Über das Verwässern der Wörter und die Sache mit der Realität.

In diesem Blog habe ich viel über „die sogenannte Realität“ geschrieben und ein wenig mit ihr kokettiert. Dabei ging es mir um die individuelle Wahrnehmung der Dinge, der Wörter, der Farben. Um Synästhesie und mehr – um das Anerkennen dessen, dass jeder Mensch die Welt auf seine Art sieht.

Mir ging es dabei auch um die Strahlkraft der Wörter, um die Liebe zu unscheinbaren Wörtern, zu lustigen, leisen und sehr charismatischen, dramatischen Wörtern.

Ich habe von „vereinbarter Realität“ gesprochen, die auch einmal überprüft werden darf: sind es die Baumwipfel oder sind es die Flächen zwischen ihnen, die wir sehen? Mir ging es um Betrachtung, um Erweiterung des Sichtfelds und um die Freude daran, dass mein Blau vielleicht anders aussieht als Dein Blau.

Aber es ging immer um Blau und Blau heißt Blau. So ist es vereinbart und dass wir die Farbe in Nuancen unterschiedlich wahrnehmen ändert nichts an dieser Tatsache. Diese Tatsache ist wichtig für Kommunikation, Verständigung und für einen Halt in der Welt.

Als „postfaktisch“ zum Wort des Jahres bestimmt wurde, wurde mir angst und bange. Es bekam dadurch einen etablierten Touch. Und es kroch dennoch in meine Welt. Ich ertappte mich dabei, beim „Schingschangschong“ das Wort zu benutzen, ich erfand eine Geste und behauptete, ich habe gewonnen, das sei postfaktisches Schingschangschong. Lustig, lustig, aber eigentlich war es nicht lustig.

Verwässern beginnt im Witz, dann dringt es in tiefere Schichten.

Realität ist ein nützliches Set von Vereinbarungen, Fakten, Informationen. Sie ist der Halt, der Rahmen, in dem wir unsere Weltwahrnehmung ausbreiten können, fliegen können, Farben lieben, Menschen eh, Wörter sehen, Musik schmecken, was wir wollen. Wir sehen Dinge unterschiedlich, aber wir befinden uns in einem gemeinsamen Rahmen von Errungenschaften.

Hypothesenbildung ist Fortschritt, Forschen hilft, etwas in Frage stellen hilft, und: Lügen sind Lügen. Und beim Schingschangschong schummeln ist unanständig. Und das Verwässern von Wörtern ist gefährlich.

Und mein Blau ist mein Blau, aber es ist eben Blau.

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