Der Tag, an dem Lord Rechtschreibung mit dem edlen Finger fuchtelte.

 

IMG_4629

Am zweiten Weihnachtsfeiertag betrat ganz unvermittelt das Wort „Sehnsicht“ die Bühne. Es ist ein Wort, das auf den ersten Blick falsch wirkt, nach einem [sic!] krakeelt; Lord Rechtschreibung fuchtelt warnend mit dem edlen Finger. Das Wort „Sehnsucht“ bekommt Existenzängste, und ein Rauschen, eine Unruhe befällt den inneren Raum.

Denn Sehnsicht ist vielleicht ein Wort, das mir im täglichen Gebrauch fehlt, sonst wäre es doch nicht aufgetaucht?

Während Sehnsucht eher überfallend schmerzt, so ist meine Idee von Sehnsicht, dass sie milde ist; sie tritt auf, wenn man sich danach sehnt, etwas zu sehen. Oder jemanden zu sehen. Ohne Schmerz. (Kann man sich ohne Schmerzen nach etwas sehnen? Vermutlich nicht, ruft die Semantikpolizei und wedelt mit Konnotationen herum – doch wir ignorieren sie für die nächsten Minuten. Nur kurz, denn Sehnsicht ist nicht einmal ein grammatischer Glanzfall. Daher wird das Wort nach diesem Text wieder verschwinden).

Doch wenn es das Wort gäbe, dann wäre es das leichte Ziehen, das Sehnen, das Wünschen, dass das äußere oder innere Auge jemanden oder etwas erfassen möge. Das kann überdies etwas sein, das längst vorbei ist: Vergangenheitssilberaugenblicke, es können Illusionen sein und sogar ein Ringen um etwas, das in der Zukunft schon hin- und herläuft, ruht oder einfach da ist. Wichtig ist nur: es tut nicht weh.

An Weihnachten gab es vorübergehende Momente der Sehnsicht. Ein Wunsch, z. B. Schnee zu sehen, verstorbene Ideen wiederzubeleben, nach Bedeutung der Hüllen, die ringsum in der Stadt aufgestellt waren, ohne Schmerz. Denn die schlichtgelb bemalte Gegenwart ist da, ein Zuhause, Freiheit.

Die Sehnsicht nach speziellen Gerüchen war unterhaltsam; ich wollte Schnee und mehr, diesen Geruch! Schneeduft sieht aus wie hellblaue Spitzenschuhe (horizontal positioniert und ohne Bänder). Und auch grau. Und – natürlich ist der Hintergrund von Schneegeruch weiß. Der Duft ist lediglich in meiner Sehnsicht zu finden, denn es roch schon länger nicht nach Schnee.

Sehnsicht ist der Flaschengeist, der das sichtbar macht, was gerade nicht im Blickfeld ist. Es ist jedoch Bullerbüschnee, den der Flaschengeist mir zeigt, nicht der reale Stadtschnee, der grau wird und schnell nach Benzin riecht. Und ich falle immer wieder darauf herein.

Schnee stand auch für mehr – und das war der Moment, in dem die Sehnsucht übernahm. Schnee stand für etwas mit einem Korb, für etwas mit bestimmten Menschen; für einen Weg am Morgen, Klavier, bestimmt auch nach etwas, das nie da war, aber trotzdem nah war.

Während die Sehnsucht in alle Körperecken vordringt, ist die Sehnsicht an die Augen gebunden. Das ist das Gute, die Überschaubarkeit.

Und nun darf das grammatisch unglückliche, auch sonst nicht so hübsche Wort wieder verschwinden. Es reichen Beschreibungen aus, es braucht kein neues Wort. Die Wortfreunde im inneren Raum können sich alle wieder beruhigen. Auch Lord Rechtschreibung möge sich getrost entspannen und die bestiefelten Beine hochlegen. Und die Semantikpolizei hat bestimmt auch anderes zu tun, als in diesem Text zu ermitteln.

 

Advertisements