Detailwissen.

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Je länger ich über meine synästhetischen Sichten schreibe, desto schärfer wird mein Blick für die Welt in Miniaturform. Vorher sah ich eher große und ganze Würfe Himmel, tulpenstarke Blüten, Licht und Dunkel ohne Grau.

Inzwischen kriecht mein Auge in den Spalt zwischen Balkongittern und bleibt in Kellergerüchen sitzen. Eine Form zwischen drei Wolken bekommt mehr Bedeutung als die Wolken an sich. Verwelkte Blumen stellen sich auf eine Bühne, weil sie zwar winzig sind und nicht mehr taugrün, doch filigraner als jeder Gedanke.

Nebel ist nicht mehr das großartige Grau, sondern ein weißes Tropfenmeer, das sich wie ein Globuliteppich über den Asphalt legt. Stimmen können ein Faltenrock sein, können zerfasert sein, und ihr Inhalt tritt für einen Moment zurück, während die Farben ihren Auftritt haben.

Mirabellengeläut kündigt die Nachtruhe an, weil es an Kissenrascheln erinnert. Und umgekehrt.

Das alles ist äußerst vergnüglich. Manchmal bin ich traurig, weil ich ein Detail verliere und es nicht wiederfinde. Oder weil ich keine Wörter entdecke für eine Farbe. Oder weil ich Baron von Kleckewitz vermisse, den ich lange nicht erwähnt habe. Oder weil mir gar nicht danach ist, zur Arbeit zu gehen, sondern ich lieber mit Tunichtgut und Taugenichts durch Ideen flanieren möchte. Oder – und das ist für meine Leserschaft der ersten Stunde ein alter Hut – weil ich nicht verstehe, dass ein so schönes Wort wie Chlamydien nicht für eine Blume oder wenigstens ein Waschmittel verwendet wird. .

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