Die vierte Kugel.

Menschen sind unterschiedlich. So auch Menschen, die mit Synästhesie leben. Keiner sieht die Welt wie der andere. Ob mit oder ohne Synästhesie: die Art, wie wir die Welt wahrnehmen ist einmalig. Wenn ich sage: „Das Wort XY ist blau mit weißen Säulen“, dann ist das nur in meinen Augen so. Wenn ich nun also bekanntgebe, dass jegliche Eissorten, außer bestimmten Standardkugeln, zu laut oder/und zu neonfarben schmecken, dann ist das – wie alles hier – eine rein piksynästhetische Aussage. In einem Eis-Etablissement greife ich – je nach Kugelmenge – zu den folgenden Sorten, die hierarchisch sortiert sind:

  • Stracciatella
  • Zitrone
  • Schokolade

Sollte ich einmal vier Kugeln bestellen, einfach nur, um den Gesichtsausdruck der Eisverkäuferinnen (zweifelnd, ungläubig, mich kritisch bis abschätzig musternd) oder den der Eisverkäufer (begeistert, anerkennend, mich wohlwollend bis wohlig musternd) zu sehen – dann nehme ich noch Waldmeister, wegen der Farbe, lasse davon das meiste aber im Becher zurück. Ich lerne nicht dazu.

Es gibt Tage, an denen ich denke, alles muss anders werden, ich darf nicht so festgelegt sein. Flexibilität! Spontaneität! Mut! Zum Frisör gehen wäre in so einem Fall wesentlich riskanter, als z. B. Melone-Eis zu wählen. Doch jedes Mal, wenn ich mich selbst motiviere, etwas anderes zu nehmen als die o. g. drei Sorten, dann bin ich entsetzt. Die sind so grell! Sie ecken im Mund an – sie schmecken nicht wie Stracciatella, Zitrone, Schokolade! Sie schmecken nicht einmal wie Schnee – (nicht so wie die vielen K-Wörter!). Lieber verzichte ich auf die geschlechtsspezifischen Gesichtsaudrücke, als dass ich mir das antue.

Die aufmerksame Leserschaft wird bemerkt haben, dass ich bei Eis aus entsprechenden Etablissements recht leidenschaftlich werde. Nicht so ungestüm bin ich bei Eis aus dem Supermarkt. Da nehme ich gerne Edles von einer Marke mit zwei englischen Jungennamen. Außer natürlich etwas mit Erdbeer (zu aufdringlich) oder mit Banane (zu abgestanden).

An einem geldgebeutelten Tag entscheide ich mich auch für etwas im Schmalhanssinne, das immer schon gut war: es fängt mit V an und besteht aus Eis in Zartschokoschichten. Da erwerbe ich ausschließlich das mit Vanille! Klar! Denn das ist nicht zu gleißend auf der Zunge.

Eventuell bin ich doch auch bei Supermarkteis heißblütiger als ich dachte. Schwierig finde ich, dass Eis so kalt ist – am liebsten esse ich es leicht angetaut und mische alle Sorten zu einem soßenartigen Eisbrei. Das Wort „Eisbrei“ ist übrigens weniger schön, als das Ding an sich geschmacklich aussieht. Optisch natürlich weniger.

Das alles klingt komplizierter als es ist. Jeder, der mich kennt, kann für mich jederzeit an jedem Ort der Welt Eis besorgen, während ich einen geeigneten Sitzplatz finde. Und der befindet sich weit weg von speienden Wolken allzu lauter Graustimmler, von schreienden Geruchsfarben und muss außerdem freundlichfarben sein, von allen Seiten.

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