30 Orte und viele Frisuren.

Gestern habe ich diese Blogaktion ausgerufen und heute morgen schon musste ich einen Einsendeschluss verkünden, denn 30 Orte sind 30 Wörter, die es zu betrachten und dann noch zu beschreiben gilt und mehr wird sperrig vor den Augen.

Von manchen Orten und deren Namen habe ich noch nie gehört und somit kommt es zu einer ersten Begegnung mit der Zentrale für Synästhesie oder wie auch immer jener Ort in meinem Gehirn heißt, der sich jedes Wort und jede Zahl, jeden Geruch, jeden Geschmack, jede Zeit, jeden Ort, jeden Namen, jede Berührung und jeden Schmerz erst einmal vornimmt und ihnen Farben, Formen, Texturen und Gesichter zuordnet.

  1. Monza: hat eine rote erste Silbe mit dunklem Pony und halblangem Haar und das za ist grau geriffelt weiß und blau. Im Hintergrund sind beige Gebilde, die fast aussehen wir schraffierte Dörfer, aber ggf. sind es auch Kirchen.
  2. Eupilio: ist rotgelblich, hellweiß und gelbschwarz. Ein Turm steht vielleicht hinter dem E (mit Bleistift gezeichnet). Es ist ein mathematisches Wort, man möchte sofort damit rechnen.
  3. Trossingen: da klingelt es, hellweiß, und vorne ist es lilagrau. Das männliche T schaut engagiert in seine Buchstaben und hält den Rest zusammen. Der Hintergrund ist flussfarben.
  4. Klecken: ist gelblich, ist rötlich, im Hintergrund sind Felder und Wiesen zu sehen.
  5. Sprötze: sei Kleckens Nachbarort, wurde mir mitgeteilt, und das solle ich mir einmal anschauen. Ein so schönes Wort neben einem so hässlichen Wort. In der Tat, Sprötze ist eine konsonantenüberladene Geschichte, dann noch mit dem problematischen Ö und nichts kommt zum Klingen. Warum nennt man einen Ort so. Die Farben sind hellblau, gepunktet beige, moosfarben und das Sp trägt einen Umhang, es könnten aber ebenfalls die Federn sein. Federn daher, weil das Wort entfernt wie ein Spatz aussieht.
  6. Kölner Dom: Köln ist grau mit milchkaffeefarben Punkten und trägt die gleiche Frisur wie Frank aus Kiel. Hat aber keine roten Haare wie Frank aus Kiel, sondern hellbraune Locken. Köln trägt ein lilagraues T-Shirt und schaut zum Wort Dom. Dom ist schwarz und eine Frau. Sie trägt ein weißes Hemd. Und sie hat längere Haare. Und irgendwie ist es auch ein Mann.
  7. Alt-Stralau: ist lilagrau, mit einem sehr verständigen A und Stralau ist schwarz, blau-rot und das alles vor einem graumaurigen Hintergrund. Fast sieht man Graffitis.
  8. Napier: sieht ein bisschen aus wie der Name Nadine. Also rotpullovrig. Doch das pier reißt alles hell auf, es wird plötzlich weiß und im Hintergrund ist alles ausgesprochen kariert.
  9. Nebelwald: Das Wort Nebel ist gelblich und beige. Im Zusammenhang mit dem dunkelblaugrünen Wort Wald (mit braunen Cordhosen bekleidet), bekommt Nebel jedoch einen Hauch Nebel um sich herum. Und dann wird das Wort ein Wald; ein Nebelwald und Ronja und Birk tauchen auf und wir sind alle Teil eines Abenteuers, und es riecht auch nach Waldnebel (und dann sind es eben Assoziationen).
  10. Katmandu: springt immer wieder heraus aus meinem Sichtfeld. Katmandu ist im Grunde genommen ein Wort auf einem Trampolin. Irgendwie dunkel und irgendwie rot. Es springt und springt. Es hat eine Frisur wie Simone aus Kiel. Kat-man-du. Kat-man-du.
  11. Montpellier: Mont ist grauschwarz, das M ist ein Mädchen mit längeren Haaren und sehr besorgt um den Rest der Buchstaben. Pellier ist perlenfarben und gleitet von den Lippen herunter. Wie Sekt nicht, eher wie eine Perlenkette, die man vor Nervosität in den Mund nimmt. Im Hintergrund sind Brücken.
  12. Quakenbrück: ist grün, petrolfarben und gepunktet kupfern. Außerdem ist Donald Duck zu sehen, der mit erhobenem Zeigefinger neben dem Q steht. Er wirkt wie ein Riese neben den Buchstaben und sein ganzes Schicksal als ungeliebter, doch engagierter Neffe und alleinerziehender Onkel steht ihm ins Gesicht geschrieben. Dazu gibt es große Schnäbel im Hintergrund des Wortes.
  13. Ödland: ist beige und liladunkelblaugrau. Im Hintergrund ist ein Feld zu sehen und Rauch steigt auf, vielleicht sind es auch nur die Reste von anderen Buchstaben.
  14. Kuala Lumpur: ist ein Spektakel aus Rot, Blau, Malve, Aubergine, das L ist sehr prominent; das erste Wort möchte fast ein Koala sein, aber es ist eben ein Koala mit U und dadurch wird es rot. Es ist ein Fest und gleitet durch den Mundraum, schmeichelt dem Gaumen, manchmal sind kleine Lampen zu sehen, Lampions, die angehen, wenn es dunkel wird.
  15. Savai’i: ist zunächst sahnefarben, dann violettblau, dann wird es weiß und am Schluss hat es einen kleinen Tupfer. Im Hintergrund sind Wellen in Meerblau. Ein frisches Wort, es könnte sogar duften.
  16. Grinzing: ist hellmoosfarben mit einem kleinen Klingeln am Schluss in weiß. Im Hintergrund ist vieles Gelb.
  17. BayArena: ist rotblau, weiß, blauverständig, sirenengelb.
  18. Ault: Ist blaurot, aber gedämpft, fast Aubergine und hat am Ende einen grauen Punkt.
  19. Genua: ist senffarben, eigentlich etwas rötlicher, tiefrot und blau. Das G ist eine Frau, die sich den anderen Buchstaben sehr emsig zuwendet. Der Hintergrund ist präriefarben.
  20. Basel: hat aufgeblasene Backen, ein birnenförmiges Gesicht, wirkt hautfarben und macht Witze, die ein wenig an alte Zeiten erinnern.
  21. Riddagshausen: das R ist hier zeitungsgrau und doch ist es auch vaterfarben; und schon wird das Wort hellblauweiß, dann geht es über in ein heimeliges rotblau, denn hausen hat was mit dem Zuhause zu tun und daher ist alles gut.
  22. Sant Joan de Mollet: dunkel ist der Start, dann wird es weiß und gleich schon wieder dunkel, samtbraun, schwarz, lila. Das de ist sandfarben und das Mollet ist bruderfarben, ich sehe ihn in einer Latzhose, warum weiß ich nicht. Wie ich auch sonst nichts weiß.
  23. Guatemala: ist schon wieder rot, gelb, auch ein kleines bisschen hellgrün, das G schaut nach vorne, ist aber zum Rest des Wortes gebeugt. Das Rot ist matt, das Gelb eher blond, der Hintergrund ist hellgrau.
  24. Å: ist der verständigste Ort überhaupt. Und doch darf das blaue A mit schwarzen Schatten vor weißem Grund hier einmal etwas ausgefallenes tragen. Einen kleinen Kreis, der fast ein Diadem sein könnte, wenn das A nicht so grundvernünftig wäre.
  25. Prag: ist grauschwarz und hat ein hellgrünes Ende. Im Hintergrund ist eine schwarze Brücke zu sehen. Prag trägt dazu einen grauen Anorak und hat ein grünes Auge im P.
  26. Corbera d’Ebre: verbreitet ein köstliches Küstengefühl im Mund. Das C schaut sehr hell in die anderen Buchstaben hinein und hält den Laden zusammen. Bera ist sandfarben und grau. Ebre ist gelblich und klingt wie eine Frau, die braune Locken hat und einen hellgelben Pullover trägt, der ihr streng genommen nicht steht, aber Ebre kann das tragen.
  27. Jork: trägt einen grauen Blazer und einen Kapitänsbart mit Mütze. Im Hintergrund ist eine Landstraße zu sehen.
  28. Sternschanze: ist ein gelblichgrünes Wort, das einen Umhang trägt und kurze braune Locken hat. Eventuell auch schwarzes Haar. Die Augen schauen Richtung U-Bahn-Brücke. Kein einziger Stern ist zu sehen, dafür ein grauer Himmel über den Buchstaben.
  29. Møn: ist auch bruderfarben, dazu orange, rot, mit einem graublauen Ende. Es trägt Latzhose, eine orangefarbene, im Hintergrund ist Meer und eine Insel mit Palmen.
  30. Herrenhausen: ist ein Wort, das ich schon sehr lange kenne. Es beginnt sandfarben, grau mit einer geordneten Herrenfrisur. Dann wird es heimelig rot und blau. Doch das Heimelige wird schlankerhand von all dem Anfangsgrau übernommen, und am Ende kommt ein recht graues Wort dabei heraus mit blauen Hosen.

 

 

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Über Frühling, Dinge, Gleichzeitigkeit.

Dass Frühling ist und jemand weint.

Dass jemand recht hat, der andere auch.

Dass was unmöglich ist und dabei wahr.

Dass etwas bricht und gleichzeitig heilt.

Dass etwas gold ist und dabei nicht glänzt.

Dass jemand versteht und es trotzdem nicht teilt.

Dass wer was nicht kann und dennoch gewinnt.

Dass Schweigen gold ist, silber wirkt.

Dass jemand die Sonne will, die ihn verbrennt.

Dass etwas lastet und alles leicht macht.

Dass jemand wegschaut, obwohl er erkennt.

Dass etwas gebraucht wird, das man nicht wollte.

Dass jemand lacht und gleichzeitig weint.

Dass jemand tröstet, den man nicht mag.

Dass alles brennt und erstmal ein Kaffee.

Dass wer im Mittelmeer schwimmt und es weiß.

Dass etwas gut war und trotzdem vorbei ist.

Dass ein Baum geliebt wird, der alles verdunkelt.

Dass jemand tot ist und mit dir spricht.

Dass Zeiten groß sind, doch wie die Hyazinthen duften.

 

 

 

 

Über Themen, die wie eine warme Decke sind.

Gestern habe ich eine Liste erstellt, mit den Themen, für die ich selten Gesprächspartner finde. Dabei fiel mir auf, dass das alles Themen sind, die ich mir sofadeckengleich über die Beine lege, wenn es unübersichtlich wird. Wenn eine Woche zu gepixelt war, die Stimmen laut bleiben, der Rauch noch schwer in Räumen liegt, das ein oder andere verklebt ist, Sachen verloren gingen, Werte blieben, dennoch. Eine Woche, die später ein wenig ockerfarben hervorstechen wird im Jahr.

Dann gibt es Themen, die wie eine warme Decke sind:

Änderungsschneidereien

Agatha Christie

Autos

CR7 (ohne Hohn und ohne Häme)

Das deplatzierte Lachen der Brigitte Lämmle, damals

Designerstühle

Handtaschen

Hummeln

H0 vs. Fleischmann

Jene Sendung, bei der Dinge von Experten in ihrem Wert geschätzt werden

Magenkribbeln wegen der transsibirischen Eisenbahn

Martha Stewart

Mögliche Namen für mögliche Haustiere

Nagellack

Schach-Analogien

Schachteln

Schmuck

Schwedenweh

Spielzeugladenprobleme

Wellantäpfel

Wenn Busfahrer sich winken

Zimt und Ameisen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über das Verwässern der Wörter und die Sache mit der Realität.

In diesem Blog habe ich viel über „die sogenannte Realität“ geschrieben und ein wenig mit ihr kokettiert. Dabei ging es mir um die individuelle Wahrnehmung der Dinge, der Wörter, der Farben. Um Synästhesie und mehr – um das Anerkennen dessen, dass jeder Mensch die Welt auf seine Art sieht.

Mir ging es dabei auch um die Strahlkraft der Wörter, um die Liebe zu unscheinbaren Wörtern, zu lustigen, leisen und sehr charismatischen, dramatischen Wörtern.

Ich habe von „vereinbarter Realität“ gesprochen, die auch einmal überprüft werden darf: sind es die Baumwipfel oder sind es die Flächen zwischen ihnen, die wir sehen? Mir ging es um Betrachtung, um Erweiterung des Sichtfelds und um die Freude daran, dass mein Blau vielleicht anders aussieht als Dein Blau.

Aber es ging immer um Blau und Blau heißt Blau. So ist es vereinbart und dass wir die Farbe in Nuancen unterschiedlich wahrnehmen ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Tatsache ist wichtig für Kommunikation, Verständigung und für einen Halt in der Welt.

Als „postfaktisch“ zum Wort des Jahres bestimmt wurde, wurde mir angst und bange. Es bekam dadurch einen etablierten Touch. Und es kroch dennoch in meine Welt. Ich ertappte mich dabei, beim „Schingschangschong“ das Wort zu benutzen, ich erfand eine Geste und behauptete, ich habe gewonnen, das sei postfaktisches Schingschangschong. Lustig, lustig, aber eigentlich war es nicht lustig.

Verwässern beginnt im Witz, dann dringt es in tiefere Schichten.

Realität ist ein nützliches Set von Vereinbarungen, Fakten, Informationen. Sie ist der Halt, der Rahmen, in dem wir unsere Weltwahrnehmung ausbreiten können, fliegen können, Farben lieben, Menschen eh, Wörter sehen, Musik schmecken, was wir wollen. Wir sehen Dinge unterschiedlich, aber wir befinden uns in einem gemeinsamen Rahmen von Errungenschaften.

Hypothesenbildung ist Fortschritt, Forschen hilft, etwas in Frage stellen hilft, und: Lügen sind Lügen. Und beim Schingschangschong schummeln ist unanständig. Und das Verwässern von Wörtern ist gefährlich.

Und mein Blau ist mein Blau, aber es ist eben Blau.

Über das Universum hinter den Wörtern, z. B. „Spieli“.

Wegen ein paar Albernheiten im Wortspielzimmer Twitter kam mir gestern der Begriff „Spieli“ wieder in den Sinn, und wer sich nichts darunter vorstellen kann, der hat vielleicht keine Kindheit in den 80ern gehabt, sondern früher oder später, so jedenfalls klang es gestern in den Antworten dazu. Einer wusste genau, was ich meinte, aber wir sind auch gleichalt.

Das Universum hinter dem Wort „Spieli“ klappte auf und plötzlich wusste ich wieder, dass ich gerne synchron schaukelte, mit Freundinnen und dass es wichtig war, gleichhoch und gleich weit zu fliegen.

Und dass es auch wichtig war, rechtzeitig zu verschwinden, wenn die großen Jungen kamen, die mit den BMX-Rädern und den Segelohren.

Und dass irgendwann die Schaukel der Ort war, an dem man dekorativ saß und gut aussah und dann kamen auch Jungen und es flogen Wörter. Und mir fiel ein Junge ein, da war ich schon 12 oder so, der war nett und wir hatten kleine Schlagabtäusche von Schaukel zu Schaukel, und plötzlich sagte er zu mir, er sei übrigens ein Nazi. Und da wusste ich, ich könnte ihn nicht lieben und er leugnete die Shoah, und ich sagte, aber hast du denn nicht Anne Frank gelesen, und er sagte, sein Großvater habe ihm erklärt, das sei eine Verschwörung. Und ich strich mir eine dekorative Strähne aus dem Gesicht, verkündete, das ginge natürlich nicht, und er sagte, du bist süß und so, aber das passt nicht, und unsere Wege trennten sich in einem Frieden, den ich nicht verstand.

Und dann dachte ich gestern an Sandkisten, und dass ich gerne bis zum Lehm grub, so tief, eben bis zum Lehm, der meine Hände rot färbte und dass ich dann stolz war, denn: Lehm, daraus konnte man Hütten bauen.

Und dann grub ich meine Fingernägel in den Lehm und hatte den Wunsch, so sehr den Wunsch, mir daraus eine Hütte zu bauen. Wie die Menschen in dem einen eindringlichen Buch über die sogenannte „Dritte Welt“, und wer sich fragt, warum man sowas als Kind schon liest, der hatte vielleicht keine Kindheit in den 80ern, sondern früher oder später.

Jedenfalls gab es da eine Geschichte über einen Jungen, der gerne schrieb und einen einzigen Bleistift hatte. Und eines Tages verlor er diesen aufgrund von Unachtsamkeit. Und er war tief verstört und mit ihm ich, weil ich dachte, wie soll er denn jetzt schreiben.

Und dann kam eines Tages ein Ehepaar vorbei, mit einer „weißen Hautfarbe“ und reich bekleidet und verlor einen Kugelschreiber. Und der Junge nahm diesen an sich, suchte die Leute noch, um ihnen den Kugelschreiber wiederzugeben und entschied sich schließlich, ihn zu behalten um des Schreibens willen. Und als das Ehepaar am nächsten Tag zurückkam, da hatte er die Befürchtung, dass diese den Kugelschreiber zurückwollten, aber sie fassten ihm nur ins Gesicht und Lächelworte perlten aus ihrem Mund. So war das nicht formuliert, aber so sah es eben aus vor meinen inneren Augen. Und davon abgesehen verstanden sie seine Sprache nicht.

Mich ließ die Geschichte erschüttert zurück, weil ich dachte, ein Kugelschreiber, der „geht so schnell alle“, so dachte ich damals, etwas „ging alle“ und der Bleistift war doch besser gewesen.

Mich ließ das Monate lang nicht los. Immer wieder dachte ich darüber nach, was besser sei, ein Bleistift, der doch zu leicht auszuradieren sei oder der Kugelschreiber. Weil ich viel Zeit hatte, über so etwas sehr lange nachzudenken.

Zum Beispiel dachte ich darüber nach, während ich beim Lehm ankam. Es war die Sandkiste im Garten am Haus. Es gab unzählige Stunden, die ich damit verbrachte, zu graben, zu überlegen und auch die Hütte in Gedanken zu bauen.

Ich fand durch Nachdenken und erste Versuche heraus, dass es nicht einfach war, eine mannshohe Hütte zu bauen. Ich fand auch heraus, dass ich mich damit abfinden musste, dass ich niemals erfahren würde, was das mit dem Kugelschreiber nun auf sich hatte und was besser sei, ein Bleistift oder ein Kugelschreiber. (Ich fand nebenbei heraus, dass niemand sich freute, wenn man Lehm „ins Haus trägt“).

Ganz klar war immer schon – und darüber musste ich nicht nachdenken, das floss immer mit, wenn das Wort fiel: „Spieli“ war und ist ein blondgelocktes Wort mit einem puzzleförmigen Profil; es trägt einen hellblauen Pullover. Auch das erzählte ich niemandem; denn es kam mir ganz normal vor. Ich sagte ja auch nicht, die Schaukel ist blau. Auch das mit dem Kugelschreiber behielt ich für mich – weil ich selbst eine Antwort finden wollte, denn ich wusste, diese Antwort würde länger halten.

Ich wusste aber noch nicht, dass es ein Privileg war, etwas gänzlich unkommentiert zu tun und zu denken.

Einfach nur zu graben und dann irgendwann zu jemandem zu sagen: „Komm, wir gehen zum Spieli. Wer zuerst bei der Schaukel ist.“ Und dann gleichhoch zu fliegen. Und den Himmel zu treten, aber auf freundliche Art.

Über eine Ausnahme, eine Stirn und die Frage, was Ludwig hat.

Es gibt noch einige Farbfragen von Menschen, die ich mag. Insofern mache ich eine Ausnahme – es haben drei nämlich nicht mitbekommen, dass die Namen-Aktions-Wochen-Serie zu Ende ist. So gibt es noch eine kleine Zugabe. Aber dann ist wirklich Schluss! Namen anschauen ist nervenzerfetzend. Ununterbrochen kommen Geschichten hoch über Menschen, die den gleichen Namen trugen und nicht alle diese Geschichten sind Glanz.

Zunächst aber geht es um die nervenberuhigende Anfrage. Marco Herack fragt nach einer  Begutachtung des Ausdrucks „faltenzersteppte Stirn“.

„Falten“: ein rötliches Wort, das F hat einen engagierten Gesichtsausdruck und außerdem sind da dezente Grauerfaltenrockelemente mit im Wort. Das F hat einen Umhang um, drapiert ihn zur Seite hin und eine Nase, die im Profil – ja – einfach engagiert aussieht. „Zersteppt“ ist ein beige-, ocker-, liebegelbes Gemisch mit einem Z, das wiederum das F anschaut  mit einer Nase in die entsprechende Richtung. So als würden sich das F und das Z unterhalten. Worüber sie sprechen? Vermutlich darüber, dass jemand sie aus poetischen Gründen in ein Wort zusammengesteckt hat und sie nun damit klarkommen müssen. „Zersteppt“ ist zudem ausgesprochen dynamisch und tanzt. Kein Stepptanz, das wäre allzu naheliegend, eher so eine Art Volkstanz. Mit einem langen Umhang am Arm und auf einem Parkett. Ohne Partner*in. Eher ganz versonnen und für sich.

Brigitta ist ein Name, der für mich nicht mit irgendeinem vergangenen Gesicht besetzt ist. Wohl aber nun mit dem Gesicht seiner Besitzerin, die die Anfrage stellte. Ihr Gesicht kenne ich zwar nicht, aber sie ist in meinen Augen blond, hat kinnlanges Haar, blaue Augen, eine Brille. Sie ist zierlich und nicht groß. Das B hat ihre Brille auf und schaut verwundert auf den Namen, der nicht wie Brigitte aussieht. Das B ist blond. Das A macht das Wort von hinten aus blaurot, auch wirft es eine Art Schatten über den Namen. Obwohl es eigentlich ein sehr heller, liebegelber Name wäre – wenn er auf „e“ enden würde. Doch durch das A wird der Name tiefsinniger und erhabenfarbener, und man möchte unbedingt mehr über Brigitta wissen.

Thorsten ist ein Name, der schon vielfach besetzt ist. In der Schule gab es einen Thorsten (in der Grundschule, später vielleicht auch, aber der Grundschulenthorsten war eindrucksvoll, weil er der Erste seines Namens war, sozusagen der Initialthorsten). Der Name ist dunkel, fast schwarz, aber hat auch lila und weiße Strukturen. Das T hat ausgebreitete Arme, trägt ein Sweatshirt und das Grundschulthorstengesicht ist auch dabei. (Wenn er das wüsste, wir waren nicht gerade Buddys, aber auch keine Feinde, ich glaube, wir waren einander egal). Der Name hat neben den Farben auch noch weitere Assoziationsketten, die gar nicht synästhetisch sind, doch m. E. nach unterhaltsam.

Ein Thorsten ist jemand, den man anrufen kann, wenn

  1. man ein Bier trinken will.
  2. man zum Sperrmüll fahren möchte mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Thorsten hilft.
  3. man ein Bier trinken will.
  4. die Bohrmaschine nicht geht – Thorsten weiß keinen Rat, aber man kann ein Bier trinken gehen.

Ludwig hingegen. Ludwig ist ein Name mit Locken und rötlich, fast vierzigrot. Ludwig hat auch einen Umhang an – und diese blonden Locken. Das Gesicht ist ins L gebaut und die Nase schaut edel irgendwohin. Ludwig sieht ein wenig wehmütig aus – er schaut immer nach rechts – (von mir aus gesehen) und im Hintergrund ist eine Landschaft zu sehen – eine Wüste, oder nein, eher ein Eismeer. Es ist nicht ganz so gut zu sehen, auch weil ich davon abgelenkt bin, dass ich wissen möchte, was mit Ludwig los ist.

Das war eine kleine Abhandlung zu synästhetischen Fragen von Menschen, die ich mag. Ich möchte jetzt ein Bier trinken gehen, mit Marco, Brigitta und Thorsten und mich mit ihnen darüber austauschen, was Ludwig für ein Problem hat. Ich bin mir sicher, zusammen kämen wir darauf.

Spiel, Satz und die Frage nach der Sache mit dem Priester.

Es wurden mehrere Sätze für die neue Blogaktion „Sag mir einen Satz – und ich sage dir, was ich sehe“ eingereicht, und bevor ich drei Sätze auslose, die ich synästhetisch beschreiben werde, möchte ich sie gern vorstellen:

„Du bist wie der Priester, mit dem ich immer Gefühle hatte!“ (Name ist der Redaktion bekannt).

„Diese Seite konnte leider nicht gefunden werden.“ (https://twitter.com/mermshaus)

„Komm“, flüstern seine Augen, „verblüh für mich.“ (https://twitter.com/crazyneopop)

„Es gibt ein Leben nach dem Tod.“ (https://twitter.com/altafata)

„Eis bewegt sich.“ (https://twitter.com/jona_jakob)

„Zeit für ein Mittagsschläfchen!“, hörten wir Mr. Brinker-Smith sagen; Mrs. Brinker-Smith kicherte. (https://twitter.com/Steonato)

„Ich starrte sie ratlos an.“ (https://twitter.com/Frau_Ze)

„Fühle ich, was ich glaube zu fühlen, handle ich frei und selbstbestimmt?“ (https://twitter.com/mara_frufru)

„Das ‚—true‘ kannst du mir nicht antun, ich kann doch nur Hochdeutsch, als gebürtiger Hannoveraner!“ (Dieser Satz kommt allerdings von https://twitter.com/grindbot, einem Bot, doch er ist so hübsch, dass ich ihn in den Loseimer geworfen habe).

Die Sätze lagen seit Samstagfrüh in jenem Eimer und nun ziehe ich sie.

Diese Seite konnte leider nicht gefunden werden.

Dieser Satz wird durch das senfgelbe Wort „Seite“ bestimmt, das sich deutlich hervorhebt. Das halbrote „gefunden“ ist gedämpfter, und der unscheinbare Wortfreund, ohne den nichts ginge – „werden“ – dient als ockerblasser Satzausklang, wenig beachtet. Das schneeweiße, leichtgelbe „diese“ wirft hingegen hell einen Lichtkegel auf den ganzen Satz.

Du bist wie der Priester, mit dem ich immer Gefühle hatte!

Bei diesem Satz muss ich aus bestimmten Gründen lachen, und es ist schwer, die Kulisse um den Satz herum (Ort, Zeit, Geschichte) beiseite zu legen. Es hilft daher, ihn sachlich in seine Einzelteile zu zerlegen und den Inhalt auszublenden.

„Du“ ist rot und „bist“ ist weißgelblich, wie auch „wie“. „Der“ ist hellknäckebrotfarben und „Priester“ ein schwarzweißes Wort, das Brille trägt; das Wortwesen hinter den Buchstaben hat verschränkte Arme und einen hellgrauen Pullover an. „mit“ ist leichtrotmehrcremefarben, „ich“ ganz weiß und sein Wortwesen weißgrau mit einem blaugrünen Auge. Das Ichwesen ist so alt wie das Wort „ich“ und warum es nur ein Auge hat – darüber möchte ich gar nicht nachdenken. „immer“ ist auch ein weißgelbes Wort, „Gefühle“ gelb-rötlichhellsenffarben und „hatte“ schlicht blaulautschwarz.

Eis bewegt sich.

Hier ist alles klar und einfach. Der Satz wird durch das spotweißhelle „Eis“ bestimmt, „Eis“ ist weiß und vanillefarben, mit wenigen Grauschatten, die die Buchstabenkonturen schärfen. „bewegt“ besteht aus mehreren Wortwesen, die mit Kapuzen vor einer Berglandschaft durch den Satz schleichen, außerdem hauchsenffarben, und „sich“ ist leichtgelb.

Vielen Dank für die Sätze. Mir war nicht bewusst, dass so viele Wörter in meinem inneren Raum senfgelb sind. Auch nicht, dass „ich“ nur ein Auge hat. Und eigentlich graue Haare, wenn ich genauer hinschaue. Und die Sache mit dem Priester – nun, das ist eine andere Geschichte, und wäre das hier eine Serie, käme jetzt die wellenbrechendstarke Abschlussmelodie ins Bild galoppiert.