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Über das Universum hinter den Wörtern, z. B. „Spieli“.

Wegen ein paar Albernheiten im Wortspielzimmer Twitter kam mir gestern der Begriff „Spieli“ wieder in den Sinn, und wer sich nichts darunter vorstellen kann, der hat vielleicht keine Kindheit in den 80ern gehabt, sondern früher oder später, so jedenfalls klang es gestern in den Antworten dazu. Einer wusste genau, was ich meinte, aber wir sind auch gleichalt.

Das Universum hinter dem Wort „Spieli“ klappte auf und plötzlich wusste ich wieder, dass ich gerne synchron schaukelte, mit Freundinnen und dass es wichtig war, gleichhoch und gleich weit zu fliegen.

Und dass es auch wichtig war, rechtzeitig zu verschwinden, wenn die großen Jungen kamen, die mit den BMX-Rädern und den Segelohren.

Und dass irgendwann die Schaukel der Ort war, an dem man dekorativ saß und gut aussah und dann kamen auch Jungen und es flogen Wörter. Und mir fiel ein Junge ein, da war ich schon 12 oder so, der war nett und wir hatten kleine Schlagabtäusche von Schaukel zu Schaukel, und plötzlich sagte er zu mir, er sei übrigens ein Nazi. Und da wusste ich, ich könnte ihn nicht lieben und er leugnete die Shoah, und ich sagte, aber hast du denn nicht Anne Frank gelesen, und er sagte, sein Großvater habe ihm erklärt, das sei eine Verschwörung. Und ich strich mir eine dekorative Strähne aus dem Gesicht, verkündete, das ginge natürlich nicht, und er sagte, du bist süß und so, aber das passt nicht, und unsere Wege trennten sich in einem Frieden, den ich nicht verstand.

Und dann dachte ich gestern an Sandkisten, und dass ich gerne bis zum Lehm grub, so tief, eben bis zum Lehm, der meine Hände rot färbte und dass ich dann stolz war, denn: Lehm, daraus konnte man Hütten bauen.

Und dann grub ich meine Fingernägel in den Lehm und hatte den Wunsch, so sehr den Wunsch, mir daraus eine Hütte zu bauen. Wie die Menschen in dem einen eindringlichen Buch über die sogenannte „Dritte Welt“, und wer sich fragt, warum man sowas als Kind schon liest, der hatte vielleicht keine Kindheit in den 80ern, sondern früher oder später.

Jedenfalls gab es da eine Geschichte über einen Jungen, der gerne schrieb und einen einzigen Bleistift hatte. Und eines Tages verlor er diesen aufgrund von Unachtsamkeit. Und er war tief verstört und mit ihm ich, weil ich dachte, wie soll er denn jetzt schreiben.

Und dann kam eines Tages ein Ehepaar vorbei, mit einer „weißen Hautfarbe“ und reich bekleidet und verlor einen Kugelschreiber. Und der Junge nahm diesen an sich, suchte die Leute noch, um ihnen den Kugelschreiber wiederzugeben und entschied sich schließlich, ihn zu behalten um des Schreibens willen. Und als das Ehepaar am nächsten Tag zurückkam, da hatte er die Befürchtung, dass diese den Kugelschreiber zurückwollten, aber sie fassten ihm nur ins Gesicht und Lächelworte perlten aus ihrem Mund. So war das nicht formuliert, aber so sah es eben aus vor meinen inneren Augen. Und davon abgesehen verstanden sie seine Sprache nicht.

Mich ließ die Geschichte erschüttert zurück, weil ich dachte, ein Kugelschreiber, der „geht so schnell alle“, so dachte ich damals, etwas „ging alle“ und der Bleistift war doch besser gewesen.

Mich ließ das Monate lang nicht los. Immer wieder dachte ich darüber nach, was besser sei, ein Bleistift, der doch zu leicht auszuradieren sei oder der Kugelschreiber. Weil ich viel Zeit hatte, über so etwas sehr lange nachzudenken.

Zum Beispiel dachte ich darüber nach, während ich beim Lehm ankam. Es war die Sandkiste im Garten am Haus. Es gab unzählige Stunden, die ich damit verbrachte, zu graben, zu überlegen und auch die Hütte in Gedanken zu bauen.

Ich fand durch Nachdenken und erste Versuche heraus, dass es nicht einfach war, eine mannshohe Hütte zu bauen. Ich fand auch heraus, dass ich mich damit abfinden musste, dass ich niemals erfahren würde, was das mit dem Kugelschreiber nun auf sich hatte und was besser sei, ein Bleistift oder ein Kugelschreiber. (Ich fand nebenbei heraus, dass niemand sich freute, wenn man Lehm „ins Haus trägt“).

Ganz klar war immer schon – und darüber musste ich nicht nachdenken, das floss immer mit, wenn das Wort fiel: „Spieli“ war und ist ein blondgelocktes Wort mit einem puzzleförmigen Profil; es trägt einen hellblauen Pullover. Auch das erzählte ich niemandem; denn es kam mir ganz normal vor. Ich sagte ja auch nicht, die Schaukel ist blau. Auch das mit dem Kugelschreiber behielt ich für mich – weil ich selbst eine Antwort finden wollte, denn ich wusste, diese Antwort würde länger halten.

Ich wusste aber noch nicht, dass es ein Privileg war, etwas gänzlich unkommentiert zu tun und zu denken.

Einfach nur zu graben und dann irgendwann zu jemandem zu sagen: „Komm, wir gehen zum Spieli. Wer zuerst bei der Schaukel ist.“ Und dann gleichhoch zu fliegen. Und den Himmel zu treten, aber auf freundliche Art.

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Der neutrale Geruch der Nonne im Zug.

Als ich noch ein – wie meine Großmutter mich damals nannte – „junges Mädchen“ war, fuhr ich einmal mit der Eisenbahn. Ich glaube, ich kam aus Karlsruhe, die Fahrt war lang und Menschen rochen.

Sie rochen grau, sie rochen blau, manche gezackt, meist jedoch ockerfarben und dann strömte auch noch die Bordbistrowolke durch den Zug. Damals hieß das vielleicht noch „Speisewagenwolke“.

Irgendwann, zum Beispiel in Göttingen, setzte sich eine Nonne neben mich. Sie trug eine Haube, ihr Haar im Knoten und ein Nonnenreisegewand, die Schuhe wirkten so, als könne man darin sehr lange laufen.

Ich war sofort aufgeregt, denn

a) die Nonne hatte bestimmt noch keinen Sex in ihrem Leben gehabt.

b) sie roch neutral.

Noch nie hatte ich jemanden getroffen, der neutral riecht. Der Geruch sah ganz zart aus, denn natürlich gab es einen Geruch, nur dass er eben neutral war. Es waren seifenfarbige Striche in der Luft. Ich sah, wie sie sich morgens mit Seife gewaschen hatte. Damals gab es noch Seifestücke, wie sie heute kaum noch verwendet werden, wegen der Hygiene.

Doch die Nonne hatte sich mit einem neutralen Seifestück gewaschen. Sie hatte bestimmt keine Schwitzgedanken gehabt seitdem, sie hatte sich bedächtig, doch zünftig bewegt und nichts Auffälliges gegessen. Und dann setzte sie sich neben mich und roch verständlicherweise neutral.

Wir kamen ins Gespräch; über den Inhalt weiß ich nur noch, dass sie sehr nett war und dass sie sagte: „Sie haben eine Doppelgängerin in Zürich.“

Sie stieg auch in Hamburg aus, ihre Schwester besuchen. Ihr kleiner Koffer beherbergte vermutlich ein Stück Seife, milde Gedanken und ein Nonnenbesuchsgewand.

 

 

 

 

Über den Tod.

Im Frühling denke ich oft an den Tod. Der Tod – synästhetisch gesehen – ist ein Mann in einem beigen Mantel und einem schief sitzenden Hut, einem runden ohne Krempe – französisch anmutend.

Der Tod ist ein bewegtes Wort, d. h., es eilt durch meinen inneren Raum – das T wächst aus dem Bild heraus, wie ein Baum – in matten Farben, etwas Schwarz ist schon dabei. Doch der Rest ist muschelinnenfarben.

Im Grunde sieht der Tod aus wie ein französischer Maler. Er trägt auch etwas rollenähnliches unter dem Arm.

Als Kind hatte ich Angst vor dem Tod – bis mir meine Großmutter von ihrer Freundin erzählte, deren Mann einmal im Sterben lag. Sie habe immer wieder dessen Namen gerufen, und dass er bleiben solle, bis er aufseufzte: „Lass mich, es ist so schön hier“ und starb.

Von dem Moment an war ich sehr beruhigt und hatte keine Angst mehr vor dem Tod an sich, sondern dachte, das klingt ja gut, schrecklich blieb die Vorstellung, dass andere sterben. (Auch schrecklich fand ich die Vorstellung, dass ich sterben könnte, bevor ich das erste mal glücklich verliebt wäre).

Und das ist bis heute so geblieben. Ich kann mich nicht damit abfinden, dass jemand stirbt und: ich kann mich auch nicht damit abfinden, wenn Tode gegeneinander aufgewogen werden. Jeder einzelne Tod steht für sich.

Prince ist tot, und das ist traurig. Es ist schrecklich, dass ein Mensch mitsamt seiner Geschichte im Mittelmeer stirbt. Ich vermisse meine Großmutter. Es sind in meiner Schulzeit zwei Schüler gestorben; ich habe als Jugendliche auf Jahrgangfotos in ihren Augen nach einer Todesahnung gesucht und sie nicht gefunden. Es sind noch mehr Menschen gestorben, es werden mehr Menschen sterben.

Ich wechsle langsam die Generation – es sei wichtig, sich mit dem Tod zu beschäftigen, heißt es. Ratgeber lesen! Sich darauf einstellen!

Nein. Quitten suchen, Mirabellen hören, Gallensteinfarben finden, Tulpen beobachten, Roadmoviemomente sammeln, Weckgläser mit Lichtungslicht befüllen und für die dunklen Zeiten aufbewahren – das werde ich tun. Denn wenn jemand aus meinem Leben geht, oder wenn ich sterbe, dann stehen da wenigstens noch die Weckgläser im Keller. Dann ist vielleicht nicht alles verloren.

 

 

 

 

 

 

 

Die Couch, das Sofa und die Frage nach dem Unterschied.

Es gibt Dinge, daran merkt man, dass „man auch älter geworden ist“, wie meine Großmutter zu sagen pflegte, als sie noch lebte. Zum Beispiel an der Tatsache, dass man sich plötzlich ein neues Sofa „anschafft“ und nicht mehr eines von jemandem „übernimmt“, der sich wiederum eins „anschafft“.

Das Sofa meiner Großmutter hieß „Couch“, war im Grunde ein Ohrensessel mit drei Sitzflächen und man konnte darauf nur gerade Platz nehmen. Das kam ihr sehr zupass, denn, wie bereits erwähnt, war sie eine Dame, und Damen sitzen immer aufrecht, im Faltenrock, sogar nach dem ersten Glas Wein und mit überschlagenen Beinen.

Es gibt ein Foto von mir, auf dem sitze ich, etwa mit neun Jahren, mit hochgezogenen Beinen und einer Langspielplattenhülle in der Hand auf ihrer Couch. Das gefiel ihr nur bedingt, aber sie wusste auch, „heutzutage ist alles anders, da komm ich nicht mehr mit“. Es gibt ein weiteres Foto, da liege ich neben ihr auf dem Sofa, und sie streicht mir über den Rücken. In aufrechter Haltung.

Ich weiß noch, wie ihre Couch sich unter meiner Hand anfühlte – so wie diese alten Steiff-Tiere. Irgendwie weich, aber irgendwie auch hart und rau. Dazu gab es samtige Kissen, die sehr gepflegt rochen. Wir spielten alle Märchen nach, die ich kannte. Ich durfte immer die Prinzessin sein, und sie war die böse Königin, der Wolf oder die Zwerge – ich durfte dann auch ihr feines Geschirr benutzen, denn ich war ihr „großes Mädchen“. Der Ohrensessel eignete sich als Thron.

Zu den Sofas gehörten nämlich zwei gleichfarbige Ohrensessel. Die Farbe war ein trübes Hellgrau, und es gab braune Applikationen fransiger Art, aber ausgesprochen vornehm, die ich gerne kämmte. Meine Großmutter schaute auch aufrecht „in die Ferne“: niemals außer Fassung, außer über die Tagespolitik, und dann immer noch in tadelloser Haltung.

So blieb eine „Couch“ für mich – neben der Tatsache, dass es ein sehr rotes Wort ist, mit schwarzen Augen und einer schmetterlingshaften Frisur – ein Sitzmöbel, auf dem man unbedingt gerade sitzen muss, und auf dem man sich zusammenreißt.

Daher verwende ich grundsätzlich das Wort „Sofa“ für das Sofa in meinem Zuhause. Und dass es nun seinen Dienst aus Altersgründen quittieren muss, bricht nicht nur mir das Herz. Ein neues wird angeschafft und das Wichtigste beim Testsitzen war die Frage, ob man sich dort zu zweit mit angezogenen Beinen seitlich niederlassen kann, in der Hand einen Longdrink oder einen Tee und: ob man Schokoladenflecken machen kann, ohne dass man sich ärgern muss.

Mir war auch wichtig, dass man aufrecht Platz nehmen könnte, denn vielleicht kommt meine Großmutter manchmal vorbei, ohne dass ich es merke, und dann soll sie es schön haben.

Das Lächeln der Namen.

 

vor Santorini und Santroini 1579

Jede Serie hat ein Ende, so auch die Namen-Aktionswochen dieses Blogs. Zum glücklichen Abschluss gibt es zufällig fast nur Namen, die gut gelaunt sind. Wie immer gilt: es ist das, was ich sehe. Ein anderer Mensch, der mit Synästhesie lebt, sieht die Namen anders. Und: das, was ich beschreibe, entspringt der Ordinal Linguistic Personification, einer Variante von Synästhesie.

(Es erklingt Musik, die mit breiten, zuversichtlichen und leicht melancholischen Pinselstrichen den folgenden Text unterstreicht).

Christoph: ist ein dynamischer Name, mattgelb, mattorange, bräunlich; der erste Christoph, den ich kannte, hat den Namen besetzt. Ein brünettes Kleinkind im liebegelben Jogginganzug. Er sitzt auf einem roten Bobby-Car und schaut sich den Namen an. Davon abgesehen ist das C weiß. Sonniger Hintergrund – dieser Name ist ziemlich gut gelaunt.

Marianne: ein warmer Name, rotlockig, fürsorglich blickt er aus den tannengrünen, mooshaft angeordneten, saftorangenen Buchstaben heraus. Ein tiefes Rot liegt wie Licht über den Buchstaben. Die echte Marianne, die ich Frau W. nannte, schaut lächelnd auf mich herunter. Und ja: sie hatte rote Locken.

Clarence: ist ein hellgraublauer Name. Seine Buchstaben sehen vornehm hochgewachsen aus, das C wendet sich leicht ab und ein Orden ist zu sehen.

Judith: Ich habe mich sehr gefreut, dass Judith “Judith” eingereicht hat. Denn: der Name ist einer der fröhlichsten Namen, die mir je begegnet sind. Es mag damit zusammenhängen, dass ich als Kind eine Judith kannte, die man als „Frohnatur“ bezeichnen könnte, wenn man jemand wäre, der Menschen „Frohnatur“ nennt. Der Name ist rot, weiß, hellblau. Die Buchstaben sind schwer zu sehen, denn das Wortwesen des Namens drängelt sich vor und ist ausgesprochen heiter gestimmt. Es hat hellblonde, schulterlange Haare mit einem Pony. Seine Wangen sind rot und die Augen blauer als der Himmel, sie strahlen mich an. Es breitet die Arme aus und will umarmen. Und: er trägt eine hellblaue Cordschlaglatzhose und ein weißes Leibchen mit rot gesticktem Zickzackmuster. Und erst wenn ich das gesehen habe, dann geht eine Art Vorhang beiseite und die Buchstaben sind zu sehen. Sie sind vornehmlich rot und weiß , das J hat blonde Locken. Das h hinten und auch das I-Tüpfelchen sind weiß.

Caterina: siehe Katharina, nur etwas weißlicher durch das C und in der Mitte ockerfarbener.

katarina (kleingeschrieben): siehe Katharina, nur ohne das Lieblichweiße. Und etwas kleiner. Vielleicht weil das h fehlt.

Tom: ist ein Lieblingsname und sieht aus wie ein gewissenhafter Junge in Latzhose; die ist hellblaugrau und der Rollkragenpullover, den er darunter trägt, ist dunkelblau. Der Name ist brünett, hat lange Strähnen, die über die Augen gehen. Die Buchstaben spielen keine erhebliche Rolle, das T ist die genannte Jungenfigur, das o und das m gleiten aus seinen Armen heraus. Der Name ist übergeordnet tintenblau, der Hintergrund weiß. Manchmal wechselt die Frisur kurz, dann hat Tom braune Locken und keine Latzhose an. Als werde der Name erwachsen. Der Name ist mir begegnet, als ich noch nicht schreiben konnte, daher spielt das Wortwesen offenbar eine größere Rolle als die Buchstaben.

Tristan: war nie an reale Figuren gebunden. Seine Buchstaben sind goldgelb, ein wenig Blau ist dabei, vor allem beim „an“ und der Hintergrund ist weißlich. Das T hat ein sensibles Gesicht mit einem breiten Mund. Es gab in der Serie „Verbotene Liebe“ diesen Tristan, der kein Sympathieträger war. Sein Profil schaut von rechts zu den Buchstaben hin und wirkt etwas gereizt.

Gabriele: ist ein grüngrauer Name und trägt ein Medaillon. In Teilen wirkt er marmoriert. Der Name hat eine entfernte Frisur, die dunkler ist, vermutlich mit ersten grauen Streifen – ich kann sie nicht gut erkennen, weil der Name sich weit links im Raum aufhält und etwas sucht, bzw. etwas hin- und herräumt.

Sonja: ist ein Name mit zentralen Strahlen. Das Wortwesen lächelt aus der Mitte des Wortes heraus, um das Gesicht herum sind hellweiße Zartstrahlen angeordnet. Die Farben sind warmdunkelbraun, flachsgelb, erdig und sonnig und sicherlich kommen die Sonnenelemente vom Wort Sonne, das sich in Sonja versteckt. Die erste Sonja, die ich kannte, steht mit dem Rücken zu mir in einem roten Pullover und betrachtet das Wort kritisch, obwohl: sie betrachtet vielmehr eine längst vergangene Szene kritisch – zu Recht!

Aniol: war mir völlig neu. Ich sehe verschiedene Versionen Aniol, je nachdem, wie der Name ausgesprochen wird. Mit langem oder kurzem o, mit einem i oder einem j (drei- oder zweisilbig). (Ähnlich wie bei Dominik). Der Name ist grundsätzlich schwarz, lila und hellgrau. Im wärmsten Sinne. Das A ist zuverlässig, im Hintergrund stehen Nachtbäume. Ist das o ein kurzes o, wie in „offen“, dann ist es hellgrau. Ist es ein langes o, wie in „Monat“, dann verschwimmt es zu einem dunklen See. Der Name spielt sich in der Nacht ab, Mondsichelbeschienen. (Jetzt habe ich erfahren: er werde eher zweisilbig mit offenem o ausgesprochen und keine Silbe werde besonders betont. Dadurch wird er weniger nachtschwer und eher morgengraufrisch – die Grundfarben bleiben gleich, sind jedoch etwas leichter als bei der anderen Aussprache).

Federica: der Name ist ockerfarben und weiß. Es gibt einen Pinselstrich Blau beim a und zudem wirkt der Name sehr mütterlich.

Olga/Olja: Olga ist warmbraun und schwarz, mit weißlilafarbenen Augen. Der Name ähnelt einer freundlich blickenden Eule – Olja hingegen ist graublau gespickt und öffnet einen helleren Raum. Irgendwo schwebt auch ein hellgrauer Rollkragenpullover durch das Bild – bei beiden Versionen (Tag und Nacht).

Konrad: Konrad ist sachlich aufgebaut, birgt bräunliche, weiße und schwarze Elemente und eine Frisur mit einem lockigen Pony, der nonchalant ins Gesicht hängt. Konrad steht vor einer Schreibtischlampe (Bauhausstil) und hält seine Arme verschränkt. Er denkt nach. Die Buchstaben sind schwarz, braun und weiß.

Nena: ist visuell schwer zu trennen von Nena. Wenn ich aber an deren Erscheinung, die von links ins Bild schlendert, vorbeischaue, dann sehe ich das vorwitzige N, lachsfarbene und milchkaffeefarbene Restbuchstaben, und alle zusammen tänzeln auf weißen Wolken.

Pina: Die Buchstaben sind graphisch und klar. Sie haben schwarze Umrisse und sind grundsätzlich weiß. Gelbe Tupfer liegen ungeordnet auf den Kleinbuchstaben ina. Das P ist Mittelpunkt eines Auges. Das Auge ist expressiv verschnörkelt und spielt eine wichtige Rolle. Der Hintergrund ist hell. Der Name steht ungewöhnlich weit oben im inneren Raum.

Isabell: Der Name ist champagnerfarben, hell, weiß, mit einer wunderschönen Frisur, wie ich sie als Kind nie hatte, doch schmachtend bei anderen Mädchen bewunderte: blond, gekämmt, lang, glatt, mit zartbraunem Teint. Der Name Isabell hat saubere, weiße Kleidung an und macht sich nie schmutzig. Das I ist vornehm, die anderen Buchstaben gehen in ein sanftes Hellblau über, und alles ist Kleid, und alles ist schön und bestimmt hat der Name immer Taschentücher dabei. Und spielt ein Instrument, ein wunderschönes Instrument, aber nicht Harfe, das wäre zu plakativ, eher eine sanfte Geige, die erste Geige. Wäre mein Name Isabell, so denke ich gerade, dann wäre ich all das geworden.

Jetzt kämen die letzten Pinselstrichakkorde. Vielen Dank für die Namen und das Vertrauen.

Seine Augen waren ihm weit voraus.

Der Ort meiner Kindheit, der damals noch als „Arbeiterstadtteil“ galt, barg diverse Romanfiguren, die eigentlich nie arbeiteten und dafür Zeit hatten, sich mit mir zu unterhalten. Ich war neun und neugierig.

Es gab beispielsweise:

  • Den „Mörder“. Er trug Tatoos am vermutlich ganzen Körper und hatte zig Jahre im „Bau“ verbracht und erklärte mir: „Mein Herz ist schlecht. Aber meine Seele ist gut. Gott kennt meine Seele.“ Ich sagte: „Aha“ und dachte gleichzeitig, das sind mal Augen. (Sie schimmerten tiefblauer und lieblicher als der Himmel).
  • Die Frau, die immer rauchte. Sie war zudem mehr als übergewichtig und trug im Winter und im Sommer die gleichen Kleidungsstücke: einen blauen Faltenrock, einen grauen Anorak, Sandalen, Stützstrumpfhose, Hornbrille, graue Strähnenhaare und Zigaretten. Sie erklärte mir, dass sie immer auf jener Bank sitze, weil sie zu Hause nicht rauchen dürfe. Umso besser für mich, sie war stets bereit für einen kleinen Plausch, und sie hieß Frau K. – ich weiß gar nicht, ob sie meinen Namen wusste.
  • Der Mann in der braunen Lederjacke. Er trug einen Zigarettenstummel im Mundwinkel, einen Hut und sah im Grunde aus wie ein dünner Schurke aus einer Astrid-Lindgren-Verfilmung. Er grüßte höflich und ich ihn sowieso. Ich malte mir aus, wie er wohl wohnte. Weil er eigentlich so aussah, als wohne er überhaupt nicht. Eines Tages verwickelte ich ihn in ein Gespräch darüber. Er erklärte, er habe über seinem Bett ein Bild von zwei Engeln hängen. Ich dürfe es mir mal anschauen, aber da müsse – und das betonte er unverzüglich – natürlich mein Vater mitkommen.
  • Die „Jungenbande“, die mich jagte. (Mit dem Fahrrad so schnell werden, dass man fliegen konnte). Vielleicht waren es eigentlich nur zwei. Nein, es waren drei. Und sich am nächsten Tag wieder auf die Straße trauen. Weil Frau K. bestimmt noch etwas zu erzählen hatte.

Ich weiß nicht, ob sie alle noch leben; diese „Jungenbande“ vermutlich schon. Der Lederjackenmann eher nicht, und ich möchte glauben, dass jemand sein Engelbild geerbt hat. Ich vermute auch, dass Frau K. längst woanders raucht. Ich hoffe, sie hat eine Bank. Ich wünsche mir, dass der „Mörder“ seinen Frieden gefunden hat. (Seine Augen waren ihm weit voraus).

Der Tag, an dem Lord Rechtschreibung mit dem edlen Finger fuchtelte.

 

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Am zweiten Weihnachtsfeiertag betrat ganz unvermittelt das Wort „Sehnsicht“ die Bühne. Es ist ein Wort, das auf den ersten Blick falsch wirkt, nach einem [sic!] krakeelt; Lord Rechtschreibung fuchtelt warnend mit dem edlen Finger. Das Wort „Sehnsucht“ bekommt Existenzängste, und ein Rauschen, eine Unruhe befällt den inneren Raum.

Denn Sehnsicht ist vielleicht ein Wort, das mir im täglichen Gebrauch fehlt, sonst wäre es doch nicht aufgetaucht?

Während Sehnsucht eher überfallend schmerzt, so ist meine Idee von Sehnsicht, dass sie milde ist; sie tritt auf, wenn man sich danach sehnt, etwas zu sehen. Oder jemanden zu sehen. Ohne Schmerz. (Kann man sich ohne Schmerzen nach etwas sehnen? Vermutlich nicht, ruft die Semantikpolizei und wedelt mit Konnotationen herum – doch wir ignorieren sie für die nächsten Minuten. Nur kurz, denn Sehnsicht ist nicht einmal ein grammatischer Glanzfall. Daher wird das Wort nach diesem Text wieder verschwinden).

Doch wenn es das Wort gäbe, dann wäre es das leichte Ziehen, das Sehnen, das Wünschen, dass das äußere oder innere Auge jemanden oder etwas erfassen möge. Das kann überdies etwas sein, das längst vorbei ist: Vergangenheitssilberaugenblicke, es können Illusionen sein und sogar ein Ringen um etwas, das in der Zukunft schon hin- und herläuft, ruht oder einfach da ist. Wichtig ist nur: es tut nicht weh.

An Weihnachten gab es vorübergehende Momente der Sehnsicht. Ein Wunsch, z. B. Schnee zu sehen, verstorbene Ideen wiederzubeleben, nach Bedeutung der Hüllen, die ringsum in der Stadt aufgestellt waren, ohne Schmerz. Denn die schlichtgelb bemalte Gegenwart ist da, ein Zuhause, Freiheit.

Die Sehnsicht nach speziellen Gerüchen war unterhaltsam; ich wollte Schnee und mehr, diesen Geruch! Schneeduft sieht aus wie hellblaue Spitzenschuhe (horizontal positioniert und ohne Bänder). Und auch grau. Und – natürlich ist der Hintergrund von Schneegeruch weiß. Der Duft ist lediglich in meiner Sehnsicht zu finden, denn es roch schon länger nicht nach Schnee.

Sehnsicht ist der Flaschengeist, der das sichtbar macht, was gerade nicht im Blickfeld ist. Es ist jedoch Bullerbüschnee, den der Flaschengeist mir zeigt, nicht der reale Stadtschnee, der grau wird und schnell nach Benzin riecht. Und ich falle immer wieder darauf herein.

Schnee stand auch für mehr – und das war der Moment, in dem die Sehnsucht übernahm. Schnee stand für etwas mit einem Korb, für etwas mit bestimmten Menschen; für einen Weg am Morgen, Klavier, bestimmt auch nach etwas, das nie da war, aber trotzdem nah war.

Während die Sehnsucht in alle Körperecken vordringt, ist die Sehnsicht an die Augen gebunden. Das ist das Gute, die Überschaubarkeit.

Und nun darf das grammatisch unglückliche, auch sonst nicht so hübsche Wort wieder verschwinden. Es reichen Beschreibungen aus, es braucht kein neues Wort. Die Wortfreunde im inneren Raum können sich alle wieder beruhigen. Auch Lord Rechtschreibung möge sich getrost entspannen und die bestiefelten Beine hochlegen. Und die Semantikpolizei hat bestimmt auch anderes zu tun, als in diesem Text zu ermitteln.

 

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