Die kleinen, unscheinbaren Wortfreunde, die einfach ihre Arbeit machen.

Manchmal frage ich mich, ob Rilke möglicherweise Synästhetiker war. Dabei kann es auch sein, dass er schlicht eine große Liebe zu Wörtern und Farben hatte (was doch sehr wahrscheinlich ist bei einem Dichter) – und dafür muss man kein Synästhetiker sein. Die Freude an Sprache kann fast jeden ergreifen.

Wenn Rilke über die „armen Worte, die im Alltag darben“ schreibt, sie als „die unscheinbaren Worte“ die er so liebe bezeichnet, dann bekomme ich schlagartig ein schlechtes Gewissen, dass ich genau diese Wörter bis jetzt so arg vernachlässigt habe.

Bevor sich das schlechte Gewissen aber zu einem ausgewachsenen Schuldgefühl entwickelt, widme ich diesen Beitrag den scheinbaren Mauerblümchen, auch weil Mauerblümchen ein bedrohtes Wort ist, das ich noch gerne mit in die Sommerfrische einladen würde.

„Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben,
da lächeln sie und werden langsam froh“.

Das glaube ich Rilke sofort. Ein unscheinbares Wort wie „Tasse“ beginnt zu rascheln und knistern, sobald seine blauweißen Farben gesehen werden. Doch Tasse wird so oft verwendet, dass dem Wort wenig Beachtung geschenkt wird. Sogar von mir als Synästhetikerin. Es geht unter im Alltag.

Wörter, die sehr häufig einen Platz in Sätzen bekommen, doch die keinen konkreten Inhalt haben, haben es noch viel schwerer als die arme Tasse. Nehmen wir das Wort „können“. Es ist bei näherer Betrachtung herrlich grün mit einigen weißen und schwarzen Punkten. Es hat eine schwarze Ponyfrisur am K und es ist ein bewegtes Wort, rennt von links in den inneren Raum hinein.

Oder das Wort „du“. Es ist so rot wie „gut“ und auch ein wenig mutterkupferfarben. Und dann wäre da noch das Wort „ich“. Weiß mit hellblauen Streifen und einer hellbraunen Lockenfrisur. Und „oder“. Ein freundlicher Schwarzweißfreund, der sich von einem zum anderen Satzglied dreht.

Es kann nicht jedes Wort so erhaben wie Amphibienbestimmungsschlüssel geschweige denn so leicht bezaubernd wie Schnur sein. Es muss auch die kleinen, unscheinbaren Wortfreunde geben, die einfach ihre Arbeit machen und eine Botschaft nach vorne bringen. All diese kleinen Wörter sind sehr dynamisch. „Und“ (gutrot) schwingt sich wie auf einer Schaukel zum nächsten Wort. „Außerdem“ ist blaurosa und hat ein A mit dunkler Ponyfrisur. Es gleitet ruhig und zuverlässig im Satz umher, gerade so als ob es Ausschau hielte nach mehr (was es ja von seiner Berufsbezeichnung her auch tun sollte).

Ohne Wörter wie „ich“ und das gelbweiße „dich“ wäre die Liebe eine einsame Figur. Ohne Wörter wie „und“ gäbe es keine Verbindung. Ohne Wörter wie das montagslilafarbene „ohne“ gäbe es die letzten Sätze nicht.

Rilke hat mir heute synästhetische Schuldgefühle gemacht, doch wer solche Gedichte in die Ewigkeit stellt, darf das ruhig mal tun:

Die armen Worte, die im Alltag darben,
die unscheinbaren Worte, lieb ich so.
Aus meinen Festen schenk ich ihnen Farben,
da lächeln sie und werden langsam froh.

Ihr Wesen, das sie bang in sich bezwangen,
erneut sich deutlich, dass es jeder sieht;
sie sind noch niemals im Gesang gegangen
und schauernd schreiten sie in meinem Lied.

Rainer Maria Rilke. Aus: Frühe Gedichte

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13 Gedanken zu “Die kleinen, unscheinbaren Wortfreunde, die einfach ihre Arbeit machen.

  1. […] zu rascheln und knistern, sobald seine blauweißen Farben gesehen werden“, wie ich bereits in einem anderen Beitrag erwähnte. Außerdem wurde das Wort “frisch” als “merkwürdig” raschelnd von mir […]

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