Variationen von Sprache: Lang lebe Könich Dialekt!

Es ist an der Zeit, sich verschiedenen Variationen von Sprache zuzuwenden. Dialekte, Betonungen und Akzente lassen Wortfreunde in neuem Licht erscheinen, verleihen ihnen Schmuck, Prunk oder ziehen sie wüst in den Keller hinunter und machen sie gramgrau.

Beginnen wir mit dem Akzent. Der Akzent kann sich z. B. durch ein gerolltes R ausdrücken. Ein solches R gibt dem Wort einen kleinen Triller. Und Triller sind Frauen mit Locken. In den meisten Fällen sind die Triller dann grauschwarzweiß und geben dem Wort etwas lieblich-rundes (schon wieder Mars-Venus-Alarm…), etwas Mildes, und es ist dringend ratsam den Kopf in den Schoß eines Wortes mit gerolltem R hineinzulegen, wenn es einem einmal nicht so gut geht. Wenn es dann noch von einer polnischen Frau mit Milchreisstimme gesagt wird, ist ein sanftes Wegdämmern unumgänglich.

Wo wir gerade dabei sind: Ein englischer Akzent färbt alles ein wenig himmelblauweiß ein. Ein französischer Akzent hingegen lässt Sprache sanft erröten.

Nun zum Dialekt. Es gibt Menschen, die sagen: Kürche. Statt Kirche. Während Kirche ein liebegelbes Wort ist mit einem dreieckigen Lockengesicht mit grauen Anteilen, ist Kürche durchzogen von einem zwar dezenten, doch klar sichtbaren und naturgemäß etwas nervigen Süppchen-ü-orange. Darüberhinaus gibt es Regionen, in denen der Könich König genannt wird. Der Könich ist ein freundlichoranges Wort mit strahlendsonniggelben Flecken. Im Hintergrund ist darüberhinaus eine Königshandpuppe aus meiner Kindheit zu sehen. Sie schielt keck und von einer Erwachsenenhand bewegt zwischen den Buchstaben hindurch. Das weichweiße ch am Ende verwandelt das Wort in einen liebenswert sympathischen Kumpel trotz der unbezweifelten Würde des Amtes.

Der König sieht ganz anders aus. Der ist geschlossen und hat durch diese vornehme Aussprache ein wenig Gallensteinanmut an sich, ist er doch mit Smaragden und Sapphiren behängt durch das G am Ende. Es glitzert und funkelt, ist aber eben nicht so zutraulich und volksnah wie der sonnigliebe Könich.

Und was ist mit Betonungen? Nehmen wir einmal an, ein Wort wird etwas unkonventionell betont. Beispielsweise Osterei. Gemeinhin wird die erste Silbe betont. Das Oster wird dadurch sehr lilagraudominant. Das Ei ist gewohnt cremefarben und tritt in den Hintergrund. Wenn man jetzt einmal den Schalk im Nacken hat und Osterei ruft, mit der Betonung auf der letzten Silbe, dann wird das Ei schlagartig groß, überdeckt stiefelförmig das Oster fast bis zur Unkenntlichkeit.

Ähnlich ist es mit Abkürzungen, z. B. SMS. Das ist ein grünlichbeiges Wort, das stringent zur letzten Silbe führt. SMS, wie der Schweizer ganz ohne Schalk zu sagen pflegt, sieht anders aus. Viel gelblicher und das Anfangs-S ist größer und das gesamte Gebilde neigt sich nach links.

Zu den gramvollen Kellerverwandlungen kommen wir ein andermal. Ich für meinen Teil muss mich noch erholen von meinem schaurigen Beitrag zu Synästhesie und Mode, dem vielfach erwähnten Chlamydiendilemma und den äußerst mundfeinen anderen Wörtern, an denen besser seitlich vorbeigegangen wird.

Könich Dialekt.
Könich Dialekt.

Je suis… oder: synästhetische Geographie.

Was mich irritieren könnte, jedoch nicht irritiert, weil ich seit 30 Jahren daran gewöhnt bin, dass Dinge anders geschrieben werden als sie aussehen: Je suis Charlie. Je suis Ahmed. Weiß auf schwarzem Untergrund.

Wie meine Plakate aussehen würden:

„Je“: gelb auf Orange

„suis“: weißschwarz auf Orange

„Charlie“: theatralisches C, auch weißschwarz, das Wort mit lila Einstichen und das alles auf einem orangefarbenen Hintergrund. Denn Französisch ist durchweg orangeuntertongefärbt im Gegensatz zum grauweißhimmelblauen Englisch)

Bei „Je suis Ahmed“ ändert sich die Gesamtfärbung. Denn Ahmed ist hellblaugrau. Die Farbe schleicht sich ein wenig in das „Je suis“. Und hier ist der Hintergrund grauweißhimmelblau (fast wie Englisch aussieht).

Fremdsprachen haben ihre eigenen globalen Farben. Einzelne Wörter, bei denen ich das Glück habe, sie persönlich kennenzulernen, stechen individuell heraus.

Meine Fremdsprachen schmiegen sich in meinen inneren Atlas ein. So ist Französisch links von mir (ich schaue aus dem Süden). Rotorange. Die Sprache findet in meinem inneren Raum links statt. In meinem inneren Frankreich.

Englisch ist nördlich von mir, obwohl dem nicht so ist, doch England ist in meiner inneren Geographie nördlich von meiner Stadt. Grau, lila, manch grün, weiß, himmelblau. Englisch ist überfüllt. Französisch wird mit den Jahren ärmer. Spanisch lernte ich nur ein Jahr lang. Spanisch ist da, wo Spanien in meiner inneren Landkarte lokalisiert ist, unten links – hell beige, leicht orange, doch eher gold. Mit roten Bergen. Und mein Spanischlehrer steht mittendrin in seinem feinen Anzug mit dem Einstecktuch.

In der Türkei war ich noch nie. Die Sprache habe ich dennoch schon oft gehört. Die Türkei ist ganz unten und braungrün. So auch die Sprache – da ich sie nicht beherrsche, ist es eine braungrüne Masse mit Blattgoldelementen. Polen ist ein grünes (mit beigen Elementen) Land auf der rechten Seite gleich neben dem goldgelben Dresden unten rechts. Polnisch hat mehrere schwarze Ponyfrisuren. Im Drinnen. Die polnischen Wörter, die ich versucht habe zu lernen, haben ganz andere Farben. Doch Polnisch ist eben grünschwarz.

Und wie sieht Deutsch aus? Hell, heimelig, schwarz, weiß, gelb, rosa Streifen, deutschlandförmig. Deutschland ist im Zentrum meiner inneren Landkarte. München ist unten links, auch wenn dem gar nicht so sein soll, München ist graulila mit Punkten und hat eine mütterliche Frisur.

Vieles aus der Welt soll angeblich so sein, wie es auf Karten und auf Plakaten steht. Diese bilden offenbar eine vereinbarte Realität ab. Ich nehme zeitweise gerne an dieser Realität teil. Denn sie schafft Gemeinsamkeiten und bildet die Grundlage für einen konsensfähigen Austausch. Die Sprache, die im Duden steht, ist die Sprache, in der wir uns verständigen können. Ich sehe das ein. Ich mache mit. Zeitweise.

Doch: die Gedanken sind frei. So halte ich hiermit meinen synästhetischen Kugelschreiber hoch in die Luft.