Über den Zustand Grün und die Sehnsucht nach Rosa.

Grün

Vor kurzem kündigte ich an, dass ich über Grün schreiben werde, wenn sich die Farbe vollzählig versammelt habe. Sie ließ lange auf sich warten, doch da sich der letzte Baum vorm Fenster nun langsam (spärlich) bekleidet, ist die Zeit gekommen.

Dass sich die anderen Farben ehrfürchtig verneigen wenn Grün kommt, das sagte ich schon. Und auch, dass sie ein wenig Bammel vor ihr und ihrer Ernsthaftigkeit haben. Dieser Aussage konnte die Leserschaft bereits entnehmen, dass Grün in meinen synästhetischen Augen, entgegen der allgemeingültigen Dudenrealiät, weiblich ist.

Das schmutzige Meisenknödelgrün hatte einen Auftritt in diesem Blog (um die 50 zu veranschaulichen), mein grüner Originalname ebenso und auch sonst kam Grün in allen möglichen Schattierungen vor, denn Grün ist eine sehr aktive Farbe in meinem inneren Raum. Rosa gibt es dagegen selten.

In meiner Kindheit stand ich mit Grün auf Kriegsfuß. Eigentlich wollte ich Rosa, doch die Haltung, dass „Pink stinks“ gab es auch schon in den 80ern, nur in einem anderen, etwas faderem Mantel. Dann lieber Rot, hieß es, aber Rot war so ein lahmer Ersatz für Rosa! Blau wurde stattdessen meine Freundin. Doch Blau war beliebt. Und Grün wollte nie jemand. So auch an einem Tag in der Schule, als Laternenfarben verteilt wurden. Ein dunkles, ernsthaftes Grün blieb übrig.

Einer müsse es nehmen, sonst verlasse keiner den Raum, auch wegen der Vielfalt, sagte die Lehrerin mit ihrer Stimme, die so gar nicht nach Milchreis schmeckte. Ich erbarmte mich seiner, wie es als Synästhetikerin meine Pflicht war (obwohl ich das Wort noch nicht kannte und Farbensehen für mich so selbstverständlich war, wie Farbfernsehen, Rosa begehren und Atmen).

Meine erste Schulfreundin, die einen silbergraudunkelblauen Namen hatte, und durch die ich lernte, dass Türkisch blattgoldfarben ist, erbarmte sich wiederum meiner und wählte auch Grün. Solidarisch, pink stinks und wenn Anderssein in der ersten Klasse schon ein Wert wäre, dann hätten wir solcherlei Parolen gerufen.

Betriebssam wurden Häuser gefaltet, diese mit echten Wachskerzen bestückt (denn no risk, no fun, Rock’n’roll, ohne Helm und ohne Knieschoner mit Rollschuhen auf der Straße fahren und dabei in der Hand eine Laterne mit brennender Kerze halten, das waren Zeiten, doch ich will nicht abschweifen) und angezündet: große Empörung, denn durch das dunkle Grün schien kaum Licht hindurch. Am Ende brannte die Laterne ab und war dann wenigstens kurz lodernd hell und ein Erlebnis. Sonst noch was, dachte ich und sah meine Grünmüdigkeit bestätigt.

Doch zurück zur Gegenwart. Die Farbe Grün macht nicht mit bei den kleinen Scherzen der anderen Farbfreunde. Sie ist schlichtweg zu seriös. Sie hat ja auch so viel zu tun, besonders im Frühling. Das Wort „Grün“ ist übrigens moosgrün und beige. Das G ist das Gesicht und ist umrandet von einer schwarzen Playmomädchenfrisur. Die Augenflecken schauen mich melancholisch an und der Hintergrund ist eher schlammfarben – Cordlatzhosenelemete sind auch zu sehen.

Nein, glamourös ist Grün nicht. Aber mit zunehmendem Alter kann ich die Farbe mehr schätzen.

Wie hätte sich meine Synästhesie wohl entwickelt, wenn ich einen stärkeren Zugriff auf Rosa gehabt hätte? Gäbe es mehr Rosa statt Gallensteinfarben? Hätte die Konkubine automatisch ein pinkes Kleid an und der Klabautermann vielleicht sogar auch? Als Rosa schließlich nach zähem Ringen doch gehäuft in mein Leben treten durfte, waren die meisten Wörter schon fertiggestellt.

Das Erwachsensein jedoch bringt Vorteile und neue Wörter mit sich, u. a. begegnet man Menschen, die Namen für einen erfinden. Mein Lieblingskosename im Kontext Liebe enthält Zartrosa, genauso übrigens wie das Wort Glück.

Und in der Geborgenheitsfarbe ist ein rosa Strom und keinerlei Grün zu sehen, und das ist vielleicht auch eine Spur der Sehnsucht nach einer Farbe, die ich so sehr begehrte, und die dann gar nicht hielt, was sie versprach. Denn am Ende blieb die Liebe gelb und der Frühling grün.

Je suis… oder: synästhetische Geographie.

Was mich irritieren könnte, jedoch nicht irritiert, weil ich seit 30 Jahren daran gewöhnt bin, dass Dinge anders geschrieben werden als sie aussehen: Je suis Charlie. Je suis Ahmed. Weiß auf schwarzem Untergrund.

Wie meine Plakate aussehen würden:

„Je“: gelb auf Orange

„suis“: weißschwarz auf Orange

„Charlie“: theatralisches C, auch weißschwarz, das Wort mit lila Einstichen und das alles auf einem orangefarbenen Hintergrund. Denn Französisch ist durchweg orangeuntertongefärbt im Gegensatz zum grauweißhimmelblauen Englisch)

Bei „Je suis Ahmed“ ändert sich die Gesamtfärbung. Denn Ahmed ist hellblaugrau. Die Farbe schleicht sich ein wenig in das „Je suis“. Und hier ist der Hintergrund grauweißhimmelblau (fast wie Englisch aussieht).

Fremdsprachen haben ihre eigenen globalen Farben. Einzelne Wörter, bei denen ich das Glück habe, sie persönlich kennenzulernen, stechen individuell heraus.

Meine Fremdsprachen schmiegen sich in meinen inneren Atlas ein. So ist Französisch links von mir (ich schaue aus dem Süden). Rotorange. Die Sprache findet in meinem inneren Raum links statt. In meinem inneren Frankreich.

Englisch ist nördlich von mir, obwohl dem nicht so ist, doch England ist in meiner inneren Geographie nördlich von meiner Stadt. Grau, lila, manch grün, weiß, himmelblau. Englisch ist überfüllt. Französisch wird mit den Jahren ärmer. Spanisch lernte ich nur ein Jahr lang. Spanisch ist da, wo Spanien in meiner inneren Landkarte lokalisiert ist, unten links – hell beige, leicht orange, doch eher gold. Mit roten Bergen. Und mein Spanischlehrer steht mittendrin in seinem feinen Anzug mit dem Einstecktuch.

In der Türkei war ich noch nie. Die Sprache habe ich dennoch schon oft gehört. Die Türkei ist ganz unten und braungrün. So auch die Sprache – da ich sie nicht beherrsche, ist es eine braungrüne Masse mit Blattgoldelementen. Polen ist ein grünes (mit beigen Elementen) Land auf der rechten Seite gleich neben dem goldgelben Dresden unten rechts. Polnisch hat mehrere schwarze Ponyfrisuren. Im Drinnen. Die polnischen Wörter, die ich versucht habe zu lernen, haben ganz andere Farben. Doch Polnisch ist eben grünschwarz.

Und wie sieht Deutsch aus? Hell, heimelig, schwarz, weiß, gelb, rosa Streifen, deutschlandförmig. Deutschland ist im Zentrum meiner inneren Landkarte. München ist unten links, auch wenn dem gar nicht so sein soll, München ist graulila mit Punkten und hat eine mütterliche Frisur.

Vieles aus der Welt soll angeblich so sein, wie es auf Karten und auf Plakaten steht. Diese bilden offenbar eine vereinbarte Realität ab. Ich nehme zeitweise gerne an dieser Realität teil. Denn sie schafft Gemeinsamkeiten und bildet die Grundlage für einen konsensfähigen Austausch. Die Sprache, die im Duden steht, ist die Sprache, in der wir uns verständigen können. Ich sehe das ein. Ich mache mit. Zeitweise.

Doch: die Gedanken sind frei. So halte ich hiermit meinen synästhetischen Kugelschreiber hoch in die Luft.