Etwas über Behaarung. Wenig über Synästhesie. Viel in Wir-Form.

Madeira 611

Aus sprachschönen Gründen ist der folgende Text in der „Wir-Form“ abgefasst. Wer sich nicht mit den Inhalten identifiziert, möge sich sanft und freundlich aus dem „Wir“ herausnehmen und einfach zuschauen.

Perfektion ist ein sehr, sehr popelfarbenes und beiges Wort. Merkwürdig, dass wir dennoch perfekt sein wollen. Selbst in der Unvollkommenheit sind wir vollkommen – das, was wir nicht können, machen wir – wenn es sich dafür eignet – zu unserem charmanten Erkennungszeichen. Das andere verstecken wir hinter der Fassade.

Es gibt natürlich die Dinge, die unberührbar vollkommen sind, siehe das Geigenspiel von bestimmten Virtuosinnen. Bloß – haben wir sie deswegen mehr lieb? Ist es nicht eher so, dass wir beruhigt sind, wenn wir ihr Atmen hören, z. B. auf einer alten Aufnahme? Weil wir dann wissen, dass auch sie leben, dass sie atmen und auch – bei aller Liebe zur Musik – vielleicht sogar gelegentlich die Toilette aufsuchen müssen?

Oder: dieser „crunchy“ Sound der Platten und – ach, wenn die Plattennadel ihre Spur finden möchte. Das alles gibt – aus synästhetischer Sicht – so viel mehr Farbglanz her als Vollkommenheit.

Apropos Glanz: dieses haarlose Dasein. Wohl dem und wohl der, die sich davon nicht beeindrucken lässt. Wir anderen folgen einem Diktat der Glattheit – mehr oder minder stark und weitflächig bzw. weitwinkelig ausgeprägt. Nicht einmal Stoppeln gibt es mehr zu sehen.

„Aus Gründen der gepflegten Ästhetik!“, ruft jetzt vielleicht die aufgebrachte Leserschaft im Chor (obwohl – während ich die Leserschaft immer als eine Gruppe vor mir sehe, so sitzen und stehen sie vermutlich doch eher vereinzelt in der Weltgeschichte herum beim Lesen und nicht versammelt vor einem riesigen Monitor). Bevor meine Leserschaft nun beginnt, über meinen „Pflege“-Zustand zu fantasieren, möchte ich uns alle fragen: Wer bestimmt, was Ästhetik ist, und sind wir überhaupt noch dazu in der Lage zu beurteilen, ob wir das beurteilen können?

Was an diesem Thema synästhetisch (und mehr) ist? Ganz einfach: Das Leben wird farbloser, wenn es gleicher und glatter wird. Das erkannte ich, als ich einmal eine Frau traf. Sie trug ursprünglich rasierte Achseln, doch es bildete sich schon ein grauer Schatten. Diesen Grauschatten sah ich, weil sie den Arm leicht zurücknahm, da sie für einen Moment gänzlich selbstvergessen war. Ein kurzer, unvergesslicher Einblick in eine Privatheit, der nachdrücklicher in meiner Erinnerung blieb, als das, was sie sonst über sich erzählte.

Ein Grauschatten, ein Atmen, ein Husten, ein Versprecher, ein Rechtschreib“fehler“, ein Komma, das fehlt, ein Ich, das sich sucht, ein Fleck, Stoppeln, Haare, ein Weg, der noch nicht eingeschlagen wurde, eine Hautunreinheit, ein verschüttetes Bier, ein Körper, der einfach dient und nicht gemessen und beurteilt werden möchte, eine Farbe, die noch nicht richtig passt, ein Wort, das nicht perfekt platziert ist und noch auf seine Bestimmung wartet, ein Baum, eine Palme, die gestützt werden muss, all das ist weder perfekt noch popelfarben.

Es ist jedoch das, was Augenblicke veredeln und Spuren in Gedanken hinterlassen kann. Was Begegnungen unvergesslich macht und was zeigt, wer wir eigentlich sind: unperfekte, liebenswerte Wesen mit Haaren, Haut und unseren einzigartigen Gedanken, Gefühlen, Wahrnehmungen, Düften und Körpern.

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