Service an die Leserschaft: dramatische Wörter und ihre Wirkung.

Meine beste Freundin, deren Name in meinem inneren Kalender kontinuierlich auf unser nächstes Treffen zurennt (und das im Spagat), bat mich um die synästhetische Beschreibung eines bestimmten Wortes. Es ist ein Wort, das in einen Satz zerteilt werden kann und dann ganz anders aussieht als wenn es als ein einzelnes Wort daherkommt.

Und: es ist ein Wort, das je nach Kontext ganz unterschiedliches bedeuten kann. Dass das so ist, fiel mir bisher nie auf. Obwohl es ganz und gar kein unscheinbares Wort ist, so ist es dennoch bisher nicht in meinem Blickfeld stehengeblieben. Weder optisch noch von der Bedeutung her. Ich habe es stets schnell wieder vertrieben.

Das Wort ist also alles andere als ein Mauerblümchen. Es ist aber auch kein Wortfreund. Warum nicht? Ach, die letzten beiden Silben sind so stechend hell! Und wenn ein Wort süppchen-orange funkelt oder wie in diesem Fall ein gleißend hellgelbes Licht versendet, dann finde ich es einfach zu dramatisch um es länger in meinem inneren Raum stehen zu lassen.

Und das ist unabhängig von seiner Bedeutung: „Ich reiße ein Blatt Papier vom Block“. – Dieser Satz ist semantisch betrachtet längst nicht so dramatisch wie „herzzerreißend“, doch synästhetisch gesehen ähnlich nervenaufreibend. Und es zerreißt mir das Herz, dass ich meiner besten Freundin das nun mitteilen muss. Dass ich das Wort „herzzerreißend“ von seinen verschiedenen Bedeutungen her (jämmerlich oder auch herzbewegend) sehr gerne verwende – doch synästhetisch eher die Augen verschließen muss.

Sie wird beim Lesen nun vor sich hinmurmeln: „Ach Gott, Piksyn, nun werde mal nicht dramatisch.“ (Natürlich sagt sie nicht Piksyn, sondern etwas anderes und das wird nicht einmal im Impressum verraten). Zum Glück basiert unsere Freundschaft nicht darauf, ob ich das Wort „herzzerreißend“ aus synästhetischer Perspektive mag.

Dennoch: was funkelt und strahlt ist doch gemeinhin etwas Schönes (siehe Geschmeide) – warum nicht auch diese Silben? Reißend. Reißend. Reißend. Ich will mich wegdrehen, wie bei speienden Graustimmlern.

Mein innerer Raum beherbergt tausende Wortwesen, Zahlenräume, Zeitgestalten, Farbfreunde und nicht zu vergessen schreckliche Konsonantengeschwister. Außerdem noch die Farben zu Beethovens Neunter, zu den ungarischen Tänzen von Brahms, Bach, Frau Fitzgeralds Goldgesang und leider auch die unglaublich schillerndschönen Farben der Musikrichtung, die ich nicht leiden kann. Darüberhinaus: Erinnerungen an Milchreisstimmen und verstorbene Großmütter, die in Wörtern wohnen; sowie all die anderen Wesen, die in Musik wohnen.

Die dynamischen Liebeswesen, Max Goldt und seine Sätze haben einen Platz, der greise Nobelpreisträger mit seiner Rättin raucht auch in einer Ecke. Und dann gallopiert noch neuerdings Baron von Kleckewitz durch das Bild und die Konkubine flirtet inzwischen mit dem Klabautermann, dessen Klavikula-Fraktur zum Glück immer mehr ausheilt.

Dazu kommen noch hunderte an täglichen Stimmen, Lauten, Geräuschen, Autobahnen, Wörtern, Zahlen, Dialogen und so viel mehr. Und das ist der Grund, warum ich da niemanden gebrauchen kann, der sich so dramatisch gleißend aufführt. Es reicht schon die Impertinenz von Frau März am Morgen und dass mich die betagte Dame Sonntag an ihren Nachmittagen mit hinunterreißt. Da war es wieder: funkelndgleißendgelb.

Mein innerer Raum braucht nun dringend ein Meer zur Erholung oder wenigstens ein Industriegebiet. Es ist fast so, als sei ich in einer Sauna ohne den guten Rat zu beherzigen: Bitte Ruhe bewahren.

Das soll keine Entmutigung an die Leserschaft sein: denn ich freue mich sehr über weitere Wörter. Es ist jedes Mal eine große Freude, ein Wortgeschenk auszupacken und es zu betrachten – und solange ich mich nur über sich wie Diven aufführende Wörter aufregen muss, ist meine Welt sehr, sehr in Ordnung.

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