Spiel, Satz und die Frage nach der Sache mit dem Priester.

Es wurden mehrere Sätze für die neue Blogaktion „Sag mir einen Satz – und ich sage dir, was ich sehe“ eingereicht, und bevor ich drei Sätze auslose, die ich synästhetisch beschreiben werde, möchte ich sie gern vorstellen:

„Du bist wie der Priester, mit dem ich immer Gefühle hatte!“ (Name ist der Redaktion bekannt).

„Diese Seite konnte leider nicht gefunden werden.“ (https://twitter.com/mermshaus)

„Komm“, flüstern seine Augen, „verblüh für mich.“ (https://twitter.com/crazyneopop)

„Es gibt ein Leben nach dem Tod.“ (https://twitter.com/altafata)

„Eis bewegt sich.“ (https://twitter.com/jona_jakob)

„Zeit für ein Mittagsschläfchen!“, hörten wir Mr. Brinker-Smith sagen; Mrs. Brinker-Smith kicherte. (https://twitter.com/Steonato)

„Ich starrte sie ratlos an.“ (https://twitter.com/Frau_Ze)

„Fühle ich, was ich glaube zu fühlen, handle ich frei und selbstbestimmt?“ (https://twitter.com/mara_frufru)

„Das ‚—true‘ kannst du mir nicht antun, ich kann doch nur Hochdeutsch, als gebürtiger Hannoveraner!“ (Dieser Satz kommt allerdings von https://twitter.com/grindbot, einem Bot, doch er ist so hübsch, dass ich ihn in den Loseimer geworfen habe).

Die Sätze lagen seit Samstagfrüh in jenem Eimer und nun ziehe ich sie.

Diese Seite konnte leider nicht gefunden werden.

Dieser Satz wird durch das senfgelbe Wort „Seite“ bestimmt, das sich deutlich hervorhebt. Das halbrote „gefunden“ ist gedämpfter, und der unscheinbare Wortfreund, ohne den nichts ginge – „werden“ – dient als ockerblasser Satzausklang, wenig beachtet. Das schneeweiße, leichtgelbe „diese“ wirft hingegen hell einen Lichtkegel auf den ganzen Satz.

Du bist wie der Priester, mit dem ich immer Gefühle hatte!

Bei diesem Satz muss ich aus bestimmten Gründen lachen, und es ist schwer, die Kulisse um den Satz herum (Ort, Zeit, Geschichte) beiseite zu legen. Es hilft daher, ihn sachlich in seine Einzelteile zu zerlegen und den Inhalt auszublenden.

„Du“ ist rot und „bist“ ist weißgelblich, wie auch „wie“. „Der“ ist hellknäckebrotfarben und „Priester“ ein schwarzweißes Wort, das Brille trägt; das Wortwesen hinter den Buchstaben hat verschränkte Arme und einen hellgrauen Pullover an. „mit“ ist leichtrotmehrcremefarben, „ich“ ganz weiß und sein Wortwesen weißgrau mit einem blaugrünen Auge. Das Ichwesen ist so alt wie das Wort „ich“ und warum es nur ein Auge hat – darüber möchte ich gar nicht nachdenken. „immer“ ist auch ein weißgelbes Wort, „Gefühle“ gelb-rötlichhellsenffarben und „hatte“ schlicht blaulautschwarz.

Eis bewegt sich.

Hier ist alles klar und einfach. Der Satz wird durch das spotweißhelle „Eis“ bestimmt, „Eis“ ist weiß und vanillefarben, mit wenigen Grauschatten, die die Buchstabenkonturen schärfen. „bewegt“ besteht aus mehreren Wortwesen, die mit Kapuzen vor einer Berglandschaft durch den Satz schleichen, außerdem hauchsenffarben, und „sich“ ist leichtgelb.

Vielen Dank für die Sätze. Mir war nicht bewusst, dass so viele Wörter in meinem inneren Raum senfgelb sind. Auch nicht, dass „ich“ nur ein Auge hat. Und eigentlich graue Haare, wenn ich genauer hinschaue. Und die Sache mit dem Priester – nun, das ist eine andere Geschichte, und wäre das hier eine Serie, käme jetzt die wellenbrechendstarke Abschlussmelodie ins Bild galoppiert.

 

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Es sind die Wörter, nach denen sich jeder umdreht.

Sommer 2011 034

Manche Sätze sehen so aus wie dieses Bild (symbolisch): dezente Farben – beige, bläulich, rötlich, pastellig – und graue Säulen (hier Gitter) aus denen heraus sich einzelne Wörter und Buchstaben bilden. Diese solide Grundlage wird jäh unterbrochen: ein Wort blitzt goldflammig in dieses Satzgefüge hinein.

Das eine Wort, das leuchtet.

Vergleichbar ist es auch mit dem Moment, in dem man jemanden erkennt, den man lieben wird – oder jemanden sieht, auf den man lange gewartet hat. Oder auch jemanden, nach dem sich immer alle umschauen, wenn er auftaucht.

Es sind Sätze, die inhaltlich nicht unbedingt die Herzen erwärmen, aber die unter der Lupe der Synästhesie betrachtet (oder auch der Sprachfreude, denn auch Menschen ohne Synästhesie haben Schönheitslupen), dem einen Wort den Boden geben, damit es strahlen kann:

“Nicht zu diesen Bedingungen”. – Bedingungen – hellsilber.

“Folgende Anschlusszüge werden erreicht…” – Erreicht – goldgelbleuchtend.

„Waschen, schneiden, selber fönen?“ – Waschen – raschelgut (statt glänzend).

„Brauchen Sie eine Tüte?“ – Tüte: lachsfarben, leuchtendorange mit schwarzem T, ein Wort, das sich bewegt…

Es gibt noch viele solche Sätze und manchmal fällt es mir schwer, den Leuchtwörtern nicht zu lange nachzuhängen, denn allzuoft wird eine Antwort gebraucht: „Nein danke, ich habe einen Beutel“. Oder genaues Hinhören, welcher Zug denn nun zu erreichen sei. Oder „Dann eben nicht!“ bzw. „Ja, ich will fönen.“ Und aus diesen Sätzen schauen auch schon wieder vorwitzig die Wörter heraus, die glitzern und goldig sind. Doch man hat ja noch anderes zu tun, als Wörtern hinterherzupfeifen.

Rekonvaleszenzgedanken.

„Für unsere Zuschauer aus Österreich und der Schweiz“.

Dieser Satz schallt immer mal wieder durch Funk und Fernsehen. (Seit es „Wetten dass“ nicht mehr gibt, ein bisschen weniger oft). Dass diese Phrase sogar geographische Vorstellungen prägen kann, zeigt folgendes Beispiel:

Auf meiner inneren Landkarte liegt das grüngelbe Österreich westlich von der Schweiz. Eben in der Lese- oder Hörrichtung. Die Schweiz ist weißgrau mit Streifen, hat eine rotweiße Weste an (!) und trägt stolz einen Gamsbart. Beide Länder haben im Hintergrund graue Berglandschaften. Österreich liegt auf einer grünen Wiese und hat etwas mildes, österliches an sich. Wien leuchtet goldgelb strahlend mit einem ehrwürdigen graubeigen W aus der Mitte heraus.

Möglicherweise wird nun deutlich: Synästhetische Geographie kann klischeehaft sein.

Da ich natürlich eines Besseren belehrt wurde und auch ein Blick in den Atlas mich nahezu überzeugt, setze ich die Schweiz immer wieder nach links. D. h. dass die Schweiz ständig umzieht. Und dann doch wieder, sehr eigensinnig, zurückschellt.

Ich hoffe, dass meine sehr sympathische Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich mir diese Verwechslung verzeihen wird.

Die gute Nachricht ist: Wir können alle Ruhe bewahren, gerade so als wären wir gemeinsam in der Sauna, denn ich bemühe mich ab sofort um eine Korrektur meiner inneren Geographie durch folgende Maßnahmen:

1.  „Aus der Schweiz und aus Österreich“ ersetzt nun „Aus Österreich und der Schweiz“ in meinem Sprachgebrauch. Auch wenn die neue Version durch das doppelte „aus“ etwas sperriger klingt. Da ich erst vor kurzem einen Geburtstagswunsch geäußert habe, erscheint es mir übertrieben, mir diese neue Satzstruktur nun auch noch von anderen Menschen zu wünschen.

2. Regelmäßige Besuche im Atlas werden mich zusätzlich an die Realität heranführen. Diese Maßnahme dient auch dazu, mich davon zu überzeugen, dass Griechenland weder türkeigroß ist, noch zur Hälfte den Iran bedeckt. Und dass Kiel lange nicht so riesenhaft ist, dass es weite Teile Dänemarks auch nur im Ansatz überschatten könnte.

3. Mehrere Helikopterflüge über beide Länder sind in Planung, damit ich mir vor Ort ein „Bild von der Lage“ machen kann. Eventuell muss ich dafür erst noch ein höheres politisches Amt ergreifen. Ob Synästhesie als Qualifikation dafür ausreicht, wird man erst wissen, wenn ich mich zur Wahl gestellt habe.

Eine Parteizugehörigkeit wird schwierig für mich (wegen der Farben). Eine eigene Partei zu gründen, kommt mir – bei aller Liebe zu meiner Leserschaft aus der Schweiz und aus Österreich – aufwendig vor. Doch wenn, dann wäre sie gallensteinfarben. Und so wäre auch ihr Programm. Bedrohte Wörter retten, Zahlenräume flexibilisieren, Max Goldt for President – das wären die ersten Maßnahmen, die ich nach der Wahl ergreifen würde. Versprochen.

Läuft bei dir.

Fotokurs28.1 169 “Läuft bei dir” wurde zum Jugendwort 2014 gewählt, was an mir gänzlich vorbeigegangen ist. Die Aussage ist laut STERN ein Synonym für “cool” und “Du hast es drauf”. Letzterer Satz wird in meiner Welt eher mit ironischem Unterton versehen, doch “Läuft bei dir” soll wohl vollkommen unironisch verwendet werden. Im Gegensatz zu Platz 2: “Gönn dir”, das sowohl ehrlich als auch ironisch gemeint sein kann, wovor der STERN eindringlich warnt.

„Läuft bei dir“ schimmert hellgrau, hellblau und hat leicht gelbliche aber noch mehr weiße Anteile (bei den Punkten über dem Ä).

Aus folgenden synästhetischen Gründen finde ich “Läuft bei dir” sehr ästhetisch:

1. Er ist einer jener Sätze, die sich nicht wie Schnabelsätze verhalten und unaufhörlich bewegen, obwohl die Bedeutung ja eine gewisse Dynamik beinhaltet. Das ist ein reizvoller Kontrast.

2. Es ist ein Panoramasatz, der ganz still hält, mit vielen weißen Flecken um das graue L herum und mit einem weiten, grauen und himmelblauen Hintergrund.

3. Das L ist grauweiß und schwesterngeborgen schaut es in den Satz hinein. Viele gute und durchaus gebräuchliche Sätze beginnen mit L.

Zum Beispiel:

Lust auf Kaffee?

Lieben? Ich? Dich? Aber selbstverständlich!

Longdrink gefällig?

Lass nur, ich mach das gern!

Langsam, langsam, wir haben Zeit.

Langeweile? Dann war der Urlaub lang genug!

Landunter! Doch wir sind ja hier drinnen.

Laterne laufen? Der Lenz ist doch längst eingetroffen.

Und 4. Das Ä ist mir ja sowieso gewogen.

Läuft bei dir. Läuft bei dir. Läuft bei dir.

Selbst bei mehrerfachem Hintereinandersagen bewegt er sich nicht, der Satz. Das Schwestern-L steht da, wo es immer schon steht. Links im inneren Raum. Unverwüstlich hellgrau mit weißen Flecken drumherum (ob es Blüten oder Tränen sind, ist von hier aus nicht zu erkennen).

Ergänzung: Sagt eigentlich noch jemand „Du Lauch“? Und hat das überhaupt je jemand gesagt?

Bewegte Schnabelsätze.

IMG_3902 Es gibt Sätze, die bewegen sich in einem Fort durch den inneren Raum. Sie haben oft einen Schnabel oder auch Locken. Wie die Gliederpuppe, die hier auf einem Bein ein wenig überkandiedelt durch meine Skizze tanzt. Es sind Sätze, wie der gut gemeinte Sauna-Ratschlag “Bitte Ruhe bewahren”.

Anders als die Panoramasätze- und Wörter, die sich landschaftlich erhaben vor mir auftürmen und stillhalten, damit ich sie ganz gründlich bewundern kann, bewegen sie sich. Auf und ab, hin und her – sie nicken und sie schütteln sich.

“Ich liebe dich”. Der Satz ist liebegelb und es schaut ein blondgelocktes Wesen mit schwammförmigem gelben Antlitz und schwarzen Augenflecken dabei bestätigend nickend und lächelnd in meine Richtung.

“Das darf doch nicht wahr sein!” Ein blauroter Satz mit einem mütterlichen Kopf, der sich von links immer noch mehr in den inneren Raum hereinstreckt.

“Auf Wiedersehen!” Ein weißgrauer Satz und seine grauweißen Hände winken, jedoch nicht so wie die Queen es tun würde, sondern von oben nach unten. Als würden sie mir Luft zufächeln – gerade so als wäre ich wegen des bevorstehenden Abschieds einer Ohnmacht nahe. Mit mehreren Händen, es sind ungefähr sechs oder sieben. Vielleicht tragen sie Handschuhe, das ist schwer zu sagen.

“Ich finde dich toll!” Hier ist der Beginn gelb, erst beim “toll” wird es blau. Das Toll springt einmal trampolingetrieben in die Luft.

“Wie geht es dir?” Hat einen Schnabel, das Wesen des Satzes steht vor mir und dreht den Kopf zur Seite. Und nickt auch noch dabei.

“Gute Nacht!” Eine Wortfrau im Anorak mit Kapuze und schwarzem Pony schaut von links aus einem Sternenhimmel in ein graues Zimmer hinein. Sie hat die Hände in den Taschen ihres Anoraks und wippt verlegen auf und ab.

“Synästhesie” – ein gelber Buchstabensee mit Blauwellen im Hintergrund und Sträuchern am Ufer. Ein wenig Wind bewegt die Buchstaben hin und her. Unaufgeregter als man jetzt vermuten könnte gebärdet sich das Wort. „Ich finde dich toll“, flüstere ich. Denn es käme mir unangemessen vor, zu einem gelben Buchstabensee „ich liebe dich“ zu sagen. Das sage selbst ich als Synästhetikerin nur zu einem Menschen.

Unsere Mitarbeiter sind stets bemüht, die deutsche Sprache zu erweitern.

Eine treue Leserin brachte mir aus ihrem Urlaub neue Wortfreunde und Satzwesen mit. Es gibt kaum ein schöneres Mitbringsel für mich als diese wundersamen Figuren, die meinen Wortfreundeskreis erweitern und bereichern.

Offenbar ist das den Hotelbetreibern bewusst, denn in einer Hotelbewertung wurde folgendermaßen auf eine Beschwerde reagiert, in der jemand seine Traurigkeit darüber zum Ausdruck brachte, dass er nicht verstanden wurde: „Das tut uns sehr leid. Unsere Mitarbeiter sind stets bemüht, die deutsche Sprache zu erweitern.“ Dieses Bemühen sehe ich, schätze es sehr und möchte mich dafür heute aus synästhetischer Sicht einmal ganz offiziell und sehr herzlich bedanken.

„Armförmiges Gebäck mit Kartoffelfüllung“ gab es in dem Hotel meiner Leserin. Gleich fragte ich mich: ist es ein gerade ausgestreckter oder ein angewinkelter Arm? Hat das Gebäck ein Gelenk in der Mitte gleich dem Ellenbogen? Das Wort Arm ist an sich ja blau. Ist das Gebäck auch blau? Und wieso ist Gebäck mit Kartoffel gefüllt? Armförmige Gedanken sprudelten nun unerschöpflich hervor und brachten neue Realitäten ans Tageslicht.

Aus synästhetischer Perspektive sind übersetzte Wörter und Sätze, die aus grammatischer, semantischer und lexikalischer Sicht nicht ganz korrekt sind, oft das Schönste, was passieren kann. Ob diese „Pannen“ nun durch einen Computer oder durch einen um Service bemühten Hotelmitarbeiter entstehen: meistens bringen sie doch allen große Freude. Und es gibt zum Glück Satzsammler und Wortliebhaber, die diese „Pannen“ in Büchern unterbringen. Und damit dazu beitragen, dass man sich Fragen stellen kann, auf die man sonst nie gekommen wäre.

Wenn Gott z. B. die Königin speichern würde (Quelle: siehe Link)  – an welchem Ort würde er das tun? Arbeitet er noch mit Festplatte oder hat er schon eine Cloud? In welchem Zustand würde er sie speichern? Und – kann ich bitte, bitte eine Kopie bekommen?

Ein weiteres Satzwesen, das die Leserin mir mitbrachte, fand sie am Eingang zur Sauna in ihrem Hotel: “Be quiet, please” wurde schlankerhand zum würdevollen “Bitte Ruhe bewahren”. Bitte Ruhe bewahren. Der Satz hat synästhetisch gesehen eher dunkle Farben (blau, braun, dunkelgrau) und eine eigenartige Dynamik – so als würden die Hände der Buchstaben eine beschwichtigende Geste machen.

Unabhängig davon: Was für ein guter und richtiger Hinweis! Ruhe bewahren ist besonders dann wichtig, wenn man sich freiwillig in einen fensterlosen Raum begibt, der mit einer hohen Luftfeuchtigkeit und Hitze ausgestattet ist. Und als wäre das nicht genug der Aufregung, ist man auch noch unbekleidet und konfrontiert mit anderen Unbekleideten. Ruhe bewahren ist das A und O in so einer Situation.

Und wenn nebenbei noch die deutsche Sprache erweitert wird, man sein armförmiges Gebäck mit Kartoffelfüllung isst und sich Gedanken darüber macht, dass Gras auch Leben hat, wie in China bekannt wurde („Little grass has life, please watch your step“), dann ist das Leben doch für einen Moment schnurschön und umfassend geborgenheitsfarben.