Wörter wollen Hummeln sein.

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Was sind schon Wörter? Fragte ich mich während der Sommerpause. Ach, sie sind so viel, sie sind manchmal alles. Antwortete meine Sehnsucht. Oder sollte ich es “Sehsucht” nennen?

Ich werde schwach bei schönen Wörtern; ich pfeife ihnen hinterher. Ich verhalte mich ihnen gegenüber recht zudringlich, weil ich sie in meinem inneren Raum auf die Bühne stelle und sie mir genüsslich anschaue. Ist das Liebe? Oder Leidenschaft? Obsession? Eine kleine harmlose Angewohnheit? Oder alles?

Eine Zeitlang ließ ich sie in Ruhe. Ich zerrte sie nicht in die Öffentlichkeit, um sie bestaunen zu lassen. Doch da ich Synästhetikerin bin (und mehr), konnte ich nicht von ihnen lassen. Sie sind so viel – und sie tauchten in den schönsten Gewändern auf, z. B. in griechischen. Und so entstanden neue Farben, obwohl ich doch gerade eine Pause von ihnen machen wollte.

Rilke – ach, Rilke. Ringelnatz. Rimbaud – und, hach, seine farbigen Vokale. Richard III und sein Königreich für ein Pferd. Alles Herren mit “Ri”. Wörterbücher, Reiseführer – Leerzeiten. Im Leerlauf wurden alte Wörter hochgeschäumt. Das 90er-Grün tauchte auf und mit ihm Erinnerungen. An Namen. An Zeiten, in denen wir uns Briefe schrieben. Also – Briefe anschauen. Auch die sind voller Wörter und ich verstehe sie besser – heute – denn ich bin nicht mehr 17.

Und ich fragte mich: wie konnte ich mich auf manche der Wörter einlassen? Was sind schon Wörter? Verführerisch können sie sein. Wenn jemand schöne verwendet, dann muss es ein guter Mensch sein, denke ich zu schnell. Ist das eine synästhetische Falle? Nein – es ist die Gefahr für jene mit vielleicht etwas zu viel Freude an der Sprache und ihrem hübschen Antlitz.

Es sollten nicht immer die Wörter sein, die uns für jemanden entflammen – es sollten die Gedanken sein. Es braucht auch Blicke (oder zumindest Seelenblicke) – und diese Momente des Streifens. Wenn man gemeinsame Werte hat, dann findet man auch gemeinsame Worte. (Bevor ich jetzt weitere Kalenderspruchgedanken entwickle, sollte ich lieber den Koffer ausräumen).

Auch während meiner Sommerpause äußerten sich Dompfaffe höchst unkritisch über den Balkonlavendel. Ihre Stimmen – wie hätte ich sie nicht sehen können? Der feine Unterschied lag darin, ihre Farben eine Weile für mich zu behalten. Denn das kann eines der Geheimnisse zur Erhaltung ihrer Strahlkraft sein.

Letztlich wollen auch Wörter einmal Hummeln sein. Der Fotografin entwischen. Was bleibt, sind Blattläuse auf Kornblumen im Fokus der Kamera. Und die wären mir nicht aufgefallen, wäre die Hummel nicht nahezu verschwunden.

Und das ist in meinem Wertesystem eine der Definitonen von: Urlaub.

Es sind die Wörter, nach denen sich jeder umdreht.

Sommer 2011 034

Manche Sätze sehen so aus wie dieses Bild (symbolisch): dezente Farben – beige, bläulich, rötlich, pastellig – und graue Säulen (hier Gitter) aus denen heraus sich einzelne Wörter und Buchstaben bilden. Diese solide Grundlage wird jäh unterbrochen: ein Wort blitzt goldflammig in dieses Satzgefüge hinein.

Das eine Wort, das leuchtet.

Vergleichbar ist es auch mit dem Moment, in dem man jemanden erkennt, den man lieben wird – oder jemanden sieht, auf den man lange gewartet hat. Oder auch jemanden, nach dem sich immer alle umschauen, wenn er auftaucht.

Es sind Sätze, die inhaltlich nicht unbedingt die Herzen erwärmen, aber die unter der Lupe der Synästhesie betrachtet (oder auch der Sprachfreude, denn auch Menschen ohne Synästhesie haben Schönheitslupen), dem einen Wort den Boden geben, damit es strahlen kann:

“Nicht zu diesen Bedingungen”. – Bedingungen – hellsilber.

“Folgende Anschlusszüge werden erreicht…” – Erreicht – goldgelbleuchtend.

„Waschen, schneiden, selber fönen?“ – Waschen – raschelgut (statt glänzend).

„Brauchen Sie eine Tüte?“ – Tüte: lachsfarben, leuchtendorange mit schwarzem T, ein Wort, das sich bewegt…

Es gibt noch viele solche Sätze und manchmal fällt es mir schwer, den Leuchtwörtern nicht zu lange nachzuhängen, denn allzuoft wird eine Antwort gebraucht: „Nein danke, ich habe einen Beutel“. Oder genaues Hinhören, welcher Zug denn nun zu erreichen sei. Oder „Dann eben nicht!“ bzw. „Ja, ich will fönen.“ Und aus diesen Sätzen schauen auch schon wieder vorwitzig die Wörter heraus, die glitzern und goldig sind. Doch man hat ja noch anderes zu tun, als Wörtern hinterherzupfeifen.

Wenn Wörter sich wichtig machen und ich mir eine Titelstruktur bei schleimbeigefarben schreibenden Journalisten leihe.

Vor kurzem beschwerte ich mich leidenschaftlich über das Wort “reißen”, weil es sich so dramatisch grellgleißend in meinem inneren Raum aufführt. Doch sind die Funkelwesen offenbar nicht die einzigen Wörter, die sich wichtig machen. Zumindest wenn man Sprachexperten glaubt.

IMG_4289 Ausschnitt aus dem inneren Raum (Symbolfoto).

Unten rechts auf dem Foto sieht man ein sogenanntes “Blähwort”. Solch einen kleinen Wichtigtuer zu identifizieren und einen Text von ihm zu verschonen – das wäre vollkommen – doch wer ist schon perfekt? Keinesfalls darf jedoch – so postulieren diverse Ratgeber – z. B. in einer Bewerbung ein Blähwort vorkommen. Oder in anderen Textsorten, die Informationen ans Gegenüber vermitteln sollen. (Reißerisch und aufgebläht ist auch der Titel dieses Artikels. Denn mir erschien der schleimbeigefarbene Stil passend, wenn es nun schon um Verdauungsprobleme in der Sprache geht.)

Aus synästhetischer Sicht sind Blähwörter, solange sie gut aussehen und nicht zu sehr funkeln, absolut unbedenklich. Teilweise sind sie sogar äußerst sympathisch (s. Foto). In der Synästhesie ist die sprachliche Information eben eher Nebensache.

In diesem Blog tummeln sich daher hunderte von Bläh- und Füllwörtern, die ihr Wesen treiben. Ich kann ihnen kaum wiederstehen: gänzlich (grünblau), außerdem, allesamt… habe ich das sanfte “allesamt” schon verwendet? Es klingt wie der Name einer Waldfee. Wenn nicht, dann bald.

Auch wenn diese Wörter die Texte aufblähen – in einem Blog über Synästhesie sind sie herzlich eingeladen, sich hervorzutun und einzubringen. Zumal sie eigentlich nie Süppchen-ü-orangefarben sind.

Jetzt tun mir die dramatischen Wörter doch ein wenig leid. Denn wäre der innere Raum ohne sie nicht ein wenig langweilig? Und in ihrem Schatten können die unauffälligen Ponyfrisuren-Gesellen im Hintergrund herrlich ihren dezenten Schabernack treiben.

Unsere Mitarbeiter sind stets bemüht, die deutsche Sprache zu erweitern.

Eine treue Leserin brachte mir aus ihrem Urlaub neue Wortfreunde und Satzwesen mit. Es gibt kaum ein schöneres Mitbringsel für mich als diese wundersamen Figuren, die meinen Wortfreundeskreis erweitern und bereichern.

Offenbar ist das den Hotelbetreibern bewusst, denn in einer Hotelbewertung wurde folgendermaßen auf eine Beschwerde reagiert, in der jemand seine Traurigkeit darüber zum Ausdruck brachte, dass er nicht verstanden wurde: „Das tut uns sehr leid. Unsere Mitarbeiter sind stets bemüht, die deutsche Sprache zu erweitern.“ Dieses Bemühen sehe ich, schätze es sehr und möchte mich dafür heute aus synästhetischer Sicht einmal ganz offiziell und sehr herzlich bedanken.

„Armförmiges Gebäck mit Kartoffelfüllung“ gab es in dem Hotel meiner Leserin. Gleich fragte ich mich: ist es ein gerade ausgestreckter oder ein angewinkelter Arm? Hat das Gebäck ein Gelenk in der Mitte gleich dem Ellenbogen? Das Wort Arm ist an sich ja blau. Ist das Gebäck auch blau? Und wieso ist Gebäck mit Kartoffel gefüllt? Armförmige Gedanken sprudelten nun unerschöpflich hervor und brachten neue Realitäten ans Tageslicht.

Aus synästhetischer Perspektive sind übersetzte Wörter und Sätze, die aus grammatischer, semantischer und lexikalischer Sicht nicht ganz korrekt sind, oft das Schönste, was passieren kann. Ob diese „Pannen“ nun durch einen Computer oder durch einen um Service bemühten Hotelmitarbeiter entstehen: meistens bringen sie doch allen große Freude. Und es gibt zum Glück Satzsammler und Wortliebhaber, die diese „Pannen“ in Büchern unterbringen. Und damit dazu beitragen, dass man sich Fragen stellen kann, auf die man sonst nie gekommen wäre.

Wenn Gott z. B. die Königin speichern würde (Quelle: siehe Link)  – an welchem Ort würde er das tun? Arbeitet er noch mit Festplatte oder hat er schon eine Cloud? In welchem Zustand würde er sie speichern? Und – kann ich bitte, bitte eine Kopie bekommen?

Ein weiteres Satzwesen, das die Leserin mir mitbrachte, fand sie am Eingang zur Sauna in ihrem Hotel: “Be quiet, please” wurde schlankerhand zum würdevollen “Bitte Ruhe bewahren”. Bitte Ruhe bewahren. Der Satz hat synästhetisch gesehen eher dunkle Farben (blau, braun, dunkelgrau) und eine eigenartige Dynamik – so als würden die Hände der Buchstaben eine beschwichtigende Geste machen.

Unabhängig davon: Was für ein guter und richtiger Hinweis! Ruhe bewahren ist besonders dann wichtig, wenn man sich freiwillig in einen fensterlosen Raum begibt, der mit einer hohen Luftfeuchtigkeit und Hitze ausgestattet ist. Und als wäre das nicht genug der Aufregung, ist man auch noch unbekleidet und konfrontiert mit anderen Unbekleideten. Ruhe bewahren ist das A und O in so einer Situation.

Und wenn nebenbei noch die deutsche Sprache erweitert wird, man sein armförmiges Gebäck mit Kartoffelfüllung isst und sich Gedanken darüber macht, dass Gras auch Leben hat, wie in China bekannt wurde („Little grass has life, please watch your step“), dann ist das Leben doch für einen Moment schnurschön und umfassend geborgenheitsfarben.

Die Farbe Englisch.

Die Blautöne des Himmels auf diesem Bild in Verbindung mit dem Weiß der Lampen: so ungefähr ist die englische Sprache eingefärbt. Natürlich haben die einzelnen Wörter eigene Farben. Doch der Grundklang, die Aussprache und die Verortung des „British English“ ist hier annähernd zu finden.

American Englisch ist sehr viel gelbhellröter. Nicht leicht zu finden auf Fotos, denn mit einer richtigen Person in Pullover im Vordergrund. Der Pullover ist grau. Gut, den könnte man finden, doch es ist ein bestimmter Pullover und die Person hält etwas vor die Gelbrottöne, die das amerikanische Englisch ausmachen.

Wenn ich es recht besehe, muss ich hinzufügen, auch das britische Englisch hat eine Person in den Farbtexturen stehen – eine mit langen Locken. Einen Herren, glaube ich, nicht aus dieser Epoche. Auch er hält etwas in der Hand. Eventuell ist es eine Schriftrolle. Eventuell auch ein Fernrohr.

Es heißt, gewisse Drogen sollen das hervorrufen, was Synästhetiker immer sehen.  Vorstellbar ist es.

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50 shades of horror. Geschlechtsteile und ihre Namen.

Wir kennen uns ja alle noch nicht so gut. (Eine aktivierte Kommentarfunktion würde dem vielleicht Abhilfe verschaffen). So fällt es mir naturgemäß schwer, über Geschlechtsteile und ihre Namen zu sprechen. Doch als Synästhetikerin fühle ich mich dazu verpflichtet, auch schwierigen Themen der Sprache Raum zu verleihen. Doch wirklich nur leihen, denn es gibt Wörter, die sollen nicht zu lange in meinem inneren Raum bleiben. Kurz auftauchen und dann verschwinden sollen sie stattdessen. Wie Gäste auf einer Party, die noch weiterziehen. Das sind nicht die schlechtesten Gäste. Wir gehen noch woandershin! Kein Problem, die Nacht ist ja noch jung und so.

Das eine Geschlechtsteil: weißgrauschwarz. Hat einen Bart am P. Der Klang verengt den Mund so ähnlich wie das Wort mundfein, besonders enis.

Das andere: rotblauorange. Sieht ein bisschen aus wie Klavikula-Fraktur, erzeugt jedoch im Gegensatz zu dieser keine Achterbahngefühle. Hat ein großes Auge am V kleben und agina ist dann augenfrei. Das Auge hat sogar Pupillen. Eine Pupille natürlich nur.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich mich betont sachlich für die medizinischen Ausdrücke entschieden habe. Denn es gibt noch weit entsetzlichere Namen, die einen an den Rand der Blümeranz bringen. Da wäre das mit Sch für das Damenorgan, das schlimm klingt und mit dem eide den Gaumen verzerrt, doch recht neutral gelbgrau aussieht. Und das Wort mit Gl für das Herrenorgan, das sich allgemein mit dem ied wie ein glitschiger Fisch aufführt, aber farblich auch eher gelbgrau in Erscheinung tritt.

Es fehlen schneefeine Namen für diese Dinge, Wörter, die prachtvoll wie Gallenstein, gar schneidig wie Baron von Kleckewitz, schnurfarben, kleefreundlich oder klandestinaufregend daherkommen und den inneren Raum mit Glanz und Frohsinn erfüllen. Statt mit Gramscham und dem Wunsch, dass die Gäste rufen, war schön hier, wir gehen noch woandershin, will jemand mitkommen, klar, Schleimpfropf und Eifrisch, kommt gerne mit!

Variationen von Sprache: Lang lebe Könich Dialekt!

Es ist an der Zeit, sich verschiedenen Variationen von Sprache zuzuwenden. Dialekte, Betonungen und Akzente lassen Wortfreunde in neuem Licht erscheinen, verleihen ihnen Schmuck, Prunk oder ziehen sie wüst in den Keller hinunter und machen sie gramgrau.

Beginnen wir mit dem Akzent. Der Akzent kann sich z. B. durch ein gerolltes R ausdrücken. Ein solches R gibt dem Wort einen kleinen Triller. Und Triller sind Frauen mit Locken. In den meisten Fällen sind die Triller dann grauschwarzweiß und geben dem Wort etwas lieblich-rundes (schon wieder Mars-Venus-Alarm…), etwas Mildes, und es ist dringend ratsam den Kopf in den Schoß eines Wortes mit gerolltem R hineinzulegen, wenn es einem einmal nicht so gut geht. Wenn es dann noch von einer polnischen Frau mit Milchreisstimme gesagt wird, ist ein sanftes Wegdämmern unumgänglich.

Wo wir gerade dabei sind: Ein englischer Akzent färbt alles ein wenig himmelblauweiß ein. Ein französischer Akzent hingegen lässt Sprache sanft erröten.

Nun zum Dialekt. Es gibt Menschen, die sagen: Kürche. Statt Kirche. Während Kirche ein liebegelbes Wort ist mit einem dreieckigen Lockengesicht mit grauen Anteilen, ist Kürche durchzogen von einem zwar dezenten, doch klar sichtbaren und naturgemäß etwas nervigen Süppchen-ü-orange. Darüberhinaus gibt es Regionen, in denen der Könich König genannt wird. Der Könich ist ein freundlichoranges Wort mit strahlendsonniggelben Flecken. Im Hintergrund ist darüberhinaus eine Königshandpuppe aus meiner Kindheit zu sehen. Sie schielt keck und von einer Erwachsenenhand bewegt zwischen den Buchstaben hindurch. Das weichweiße ch am Ende verwandelt das Wort in einen liebenswert sympathischen Kumpel trotz der unbezweifelten Würde des Amtes.

Der König sieht ganz anders aus. Der ist geschlossen und hat durch diese vornehme Aussprache ein wenig Gallensteinanmut an sich, ist er doch mit Smaragden und Sapphiren behängt durch das G am Ende. Es glitzert und funkelt, ist aber eben nicht so zutraulich und volksnah wie der sonnigliebe Könich.

Und was ist mit Betonungen? Nehmen wir einmal an, ein Wort wird etwas unkonventionell betont. Beispielsweise Osterei. Gemeinhin wird die erste Silbe betont. Das Oster wird dadurch sehr lilagraudominant. Das Ei ist gewohnt cremefarben und tritt in den Hintergrund. Wenn man jetzt einmal den Schalk im Nacken hat und Osterei ruft, mit der Betonung auf der letzten Silbe, dann wird das Ei schlagartig groß, überdeckt stiefelförmig das Oster fast bis zur Unkenntlichkeit.

Ähnlich ist es mit Abkürzungen, z. B. SMS. Das ist ein grünlichbeiges Wort, das stringent zur letzten Silbe führt. SMS, wie der Schweizer ganz ohne Schalk zu sagen pflegt, sieht anders aus. Viel gelblicher und das Anfangs-S ist größer und das gesamte Gebilde neigt sich nach links.

Zu den gramvollen Kellerverwandlungen kommen wir ein andermal. Ich für meinen Teil muss mich noch erholen von meinem schaurigen Beitrag zu Synästhesie und Mode, dem vielfach erwähnten Chlamydiendilemma und den äußerst mundfeinen anderen Wörtern, an denen besser seitlich vorbeigegangen wird.

Könich Dialekt.
Könich Dialekt.