Die Couch, das Sofa und die Frage nach dem Unterschied.

Es gibt Dinge, daran merkt man, dass „man auch älter geworden ist“, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, als sie noch lebte. Zum Beispiel an der Tatsache, dass man sich plötzlich ein neues Sofa „anschafft“ und nicht mehr eines von jemandem „übernimmt“, der sich wiederum eins „anschafft“.

Das Sofa meiner Großmutter hieß „Couch“, war im Grunde ein Ohrensessel mit drei Sitzflächen und man konnte darauf nur gerade Platz nehmen. Das kam ihr sehr zupass, denn, wie bereits erwähnt, war sie eine Dame, und Damen sitzen immer aufrecht, im Faltenrock, sogar nach dem ersten Glas Wein und mit überschlagenen Beinen.

Es gibt ein Foto von mir, auf dem sitze ich, etwa mit neun Jahren, mit hochgezogenen Beinen und einer Langspielplattenhülle in der Hand auf ihrer Couch. Das gefiel ihr nur bedingt, aber sie wusste auch, „heutzutage ist alles anders, da komm ich nicht mehr mit“. Es gibt ein weiteres Foto, da liege ich neben ihr auf dem Sofa, und sie streicht mir über den Rücken. In aufrechter Haltung.

Ich weiß noch, wie ihre Couch sich unter meiner Hand anfühlte – so wie diese alten Steiff-Tiere. Irgendwie weich, aber irgendwie auch hart und rau. Dazu gab es samtige Kissen, die sehr gepflegt rochen. Wir spielten alle Märchen nach, die ich kannte. Ich durfte immer die Prinzessin sein, und sie war die böse Königin, der Wolf oder die Zwerge – ich durfte dann auch ihr feines Geschirr benutzen, denn ich war ihr „großes Mädchen“. Der Ohrensessel eignete sich als Thron.

Zu den Sofas gehörten nämlich zwei gleichfarbige Ohrensessel. Die Farbe war ein trübes Hellgrau, und es gab braune Applikationen fransiger Art, aber ausgesprochen vornehm, die ich gerne kämmte. Meine Großmutter schaute auch aufrecht „in die Ferne“: niemals außer Fassung, außer über die Tagespolitik, und dann immer noch in tadelloser Haltung.

So blieb eine „Couch“ für mich – neben der Tatsache, dass es ein sehr rotes Wort ist, mit schwarzen Augen und einer schmetterlingshaften Frisur – ein Sitzmöbel, auf dem man unbedingt gerade sitzen muss, und auf dem man sich zusammenreißt.

Daher verwende ich grundsätzlich das Wort „Sofa“ für das Sofa in meinem Zuhause. Und dass es nun seinen Dienst aus Altersgründen quittieren muss, bricht nicht nur mir das Herz. Ein neues wird angeschafft und das Wichtigste beim Testsitzen war die Frage, ob man sich dort zu zweit mit angezogenen Beinen seitlich niederlassen kann, in der Hand einen Longdrink oder einen Tee und: ob man Schokoladenflecken machen kann, ohne dass man sich ärgern muss.

Mir war auch wichtig, dass man aufrecht Platz nehmen könnte, denn vielleicht kommt meine Großmutter manchmal vorbei, ohne dass ich es merke, und dann soll sie es schön haben.

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