Synästhesie und Essen. (Und ein bisschen auch darüber, was Liebe ist).

England 2009 006

Gestern Nachmittag. Eine Szene in einem spanischen Restaurant. In einer großen Stadt. Die Tapas wurden soeben abgeräumt.

  • Du: „Jetzt kann ich noch einen Nachtisch gebrauchen:“
  • Ich: „Ich will dann auch einen.“
  • Du: „Wo steht denn der auf der Karte? Gibt es hier überhaupt Nachtisch?“
  • Ich: „Hier, mitten zwischen den Tapas.“
  • Du: „Mmh. Sind jetzt nicht so unsere Leibspeisen.“
  • Ich: „Es gibt Mandeltorte, Eierpudding und Frischkäseeis. Ich finde, dass das Wort Eierpudding äußerst unappetitlich aussieht. Es sieht ein bisschen aus wie Eifrisch. Widerlich!“
  • Du: „Nimm doch Frischkäseeis. Und – ist das nicht schon sehr synästhetisch begründet? Nicht, dass du dich wieder davon leiten lässt.“
  • Ich: „Frischkäseeis ist auch ein fürchterliches Wort. Sieht auch aus wie Eifrisch. Noch schlimmer. Wie Käsekuchen. Warum heißt es nicht Quarkkuchen? Ich will Apfelstrudel.“
  • Du: „So etwas gibt es hier nicht. Also ich nehme die Crema Catalana“.

Vor meinem synästhetischen und auch meinem fantastischen Auge entsteht nun folgendes Bild: Eine heiße Vanillecreme, die fast flüssig und von einer braunen Zuckerkruste überdeckt ist, wird von einer spanischen Dame mit weißer Schürze direkt aus dem Ofen serviert. Zuckerkruste: was für ein großartiges Wort… es hat eine tolle Frisur und schmeckt nach dem, was es ist. Das Wort „Crema Catalana“ an sich ist beige und dunkelblau, doch meine Phantasie lässt sich von der Synästhesie befeuern und ruft: Das will ich auch! Spanische Damen! Heiße Cremespeise! Der Kellner kommt.

  • Kellner: “Haben Sie noch einen Wunsch?”
  • Du: “Ja, wir hätten gerne noch Nachtisch.”
  • Kellner: “Was, einen Nachtisch? Echt?”

Schaut zweifelnd zwischen uns hin- und her.

  • Du: “Ja. Ist denn das so ungewöhnlich?”
  • Kellner: „Einen Nachtisch? Wirklich?“

(Das ist eher ein Nebenschauplatz, doch eine erwähnenswerte Szene, die bis heute nicht gedeutet werden konnte. Wer dazu eine Idee hat, ist herzlich eingeladen, mir zu schreiben.)

  • Du: „Ich hätte gerne einen Cappuccino und die Crema Catalana.“
  • Ich: „Ich hätte gerne nur eine Crema Catalana.“

Kellner: verschwindet und kommt nach fünf Minuten wieder.

  • Kellner: „Das war ein Latte Macchiato und ein Cappuccino?“
  • Du: „Nein, ein Cappuccino. Und dann noch die Crema Catalanas.“
  • Kellner: „Klar!“
  • Du, an mich gewandt: „Ich dachte, du willst keinen Eierpudding?“
  • Ich: „Eierpudding? Ich habe doch eine Crema Catalana bestellt.“
  • Du: „Das ist doch das Gleiche. Steht dahinter, in Klammern.“
  • Ich: „Oh.“ Es schwant mir Schlimmes.

Der Cappuccino wird gebracht. Es verstreichen weitere 10 min.

  • Du: „Ich glaube, der hat den Pudding vergessen. Den muss man doch nur aus dem Kühlschrank holen.“
  • Ich: „Und… dann doch in den Ofen stellen?“
  • Du: „Bitte, was?“

Der Kellner kommt und serviert etwas Kaltes, Glibberiges und bestimmt Köstliches. Vornehmlich aus Ei und Zucker. Ich verfluche die Synästhesie, die Phantasie und frage mich, warum ich wieder darauf hereingefallen bin.  Wörter verführen mich. Immer wieder. Und manchmal führen sie mich in die Irre. Und heute eben geradewegs in einen Eierpudding hinein.

  • Du: „Ich glaube, dass das Eis dir wirklich geschmeckt hätte. Bestell dir doch das Eis.“
  • Ich: „Nein. Jetzt will ich nichts mehr. Aber ich werde darüber schreiben.“
  • Du: „Oder ich: Mein Leben mit Piksyn. Vielleicht eröffne ich auch einfach ein Blog.“

Da das nicht geschehen wird, schreibe ich es selbst auf. (Auch wenn nach diesem Text möglicherweise etwas weniger Menschen mal mit mir essen gehen wollen). Ach, das wäre ein zu kokettes Ende! Daher schließe ich diesen Beitrag lieber in der Hoffnung, dass mir jemand eine Antwort auf das Verhalten des Kellners geben kann (s. o.). Dazu muss ich sagen, dass er erst beim Nachtisch auftauchte. Seine Frage basierte demnach nicht auf der Menge der vorher eingenommenen Speisen.

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