtern.

Schnurschönes empfangen und Gallensteinfarbiges vermitteln – das sollten wir tun. Egal in welcher Handtasche.

Die vierte Kugel.

Menschen sind unterschiedlich. So auch Menschen, die mit Synästhesie leben. Keiner sieht die Welt wie der andere. Ob mit oder ohne Synästhesie: die Art, wie wir die Welt wahrnehmen ist einmalig. Wenn ich sage: „Das Wort XY ist blau mit weißen Säulen“, dann ist das nur in meinen Augen so. Wenn ich nun also bekanntgebe, dass jegliche Eissorten, außer bestimmten Standardkugeln, zu laut oder/und zu neonfarben schmecken, dann ist das – wie alles hier – eine rein piksynästhetische Aussage. In einem Eis-Etablissement greife ich – je nach Kugelmenge – zu den folgenden Sorten, die hierarchisch sortiert sind:

  • Stracciatella
  • Zitrone
  • Schokolade

Sollte ich einmal vier Kugeln bestellen, einfach nur, um den Gesichtsausdruck der Eisverkäuferinnen (zweifelnd, ungläubig, mich kritisch bis abschätzig musternd) oder den der Eisverkäufer (begeistert, anerkennend, mich wohlwollend bis wohlig musternd) zu sehen – dann nehme ich noch Waldmeister, wegen der Farbe, lasse davon das meiste aber im Becher zurück. Ich lerne nicht dazu.

Es gibt Tage, an denen ich denke, alles muss anders werden, ich darf nicht so festgelegt sein. Flexibilität! Spontaneität! Mut! Zum Frisör gehen wäre in so einem Fall wesentlich riskanter, als z. B. Melone-Eis zu wählen. Doch jedes Mal, wenn ich mich selbst motiviere, etwas anderes zu nehmen als die o. g. drei Sorten, dann bin ich entsetzt. Die sind so grell! Sie ecken im Mund an – sie schmecken nicht wie Stracciatella, Zitrone, Schokolade! Sie schmecken nicht einmal wie Schnee – (nicht so wie die vielen K-Wörter!). Lieber verzichte ich auf die geschlechtsspezifischen Gesichtsaudrücke, als dass ich mir das antue.

Die aufmerksame Leserschaft wird bemerkt haben, dass ich bei Eis aus entsprechenden Etablissements recht leidenschaftlich werde. Nicht so ungestüm bin ich bei Eis aus dem Supermarkt. Da nehme ich gerne Edles von einer Marke mit zwei englischen Jungennamen. Außer natürlich etwas mit Erdbeer (zu aufdringlich) oder mit Banane (zu abgestanden).

An einem geldgebeutelten Tag entscheide ich mich auch für etwas im Schmalhanssinne, das immer schon gut war: es fängt mit V an und besteht aus Eis in Zartschokoschichten. Da erwerbe ich ausschließlich das mit Vanille! Klar! Denn das ist nicht zu gleißend auf der Zunge.

Eventuell bin ich doch auch bei Supermarkteis heißblütiger als ich dachte. Schwierig finde ich, dass Eis so kalt ist – am liebsten esse ich es leicht angetaut und mische alle Sorten zu einem soßenartigen Eisbrei. Das Wort „Eisbrei“ ist übrigens weniger schön, als das Ding an sich geschmacklich aussieht. Optisch natürlich weniger.

Das alles klingt komplizierter als es ist. Jeder, der mich kennt, kann für mich jederzeit an jedem Ort der Welt Eis besorgen, während ich einen geeigneten Sitzplatz finde. Und der befindet sich weit weg von speienden Wolken allzu lauter Graustimmler, von schreienden Geruchsfarben und muss außerdem freundlichfarben sein, von allen Seiten.

Etwas über Behaarung. Wenig über Synästhesie. Viel in Wir-Form.

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Aus sprachschönen Gründen ist der folgende Text in der „Wir-Form“ abgefasst. Wer sich nicht mit den Inhalten identifiziert, möge sich sanft und freundlich aus dem „Wir“ herausnehmen und einfach zuschauen.

Perfektion ist ein sehr, sehr popelfarbenes und beiges Wort. Merkwürdig, dass wir dennoch perfekt sein wollen. Selbst in der Unvollkommenheit sind wir vollkommen – das, was wir nicht können, machen wir – wenn es sich dafür eignet – zu unserem charmanten Erkennungszeichen. Das andere verstecken wir hinter der Fassade.

Es gibt natürlich die Dinge, die unberührbar vollkommen sind, siehe das Geigenspiel von bestimmten Virtuosinnen. Bloß – haben wir sie deswegen mehr lieb? Ist es nicht eher so, dass wir beruhigt sind, wenn wir ihr Atmen hören, z. B. auf einer alten Aufnahme? Weil wir dann wissen, dass auch sie leben, dass sie atmen und auch – bei aller Liebe zur Musik – vielleicht sogar gelegentlich die Toilette aufsuchen müssen?

Oder: dieser „crunchy“ Sound der Platten und – ach, wenn die Plattennadel ihre Spur finden möchte. Das alles gibt – aus synästhetischer Sicht – so viel mehr Farbglanz her als Vollkommenheit.

Apropos Glanz: dieses haarlose Dasein. Wohl dem und wohl der, die sich davon nicht beeindrucken lässt. Wir anderen folgen einem Diktat der Glattheit – mehr oder minder stark und weitflächig bzw. weitwinkelig ausgeprägt. Nicht einmal Stoppeln gibt es mehr zu sehen.

„Aus Gründen der gepflegten Ästhetik!“, ruft jetzt vielleicht die aufgebrachte Leserschaft im Chor (obwohl – während ich die Leserschaft immer als eine Gruppe vor mir sehe, so sitzen und stehen sie vermutlich doch eher vereinzelt in der Weltgeschichte herum beim Lesen und nicht versammelt vor einem riesigen Monitor). Bevor meine Leserschaft nun beginnt, über meinen „Pflege“-Zustand zu fantasieren, möchte ich uns alle fragen: Wer bestimmt, was Ästhetik ist, und sind wir überhaupt noch dazu in der Lage zu beurteilen, ob wir das beurteilen können?

Was an diesem Thema synästhetisch (und mehr) ist? Ganz einfach: Das Leben wird farbloser, wenn es gleicher und glatter wird. Das erkannte ich, als ich einmal eine Frau traf. Sie trug ursprünglich rasierte Achseln, doch es bildete sich schon ein grauer Schatten. Diesen Grauschatten sah ich, weil sie den Arm leicht zurücknahm, da sie für einen Moment gänzlich selbstvergessen war. Ein kurzer, unvergesslicher Einblick in eine Privatheit, der nachdrücklicher in meiner Erinnerung blieb, als das, was sie sonst über sich erzählte.

Ein Grauschatten, ein Atmen, ein Husten, ein Versprecher, ein Rechtschreib“fehler“, ein Komma, das fehlt, ein Ich, das sich sucht, ein Fleck, Stoppeln, Haare, ein Weg, der noch nicht eingeschlagen wurde, eine Hautunreinheit, ein verschüttetes Bier, ein Körper, der einfach dient und nicht gemessen und beurteilt werden möchte, eine Farbe, die noch nicht richtig passt, ein Wort, das nicht perfekt platziert ist und noch auf seine Bestimmung wartet, ein Baum, eine Palme, die gestützt werden muss, all das ist weder perfekt noch popelfarben.

Es ist jedoch das, was Augenblicke veredeln und Spuren in Gedanken hinterlassen kann. Was Begegnungen unvergesslich macht und was zeigt, wer wir eigentlich sind: unperfekte, liebenswerte Wesen mit Haaren, Haut und unseren einzigartigen Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen, Düften und Körpern.

Namen-Aktionswoche Nr. 3: Über Jungen, Mädchen, ihre Namen, ihr Spielzeug und über das Zweifarbendilemma.

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Kürzlich betrat ich ein Spielzeuggeschäft, um ein Geburtstagsgeschenk für den kleinen Jungen aus Hannover zu finden. Der Laden war durch zwei Farben bestimmt und sicherlich wird meine Leserschaft wissen, welche das waren. Es gab ganze Bereiche, die geschlechtsgetüncht waren; in der Folge mangelte es an mehr- und andersfarbigen Produkten. Die Lieblingsfarbe des kleinen Jungen aus Hannover werde ich nicht verraten, denn das ist seine Privatangelegenheit, aber mir war klar, dass diese Spielzeugauswahl seinen Geschmack nicht treffen würde.

In der dritten Namen-Aktionswoche beschreibe ich wieder sowohl Jungen- als auch Mädchennamen, und – das sei bereits enthüllt – sie bestehen aus mehr als den zwei Farben. (Rosa kommt in meinen Synästhesien ohnehin selten vor). Es wurden erneut Namen von der Leserschaft eingereicht, die bei mir ganze Synästhesieketten und obendrein Erinnerungen auslösten. Bei Namen sind diese beiden Phänomene untrennbar miteinander verwoben; versuche ich bei der Illustration anderer Wörter, wie schon beschrieben, Assoziationen, Gefühle und Synästhesien sprachlich sauber voneinander zu trennen, so ist mir das bei Namen unmöglich.

Janne: ist etwas heller als mein Originalname. „Janne“ ist hellgrün mit gelben Flecken. Die beiden “n”s werden von einem mädchenhaften Wesen mit ausgebreiteten Armen beschützt. Es trägt einen grüngrauen Umhang und hat eine kinnlange braungraue Frisur. Seine Augen sind weit auf, doch nicht aufgerissen, und es schaut mich direkt an.

Jan: ist rot und trägt einen Rollkragenpullover (auch rot). Offenbar tragen einsilbige Jungennamen in meiner Welt Rollkragenpullover. „Jan“ hat eine Ponyfrisur und die Augen eines Jans, den ich kenne. Der Name besteht weniger aus Buchstaben als aus dem Wortwesen. Und das Wortwesen ist ein Junge, der vor den Buchstaben sitzt oder steht – er hat eine blaue Jeans an. Und er schaut konzentriert nach rechts (von mir aus gesehen), als gäbe es dort etwas Interessantes zu beobachten. Was es ist, das kann ich leider nicht erkennen.

(Dazu fällt mir ein, dass Eva mir schrieb und mir verraten hat, was das kleine Mädchen wolle, das im Eva-Namen an meinen Sessel kommt und den Mund öffnet. Es möchte eine Geschichte, so Eva. Ich war sehr erleichtert, dass sich diese Frage nun erledigt hat. Natürlich möchte das kleine Mädchen eine Geschichte, was sonst? Falls ein Jan weiß, was es ist, was „Jan“ dort sieht, freue ich mich über eine dementsprechende Berichterstattung).

Mandy: ist lieblich, weiß und hellblau. Links vom „M“ steht ein Mädchen, das aussieht wie Sterntaler. Es hat lange braune Haare und ein altmodisches Nachthemd an. Es blickt zu mir und will, wie Eva, etwas sagen oder fragen. Vielleicht will es mir auch etwas zeigen. Seine Arme halten nämlich etwas Stoffartiges auf. Darin könnte sich eine Ansammlung von Dingen befinden, oder es will damit Münzen, Konfetti, Korken oder ähnliches auffangen. Was es auch ist – „Mandy“ wird es leise, freundlich und auf eine Weise tun, dass niemand belästigt wird.

Marie: ist rot und hat hellblonde Locken. Dieses Wortwesen schaut mittig aus dem Namen heraus. Im Hintergrund sind einige schwarze Blumen und weiße Flecken ins Rot eingearbeitet, ein wenig sehen diese aus wie Intarsien.

Birgit: ist gelb, und die erste Birgit, der ich in meinem Leben begegnet bin, kommt von links in den inneren Raum herein geschwankt. Sie ist viel größer als ich, denn ich bin ca. 4 Jahre alt, und im Hintergrund steht eine gewisse Brigitte. Die beiden tauchen stets zu zweit auf. Heute frage ich mich – was war das wohl mit Birgit und Brigitte? Schwestern waren sie nicht. Eine Brille und braune Haare hat Birgit, und sie strahlt mich an. Die Buchstaben von „Birgit“ leuchten flachsgold und über ihnen ist eine Art Turmfrisur. Verrückterweise ist der Name blond – trotz braunhaariger Erstbegegnung. Synästhesie passiert eben einfach und macht was sie will. Im Hintergrund ist eine Art weißer Himmel. Der Goldschimmer, den der Name ausstrahlt, ist eindrucksvoll.

Peter: ist grüngelb und insgesamt sehr erdtönig. Ein Gesicht schaut aus dem P heraus. „Peter“ hat eine Frisur wie Pumuckel, aber natürlich nicht in rot, sondern erdig braun. „Nenn ihn einfach Peter“ schwingt im Namen mit (aus Freundinnengründen).

Nicole: ist zartblau, leichtgrau und etwas weiß. Die erste Nicole, die ich kannte, hatte sehr große blaue Augen. Diese sind für immer in den Namen eingebaut, auch ihre Frisur (dünne blonde Fransen, schulterlang, Pony). Das „N“ trägt ein Kleid. Es ist grau und hat Träger. Nicole ist ein zuverlässiger Name und dabei leicht verträumt. Und figurbedacht sind die zierlichen Buchstaben, so als wollten sie unbedingt bis in alle Ewigkeit in das eine Kleid passen, das sie sich einmal – vor etwa 30 Jahren – ausgesucht haben.

Klaus: ist blau und rot. Hat einen blonden Onkelbart. „Klaus“ schaut gewissenhaft nach rechts und ist nur im Profil zu sehen. Es schweben auch wolkenähnliche Gebilde um den Namen herum.

Irene: hieß das älteste Puppenkind von Nesthäkchen. Es kann auch sein, dass ich mich irre, denn eine synästhetisch geprägte Erinnerung kann manchmal täuschen. Der Name hat ein umlocktes Puppengesicht und schimmert lachsfarben, gelb und rötlich. Da es die älteste Puppe ist, sitzt sie oben auf einer Sofalehne, das den Hintergrund der Buchstaben bildet. Die eine Irene, die ich kenne, steht meilenweit entfernt von ihrem Namen. Ich lernte sie erst nach der Wende kennen und das „Tante“ schob sich sofort vor den Namen, so dass sie keinen Einlass in mein Bild von „Irene“ fand.

Christian: Im Gegensatz zu Christiane ist Christian zitronengelb, kornblumenblau, und die Farben ordnen sich in zwei Säulen an. Der Hintergrund ist weiß und ein Sommerflirren ist zu hören. Der erste Christian, den ich kannte, steht blondzerzaust links neben dem Namen und schaut auf den Boden. Er trägt ein gestreiftes T-Shirt und es hoffentlich mit Fassung, dass er in seinem Namen für immer 16 ist.

Myriade: ist ein gepunktetes Wesen – es kommen dunkelrote, rostrote, weiße, dunkelgraue und grüne Flecken vor. Gleichzeitig ist der Name in Wellen zu sehen. Es ist ein klassisches Wortwesen mit augenähnlichen Flecken und schwarzen Locken.

Simon: ist so gelbblau wie Christian, aber – es ist ein wärmerer Ton. Beim genaueren Hinschauen ist dort eher wenig Blau. Und das Gelb geht teilweise ins Ocker über. Eine Prinz-Eisenherz-Frisur schmückt das „S“. Bei „Bille und Zottel“, einem fulminanten Werk mit vielen Bänden über Pferde und ihre Freunde, kam ein Simon vor, der mittlere Sohn des Gutsbesitzers Herrn Tiedjen. Das war der Herr, bei dem das Pferd „Black Arrow“ stand, das Bille später reiten und besitzen durfte, als Zottel ein wenig ausgedient hatte. (Es kann sein, dass ich nach so vielen Jahren etwas verwechsle, Tina Caspari möge es mir verzeihen).

Simon war Billes erster Freund, und da diese literarische Liebe mich sehr beeindruckt hat, ist jener Simon – so wie ich ihn mir als 10jährige vorstellte – mit dem Namen verbunden. Blond und leicht unscheinbar, mit einer großartigen Persönlichkeit ausgestattet, reitet er auf dem „m“, denn natürlich ritt Simon ohne Unterlass. (Auf Pferden, nicht auf Buchstaben). Auch diese synästhetische Verkettung ist einfach geschehen, ohne mein bewusstes Zutun. Erst beim genaueren Anschauen öffnet sich das Universum dieses Namens, das sonst, im Alltag, ähnlich wie ein Hintergrundgeräusch ausgeblendet wird.

Es sollte nun offensichtlich geworden sein, dass Menschen, ihre Namen und ihre Universen aus mehr bestehen als aus den beiden Farben Hellblau und Rosa. Schon aus synästhetischer Perspektive bitte ich inständig darum: Gebt Kindern mehr Farben zur Auswahl. Nicht alle von ihnen sind synästhetisch veranlagt – umso wichtiger ist es, dass ihnen im Außen viele Farbfreunde begegnen, mit denen sie spielen können: Flachsgold, Moorgrün, Kaminrot, Beige, Petrol, Marineblau, Vanille, Senffarben, Dunkelorange, Zitronengelb, Lila, Flaschengrün und Ozeangrau. (Um nur ein paar Beispiele zu nennen).