Statt Karten.

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Manche Erinnerungen bewohnen bestimmte Wörter; und diese Wörter verhalten sich wie Aufklappkarten: sie beherbergen ein Miniatur-Universum, das alle Blicke auf sich zieht. Bisweilen spielen sie Musik ab, in seltenen Fällen sogar Gerüche.

Im Wort „Hannover“ wohnt u. a. meine längst verstorbene Großmutter. Gestern war ich in der realen Stadt und mir fielen – wie immer – mehrere Wörter vor die Augen, die eine Welt nach der anderen öffneten. (Z. B. „Hildesheimer Straße“: An der ringreichen Großmutterhand zu einem Spielzeuggeschäft in einer Seitengasse zwecks Porzellanpuppenneuausstattung gehen).

Meine Großmutter hatte viele Farben (Dunkelblau, Elfenbein, Niveaduft, Dauerwelle, Haarspray). Diese Farben umgaben meine Vorfreude auf sie und schwebten auch um sie herum, während ich bei ihr war. Bei Menschen sehe ich eigentlich keine Farben (im Sinne von einem „Aurasehen“ o. ä.). Bei ihr schon.

Sie war mädchenhaft, vornehm, schüchtern und leicht unterkühlt. Den Herd mied sie nach Möglichkeit, (wie auch Konflikte). Dafür gab es Erfrischungsstäbchen, Geschichten „aus dem Kriege“ und allerhand Besuche bei älteren Damen, z. B. bei einer ganz und gar rosagewandeten Großcousine. Die lebte in einem Bettenturm mit hoch aufgedrehter Heizung, offenem Fenster („Luft!“) und ihrer Tochter, die ihr Leben der langjährigen Pflege ihrer Mutter widmete. Das alles fand ich außerordentlich faszinierend. Ich sollte ans Bett vortreten (unnötig zu sagen, dass meine Großmutter, die Tochter und ich stehen mussten, denn es gab keine Stühle), sie gab eine Audienz und fragte u. a., „was die Schule mache“. Das wollten sie alle stets wissen, die vielen verwitweten („er blieb im Kriege“) Tanten und Großcousinen, die meine Großmutter und ich aufsuchten, damit ich a) erzählen könne, was die Schule nun mache, b) Geld und/oder Schokolade in die Hand gedrückt bekäme („Kauf dir was Schönes“) und c) hören dürfe, wem ich denn ähnlich sehe und wem nicht und woher ich irgendetwas hätte.

Ich durfte allein mit dem Zug nach Hannover fahren und fühlte mich wie eine Dame von Welt, auch wenn ich erst acht war. Wenn ich heute im ICE sitze, der so ganz andere Geräusche macht als die Züge in den 80ern und kein Micky-Maus-Heft lese, und wenn ich dann auch noch die Südstadt besuche, klappt eine Karte nach der anderen auf, und die Bilder vermischen sich mit den Ansagen kurz vor Hannover („Alle vorgesehenen Anschlusszüge werden erreicht“ Oder auch nicht.):

Die Wanduhr, die zu jeder Stunde schlug. Der Besuch bei einer Nenntante, deren doch recht erwachsener Sohn noch bei ihr wohnte. Der Hanni-und-Nanni-Plattenspieler und jeder Schritt auf irgendeinem Teppich (über laute Dielen), denn davon gab es bestimmt 37, vielleicht etwas weniger. Das Himmelbett (aus meiner Sicht, eventuell war es nur ein normales Bett mit hohen Bettpfosten) und ein Balkon, so etwas kannte ich gar nicht, von dem aus man auf Passanten etwas hätte werfen können, was ich natürlich nicht gemacht habe. Der bereits erwähnte Gang „ums Viereck“, täglich einmal an den Maschsee, („um in die Gänge zu kommen“), seltene Spielplatzbesuche („Vorsicht, sowas kannst du machen, wenn deine Mutter dabei ist!“) und Coop-Einkäufe (Blauweiß). Die nahezu unbenutzte Küche mit roten Stühlen, die „gute Stube“ („Oma, das heißt Wohnzimmer“), die Teddybärengeräusche, Fotoalben („erzähl nochmal, wie du Kohlen geklaut hast vom Zug, bitte, bitte, Oma“) und sie: immer im Faltenrock, immer frisiert, regelmäßiges Räuspern (bei ihr: lachsfarben schimmernd) und ihre unzähligen Floskeln, mit denen sie den Tag bestritt.

Es gefiel ihr nicht, dass ich älter wurde („pass auf, dass du nichts Unbedachtes tust“ – „Oma, das nervt“), es gefiel ihr nicht, dass sie älter wurde („Ich bin auch älter geworden“), es gab Unstimmigkeiten über politisches und privates.

Ich wünschte, ich könnte ihr sagen, dass eine ganze Stadt von ihr und alldem, was sie mir gegeben hat, beherrscht wird. Dass ich keinen Schritt tun kann, ohne dass sie dabei ist und unter ihren Schritten die knarrenden Dielen ihrer Wohnung. Dass sie für immer in jener Wohnung bleibt, obwohl sie noch in eine „Seniorenresidenz“ umzog; dass wir beide nicht älter geworden sind. Dass sie immer noch sagt: „Komm, wir gehen ums Viereck“, und ich schon weiß, es wird mehr sein, als ein Viereck. Dass sie und ich jedes Märchen nachspielen, und dass sie nicht sagt „ich komm da nicht mehr mit“, sondern bereitwillig die Rolle der bösen Hexe übernimmt.

Dass ich längst weiß, dass auch sie diese Aufklapp-Karten mit sich herumtrug, und dass der Krieg weit mehr war als Geschichten für mich.

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