Service an die Leserschaft: Fragen und Freundschaft, Rilke und Einsamkeit.

Ein neuer Leser aus dem metaphysischen Bereich schrieb mir und stellte mir zwei Fragen (in kursiv), die ich gerne beantworte.
(Nicht beantworten kann ich jedoch, warum dieser Text keine Absätze hat).
Inhaltlich lässt sich ein und die gleiche Sache ja durch verschiedene Worte darstellen. Verleiht die Art und Weise, wie die Worte eines Textes für Dich farblich schimmern, sowie die darin befindliche Gesellschaft der Wortwesen, einem Text auch so etwas wie eine eigene Persönlichkeit?
Um das zu beantworten, werde ich erneut Rilke zitieren, denn seine Texte spielen bestimmte Farben, Gesichter und Charaktere aus sich heraus durch die besondere Anordnung der Wörter. Diese steht und bewegt sich im Rilkeraum, in welchem sich das Innen und Außen gleichermaßen entfaltet (s. Rosengedicht). Daher sind seine Wörter als Beispiel sehr geeignet. Die erste Zeile in „Einsamkeit“ lautet:

„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen“;

Die Zeilen sind durch die Häufung der „e“s sehr gelb gehalten. Die verschiedenen Gelbschatten werden von schwarzen Flecken durchzogen. Das Meer ist ein erfrischender Grauton dazwischen und gleichermaßen exotisch, denn seine Augen haben Wimpern. Und die Abende sind eine lilaschwarze Tiefengestalt mit weißen Augen. Doch der Rest ist gelb und das „Sie“ leuchtet freundlich strahlend schön, noch etwas heller als Liebegelb. Es trägt zudem eine dezente Dauerwelle.
Die verlässliche, senfgelbe und sehr besorgt dreinblickende Einsamkeit hat einige Falten im Gesicht. Regen sieht ähnlich aus – auch mit faltenähnlichen Streifen in Schwarz und senfgelb. So hat dieser Einstieg in das Gedicht offenkundig eine eigene Persönlichkeit. Gelb mit Ausnahmen und Falten.
Weil wir gerade bei Antworten auf Fragen sind: neulich fragte mich eine Leserin, ob alle Synästhetiker die gleichen Farben sehen. Die Antwort ist leicht: Nein. Ein anderer Synästhetiker würde vielleicht sagen: es sind grüngestreifte Wörter mit Elefantenohren. Und wieder ein anderer würde sagen: ich nehme einen Rotton wahr, doch nur bei einigen Wörtern, z. B. Regen. Und sehr viele würden einfach erklären: ich kann mit Rilke so gar nichts anfangen.
Nun stelle man sich vor, dass jemand – um auf die ursprüngliche Frage zurückzukommen – die Zeilen umformuliert. Man verzeihe mir bitte, dass ich kein anständiges Synonym für Einsamkeit finde – es soll jetzt nur als Beispiel dienen. Zur Erinnerung noch einmal das Original:

„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen“;

Nun meine Version:
Das Alleinsein ist wie ein Regen.
Es erhebt sich aus dem Meer auf die Abende zu;
Auch jemand, der ohne Synästhesie lebt, wird nun merken, dass, abgesehen vom fehlenden Reim, der Charakter der Zeilen deutlich verändert ist. Synästhetisch gesehen ist es nun ein blauroter Satz geworden. „Allein“ –  blaurot – verschluckt das gelbe „sein“. Diese Farben dominieren den Rest – senfgelb taucht ab. Und das „zu“ am Ende des Satzes erwürgt denselben auf rotgraue Weise.
So kann ich die Frage unumwunden mit einem „Ja“ beantworten.
Hat der Eindruck, den die Worte des Namens einer Person in Dir hervorrufen, oder die Worte, die sie im Gespräch verwendet, Einfluss auf Deine Vorstellung von deren Persönlichkeit?
Ich hätte tatsächlich Probleme damit, wenn jemand folgenden Nach- oder gar Kosenamen trüge: K……..n…………..o ………………………………….. p – hier muss ich aus ästhetischen Gründen die grässlichen Konsonantengeschwister trennen, bitte wer erfindet solche Wörter? …………………………..f.
Und sonst: wenn ich von einer Person höre, die z. B. Elisabeth heißt, sehe ich jemand anderen vor mir als wenn jemand den Namen Chantal-Jaqueline trägt. Und zwar jenseits von den üblichen Standesdünkeln. Elisabeth ist weißgeblümt und hat Ähnlichkeit mit Sonntag – hingegen ist Jaqueline rot und blau und in Frankreich positioniert, das heißt auf meiner synästhetischen Landkarte weit weg von Elisabeth und Sonntag. Und passt so gar nicht zum bräunlich-orangefarbenen Wortwesen Chantal (mit Hornbrille).
Freundschaften zu speienden Graustimmlern vermeide ich tunlichst. Wenn jemand aber allzuoft gewisse Wendungen benutzt, die in meinem inneren Raum ein fundamentales Farbfunkelbeben verursachen, dann werde ich zwar nicht in Liebe entflammen für die Sprache dieser Person. Doch: wer mir eine Suppe kocht, der kann kein schlechter Mensch sein. Und wenn er dabei die Suppe verniedlicht, dann gebe mich eben viktorianischem Gedankengut hin: Augen zu und an Gallenstein (England) denken.
Denn was gibt es Größeres als gute Freunde aus Fleisch und Blut, gar die Liebe? Wir sind alle nicht vollkommen und unsere Persönlichkeit ist mehr als unsere Wörter. Und ein Mensch, mit dem ich einen goldenen Tag verbringen kann, ist mir tausendmal wertvoller als alle Wörter zusammen. Und der Bonustrack der Freundschaft und Liebe ist, wenn die Gedanken der Person in hübsche Wörter gekleidet werden und in meinen inneren Raum die Klaviatur der Schönheit zum Klingen bringen. Existenziell sind jedoch andere Werte.
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