Über eine neue Glühbirne, Brahms und das Dilemma mit Musik, die schön anzusehen ist.

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https://www.youtube.com/watch?v=_Ls7oSWdARY

Eine neue Glühbirne in meinem Leben ermöglicht eine ungefähre synästhetische Abbildung des Adagios aus der Violinsonate No 3 in D-Moll, op. 108, Movement 2 von Brahms.

Während Wörter und Zahlen sehr farbenfreudig sind, ist Musik meistens schwarz, weiß, grau mit einzelnen Farbelementen – diese sind sehr spärlich gesät und variieren je nach Musikrichtung und Komponist. Brahms ist lila, schwarz, grau, weiß gehalten und in dieser Sonate sind nicht einmal die gelben Streifen zu sehen.

Dennoch ist sie bezaubernd: in Minute 3.02 schwingt sich die Geige zu einer der schönsten musikalischen Stellen der Weltgeschichte hinauf. Doch als hätte sie noch nicht genug, übertrifft sie sich dann noch ab 3.33 und schwelgt sich selbst in noch lieblichere Regionen.

Während ich diese Minuten aus musikalischer Perspektive verehre und liebe, sind sie synästhetisch gesehen in meinem inneren Raum eher unspektakulär. Denn das Musiksehen hat erstaunlicherweise nichts mit meinem Musikgeschmack zu tun.

Ausgerechnet einen Musikstil, den ich aus musikalischen Gründen aus tiefstem Herzen ablehne, sehe ich mir sehr gerne an, denn er bringt die schönsten Farben und Formen hervor: Wellen, Steine, Gallensteinfarben, Gold, Marineblau, Silber, Safranrot, Liebegelb, Lockengebilde, ganze Ozeane voll von Klabautermännern mit Klavikula-Frakturen.

Verführerisch ist er, dieser Musikstil, und ich wünschte, ich könnte ihn lieben, doch äußere Werte allein reichen leider nicht aus um eine langfristige innige musikalische Beziehung einzugehen.

Dann lieber Brahms.

Doch manchmal, ganz heimlich, schaue ich sie mir an, die Musik, die ich nicht hören mag. Einfach nur, weil sie so wunderschön ist. Und weil ich mich immer gerne bezirzen lasse von Wortfreunden, Farbwesen oder eben auch entfernten Musikbekannten, die mir blaue Bänder, Schnee im Mund oder gar einen Gallenstein schenken.

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8 Gedanken zu “Über eine neue Glühbirne, Brahms und das Dilemma mit Musik, die schön anzusehen ist.

  1. […] Mein innerer Raum beherbergt tausende Wortwesen, Zahlenräume, Zeitgestalten, Farbfreunde und nicht zu vergessen schreckliche Konsonantengeschwister. Außerdem noch die Farben zu Beethovens Neunter, zu den ungarischen Tänzen von Brahms, Bach, Frau Fitzgeralds Goldgesang und leider auch die unglaublich schillerndschönen Farben der Musikrichtung, die ich nicht leiden kann. […]

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  2. […] dann muss ich kurz einmal die Gefühle zur Musik beiseite legen. Sonst würde ich schreiben: Die Violinsonate sieht lieblichgold, zartgeborgenheitsfarben und gallensteinschön aus. Denn das entspräche meinen […]

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