Tulpen, Dienstag, Gesichter und die Frage, was ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde.

Die meisten Wörter haben gesichtsähnliche Konturen. Oft schauen Flecken augengleich durch Buchstaben hindurch.

So bei Tulpen: Ein Auberginefarbenes V bildet die Form aus dem das Wort Tulpe entspringt (mit rotschwarzen Buchstaben). Schwarze Flecken sind im Hintergrund auf einer vasengemusterten Tapete zu sehen. Diese bilden den Augeneindruck.

Ähnlich ist es beim Mittwoch: Ein rotes Wort mit schwarzen Flecken unter einer lockigen Ponyfrisur. Diese schauen stumpf durch die Gegend und warten auf Neues, das die Erinnerung an diesen oder jenen Mitwoch füllen wird.

Morgen steht der lichtglitzerndgelbe Dienstag ins Haus. Er ist etwas heller als das Liebegelb und im Profil zu sehen; darüberhinaus verfügt er über ein sehr spitzes Dreieck nach links, das an eine Nase erinnert. Hellbraune Locken krönen den Dienstagmittag (oben).

Jedoch können die Locken nur Eingeweihte sehen. Viel dominanter ist die vorwitzige Dienstagsnase. Fast könnte man vermuten, dass sie am Mittwoch schnuppert. Doch warum sollte der Dienstag das tun?

All diese Fragen beschäftigen mich seit ich Wörter sehe, und daher kann ich auf eine einsame Insel getrost Kosmetikartikel oder Wechselwäsche mitnehmen. Nur falls mal jemand fragt.

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Das Innen im Außen: Ersetze Seestern durch Montag.

DSC_0218 Auf der Suche nach Bildern, die einen Einblick in den inneren Raum geben, stieß ich auf dieses: wenn man sich den Seestern wegdenkt und stattdessen die Buchstaben des Montags dort einsetzt und sich darüberhinaus einen Mantel dazu denkt, dann kann man ein wenig erahnen, wie er aussieht, der feine Herr.

Service an die Leserschaft: Wie Du in meinem Kalender aussiehst

Meine beste Freundin bat mich, etwas aufzuschreiben, was ich ihr einmal gesagt habe: Wie es aussieht, wenn ich sie treffen werde.

Nehmen wir einmal an, ich treffe sie an einem Freitag. Um 16 Uhr. Bei mir.

Freitag ist ein eigelbfarbener (hartgekocht!!) Tag mit hellblauen Flecken und schwarzen Schatten. 16 Uhr sieht sesamknäckebrotfarben aus. Dieses bestimmte Braun mit mehlhellen Gruben. Nicht zu verwechseln mit dem vollkornknäckebrotfarbenen Samstag.

Meine beste Freundin hat einen Namen, der weißsilber ist, aber nicht so gedämpft und bieder wie beim Sonntag (auch ohne dessen Dauerwelle). Ihr Name beginnt mit J und das ist sehr dominant (leicht grau), der Rest des Wortes verschwindet gen hinten in blauen Wolken, denn sie wird meist abgekürzt. Es gibt noch einen Kosenamen von mir für sie, der wäre senfgelb, doch ich will jetzt niemanden verwirren, bleiben wir also beim offiziellen Namen.

Dieser wiederum ist kein sehr außergewöhnlicher Vorname und daher kenne ich noch die ein oder andere J. Doch wenn ich an meine beste Freundin denke, so ist ihr Gesicht in den Buchstaben J eingefügt, und zudem ist der Name noch etwas vertrautglanzvoller. Sie schaut im Profil Richtung Name. Dieser Name steht vor dem Bild was ich von ihr als Person habe. Doch das eilt in einem zweiten Schritt herbei. Eilen trifft es sehr gut, denn da sie sehr sportiv ist, hastet sie mit spagatförmigen Schritten Richtung Name.

Freitag, 16 Uhr, J. treffen. Bei mir.

Bei mir ist gelbgrün, zunächst. Bei mir ist auch mein reales Wohnzimmer.

Nun fügt sich alles wie folgt zusammen: am eigelbfarbenen (wie gesagt, hartgekocht) Freitag, mit dunklen Gruben und hellblauen Flecken sitzt am Nachmittag das sesamknäckefarbene 16 Uhr (oder auch das rote 4 Uhr) im grüngelben Beimir, und der weißsilbergraue J-Name steht sittsam daneben. Hatte ich schon erwähnt, das jeder Tag eine Art ovale Schleife ist? Der Nachmittag ist wie bei der Uhr auf der rechten Seite mittig.

Zugleich eilt mein Bild von J. spagatförmig auf den Nachmittag, das 16 Uhr-Feld, ihren eigenen Namen und mein reales Wohnzimmer zu und das Ganze ab dem Moment, in dem das Treffen vereinbart wurde.

Das, was uns ausmacht, das, was wir dann sprechen und das, worüber wir lachen (seltener: weinen) wird hinterher mit dem o. g. Bild verwoben. Zukunft wird Erinnerung und wenn J. diese letzten Worte liest, wird sie sagen: ach Gott, bist du immer sentimental, ich kann damit ja nicht so umgehen – – und deswegen höre ich jetzt auf und lasse sie in ihrem silbergrauen J. mit Spagatschritten auf unseren nächsten Termin zulaufen (Sonntag, 13 Uhr). 13 Uhr ist  dann liebegelb, der Rest ist bekannt.

Nachtrag: ich habe das Freitagsgelb gefunden. Es ist die Farbe der Tür auf dem folgenden Foto. Hartgekochtes Eigelb ist jedoch deutlich schneller zu schreiben als: das Gelb einer Tür einer Gasse in Weimar, als die Sonne genau darauf schien.

Freitagsgelb in Weimar.
Freitagsgelb in Weimar.

Betagte Dame Sonntag.

Wie bereits erwähnt ist der Sonntag eine Dame. Weißsilbriggelockt. Leicht floral angehaucht (grau). Die grauen Blumen sind nur bei näherer Betrachtung der grauen Intarsien des Sonntags zu sehen.

Das Weiß ist etwas grauschmutzig, doch edel sieht sie aus: Sonntag.

Wörter haben auch eine geschlechtliche Zuordnung. Sicherlich gibt es laut Duden eine genaue Definition des Wortgeschlechts, die bestimmt dazu führt, dass sich alle besser untereinander verständigen können und es auch eine „korrekte“ Form gibt. Die zu Fehlern führt und Fehler sind gut, denn dann gibt es Bewertungsmaßstäbe und die wiederum führen zu einem Großen und Ganzen, das alle Nerven zu beruhigen scheint. Ich habe schon gesagt: ich passe mich zeitweise gerne dem Konsens der Sprache an.

Doch eigentlich ist Sonntag feminin. Sie ist in die Jahre gekommen und ich kann eine Hand sehen, an der ein grauer Ring ist. Sie ist am Vormittag weißer, strahlender und ihre Dauerwelle glänzt diamanten. Der Nachmittag ist das Knie der betagten Dame und das ist grau.

Es tritt beim Knie das Sonntagsgefühl auf. Und hat Sonntag voher noch mit ihrer beringten Hand einen Tee mit einem Schuss Likör getrunken (sie spreizt dabei den kleinen Finger ab, denn sie ist eine Dame und es ist wirklich nur ein ganz kleiner Schuss Likör), so versinkt sie am Nachmittag in ein kniegraues Tief.

Und sie reißt mich mit hinein in das Tief und der Tee und alles wird bitter, der Likör wirkt auf einmal bizarr und mittendrin kündigt sich schon der Montag an, der wirklich sehr schön aussieht, doch es geht eben nicht nur um Äußeres, die inneren Werte zählen – selbst bei einer Synästhetikerin wie mir.

Der Samstag hat ein Dach.

Wie bereits erwähnt, ist der Samstag nicht so schön wie sein Ruf.

Der Samstag ist vollkornknäckebrotfarben. Und: er hat auch die gleichen Einkerbungen wie ein Vollkornknäckebrot.

Somit ist er braun.

Mit graumehligweißen Gruben.

Im Samstag zu sein ist herrlich, denn Samstag ist ein freier Tag. Nur eben braun.

Alles was dort passiert, wird im Nachhinein ein wenig braun sein. Auch ein wenig schwarz. Der Samstag hat eine Art Kopf (dreistufig nach oben und auf der anderen Seite herunter), vielleicht ist es auch eher ein Dach. Er birgt alles, was an Samstagen geschehen ist. Im Gegensatz zum weißsilbriglockigen Sonntag, ist der Samstag ein herber, zuverlässiger Geselle mit Sinn für Humor.

Montag: ein Herr im Mantel.

Wochentage sind schon immer nicht nur Geschehnisflächen. Sie sind auch personenhafte Gebilde, in die der Tag mit seinen Zeiten sich hineinbettet. Der Tag und die Nacht verlaufen in einem Oval.

Wie sieht der Montag aus und was macht er?

Der Montag weckt mich in seinem blaulila Mantel. Er steht einfach neben meinem Bett und regt sich kaum. Ein leises Atmen gleitet durch das Zimmer. Samtblau der Mantel, ein Blau Richtung Lila. Er ist groß, der Montag. Sein Kopf wie das Dach eines Hauses mit Augen wie Fenstern.

Der Tag sieht schöner aus als sein Ruf. Ganz im Gegensatz zu Samstag.

Neujahr. Es passt nicht.

Auch wieder so eine Geschichte. Neujahr: rosarot. Mit weißen Strichen. Doch heute ist eigentlich Donnerstag. Grauliladunkel mit schwarzen Punkten (eher Löchern, aber nicht tief).

Was ist also heute für ein Tag? Die Tageszeiten liegen heute nun auf Rosarot. Mich irritiert, dass morgen der gelbe Freitag ist.

Neujahr. Auch so ein Feiertag, der die Woche auf den Kopf stellt. Wohin verschwindet der Donnerstag? Ist er in dieser Woche nicht vorhanden? Aber wo ist er dann?

Neujahr hätte farblich eher zum Mittwoch gepasst. Rottöne halt.