Der neutrale Geruch der Nonne im Zug.

Als ich noch ein – wie meine Großmutter mich damals nannte – „junges Mädchen“ war, fuhr ich einmal mit der Eisenbahn. Ich glaube, ich kam aus Karlsruhe, die Fahrt war lang und Menschen rochen.

Sie rochen grau, sie rochen blau, manche gezackt, meist jedoch ockerfarben und dann strömte auch noch die Bordbistrowolke durch den Zug. Damals hieß das vielleicht noch „Speisewagenwolke“.

Irgendwann, zum Beispiel in Göttingen, setzte sich eine Nonne neben mich. Sie trug eine Haube, ihr Haar im Knoten und ein Nonnenreisegewand, die Schuhe wirkten so, als könne man darin sehr lange laufen.

Ich war sofort aufgeregt, denn

a) die Nonne hatte bestimmt noch keinen Sex in ihrem Leben gehabt.

b) sie roch neutral.

Noch nie hatte ich jemanden getroffen, der neutral riecht. Der Geruch sah ganz zart aus, denn natürlich gab es einen Geruch, nur dass er eben neutral war. Es waren seifenfarbige Striche in der Luft. Ich sah, wie sie sich morgens mit Seife gewaschen hatte. Damals gab es noch Seifestücke, wie sie heute kaum noch verwendet werden, wegen der Hygiene.

Doch die Nonne hatte sich mit einem neutralen Seifestück gewaschen. Sie hatte bestimmt keine Schwitzgedanken gehabt seitdem, sie hatte sich bedächtig, doch zünftig bewegt und nichts Auffälliges gegessen. Und dann setzte sie sich neben mich und roch verständlicherweise neutral.

Wir kamen ins Gespräch; über den Inhalt weiß ich nur noch, dass sie sehr nett war und dass sie sagte: „Sie haben eine Doppelgängerin in Zürich.“

Sie stieg auch in Hamburg aus, ihre Schwester besuchen. Ihr kleiner Koffer beherbergte vermutlich ein Stück Seife, milde Gedanken und ein Nonnenbesuchsgewand.