Wenig Text, viele Aufzählungen und das Gesicht einer Robbe.

Dezember und Januar 175

Und von Zeit zu Zeit gibt es das große Glück, dass man einen Stein findet, der das Gesicht einer Robbe trägt.

Eine Freude ist auch, dass dieses Foto verdeutlicht, wie Wörter in meinem inneren Raum aussehen können. Im Vordergrund, im Hintergrund und natürlich im Nebengrund wären dann noch die Buchstaben – säulenhaft, porträtartig oder sachlich – angeordnet.

Die Struktur, die Farbe, das Licht – all das gibt nahezu naturgetreu wieder, was ich sehe, wenn ich etwas höre. Oder rieche. Oder fühle.

Das Bild könnte auch Musik abbilden. Vielleicht Brahms. Auf keinen Fall Bach, schon gar nicht Beethoven. Coldplay, es könnte auch Coldplay sein. Obschon – es fehlt das Funkellicht im Hintergrund. Das aufblitzt bei so manchen Akkorden. Doch dazu ein andermal.

Gezeichnete Synästhesie: Der ordentliche Bach.

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Bach hören ist fast so beruhigend, wie einer Giraffe tief in die Augen zu schauen. Jeder Ton sitzt (genau berechnet) an seinem Ort und wartet. Und wenn das Stück zu ihm kommt, dann ist der Ton beflissentlich und selbstverständlich sofort zur Stelle.

Emotionale Passagen gibt es auch bei Bach. Sie sind vielleicht nicht ganz so lieblich wie bei Brahms oder so anrührend wie bei Mozart. Bei Bach laufen die Gefühle recht undramatisch vor einem mathematisch ausgefeilten Hintergrund herum.

Und das hat durchaus Vorteile, die nicht unbedingt sofort ersichtlich werden. Denn allzu oft ist Bach doch mehr etwas für den zweiten Blick. Sein Moosgrün und sein Grau locken keine besonders starken synästhetischen Wallungen hervor, und dass das Cembalo sich weißgleißend wichtig macht, ist eher etwas für den besonderen Geschmack.

Doch vielleicht ist es besser so. Denn möglicherweise wäre Bachs Tiefe viel zu herzergreifend, verliehe er ihnen nicht diese solide Grundlage. Zu stark wäre Bachs innerer Aufruhr für ein einzelnes Herz und deswegen ist es gut, dass er ein gewissenhafter Rechner war.

Und wenn etwas im Leben gerade herzzerreißend ist und eine Musik verlangt wird, die noch einsamer ist als die Stimme einer Trompete – und wenn trotzdem eine gewisse Ordnung ersehnt wird und das Gefühl, dass jemand weiß, was er tut und dass dieser aber auch weiß, was tief empfundenes Leid ist – und wenn man gleichzeitig Angst vor zu großen und tiefen Gefühlen hat, weil man noch wohin muss gleich und sich nicht mit Leib und Seele dem Schmerz und Weltwehklagen hingeben kann – und wenn man außerdem wissen möchte, wann dieser Schachtelsatz denn endlich zu Ende geht – dann empfehle ich diese Cello Suiten:

https://www.youtube.com/watch?v=mGQLXRTl3Z0