7 Morgenmerkmale.

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Heute hatte ich Umstände, die mich früher als notwendig aus der Wohnung vertrieben. So bekam ich die Gelegenheit, das Gebaren des Morgens einmal ganz unbeteiligt zu beobachten. Von einer Parkbank aus und Sonne gab es noch dazu.

Ich befand abschließend, dass der Morgen sehr dienstbeflissen ist und einen Bienenstockhabitus vor sich herträgt. Folgende Merkmale führten mich zu dieser These:

1. Wimmelfahrradtöne.

2. Die Morgenfarbe: Blauweiß mit einem Lächeln und frisch zurechtgemachter Frisur.

3. Joggerklänge.

4. Schleichende Nachtigallen vs. enthemmte Lerchenstimmen.

5. Und andere (aufgeweckte) Vögel.

6. Brötchentütenknisterfarben.

7. Große generelle Geschäftigkeit (auch blauweiß, mit grauen, eifrigen Punktaugen).

Morgen bin ich wieder dabei!

Und über allem steht der Tag.

Und über allem steht der Tag.

Ich werde manchmal gefragt, ob mir die Synästhesie gelegentlich auf die Nerven gehe. Normalerweise antworte ich darauf, dass dem nicht so sei.

Doch heute Morgen schaute ich mir die übertürmten Tage an, die vor und hinter mir liegen, und mir wurde schlagartig klar: In meinen Stimmungen pendeln immer Tagesfarben mit. Die Tatsache, dass ich mich heute per se dienstagsgelb fühle, bevor die anderen Gefühle dazu kommen, hat schon manchmal etwas leicht lästiges, vor allem, wenn es nicht so läuft.

Sehe ich den restlichen Tag vor mir, dann sehe ich Gelb. Und das Oval der Tageszeiten. Der bevorstehende Broterwerb ist in dienstagsgelben Satin eingehüllt. Das klingt nun hübscher als es ist – ein wenig aufdringlich ist das nämlich schon.

Schaue ich zurück auf den gestrigen Tag, sehe ich zunächst das Schwarzlila des Montags und alle Geschehnisse vor diesem Hintergrund. Und die Tage, die sich vor mir auftun, leuchten schon abwartend und Pläne und Pflichten haben sich gemütlich in ihnen niedergelassen und winken mir zu (an ihrer jeweiligen Position zu der entsprechenden Tageszeit). Und dann kommt noch der Monatsüberbau hinzu und die Jahreszeit obendrauf.

Da können die Wochentagswesen aber nichts für! Sie sind an sich freundlich und machen nur ihre Arbeit, siehe „Das Sams“.

Aus vergessenen Gründen lernte ich das „Sams“ von Paul Maar erst kennen, als ich schon zu alt war, um das Buch noch gut zu finden. (Und noch zu jung, um es wieder gut zu finden). Zum Glück „musste“ ich es vorlesen.

Ich war sehr froh über die Erkenntnis: auch andere Menschen scheinen Wesen in Wochentagen zu entdecken. Und – natürlich sehen diese Wesen unterschiedlich aus – beim einen ist es vollkornknäckebrotbraun und ein geselliger Freund und beim anderen hat es rote Haare und erfüllt gerne Wünsche.

Ich will Herrn Maar keine Synästhesie unterstellen, so wie ich das auch bei Rilke nicht wagen würde. (Warum sage ich nicht auch Herr Rilke? Weil er tot ist? Verliert man das Recht auf eine Anrede, wenn man stirbt? Noch nie habe ich darüber nachgedacht).

Doch – wie bereits erwähnt – braucht man für eine erweiterte Wahrnehmung der Dinge keinerlei synästhetische Veranlagung. Fantasie und weitere Gefährte wie Sprachfreude, Denktänze, Gedankenakrobatik und Co sind vollkommen ausreichend.

Synästhesie ist schlicht eine Spielart der Natur – eine Variation der Sinneswahrnehmung. Toll, aber nicht die Lösung.

So werde ich nun diesen gelben Dienstag vollbringen, der schon vorwitzig zum Mittwoch schielt. Und vielleicht passiert ja etwas dominantfarbiges, das alles mit seinem guten Glanz überdeckt: schnurschön sollte es sein und darf gerne mit dem Buchstaben K beginnen.

Nachtrag 1: Es passierte noch etwas Glanzvolles. Und es hatte mit Kolleginnen zu tun.

Nachtrag 2: Hat nicht Max Goldt mal die Frage nach der Anrede und dem Sterben gestellt? Dann hätte ich darüber doch schon mal nachgedacht. Ich möchte nicht so dastehen, als würde ich anderer Leute Gedanken stehlen – daher: wer es weiß, der bekommt einen Preis von mir, z. B. eine farbliche Beschreibung seines Vornamens. Das hat doch auch nicht jeder.

Service an die Leserschaft: Wie Du in meinem Kalender aussiehst

Meine beste Freundin bat mich, etwas aufzuschreiben, was ich ihr einmal gesagt habe: Wie es aussieht, wenn ich sie treffen werde.

Nehmen wir einmal an, ich treffe sie an einem Freitag. Um 16 Uhr. Bei mir.

Freitag ist ein eigelbfarbener (hartgekocht!!) Tag mit hellblauen Flecken und schwarzen Schatten. 16 Uhr sieht sesamknäckebrotfarben aus. Dieses bestimmte Braun mit mehlhellen Gruben. Nicht zu verwechseln mit dem vollkornknäckebrotfarbenen Samstag.

Meine beste Freundin hat einen Namen, der weißsilber ist, aber nicht so gedämpft und bieder wie beim Sonntag (auch ohne dessen Dauerwelle). Ihr Name beginnt mit J und das ist sehr dominant (leicht grau), der Rest des Wortes verschwindet gen hinten in blauen Wolken, denn sie wird meist abgekürzt. Es gibt noch einen Kosenamen von mir für sie, der wäre senfgelb, doch ich will jetzt niemanden verwirren, bleiben wir also beim offiziellen Namen.

Dieser wiederum ist kein sehr außergewöhnlicher Vorname und daher kenne ich noch die ein oder andere J. Doch wenn ich an meine beste Freundin denke, so ist ihr Gesicht in den Buchstaben J eingefügt, und zudem ist der Name noch etwas vertrautglanzvoller. Sie schaut im Profil Richtung Name. Dieser Name steht vor dem Bild was ich von ihr als Person habe. Doch das eilt in einem zweiten Schritt herbei. Eilen trifft es sehr gut, denn da sie sehr sportiv ist, hastet sie mit spagatförmigen Schritten Richtung Name.

Freitag, 16 Uhr, J. treffen. Bei mir.

Bei mir ist gelbgrün, zunächst. Bei mir ist auch mein reales Wohnzimmer.

Nun fügt sich alles wie folgt zusammen: am eigelbfarbenen (wie gesagt, hartgekocht) Freitag, mit dunklen Gruben und hellblauen Flecken sitzt am Nachmittag das sesamknäckefarbene 16 Uhr (oder auch das rote 4 Uhr) im grüngelben Beimir, und der weißsilbergraue J-Name steht sittsam daneben. Hatte ich schon erwähnt, das jeder Tag eine Art ovale Schleife ist? Der Nachmittag ist wie bei der Uhr auf der rechten Seite mittig.

Zugleich eilt mein Bild von J. spagatförmig auf den Nachmittag, das 16 Uhr-Feld, ihren eigenen Namen und mein reales Wohnzimmer zu und das Ganze ab dem Moment, in dem das Treffen vereinbart wurde.

Das, was uns ausmacht, das, was wir dann sprechen und das, worüber wir lachen (seltener: weinen) wird hinterher mit dem o. g. Bild verwoben. Zukunft wird Erinnerung und wenn J. diese letzten Worte liest, wird sie sagen: ach Gott, bist du immer sentimental, ich kann damit ja nicht so umgehen – – und deswegen höre ich jetzt auf und lasse sie in ihrem silbergrauen J. mit Spagatschritten auf unseren nächsten Termin zulaufen (Sonntag, 13 Uhr). 13 Uhr ist  dann liebegelb, der Rest ist bekannt.

Nachtrag: ich habe das Freitagsgelb gefunden. Es ist die Farbe der Tür auf dem folgenden Foto. Hartgekochtes Eigelb ist jedoch deutlich schneller zu schreiben als: das Gelb einer Tür einer Gasse in Weimar, als die Sonne genau darauf schien.

Freitagsgelb in Weimar.
Freitagsgelb in Weimar.

Neujahr. Es passt nicht.

Auch wieder so eine Geschichte. Neujahr: rosarot. Mit weißen Strichen. Doch heute ist eigentlich Donnerstag. Grauliladunkel mit schwarzen Punkten (eher Löchern, aber nicht tief).

Was ist also heute für ein Tag? Die Tageszeiten liegen heute nun auf Rosarot. Mich irritiert, dass morgen der gelbe Freitag ist.

Neujahr. Auch so ein Feiertag, der die Woche auf den Kopf stellt. Wohin verschwindet der Donnerstag? Ist er in dieser Woche nicht vorhanden? Aber wo ist er dann?

Neujahr hätte farblich eher zum Mittwoch gepasst. Rottöne halt.